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Historiker als Geschichtsphilosophen, in: Österreichische Rundschau 5 (November 1905 – Jänner 1906), 151-167 (Abgedruckt im „Rassenkampf“, 2. Aufl., S. 409ff.).
Historiker als Geschichtsphilosophen.
Ludwig Gumplowicz
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Je mehr die historische Literatur ins Unübersehbare anschwillt, je weniger auch der gelehrteste Universalhistoriker die Hoffnung hegen kann, den gesamten weltgeschichtlichen Stoff zu bewältigen, desto mehr drängt sich und desto häufiger die Frage auf, was denn das alles eigentlich bedeutet, welchen Sinn die Geschichte hat?
In früheren Zeiten waren es nicht die eigentlichen Historiker, die sich diese Frage stellten, sondern Philosophen; die eigentlichen Historiker, Geschichtsforscher, hatten für diese „Geschichtsphilosophen“ nur ein mitleidiges Lächeln und kümmerten sich wenig um ihre „Phantastereien“.
So finden wir denn auch in den Werken, welche sich die historische Darstellung dieser „Geschichtsphilosophie“ zur Aufgabe stellten, wie z. B. in Rocholls „Philosophie der Geschichte“ (1878) und auch in dem neuesten derartigen Werke von Goldfriedrich: „Die historische Ideenlehre“ (1902) fast ausschließlich nur Philosophen aufgeführt und fast gar keine Fachhistoriker. Erst in der neuesten Zeit ändert sich das Verhältnis: die Historiker selbst ergreifen das Wort. Sie wollen es offenbar nicht mehr dulden, daß „sine nos de nobis“ geurteilt werden, und so lassen sich denn in neuester Zeit immer häufiger die eigentlichen Fachhistoriker, die Geschichtsforscher, auch über den Sinn der Geschichte vernehmen.
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Es ist möglich, daß zu dieser geänderten Haltung der Historiker auch der Umstand beigetragen hat, daß sie von den Herren Philosophen, die vielleicht in ihrem ganzen Leben keine einzige „Quelle“ selbst durchforscht haben, geradezu provoziert wurden.
Denn diese Herren Philsophen nahmen sich heraus, der Geschichtsschreibung einfach den Charakter der Wissenschaft abzusprechen und die Geschichtsforscher nur als Materialiensammler, als „Archivkrämer“, zu behandeln. Den ersten derartigen Angriff auf die Geschichte hat in Deutschland bekanntlich Schopenhauer unternommen.
Begreiflich war ja das von Seite der Philosophen. Denn sie, die immer nur das „Allgemeine“ suchen, das „Ding an sich“, die „Substanz“, die „Idee“ – was waren ihnen Beschreibungen von Hof- und Staatsaktionen, von Kriegszügen und Schlachten? Das waren ihnen doch nur lauter „Äußerlichkeiten“.
Nun, die Historiker setzten solchen Angriffen zunächst ein geringschätziges Schweigen entgegen. Im Innern mochten sie wohl mit Recht sich denken: wenn wir keine Geschichte schrieben, könntet ihr keine Geschichtsphilosophie treiben. So angesehen, waren die Angriffe der Philosophen allerdings schnöder Undank.
Bald aber sollten die Historiker einen großen Triumph und eine große Genugtuung erleben.
Denn an den Geschichtsphilosophen bewahrheitete sich das Sprichwort: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ So lange ging der geschichtsphilosophische Krug zum Brunnen, bis er brach. Hegel beschleunigte den Bankrott der Geschichtsphilosophie.
Die Historiker triumphierten; ihre emsige Tätigkeit erhielt neue Impulse; ihr Quellensammeleifer steigerte sich immer mehr. Deutschland erlebte in dem halben Jahrhundert nach dem Bankrott der Geschichtsphilosophie, ungefähr von 1840 bis 1890, den größten Aufschwung seiner Geschichtsschreibung. Eine Reihe der glänzendsten Namen fällt in diese Periode. Schlosser, Raumer, Ranke, Sybel, Waitz, Mommsen, Burkhard, Wattenbach, Lorenz – wer zählt die Namen!
