Rezension von: Gustav Schmoller: Zur Litteraturgeschichte
der Stats- und Socialwissenschaften. Leipzig 1888, in: Deutsche
Litteraturzeitung, Jahrgang 1889, Nr. 13, S. 475-476.
[Rezension:] Gustav Schmoller: Zur Literaturgeschichte der Stats- und
Socialwissenschaften.
[...] Leipzig, Duncker u. Humblot, 1888. X u. 304 S. gr. 80. M.
6.
[...] Leipzig, Duncker u. Humblot, 1888. X u. 304 S. gr. 80. M.
6.
Eine Festschrift zu
Roschers 50jährigem
Doctorjubiläum. Den Glanzpunkt derselben bildet eine Charakteristik des Jubilars
(147-171), ein warm empfundenes und lebensfrisches Bild; als Umrahmung desselben:
„ein par ältere litterargeschichtliche Arbeiten und einige neuere da und dort
veröffentlichte Bücheranzeigen und Schriftstellercharakteristiken“. Was nun die
(zwei) „älteren“ betrifft, über „
Schillers
ethischen und culturgeschichtlichen Standpunkt“ und über Joh. Gottlieb
Fichte (aus den ersten sechziger Jahren), so sind dieselben allerdings schon
etwas veraltet und – altmodisch; dagegen sind fast alle folgenden Skizzen und
Charakteristiken (meist aus den achtziger Jahren) sehr actuell und bilden
interessante Silhouetten zur neueren und neuesten nationalökonomischen
Litteraturgeschichte.
Da wird zuerst mit einigen kräftigen Strichen Friedrich
List gezeichnet, der „mit der intuitiven Kraft des Genius den Gedanken
erfasste, dass nicht die Individuen, sondern die socialen Gemeinschaften es sind,
die in der Geschichte der Volkswirtschaft handelnd auftreten,“ und der „die
gesellschaftliche, socialpolitische Auffassung der Nationalökonomie im Gegensatz zur
individualistischen, welche sociale Gemeinschaften weder kennt, noch begreift,
begründen helfen“ (105).
Carey scheint dem
Verf. „so phantastisch, dass fast jeder deutsche Primaner ihn auslachen muss, wenn
er von derselben Kraft declamiert, welche Planeten in ihrem Gange und die Menschen
in ihrer Verteilung auf die verschiedenen Ansiedelungen behersche“. Und dennoch „wen
freut es nicht, einmal einer Erscheinung zu begegnen, die auf eigenen Füßen steht,
die nicht das hundertmal breitgetretene Geleise herkömmlicher Schulweisheit zum
hundertestenmal als neues Lehrbuch oder System in die Welt setzt?“ (109). Ein
längerer Essay ist
Lorenz v.
Stein gewidmet aus Anlass seiner 1866 erschienenen Verwaltungslehre. Das Bild,
welches
Schmoller da vor
zwanzig Jahren von
Stein entworfen, ist
noch heute sprechend ähnlich. Dem „Phantasten“
Carey wird
Stein als „Mann des Begriffs“, dem „Historiker
Roscher“ als
„Philosoph“ gegenübergestellt. Unmittelbar an die Seite des Jubilars konnte kein
Würdigerer gestellt werden; sie sind einander ebenbürtig, ergänzen sich und bilden
den höchsten Gipfel der nationalökonomischen Leistungen unserer Zeit.
In der Abhandlung „über Bevölkerungs- und Moralstatistik
„werden mit sicherer Hand die Grenzen menschlicher Willensfreiheit gezeichnet“
(201). Karl
Knies, der
„schwerflüssige, schwerbewegliche, ernste, tiefe, grübelnde Theoretiker, der nach
neuen, stichhaltigeren theoretischen Fassungen der Probleme ringt“, tritt in
Gegensatz zu
Hildebrand, der
„persönlich ein ebenso geistreicher als ruhelos beweglicher Kopf war, der in immer
neuen Combinationen seine historischen Kenntnisse zur Erklärung wirtschatlicher
Processe, zu typischen Entwicklungsformen des wirtschaftlichen Lebens zu verwerten
suchte“ (206).
Schäffle, der
„weder ein Statsmann mit ganz festen, aus dem praktischen Leben gewonnenen Idealen
ist, noch ein philosophischer Denker, der unberührt von den Schwankungen der
Tagespolitik seine Wege gienge“, wird als Schriftsteller nach Gebür anerkannt.
Funk-Brentanos Buch „La civilisation“ wird sehr optimistisch und
nachsichtig beurteilt; auch Henry
George, „ein
frischer ganzer Mann, dem die neue Welt, das Rauschen des Urwaldes und die kernhafte
Kraft des Amerikanertums noch ein ganzes Herz und einen offenen, scharfen Blick
gelassen“, kann mit der Beurteilung seines Buches zufrieden sein. Dagegen hat es
Theodor
Hertzka, dem „eine
ungewöhnliche Kraft des abstracten Denkens“ zuerkannt wird, wenig genützt, dass er
sich in seinem letzten Buch zum Socialismus bekehrte. Sein Socialismus ist nicht
waschecht – Sch. findet denselben „freihändlerisch“ (267).
Die Festschrift für
Roscher konnte
keinen passenderen Abschluss finden als mit jender bekannten Abweisung des Carl
Mengerschen Angriffes gegen den „Historismus“. Sch. ist hier im Rechte. Die
historische Methode wird nie und nimmer ein überwundener Standpunkt werden; so etwas
kann einer abstracten Theorie widerfahren – aber die Kenntnis der historischen
Entwicklung und das Bauen auf derselben wird für alle Zeiten ein Fundament all und
jeder Socialwissenschaft bleiben. Warum aber
Menger gegenüber
Dilthey „als dessen Antipode“ hingestellt wird, ist wenig einleuchtend. Von
historischer Methode ist bei
Dilthey wenig zu
merken. Letzterer hat übrigens dem ersten Bande seines Hauptwerkes (1883) die
Fortsetzung noch nicht folgen lassen, und Ref. befürchtet, das der Diltheysche
Wechsel auf die Zukunft, den Sch. so bereitswillig und vertrauensselig escomptierte,
nicht voll eingelöst werden wird.
Nach alledem braucht wol nicht erst gesagt zu werden, wie
lesenswert das Schsche Buch ist.