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Rezension von: Ernst Viktor Zenker: Soziale Ethik. Leipzig 1905, in: Österreichische Rundschau 6 (Februar-April 1906), 308-309.
[Rezension:] Ernst Viktor Zenker: „Soziale Ethik.“
[…] Leipzig, 1905. Wigand.
Ludwig Gumplowicz
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[…] Leipzig, 1905. Wigand.
Man hat von jeher verschiedene Merkmale statuieren wollen, durch die sich der Mensch vom Tiere unterscheidet. Man wollte in der Seele, in der Sprache u. dgl. solche Merkmale gefunden haben. Mit der Zeit und mit der wachsenden Einsicht in die Natur der Lebewesen sind nacheinander die meisten dieser so statuierten Unterschiede hinfällig geworden. Ein unterscheidendes Merkmal dürfte sich aber doch aufrechterhalten lassen. Das ist die Eigenschaft des Menschen, bei all seinem Tun erwägen zu können, vielleicht gar erwägen zu müssen, ob seine Handlung gut oder böse sei? Mit anderen Worten: das Gewissen scheint doch ein solches den Menschen vom Tiere unterscheidendes Moment zu sein.
Ist aber dieses Prüfen und Erwägen des moralischen Wertes der Handlungen eine allgemein menschliche Eigenschaft, dann braucht man die Berechtigung einer Wissenschaft nicht erst zu beweisen, die sich mit dem „Seinsollenden“ beschäftigt: denn dieses ewige, täglich und stündlich bei Millionen Menschen sich wiederholende Prüfen und Erwägen fordert ja gebieterisch irgendwelche Formulierung der Grundsätze und Maßstäbe, nach denen wir uns zu richten und nach denen wir die Handlungen anderer Menschen zu beurteilen haben. Die Rolle eines solchen notwendigen und unumgänglichen Ratgebers übernahm seit jeher die Morallehre oder Ethik. Sie war ja ursprünglich und ist teilweise noch heute in den Religionslehren enthalten: doch hat sie sich schon frühzeitig von diesen emanzipiert und tut es immer mehr. In der neuesten Zeit aber ging ihre Tendenz dahin, sich ganz selbständig und unabhängig von all und jeder Religionslehre und Theologie, auf Grund der modernen Naturwissenschaft auszugestalten. Diese Tendenz verfolgten in allerneuester Zeit Paulsen,
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Wundt und in höchstem Maße Ratzenhofer in seiner „Positiven Ethik“.
Nach solchen Vorgängen war es für einen jüngeren Schriftsteller ein Wagnis, eine Ethik zu schreiben. E. V. Zenker, der rühmlichst bekannte Verfasser eines guten Handbuches der Soziologie („Die Gesellschaft“, 1899) hat aber mit geübtem Auge eine Lücke in den meisten bisherigen Systemen der Ethik erspäht. „Es geht nicht an,“ schreibt er ganz richtig, „immer nur von Pflichten des einzelnen gegen die Gemeinschaft zu sprechen und dabei ganz zu vergessen, daß es auch Pflichten der Gesellschaft gegen den einzelnen geben muß. Die Gesellschaft ist genau so wie der einzelne ein sittliches Subjekt und kann daher Verpflichtungen wie dieser tragen und erfüllen. Ja, sie muß dem einzelnen gegenüber erst ihre Pflicht erfüllen, ehe dieser der seinigen nachkommen kann und die Verpflichtung des einzelnen der Gesellschaft gegenüber erscheint am naturgemäßesten als eine Folge der Pflichten, welche die Gesellschaft schon früher jedem einzelnen gegenüber erfüllt hat.“ Der Verfasser hat damit einen sehr fruchtbaren Gedanken angeregt, dessentwegen sein Buch mit Recht den Titel „Soziale Ethik“ trägt, denn wenn man sich im allgemeinen vom Moralisieren, worauf doch all und jede Ethik hinausläuft, wenig Erfolg für den einzelnen verspricht, so kann man im Gegenteil einer Sozialethik, welche auf die Pflichten der Gesellschaft das Hauptgewicht legt, ein gutes Horoskop stellen. Hat ja doch schon vor einem halben Jahrhundert Robert v. Mohl einer „Staatssittenlehre“ das Wort gesprochen und Zenkers Sozialethik ist teilweise eine weitere Ausführung dieses Gedankens.
Es ist ja auch sehr einleuchtend, daß, wenn auch eine Individualethik, die auf die sittliche Hebung des Einzelnen hinarbeitet, sich eine wenig erfolgreiche Aufgabe stellt, da doch der Einzelne ein Produkt seiner Erziehung und seines sozialen Milieus ist, an dem ein Moralpredigen wenig ändern kann: so verhält sich doch die Sache ganz anders mit der Sozialethik, welche den Nachdruck auf die Pflichten der Gesellschaft legt. Denn eine Gesellschaft, worunter man doch hier in erster Linie den Staat zu verstehen hat, kann sehr wohl ihr Vorgehen und ihre Politik dem Einzelnen gegenüber nach allgemein anerkannten sittlichen Grundsätzen regeln. Sehen wir es doch täglich und stündlich, daß Grundsätze, die zuerst theoretisch als die richtigen erkannt werden, von parlamentarischen Körperschaften zu Leitmotiven ihrer Beschlüsse erhoben werden.
Auch noch aus einem andern Grunde verspricht die Sozialethik viel erfolgreicher zu sein als die Individualethik. Denn vom soziologischen Standpunkt, den Zenker ganz korrekt einnimmt, ist die Sittlichkeit des Milieus, der Gesellschaft die notwendige Voraussetzung der Sittlichkeit des Einzelnen. Auch hier trifft jenes scheinbare Aristotelische Paradoxon zu, daß „das Ganze früher vorhanden sei als der Teil“. Nur in einer sittlichen Gesellschaft sind auch die Individuen sittlich, und wie die Gesellschaft, so der Einzelne. Das ist ein richtiger soziologischer Gesichtspunkt, den Zenker konsequent festhält.
„Die Gruppe bildet infolge der Gleichheit der soziologischen Voraussetzungen (Gemeinsamkeit des Milieus, der Abstammung, Gleichheit der Sprache, der sozialen Einrichtungen, der Tradition u. s. w.) stets eine psychologische Einheit, in welcher die Gleichheit oder Ähnlichkeit der Gefühls- und Begehrensmomente alle Verschiedenheiten des individuellen Denkens überwiegt.“ Daraus geht die ganze Bedeutung der Sozialethik hervor: denn soll das Individuum sittlich gehoben werden, so muß es erst seine soziale Gruppe sein. So z. B. ist in einem korrupten Staate die ganze Bureaukratie korrupt, schon aus dem einfachen Grunde, weil innerhalb einer solchen Bureaukratie ein ehrlicher Beamter sich nicht behaupten kann.
Soll also eine „ethische Bewegung“ wirksam sein, so hat sie ihre Hebel am Ganzen anzusetzen und erst von da aus auf Hebung der Individuen hinzuarbeiten.
Wir können hier auf die Einzelheiten des Zenkerschen Buches nicht eingehen, doch so viel sei nochmals bemerkt, daß der Weg, den er mit diesem Werk betrat: von der Soziologie zur Sozialethik, um von da zur Individualethik zu gelangen, ein sehr aussichtsreicher ist und es nur zu wünschen wäre, daß die vielen Anregungen, die in dem Buche enthalten sind, auf fruchtbaren Boden fallen.
Prof. Ludwig Gumplowicz.