Da plötzlich, in den Sechzigerjahren, brach der alte Streit wieder los. In Deutschland waren es die „Kulturhistoriker“ Hellwald, Henne am Rhyn, Kolb u. a., die den „politischen Historikern“ wieder den Fehdehandschuh hinwarfen. Von England he kam ihnen mächtiger Sukkurs; Buckles „Geschichte der Zivilisation“ wirkte auch in Deutschland verblüffend. Der Schwerpunkt der Historie sollte entschieden in die Kultur und Entwicklung der Zivilisation verlegt werden.
Obendrein fielen noch die Naturforscher über die arg bedrängten Historiker her; Du Bois Reymond an der Spitze. In einem Vortrage über „Kulturgeschichte und Naturwissenschaft“ (1877) las er den Historikern den Text. Wovon erzählt uns „die Weltgeschichte, die gewöhnlich diesen Namen trägt?“ fragt er und antwortet darauf: „Von nichts als vom Steigen und Fallen der Könige und Reiche... von Kriegen und Eroberungen, von Schlachten und Belagerungen, von Städteverwüstungen und Völkerhetzen, von Morden und Hinrichtungen, von Palastverschwörungen und Priesterränken“. Solche Angriffe der Naturforscher wirkten auf die Reihe der Geschichtsforscher verwirrend. Einer von ihnen ermannte sich wohl zu
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einer Verteidigung. Lorenz veröffentlichte seine „Geschichtswissenschaft“. Doch das war nur ein unbedeutendes Rückzugsgefecht. Denn hinter den Naturforschern kamen die Sozialisten mit ihrer „materialistischen Geschichtsauffassung“ und schließlich die Soziologie mit ihrem Nachweis der Gesetzmäßigkeit der sozialen Entwicklung.
Da gab es keinen Ausweg mehr; die Historiker begannen andere Seiten aufzuziehen. Karl Lamprecht schrieb sein „Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter“ (1886). Damit war wohl der „materialistischen Geschichtsauffassung“ eine große Konzession gemacht, aber – dabei konnte es nicht bleiben. Lamprecht selbst konnte bei der Einschränkung der Historie auf das bloße Wirtschaftsleben sich nicht begnügen. Denn vor nicht lange erst waren ja in nächster Nähe große geschichtliche Ereignisse vor sich gegangen, infolge deren es zur Gründung des Deutschen Reiches kam und die doch, trotzdem sie auch aus Kriegen und Schlachten sich zusammensetzten, von der „Geschichte“ nicht gut übergangen werden konnten. Zudem konnte auch das mächtig angeregte nationale Bewußtsein in Deutschland sich jetzt nicht mit bloßer „Geschichte der Naturwissenschaft“, wie es Du Bois Reymond wollte, und auch nicht mit bloßer „Kulturgeschichte“, mit Übergehung der „politischen“ Ereignisse begnügen. Und so unternahm es denn Lamprecht, eine „Deutsche Geschichte“ zu schreiben, welche allen modernen Anforderungen an die Geschichtsschreibung Genüge leisten sollte, ohne dem nationalen Bedürfnis nach Verherrlichung der politischen Taten des eigenen Volkes Abbruch zu tun.
* * *
Schon das Erscheinen der ersten Bände dieser „Deutschen Geschichte“ (seit 1891) entfesselte einen Kampf der „alten Richtungen“ gegen die neue, die man als die „positivistische“ bezeichnete. Lamprecht war gezwungen, neben der Förderung seiner Arbeit (seine Geschichte war auf zwölf Bände berechnet und ist noch heute nicht vollendet) sich nach mehreren Seiten hin der Angriffe zu erwehren und so entstanden mehrere seiner Flugschriften über „Alte und neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft“ (1896), über „Die historische Methode des Herrn von Below“ (1899) und über „Die kulturhistorische Methode“ (1900). Daneben schritt sein Werk rüstig vorwärts, von weiten Kreisen der jüngeren Generation mit Enthusiasmus begrüßt.
