Rezension von: G. Pietro Assirelli: La famiglia e la
società. Mailand 1887, in: Deutsche Litteraturzeitung, Jahrgang 1887, Nr.
28, S. 1020.
[Rezension:] G. Pietro Assirelli: La famiglia e la società.
[...] Memoria premiata
al concorso Ravizza pel 1884. Mailand, Hoepli, 1887. XXVIII u. 260 S. gr. 80. L.
3.
[...] Memoria premiata
al concorso Ravizza pel 1884. Mailand, Hoepli, 1887. XXVIII u. 260 S. gr. 80. L.
3.
Es gibt dreierlei Arten von Schriften über die sociale
Frage: socialistische, die
aufrichtig gemeint sind, aber mit
Vernunft und gesundem Menschenverstand nicht vereinbar; sodann solche, die aus den
manigfachsten Motiven Socialismus
heucheln und sich „ethisch“
drapieren; endlich ehrlich antisocialistische, die den berechtigten Forderungen des
Socialismus entgegenkommen, den unberechtigten jedoch ebenso entschieden
entgegentreten. Zu letzeren gehört obige Schrift. Die in Italien in letzter Zeit
vorgekommenen socialistischen Ruhestörungen gaben mit Veranlassung zu derselben.
Verf. verfolgt praktische Tendenzen. Es handelt sich ihm weniger um Lösung
wissenschaftlicher Probleme, als vielmehr um Ratschläge behufs Behebung socialer
Misstände. Diese Ratschläge sind durchweg vernünftig und basieren auf einer
nüchsternen wissenschaftlichen Auffassung der socialen Frage.
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Familie in ihrer
geschichtlichen Entwicklung, wobie Verf. die neueren Resultate sociologischer
Forschung verwertet. In der Lockerung der Familienbande sieht er den Grund heute
auftauchenden anarchistischen Tendenzen. Ursache dieser Lockerung ist teilweise die
moderne Industrie, die in sinnlosem Egoismus die Bedingungen der eigenen Existenz
untergräbt. Diesem Treiben müsse Einhalt getan werden. Der Arbeiter müsse ein Heim
sein nennen und in demselben ein Familienleben führen
können. Eigentum und Familie – das der
Grundgedanke des Buches – werden den subversiven Tendenzen einen festen Damm
entgegensetzen. Daher möge der Stat den kleinen Eigentümer nicht, wie das heute geschieht, lediglich als
Steuerobject, sondern als Grundpfeiler der gesellschafltichen Ordnung behandeln (S.
238). Gegenüber den Forderungen nach Emancipation des Weibes und „freier Liebe“
verteidigt Verf. die Stellung der Frau in der Familie als
einzig vernünftige und sittliche. – Wenn auch das Buch keine neuen Resultate leifert
so macht es doch einen sehr woltuenden Eindruck, weil es durch und durch echt und wahr ist.