Monismus und Soziologie, in: die Zukunft 60 (1907),
22-26.
Monismus und Soziologie.
Jahrtausende herrschte die dualistische Weltanschauung und
ward ein Dogma nicht nur der Religionen, sondern auch der Wissenschaft. Erst der
Fortschritt wissenschaftlichen Denkens und dann der Aufschwung der
Naturwissenschaften im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert widerlegten den
Dualismus und begründeten den Monismus. Dieser ist ja im Vergleich zum Dualismus die
vernünftigere ... Annahme. Dam an nirgends im Weltall einen Geist ohne Materie
findet, da er im Menschen an den Körper gebunden ist und mit dessen Zerfall
verschwindet, so sit die Annahme, daß das Geistige nur eine den höheren Organismen
inhärente, von ihnen unzertrennliche Eigenschaft sei, wissenschaftlich begründet.
Aber wohlgemerkt: eine wissenschaftlich begründete Annahme ist noch lange keine
wissenschaftlich erwiesene Thatsache. Dogmen aber kennen die Wissenschaft überhaupt
nicht. Das muß betont werden, weil der Monismus zu einem Dogma ausartet, wenn er den
Anspruch erhebt, auf allen Gebieten der Wissenschaft als Voraussetzung, als
aprioristische Idee anerkannt zu werden. Man vergesse doch nicht, daß der Monismus
ein Produkt der naturwissenschaftlichen Methode ist, daß er im Gefolge der streng
induktiven Methode sich einstellte; nun darf er diese Methode nicht verleugnen. Das
thut er aber, wenn er keine anderen Kräfte anerkennt als die nur, die in seinen
bisherigen Rahmen hineinpassen; also nur Kräfte, die in der anorganischen, in der
organischen und in der psycho-physischen Erscheinungwelt walten. Behauptet man dem
modernen Monismus gegenüber, daß es soziale Kräfte giebt, die sich unter die
erwähnten drei Kräftearten nicht subsumiren lassen, so leugnet ers und will
beweisen, daß diese sozialen Kräfte doch nichts Anderes seien als als seine
physischen oder eigentlich seine psycho-physischen, und behauptet steif und fest, da
ganze Gebiet dieser sozialen Kräfte, also das ganze gesellschaftliche Leben sei für
seine Psychologie oder eigentlich Psycho-Physik zu reklamiren. So hat vor Jahren
schon Wilhelm
Wundt das ganze
staatliche und gesellschaftliche Leben in seinen „Vorstellungen über Thier- und
Menschenseele“ abgehandelt; und er steht noch heute auf diesem Standpunkt.
[1]
Eben so thun alle modernen, auf den
Grund der Naturwissenschaft ihre Systeme bauenden Philosophen (Naturphilosophen).
Dieses Verfahren sündigt zunächst gegen die
naturwissenschaftliche Methode. Die verlangt ja, daß man zuerst die Thatsachen prüfe
und dann erst aus ihnen Schlüsse ziehe. Nun haben all diese Philosophen die sozialen
Thatsachen, mit denen sich die moderne Soziologie beschäftigt, nicht geprüft. Sie
lehnen die Soziologie ab, weil sie der Meinung sind, daß die von ihr gelehrten That-
23
sachen doch nur psychische sein können (da sie weder anorganische
noch organische sind), daß sie deshalb in die Psychologie gehören, also auch in ihr
monistisches Triptychon hineingezwängt werden müssen. Damit machen sie aber ihren
Monismus zu einem methodologischen Hemmniß freier naturwissenschaftlicher
Wahrheitforschung. Denn diese soll an noch unbekannte Thatsachen ohne jedes
Vorurtheil, voraussetzunglos, herantreten, nicht aber Dinge, die sie noch nicht
kennt, in einen vorher fertigen Rahmen zwängen. Nun sind die Thatsachen und
Erscheinungen, die gesetzmäßigen Bewegungen innerhalb der sozialen Welt noch ein
unerforschtes Terrain, die Soziologie ist eben eine werdende Wissenschaft: es geht
also nicht an und ist ein Hohn auf die naturwissenschaftliche Methode, im Voraus zu