Daß mit dem Fortschreiten seines Werkes der Verfasser selbst zu einer tieferen Begründung seiner Geschichtsauffassung gelangte, ist begreiflich; sein Blick weitete sich, seine Methode bildete sich immer mehr aus, seine Überzeugung von der Richtigkeit seiner Auffassung festigte sich immer mehr. Und die fortwährende Auseinandersetzung mit den gegnerischen Ansichten trug dazu nicht wenig bei.
Nun überrascht uns Lamprecht wieder mit einer Programmschrift „Moderne Geschichtswissenschaft“, [1] in der er nochmals zusammenfassend und erschöpfend das Wesen seiner Geschichtsauffassung, wie es sich ihm aus eigener Arbeit an der
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„Deutschen Geschichte“ und aus den mannigfachen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern endlich und schließlich ergeben hat, uns darlegt. Um zwei Punkte vornehmlich drehte sich der bisherige Kampf zwischen Alten und Modernen in den letzte zwei Jahrzehnten: um den Gegenstand und die Methode der Geschichtswissenschaft. Was den Gegenstand betrifft, steiften sich die Alten auf die Ausschließlichkeit der „Politik“ in der Geschichte. Nur Staatsaktionen und was damit unmittelbar zusammenhängt, also Krieg, Verfassung, Diplomatie, Staatseinrichtungen, sollten die alleinige Domäne des Historikers bilden. Schon den Kulturhistorikern genügte das nicht; sie verlangten Erweiterung des Gesichtskreises der Geschichte auf die „Kultur“. Welche Stellung nimmt nun Lamprecht ein gegenüber dieser Streitfrage? Er übertrumpft alle Kulturhistoriker. Auf die Frage, was in die Geschichte hineingehört, antwortet er einfach: alles!
Da ihm die Geschichte jedes einzelnen Volkes nichts anderes ist als die „Geschichte der höchsten geistigen Funktionen“ der „Volksseele“, die er „vom Standpunkte einer Psychologie der Geschichte“ betrachtet: so ist es klar, daß er nicht nur das ganze politische und wirtschaftliche Leben, sondern auch alle Äußerungen des Gemütslebens, des Kunstsinnes, des Forschungsdranges, kurz das ganze Leben und Streben eines Volkes als Gegenstand der Geschichte reklamiert.
Dagegen kann ja nichts eingewendet werden: wenn es dem einzelnen vielseitig und genial veranlagten Historiker „seine Mittel erlauben“ uns statt bloßer politischer Geschichte eine allumfassende Geschichte des gesamten politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und geistigen Lebens eines Volkes oder gar der Menschheit zu bieten, so muß man ja eine solche Gabe mit Dank annehmen. Es fragt sich nur, ob es solche universelle Genies gibt und ob von solchen Bestrebungen nicht das französische Wort gelten wird: „Quo trop embrasse mal étreint“? Ob letzteres von Lamprecht selbst gilt, darüber brauchen wir uns hier nicht auszusprechen, da wir es hier nicht mit seiner „Deutschen Geschichte“, sondern mit seiner Programmschrift zu tun haben.
Der zweite Streitpunkt zwischen den Alten und Modernen bezog sich auf die Methode, und zwar speziell auf die Frage, ob sich in der Geschichte Gesetze und Gesetzmäßigkeit des Verlaufs nachweisen lassen und ob somit die Geschichte in die Reihe der exakten Wissenschaften eintreten kann.
Lamprecht antwortet auf diese Frage mit einem entschiedenen „Ja!“ Darin wäre er ja vollkommen in Übereinstimmung mit dem modernen Monismus, mit der Naturwissenschaft und auch der Soziologie, die alle die Gesetzmäßigkeit der geschichtlichen Entwicklung bejahen. Aber Lamprecht macht für seine Bejahung der obigen Frage ganz besondere Gründe geltend, die von der Naturwissenschaft und Soziologie nicht geteilt werden. Lamprecht nimmt nämlich aus dem Grunde eine Gesetzmäßigkeit alles historischen Geschehens und der geschichtlichen Entwicklung an, weil er einfach mit Herder und den „Völkerpsychologen“ eine „Volksseele“ annimmt, die sich analog wie die Individualpsychologie entwickelt; daher Lamprecht auch seine Methode als eine „sozialpsychologische“ bezeichnet.
