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Rezension von: M. Angelo Vaccaro: La lotta per l’esistenza e I suoi effetti nell’ umanita. Rom 1886, in: Deutsche Litteraturzeitung, Jahrgang 1887, Nr. 1, S. 28-30.
[Rezension:] M. Angelo Vaccaro: La lotta per l'esistenza e i suoi effetti nell' umanità.
[...] Studio. Rom, Setth, 1886. 151 S. gr. 80. L. 3.
Ludwig Gumplowicz
[...] Studio. Rom, Setth, 1886. 151 S. gr. 80. L. 3.
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Keine wissenschaftliche Theorie darf ein Evangelium werden. Das vergisst man leider oft zum Schaden der Wissenschaft. Auch der Darwinismus darf nicht unantastbar sein, und gar seine Uebertragung auf das gesellschaftliche Leben sollte nicht so leichten Mutes vorgenommen werden, wie das in der ersten Begeisterung nur zu häufig geschehen ist. „Kampf ums Dasein“, „Anpassung“ und „natürliche Zuchtwahl“ so ohne weiteres auf die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu übertragen, kann bedenkliche Consequenzen haben; ohne gründliche Prüfung sollte es nicht geschehen.
Nach dem Darwinismus ergibt die im Kampf ums Dasein sich vollziehende natürliche Zuchtwahl immer ein günstiges Resultat, denn das Bessere erhält sich, während das Schlechtere untergeht. Auf das gesellschaftliche Leben übertragen würde aus dieser Lehre der Grundsatz folgen, dem „Kampf ums Dasein“ freiesten Lauf zu lassen, um so den Untergang des Schlechteren und das Ueberleben des Besseren herbeizuführen, mit andern Worten: den Fortschritt der Menschheit sich vollziehen zu lassen. Sinnberauschte Darwinianer acceptieren denn auch nicht nur diese Schlussfolgerung, sondern wären gern bereit, der natürlichen Zuchtwahl obendrein noch durch „künstliche“ nachzuhelfen, um den Fortschritt der Menschheit zu beschleunigen. Es wird lange dauern, bis man von solchen Uebereilungen zurückgekommen sein wird. Bis dahin muss jeder Beitrag zur Kritik des „Darwi-
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nianismus“ auf socialem Gebiete mit Freude begrüßt werden.
In Italien repräsentiert Vadala-Papale die bedingungslose Anwendung darwinistischer Principien in der Sociologie, (in seinem Buche „Darwinismo naturale e Darwinismo sociale“ 1882). Kritischer geht der geistreiche Colajanni vor in seinem „Il Socialismo“. Er bezweifelt es, ob aus dem socialen Kampf ums Dasein immer die „Besseren“ siegreich hervorgehen. Vaccaro zweifelt nicht mehr; er unternimmt es in vorliegendem Buche zu beweisen, dass teilweise das gerade Gegenteil stattfindet. Das Buch ist lesenswert und regt zu weiterer Untersuchung einer sehr wichtigen Frage an. „Die Darwinisten“, so ungefähr argumentiert der Verf. S. 24, „sprechen nur von Fortschritt, von Entwicklung, von Vervollkommnung; beschäftigen sich aber fast nie mit Entartung und niedergehender Zuchtwahl (cernita discendente).“ Dass nun letztere häufig, ja teilweise regelmäßig stattfindet, weist Verf. vielfach nach. Einen Hauptunterschied zwischen der durch den Kampf ums Dasein unter den Organismen sich vollziehenden natürlichen Zuchtwahl und dem Resultate desselben Kampfes unter den Menschen, sieht er darin, dass die durch Anpassung erworbenen besseren Eigenschaften am Pflanzen- und Tierorganismus haften bleiben: währenddem unter Menschen die errungenen Vorteile übertragbar sind und auch solchen Persönlichkeiten zu statten kommen können, an denen sie nicht ahften. Dadurch, meint der Verf., wird unter Menschen das Resultat des Kampfes ums Dasein vielfach