urtheilen: „Das gehört in die Psychologie, Das sind psychologische Gesetze, die
diese Welt der Erscheinungen beherrschen, und es ist das selbe, oberste und
einheitliche Gesetz, das den gemeinsamen Nenner auch dieser Erscheinungen bildet.“
Denn eine solche voreilige Aburtheilung und blinde Einregistrirung aller sozialen
Erscheinungen in die Psychologie verrammelt den Weg zu deren objektiver,
vorurtheilloser Untersuchung, die doch die erste Pflicht jeder
naturwissenschaftlichen Forschung ist. Erst die Untersuchung soll ja zeigen, von
welcher Art diese Erscheinungen sind und ob sie unter einen gemeinsamen Nenner mit
den bisher bekannten Erscheinungen der anorganischen, organischen und psychischen
Erscheinungen gebracht werden können. Wenn Das auch von allen Soziologen, von
Comte bis auf
Ratzenhofer,
angenommen wird, die Alle Monisten sind, so darf uns dieser Umstand doch der Pflicht
zu objektiver Untersuchung der sozialen Erscheinungen nicht entheben, denn wir
dürfen die Zwischenstufe der Erkenntniß der speziellen Gesetze, die die soziale Welt
beherrschen, nicht überspringen; wir dürfen uns nicht abspeisen lassen mit einer
(wenn auch vernünftigen und begründeten) Annahme, daß alle die Welt der
Erscheinungen beherrschenden Gesetze in letzter Linie auf ein einziges,
einheitliches Gesetz zurückzuführen sind, sondern müssen positiv vorgehen und die
einzelnen Erscheinungwelten und die in jeder von ihnen herrschenden speziellen
Gesetze kennen lernen. Sonst wird der Monismus zu einem Dogmatismus und führt, statt
die Wissenschaft zu fördern, zu deren Verknöcherung.
Nun giebt es solcher Erscheinungwelten, nach dem Stande
unserer heutigen Kenntnisse, nicht nur drei, sondern vier: die anorganische, die
organische, die psychische und die soziale. In jeder entstehen eigenthümliche
Bewegungen und Vorgänge, die von speziellen, jeder dieser Welten eigenthümlichen
Gesetzen beherrscht werden. Je nachdem aber ein Ding oder ein Wesen einer
niedrigeren oder höheren Erscheinungwelt angehört, unterliegt es den Gesetzen der
niedrigeren oder der höheren und der ihr vorhergehenden Erscheinnungwelten. So
unterliegt die „tote Natur“, die Erdkruste, das Meer, nur den Gesetzen der
anorganischen Welt; der Mensch aber, als höchstorganisirtes Wesen, unterliegt
24
den Gesetzen aller vier Erscheinungwelten. Ein Beispiel möge diesen
Satz erläutern. Wenn ein Mensch auf schlüpfrigen Boden ausgleitet, das Gleichgewicht
verliert und zu Boden fällt, unterliegt er dem Gesetz der anorganischen Welt. Wenn
er Nahrung zu sich nimmt, Stoffe aussondert, sich fortpflanzt, endlich stirbt,
unterliegt er den Gesetzen der organischen Welt. Wenn er nachdenkt und überlegt,
seiner Phantasie freien Lauf läßt oder über wissenschaftliche Probleme grübelt,
unterliegt er den Gesetzen der psychischen Welt. Wenn er aber als Feudaler gegen das
Allgemeine Wahlrecht wettert oder als „Genosse“ zum Generalstrike aufmuntert, als
Liberaler gegen den Klerikalismus kämpft oder als Priester gegen den Unglauben
eifert, wenn er als Deutscher den Franzmann haßt oder als Revanchard für das rechte
Rheinufer schwärmt: dann unterliegt er den Gesetzen der sozialen Welt. Denn als
Parteimann, als Glaubens- oder Volksgenosse denkt und handelt er nicht als
Individuum und vertritt nicht seine eigene Ueberzeugung, seine eigene Idee, sondern
er denkt und handelt da als Bestandtheil und Repräsentant seiner sozialen Gruppe,
vertritt deren Interessen, die keineswegs seine eigenen sein müssen, ist ein
Sprachrohr seiner sozialen Gruppe, ein Echo der in ihr ausgebildeten Schlagwörter,
ist ein Soldat in der marschirenden Kolonne oder, wenn man will, ein Heerdenthier.
