Rezension von: J. Frohschammer: Ueber die Organisation
von Cultur der menschlichen Gesellschaft. Philosophische Untersuchungen über
Recht und Stat, sociales Leben und Erziehung. München 1885, in: Deutsche
Litteraturzeitung, Jahrgang 1886, Nr. 8, S. 252-253.
[Rezension:] J. Frohschammer, Ueber die Organisation und Cultur der
menschlichen Gesellschaft.
[...] Philosophische Untersuchungen über Recht und Stat,
sociales Leben und Erziehung. München, Ackermanns Nachfolger, 1885. XIV u. 264
S. gr. 80. M. 8.
[...] Philosophische Untersuchungen über Recht und Stat,
sociales Leben und Erziehung. München, Ackermanns Nachfolger, 1885. XIV u. 264
S. gr. 80. M. 8.
Verf. gehört
schon der Geschichte der neueren Philosophie an und zwar als später Nachzügler der
speculativen Philosophie. In einer Anzahl von Werken, die in den letzten zwei
Decennien erschienen, entwickelt er sein „System“, dessen Inhalt durch den Titel
seines Hauptwerkes (1877) „Die Phantasie als Grundprincip des Weltprocesses“
genügend angedeutet ist. Haben einst die Philosophen der jonischen Schule die Welt
aus materiellen Grundelementen wie Wasser, Feuer, Luft u. dgl. abgeleitet; hat die
moderne deutsche speculative Philosophie die Welt aus idealen Principien, aus der
Idee, dem Willen, dem Ich u. s. w. abzuleiten gesucht. warum sollte es nicht einem
Philosophen gestattet sein, die ganze Welt aus der Phantasie abzuleiten und in einem
weitschichtigen „System“ zu beweisen, wie all und jedes aus diesem „Grundprincip“
entsteht? Das tut denn auch der Verf. seit einer Reihe von Jahren. Sein
diesbezügliches Programm finden wir in der Einleitung seines erwähnten Hauptwerkes.
Dort heißt es: „Unsere Absicht geht nun dahin, die Phantasie nach allen Beziehungen,
nach ihrer vollen Wirksamkeit und Bedeutung in subjectiver und objectiver
Wirkungsweise, in bewuster und unbewuster Tätigkeit, in Natur und Geschichte zu
untersuchen und zu würdigen“. In jenem Hauptwerke gelangt er „von der Betrachtung
der subjectiven Phantasie zum objectiven Gestaltungsprocess in der Natur“ und
untersucht, wie diese letztere „von dem dumpfen Walten der objectiven
Gestaltungskraft oder objectiven Phantasie zu der freien, gleichsam beflügelten
Tätigkeit der subjectiven Phantasie kommt, – welche dann im Gebiete der menschlichen
Geschichte sich durchgreifend betätigt“. Für ein folgendes Buch versprach damals der
Verf. „die Anwendung der gewonnenen Resultate auf die Entstehung und historische
Entwicklung der Menschheit“ zu versuchen. Diesen Versuch finden wir in seinem 1883
erschienenen Buch „Ueber die Genesis der Menschheit und deren geistige Entwickelung
in Religion, Sittlichkeit und
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Sprache“. Ab letzten Punkt verkündete
uns jendes Programm „die Wissenschaft von den historisch-objectiven Gestaltungen der
Phantasie, wie sie in den Sitten, dem Rechte und der Kunst der Völker sich
darstellen, d. h. in der Verwirklichung der Ideen durch die Arbeit der Geschichte“.
Diesen letzten Programmpunkt erfüllt der Verf. in dem vorliegenden Buche.
Das Urteil, welches die positive Wissenschaft und
Philosophie über die speculative Philosophie fällt, muss sich auch auf die Werke des
Verf. beziehn, der in dem Lager der speculativen Philosophie eine respectable
Stellung einnimmt. Wir haben es wol kaum nötig, dies Urteil zu widerholen. Es
gipfelt bekanntlich in dem Vorwurf, dass die speculative Philosophie über alles
Mögliche „geistreich“ discuriert, ohne uns concrete und positive Erkenntnisse zu
liefern; sie ergeht sich in leeren Behauptungen, die man als Phrasen bezeichnen
kann, weil ihnen nichts Wirkliches und Tatsächliches zu Grunde liegt.
Greifen wir aufs geratewol aus vorliegendem Buch, aus
unzähligen Beweisen, die obiges Urteil rechtfertigen, einen einzigen als Beispiel
heruas. S. 76 im Kapitel „Ursprung des States“ heißt es: der Stat „nahm seinen
Ursprung aus dem allgemeinen Grundprincip oder der Weltphantasie durch die Familie
und zugleich durch das Recht resp. die Rechtsidee als deren Organ der
Verwirklichung“. Vom Recht aber hieß es einige Zeilen früher, dass es „seinen
Urpsrung nahm aus dem allgemeinen Weltprincip als Träger der idealen Grundtendenz
des Daseins und als Generationspotenz u. s. w. u. s. w.“. Was soll das alles heißen?
Können solche Sätze irgend welche klare Anschauung in unserem Geiste hervorrufen?
Geben sie uns irgend eine wirkliche Erkenntnis? Können wir aus solchen Sätzen
erfahren, wie Stat und Recht entstehen? – Verf. steht auf
einem Standpunkt der glücklicher Weise heute schon zu den überwundenen zählt.