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Indem sich nun diese „Volksseele“ im Laufe der Zeit ähnlich der individuellen Psyche entwickelt (beim normalen Individuum ist das doch eine unbestreitbare Tatsache!), entstehen nacheinander die einzelnen „Kulturzeitalter“. Es sind also bei Lamprecht „die komplexen Erscheinungen des sozialpsychologischen Lebens“ nichts anderes als das „Auswirken der sogenannten Volksseele“. Wird das einmal als richtig angenommen, dann ist es ja klar, daß diese Entwicklung, dieses „Auswirken“, sich gesetzmäßig vollzieht und daß in den aufeinanderfolgenden Kulturzeitaltern die Gesetzmäßigkeit des geschichtlichen Verlaufes nachweisbar sein muß. Da bisher aber niemand einen solchen Nachweis ganz erschöpfend lieferte, unternahm Lamprecht, wie er uns selbst (S. 14) sagt, in seiner „Deutschen Geschichte“ die „Aufstellung des Verlaufes der vollen Reihe von Kulturzeitaltern“ im sozialpsychischen Leben des deutschen Volkes. Aus einem solchen Nachweise müsse sich schließlich als wissenschaftliches Resultat ergeben, „daß für die Mechanik der großen sozialpsychischen Bewegungen der Geschichte dieselben Elemente und Gesetze gelten, die die moderne wissenschaftliche Psychologie des Individuums ergeben hat“, womit zugleich „die Aufdeckung der eigentlichen elementaren seelischen Energien der geschichtlichen Bewegung“ erfolgt. (S. 15).
Betrachten wir nun zunächst, wie Lamprecht diese „Reihe von Kulturzeitaltern“ für das „sozialpsychologische Leben“ des deutschen Volkes, der Germanen, aufstellt.
Das erste Zeitalter ist das des „Symbolismus“. Es umfaßt die „letzten Jahrhunderte vor und die ersten nach Christi Geburt“. Merkmal desselben ist „große Allgemeinheit phantasievoller Tätigkeit“. Warum benennt Lamprecht dieses Zeitalter das des Symbolismus? Weil dem germanischen Krieger jener Zeit „die Welt noch nicht etwas Vorgestelltes oder Gedachtes, sondern etwas schlechthin Angeschautes“ war, infolgedessen „erschien das gedankliche Gerüst irgend einer Vorstellung oder irgend eines Wollens alsbald in einer bedeutungsvollen Handlung verkörpert: erschien symbolisiert in den Formen einer noch nicht in mehrere Strahlen der Auswirkung gebrochenen Phantasietätigkeit“. „Symbolismus also, in dem oben beschriebenen Sinne, ist das eigentliche Kennzeichen, die bezeichnende Eigenart dieser ältesten Zeiten“. „Als hervorragende Formen der Phantasietätigkeit“ kannte dieses Zeitalter „den Trauerleich und das sogenannte Bandornament“.
Auf dieses erst Zeitalter folgte ungefähr seit der Völkerwanderung das Zeitalter des „Typismus“ bis zum XI. Jahrhundert. Warum diese Bezeichnung? „Der Germane, erst zum Deutschen werdend, war ein Typ, der seinen äußeren nationalen Charakter, sein typisch-deutsches Wesen erkannte, sobald die bildende Kunst bis zur vollendeten Wiedergabe organischer Typen vorgeschritten war“. Diese Erkenntnis des „typisch-deutschen Wesens“ ist von großer historischer Bedeutung, denn „darum gehen, in die Zeit der vollen Erkenntnis des Types seit dem IX. Jahrhundert die romanischen und germanischen Natioinen von nun ab selbständig aus dem großen Erziehungshaufe des Karolingischen Imperiums hervor“.
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„ ... taufend Lebensformen treten in diesem Zeitalter zum ersten Male zwischen das Individuum und die nationale Gemeinschaft“, welche „zeigen, daß ein neues Zeitalter nach dem des Symbolismus hereingebrochen war“.