Dieser Thatsache ist sich der Mensch freilich nicht bewußt; und wer sie ihm zum
Bewußtsein bringen will, kann der schroffsten Abweisung gewärtig sein. Denn nicht
vergebens lehrten Philosophen und Psychologen, daß der Mensch ein vernünftiges,
freies Wesen sei, das nur nach eigener Ueberlegung handelt und als denkendes Wesen
sich über Welt und Menschen seine eigenen Ideen bilden soll und bildet, eine
„Persönlichkeit“ sein soll, wofür sich denn auch Jedermann hält. Sehr schön. Aber
die objektive Untersuchung sozialer Thatsachen lehrt uns, daß sich die Sache nicht
so verhält, daß die meisten Ideen und „Ueberzeugungen“, für die der Mensch „ins
Feuer geht“, soziale Produkte sind, mit denen er durch seine soziale Gruppe
infiziert wurde und an denen er meist sein ganzes Leben lang krankt. Die Produktion
solcher Ideen ist eine der Funktionen der sozialen Gruppen und hat für sie vitale
Bedeutung: sie dient ihrem Lebensinteresse. Auch der Staat als eine Gesammtheit
vieler Gruppen produzirt in seinem Lebensinteresse solche Ideen. Da nun diese
Lebensinteressen der Gruppen und des Staates im Lauf ihrer Entwickelung und der
Geschichte, je nach Umständen und Verhältnissen, verschiedene Bedürfnisse erzeugen,
so wechseln auch und ändern sich diese Ideen. Das erleichtert der Wissenschaft den
Nachweis, daß solche Ideen thatsächlich nicht das Produkt individueller Vernunft,
sondern soziale Produkte sind. Denn an lebende Ideen zu rühren, ist gefährlich; man
läuft Gefahr, von seinen lieben Mitmenschen dafür gesteinigt zu werden. Ist eine
Idee aber einmal tot, so kann man diesen Nachweis schon wagen. Versetzen wir uns im
Geist in eine patriarchalische Monarchie der guten alten Zeit
25
Europas
und denken uns, daß da Jemand den Leuten beweisen wollte, die Idee, für Thron und
Altar sein Leben hinzugeben, sei keineswegs die höchste aller Tugenden, auch kein
Produkt der Vernunft, sondern ein soziales Erzeugniß zu Nutzen und Frommen der
bestehenden politischen Organisation. Einem solchen Menschen wäre es schlecht
ergangen; denn diese Idee war damals in diesem Staat noch lebendig. Wenn aber in
Frankreich, wo sie den Thron längst umgestoßen haben und mit den Altären vielleicht
auch bald fertig sein werden, heute Jemand diesen soziologischen Satz verträte,
würde er allgemeine Zustimmung finden. Der Satz würde wie die selbstverständlichste
Wahrheit klingen; denn die Idee, daß es die höchste Tugend sei, sich für Thron und
Altar zu opfern, diese Idee, die zur Zeit des
Ancien Régime
in Frankreich noch lebte, ist dort schon lange gestorben. Dabei sehen wir auch, daß
es mit den Ideen sich ähnlich verhält wie mit den Menschen: sind sie einmal tot,
dann kann man sie ungestraft seziren; Vivisektionen aber sind nicht gestattet.
Damit haben wir eins der größten Hindernisse soziologischer
Wissenschaft gestreift; sie darf die lebenden sozialen Produkte nicht antasten,
sonst wird sie in Acht und Bann erklärt; sie darf ungestraft keine sozialen
Vivisektionen vornehmen. Sie muß sich bescheiden, Kadaver zu seziren, wie der
Anatom. Nun wissen wir aber, daß auch Dies zur Noth genügt und daß die Wissenschaft
auch aus solchen Sektionen beträchtlichen Nutzen ziehen kann. Und gar die
Soziologie! Ihr bietet die Geschichte der Menschheit ein überreichliches Material
zur Untersuchung. Unermeßlich weit dehnt sich das Trümmerfeld zu Grunde gegangener
Staaten, das Leichenfeld untergegangener Völker. Wir haben genug Material zum
Studium und können den Lebenden Ruhe lassen. Denn die Staaten der Vergangenheit
waren, ganz wie die von heute, Kombinationen heterogener sozialer Gruppen,
zusammengehalten durch eine naturwüchsig-kunstvolle Organisation der Herrschaft. Da
herrschten die Mächtigsten über Mächtige, Mächtige über Schwächere und Schwächere
über die Schwächsten. Da aber die Schwächsten überall die Mehrheit hatten, so daß