gefälscht. „Der Mensch“, heißt es S. 40, „überträgt die erworbenen Mittel der Entwicklung, der Verteidigung und des Angriffs auf seine Nachkommen, die, wenn auch persönlich schwächer (also schlechter), kraft dieser übernommenen, wenn auch nicht persönlich an ihnen haftenden Mittel im weiteren Kampf ums Dasein in künstlichem Vorteil sind und somit persönlich bessere Gegner besiegen können“. Es gibt also, meint Verf., Momente, welche die natürliche Zuchtwahl in der menschlichen Gesellschaft trüben und beschränken, und solche Momente und Ursachen sind: Anthropophagie, Menschenopfer, Kindervernichtung in ihren verschiedensten Formen, Sclaverei, endlich politische und wirtschaftliche Privilegien (S. 49). Die Nachweisungen des Verfs. entbehren nicht der Begründung, und seine Bemerkungen sind vielfach richtig. Doch hätte Ref. an der im ganzen verdienstvollen Arbeit zweierlei auszusetzen. Erstens – entweder oder! Erkennt man die Berechtigung des Darwinistischen Standpunktes in der Sociologie an, so muss man unter „besser“ rein darwinistisch diejenigen Eigenschaften verstehen, die im Kampf ums Dasein mehr Nutzen gewären, ohne Rücksicht, worin dieselben bestehen, ob dieselben persönlich oder nicht persönlich sind. Dann ist der Feigling und Schwächling, der vermittelst ererbtem Reichtum über Kräftige und Mutige gebietet, im darwinistisch-socialen Sinne der „Bessere“. Oder man bestreitet die Berechtigung des darwinistischen Standpunktes in der Sociologie (wofür Ref. sich erklärt), dann sit aber auch das Eingehen auf denselben ganz überflüssig. Zweitens. Verf. rührt im Grunde den alten Streit auf: Rückschritt oder Fortschritt? und entscheidet sich fast für ersteren. Ref. hat diese Frage in seiner Sociologie behandelt und sowol die eine wie die andere extreme Ansicht bekämpft.
Der Begriff des Naturprocesses, als welchen man doch die „Geschichte“ der Menschheit auffassen muss, schließt jeden Begriff des Rückschrittes oder Fortschrittes im großen ganzen aus. Partiell spielen sich allerdings Entwicklungen ab, die man je nach speciellen Standpunkten, asl Rückschritt oder Fortschritt bezeichnen mag – im ganzen aber bleibt sich der Naturprocess menschlicher „Geschichte“ immer gleich. Ref. kann an dieser Stelle diesen Gedanken nicht begründen, verweist diesbezüglich auf seine Sociologie, constatiert jedoch mit Vergnügen, dass auch der Verf. seine „Degenerationen“ nur teilweise annimmt. Die Wahrheit ist, dass die Species „Mensch“ in moralischer Hinsicht, wie auch in Hinsicht ihrer Fähigkeiten sich immer gleich bleibt – nur die von aufeinanderfolgenden Generationen geförderte Naturerkenntnis und darauf basierte technische Geschicklichkeiten weisen eine stetige Zunahme, also einen Fortschritt auf. Damit wird aber die Species „Mensch“ nicht besser. Der Streit also um „Fortschritt“ oder „Rückschritt“ der „Menschheit“ scheint Ref. ein müßiger.
Schließlich mag noch hervorgehoben werden, dass die Einwendungen des Verfs. gegen die Idee einer „Eliminierung“ misratener Exemplare zum Zwecke einer künstlichen Zuchtwahl innerhalb des Menschengeschlechts, eine Idee, vor der eingefleischte Darwinisten nicht zurückschrecken, sehr beachtenswert sind. Wenn der Verf. vor der schlechten Rückwirkung solcher „Eliminierungs“-Praktiken auf die Mortalität der überlebenden guten Exemplare warnt und auf die moralischen Gefahren, die daraus für die Gesellschaft entstehen, hinweist (S. 142-149), so muss man ihm vollkommen beistimmen.
Graz. Gumplowicz.