In diesem zweiten Zeitalter des Typismus „tritt die Einzelperson aus der Vormundschaft ... des Geschlechts langsam heraus; sie wird freier ... sie beginnt über sich zu disponieren, wirtschaftlich in einem Anbau, dessen kommunistische Fesseln sich zu streng genossenschaftlichen lockern, sozial in in einem freieren Verhältnisse zum Staate“. Letzterer hat sich ebenfalls verändert; es ist nicht mehr „der Staat der alten Völkerschaft der Urzeit mit seiner engsten militärisch-kameradschaftlichen Bindung; er hat einem ausgedehnteren Staatswesen Platz gemacht, dem des Stammes; und schon wölbt sich über diesem, wenigstens in den letzten Jahrhunderten des Zeitalters, der eine große nationale Staat“.
„An Stelle der früheren Formen der Phantasietätigkeit (des „Trauerleichs und der Bandornamentik“) sehen wir jetzt seit der Völkerwanderung andere treten und in bestimmter innerer Abwandlung blühen bis ins XI. Jahrhundert: Das Epos und die sogenannte typische Ornamentik“. Denn der „Entwicklung des Epos läuft in der bildenden Kunst die Ausbildung der typischen Ornamentik parallel“. Dies Zeitalter des Typismus „bringt die Verlegung der Gefühle und Bewegungen in den Gegenstand, dessen Wesen und Art erst im Ungefährsten erkannt wird: Bringt Epos und Ornamentik“.
Das „dritte Zeitalter der uns bekannten deutschen Geschichte“ ist das „des konventionellen Seelenlebens ... das bis ins XV. Jahrhundert hinein währt“. Es ist ein Zeitalter „voll Leben und unendlicher Kraft des Pulsschlages“. „Zwei große Reihen von Vorgängen drängen sich da vor allem der Betrachtung auf ... die Entwicklung der Grundherrschaft ... und des frühesten Städtewesens“. Während nämlich in dem früheren Zeitalter „das bäuerliche Dasein und damit eine gewisse Ausgeglichenheit des Grundbesitzes und des agrarischen Erwerbes überwogen hatte ... begann seit den Spätzeiten der Merovinger die Zersetzung dieser verhältnismäßig einheitlichen Grundlage: es entstand ein großgrundbesitzender Adel ... “. Es entwickelte sich „Grundherrschaft und Hörigkeit“. „Es war ein Vorgang von an sich schon außerordentlichen, auch seelischen Folgen. Eine soziale Verschiebung entstand, in deren Verlauf dem begünstigten, grundherrlichen Teil die Muße zufiel, seelisch intensiver zu leben ... Und dieses Moment ... war Ursache und Wirkung zugleich einer ersten aus deutschem Geiste her geborenen Annahme des Christentums.“ „ ... im Bereiche von Grundherrschaft und Hörigkeit ... sind es die schönen Zeiten des Emporkommens der Ministerialität .. „ Lauter „Ereignisse, die ganze Volksschichten, vor allem die Ministerialen selbst, seelisch aufrütteln und umbilden mußten“. Diese „Ereignisse ... agrarischer Grundlage entsprießend, wurden zur Voraussetzung einer letzten rein agrarischen Geisteskultur, der Kultur der Ritterzeit des XII. und XIII. Jarhhunderts“.
„Die Summe all der großen wirtschaftlichen und sozialen Vorgänge des neuen (konventionellen) Zeitalters lassen sich in den beiden Worten zusammenfassen:
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Ritterschaft und Bürgertum“. Dabei müsse man gleich an die „großen geistigen Werte denken, mit denen sie unmittelbar verknüpft sind“. „Da tauchen die Zeiten des Minnedienstes empor und der holden Abenteuer reisiger Fahrt; da tönen die Lieder Walthers von der Vogelweide; da lassen sich die ernsten Verse Wolframs von Eschenbach hören; und Hartmann von Aue erzählt in dem wohligen Flusse einer mit wunderbarer Leichtigkeit fügenden Reimkunst ... Da erscheinen in den Miniaturen Ritter und Frau in der anmutig konventionellen Haltung der Zeit, eine Summe von zarten Linien schön fallender Gewandung umgrenzt den Leib, der bei aller Kraft zur Hingebung geboren scheint“. „Es ist eine neue Zeit, tausend Zeichen verkünden es ... Man ist nicht mehr typisch (wie im vorhergegangenen Zeitalter) aber noch weniger ist man schon individuell im Sinne des XV. und XVI. Jahrhunderts der Reformation und der Renaissance; man bewegt sich in der Zwischenstufe des Konventionellen“. Auch die Phantasietätigkeit ist in diesem Zeitalter „konventionell gebunden“. „Nichts charakteristischer, als daß sie noch nicht das individuell belebte Porträt kennt und auch fast noch nicht das literarische Porträt der Lebensbeschreibung und des autobiographischen Denkmals“.