das Uebergewicht ihrer Zahl die Macht auch der Mächtigsten, die in der Minderzahl
waren, aufwiegen könnte, so mußte die Organisation der Herrschaft durch Moralpfeiler
gestützt werden: und zu diesem Zweck benutzten die Staaten immer und überall
zunächst die Kirchen. Da sich Macht mit Macht gern zu Beider Vortheil verbindet,
hat, in verschiedener Form, ein Bündniß der weltlichen und der geistlichen Macht
stets die Völker beherrscht. Wenn zwischen diesen beiden Mächten Zwist entstand oder
wenn die geistliche Macht versagte, mußten andere moralische Mittel den kunstvollen
Bau des Staates stützen. Dann stellten sich zu rechter Zeit immer weltliche Ideen
ein, die die Menschen erhitzen und zur Vertheidigung des Staates oder gar zum
Angriff auf andere Staaten anfeuerten: die Ideen vom Vaterland, von der Größe und
dem Ruhm der Nation, von na-
25
tionaler Ehre und Kultur. Diese Ideen
waren immer soziale Erzeugnisse, die in der Entwickelung der Staaten und Völker dann
wichtig wurden. Jedes Zeitalter erzeugt der Form nach andere Ideen, die im Wesen die
selben Funktionen ausüben, für den Staat die selbe Bedeutung haben: seinem
Lebensinteresse zu dienen. Im Innern der Staaten aber, wo sich die einst heterogenen
Gruppen in allmählicher Entwickelung zu Ständen und Klassen gewandelt haben, tobt
ein ewiger sozialer Kampf, in dem allerlei ideale Losungworte als Kampfrufe
erschallen. Die Starken und Mächtigen kämpfen für Ordnung und Autorität, die zum
Wohl des Ganzen erhalten werden müsse; die Schwachen fordern Freiheit und
Gleichheit; die Einen erinnern an ihr altes gutes Recht auf Legitimität und
vertheidigen ererbte Güter und heilige Traditionen; die Anderen berufen sich auf
angeborene Rechte und Menschenwürde. Jede Gruppe vertheidigt aber unter diesen
hochklingenden Losungworten nach Naturgesetz und Naturnothwendigkeit ihr „inhärentes
Interesse“, das ihr den Weg vorzeichnet, den sie gehen muß, ob die Einzelnen wollen
oder nicht, die gebundene Marschroute, von der es kein Abschwenken giebt, weil es
dabei nicht auf den Willen und die Psyche des Einzelnen ankommt, sondern auf den
sozialen Prozeß, der mit elementarer Macht durch Leben und Aufschwung zu Niedergang
und Verfall führt.
Diese Erscheinungen zu beobachten und die sozialen Gesetze,
die sie beherrschen, zu erkennen, ist Aufgabe der Soziologie. Kann sie sich da mit
biologischen Analogien oder individualpsychologischen oder psycho-physischen
Analysen begnügen? Darf sie zu Gunsten und zur Bequemlichkeit eines dogmatischen
Monismus, der sich bei anorganischen, organischen und psychischen Gesetzen beruhigt
und und [sic] froh ist, in diesen drei Formen das eine und einheitliche Gesetz
halbwegs nachgewiesen zu haben, auf die selbständige Untersuchung dieser sozialen
Gesetze verzichten, die von ganz anderer Art sind als alle die in den drei genannten
Erscheinungsphären waltenden? Und soll sie darauf verzichten, weil die Männer, die
für diese ganze soziale Welt weder Auge noch Sinn haben, fürchten, daß ihre
monistische Annahme, die sie zu einem Dogma stempeln, dabei in die Brüche gehen
könne? Diese Furcht ist unbegründet. Aber die wichtigste Pflicht der Wissenschaft
ist ja auch nicht, ein System zu erhalten, sondern: das Wirkliche zu untersuchen und
sich um die Erkenntniß der Wahrheit zu bemühen. Die Soziologie hat eine neue Welt
der Erscheinungen entdeckt. In dieser sozialen Welt müssen wir die naturgesetzlichen
Vorgänge und Bewegungen erforschen, die herrschenden Gesetze feststellen. Sollte
sich dabei zeigen, daß der Rahmen, in den die moderne Naturphilosophie ihr Weltbild
spannt, zu eng ist, so mag er in Stücke gehen: die Soziologie wird für einen
weiteren sorgen. Und sie wird die „einheitliche Weltauffassung“ den „Monismus“ nicht
gefährden, sondern nur tiefer und fester begründen.