Aber im Verlaufe des XV. Jahrhunderts „bricht das Zeitalter des Individualismus herauf (das vierte), um neun volle Generationen bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts zu herrschen“. Seine Merkmale sind: „Loslösung von den gebundenen Frömmigkeits-, ja auch Glaubens- und Kirchenformen des Mittelalters“, worauf der Sieg des „lumen naturale, der Vernunft, in der Aufklärung und einer ersten großen Entwicklung der Naturwissenschaften“ folgt. „ ... in der Entwicklung des Denkens wird eine neue Stufe erreicht. Der Analogieschluß ... gilt nicht mehr als genügend ... Der Induktionsschluß erwächst aus der Analogie und die Kausalität bedrängt das Wunder ... Die beginnende mechanische Naturwissenschaft macht Front gegen den Begriff des Wunders ... “ Allerdings bricht sich diese Richtung mühselig Bahn unter fortwährenden Kämpfen gegen allerhand Widerstände. Trotzdem weist dieses Zeitalter große „Errungenschaften“ auf „gegenüber früheren seelischen Zuständen“. „Vor allem: der einzelne, nun Kind des Christengottes, verkehrte frei, höchstens noch durch die Mittlerschaft Christi beschränkt, mit seinem himmlischen Vater; es gab nicht mehr die Heilsvermittlung durch den Klerus und den Chor der mittelalterlichen Heiligen, Bekenner und Büßer. Und noch mehr: der einzelne, auf sich gestellt, sah sich zum ersten Male freien Auges um in dieser reichen, großen Welt; mit dem natürlichen Lichte des Verstandes suchte er sie zu durchleuchten; ein Naturrecht entstand eine Naturreligion und die Lehre von einer natürlichen Erziehung ... das Individuum erschien für sich, isoliert, als ein von den anderen abgetrennter Mikrokosmus“.
Das „Schlußergebnis dieses Zeitalters“ war „die Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts“.
Um die Mitte dieses Jahrhunderts aber führen gewisse Vorgänge „aus dem individualistischen Zeitalter hinüber in ein neueres und weiteres sozialpsychisches
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Zeitalter (es ist das fünfte), das wir das des Subjektivismus benennen können“. Die erste Periode desselben „begann mit den Erscheinungen der sogenannten Empfindsamkeit und währte dann durch Sturm und Drang, Klassizismus und Romantik, Realismus und Epigonentum bis in die Siebzigerjahre des XIX. Jahrhunderts, um darauf von den Anfängen einer zweiten subjektivistischen Periode, den seelischen Erscheinungen unserer unmittelbaren Gegenwart überholt zu werden“. „Die großen idealistischen Erscheinungen“ dieses Zeitalters des Subjektivismus sind: „Die unsterblichen Schöpfungen Schillers und Goethes, die Idealphilosophie, die realistische Naturwissenschaft, die Zusammenraffung der Nation zu einem Wirtschaftsleben, von unerhörter Bedeutung die politische und die Verfassungsbildung des Reiches“.
Nachdem Lamprecht so die ganze Geschichte des deutschen Volkes bis zur Gegenwart als einen gesetzmäßigen Ablauf einer Reihe von Kulturzeitaltern darstellt, stellt er sich „die Frage nach der psychischen Mechanik der Kulturzeitalter“ d. h. „die wichtige Frage: in welchen seelischen Prozessen“ solche Kulturzeitalter „entstehen, sich entfalten und im Zerfall von der nächsten sozialpsychologischen Zeit abgelöst werden?“
Nach Feststellung der fünf Zeitalter deutscher Geschichte und der „raschen Vorführung der ungeheuren seelischen Wandlungen, die im Verlaufe dieser Zeitalter beschlossen liegen“, lenkt Lamprecht seine Aufmerksamkeit auf die Übergänge „aus einem Zeitalter in das andere“. Denn auch in diesen findet er „typische Vorgänge einer einer sich ständig wiederholenden psychischen Mechanik des Überganges“. Allerdings lassen sich diese „Übergangserscheinungen“ am besten an dem jüngsten Zeitalter beobachten, weil hier das Material mehr zu tage neigt, also „der letzte Übergang zu der heute lebendigen Periode“ steht im Vordergrund der Beobachtung. Doch ist ja dieser jüngste Übergang „mit der psychischen Übergangsmechanik der früheren Zeiten identisch“, was „insofern nichts Überraschendes hat, als es sich auch von vornherein aus allgemeinen Gesetzen der Psychologie mit Bestimmtheit ableiten läßt.“
„Die seelische Entwicklungsstufe, auf der sich das deutsche Volk heute befindet“, ist die Folge einer Reihe von „Verschiebungen auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiete“, und zwar: modernes Unternehmertum, Kapitalismus, Industrialismus, kapitalistische Landwirtschaft, endlich „wuchs in den Städten seit den Vierzigerjahren schon deutlich ein neuer vierter Stand industrieller Arbeit heran“, im Gegensatz zur „neuen bürgerlichen Aristokratie des bourgeoisen Unternehmertums“, was zur „Begründung der sozialdemokratischen Partei führte“. Dazu kamen die politischen Ereignisse von 1848, 1866 und 1870. So ward „die Seele der Nation in ihren Tiefen aufgerüttelt“, „die alten Vorstellungs- und Affektionsverhältnisse verschwanden und an ihre Stelle trat zunächst ein Chaos von bedenklicher Ausdehnung“. Dieses „Chaos“ schildert Lamprecht ziemlich pessimistisch als eine „ungeheure Dissoziation des bisher bestandenen sozialpsychischen Zustandes“, als eine „allgemeine nervöse Erregung, die vielfach geradezu in pathologischen Er-
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scheinungen zu tage trat“ (Neurasthenie als eine besondere Krankheitsform), woraus sich „ein entsprechender veränderter seelischer Habitus, der der Reizsamkeit bis auf heute“ erhielt.
„.... als Begleiterscheinung mit dieser erhöhten Reizsamkeit gingen Zustände psychomotorischer Schwäche: leichte, aber auch seichte Erregungszustände des Wollens und Drang nach Erregungsgenuß zum vergeblich ersehnten Ausgleiche von Erregungen ...“ „Typische Vertreterin dieser modernen Reizsamkeit“ ist „die sozial und politisch vielfach führende Schicht der oberen Bourgeosie ... aber auch der Arbeiterstand unterliegt ähnlichen wenn auch abgewandelten psychischen Eindrücken“, die sich bis zur „traumatischen Psychose“ entwickelt haben. Auch die übrigen, „die alten Stände sind dieser modernen seelischen Haltung nicht ferne geblieben“, Bauern, Handwerker und Kopfarbeiter; in diesen Kreisen hat sogar „die Reizsamkeit ihre geistig feinsten und ihre zugleich pathologisch verheerendsten Formen entwickelt.“ Fürwahr, ein trauriges Bild, das uns hier Lamprecht entwirft von dem Zustande der deutschen Nation nach Ablauf der fünf „Kulturzeitalter“. Für den Historiker aber ersteht aus diesen Beobachtungen die Aufgabe, „das typische Bild solcher Übergangserscheinungen zu entwickeln“ ... „indem aus der bunten Welt der Einzelvorgänge deren psychologischer Kern herausgeschält wird und die psychologischen Elemente, die sich damit ergeben, in demjenigen Zusammenhange ihres Werdens und Vergehens beschrieben werden, der sich als der allen Einzelfällen der Beobachtung zugrundeliegende herausstellt.“ „Denn wie anders kann eine grundlegende historische Disziplin entwickelt werden, außer im Zurückgehen auf elementarste Vorgänge des Seelenlebens?
Mit diesen letzteren Worten hat uns Lamprecht das treibende Motiv seiner ganzen Darstellung, die Grundidee und Tendenz seiner neuesten Schrift enthüllt. Darum handelt es sich in erster Linie.
Die deutsche Geschichte lieferte ihm nur ein Schema („Paradigma“), das ihm, allerdings mit gewissen, nach Zeit und Ort gegebenen Modifikationen, übertragbar scheint auf alle und jede Nationalgeschichte überhaupt und daher auf die Universalgeschichte im Allgemeinen. Und wenn nun letztere so behandelt wird, nach diesem Schema und nach dieser Methode: dann ist die Periode der „modernen Geschichtswissenschaft“ herangebrochen.
Von der Idee einer solchen Geschichtswissenschaft ist Lamprecht ganz begeistert und was er uns im letzten Teil seiner Schrift bietet, ist ein schwungvoller Dithyrambus auf diese „Geschichtswissenschaft“ der Zukunft, die uns den „allgemeinen psychischen Mechanismus der Kulturzeitalter“ aufdecken wird, welcher „dem Verlaufe des psychischen Mechanismus des Einzelindividuums ebenso ähnlich ist, wie die sozialpsychischen Gesetze nichts als Anwendungsfälle der individualpsychologisch gefundenen Gesetzmäßigkeiten sind“. Diese Geschichtswissenschaft wird ihren Schwerpunkt suchen „nicht so sehr in den gleichsam erdschweren Teilen des geschichtlichen Geschehens ... sondern in den flüssigen, gleichsam erdleichten
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Elementen, die universalgeschichtlich an erster Stelle fortzuleben bestimmt sind. Es sind dies die Elemente höchster geistiger Betätigung: die Elemente der Sittlichkeit und Religion, noch mehr der Kunst, Dichtung und Wissenschaft; sie recht eigentlich konstituieren daher den weltgeschichtlichen Zusammenhang“.
Ich habe getrachtet, dem Leser einen Begriff zu geben von Lamprechts Auffassung einer deutschen Geschichte und der „modernen Geschichtswissenschaft“. Um möglichst objektiv zu sein, tat ich das zumeist mit Lamprechts Worten. Soll ich zu dieser neuen Geschichtswissenschaft, etwa vom Standpunkt der Soziologie, kritisch Stellung nehmen? Ich halte das für überflüssig. Was Lamprechts schafft und schaffen will, das macht weder der Darstellung des „geschichtlichen Geschehens“ (wie er sich selbst ausdrückt), noch der Soziologie Konkurrenz. Was er schafft und ferner schaffen will, ist ein Ding sui generis. ein philosophisches Kunstwerk. Denn es gibt Künstler nicht nur auf dem Gebiet der Poesie, Malerei, Bildhauerei, Architektur und Musik, es gibt auch Künstler auf dem Gebiet der philosophischen Ideen. Ein solcher ist Lamprecht. Er erinnert mich lebhaft an den geistreichen Franzosen Gabriel Tarde, der das ganze soziale Leben mittels dreier Begriffe erklärt: Imitation, Repetition und Opposition. Es ist ein hoher Genuß, seine Werke zu lesen: Les lois de l'imitation; La logique sociale; L'Opposition universelle u. s. w. Es sind in bestem Sinne des Wortes philosophische Kunstwerke. Ich möchte Lamprecht diesem Franzosen an die Seite stellen. Ähnlich wie Tarde das ganze soziale Leben mittels obiger Begriffe erklärt, so stellt Lamprecht die ganze deutsche Geschichte dar als Aufeinanderfolge seelischer Dispositionen: Symbolismus, Typismus, Konventionalismus, Individualismus, Subjektivismus. Dabei gehört Lamprechts Darstellung zu jenen modernen Kunstwerken, die man nicht aus der Nähe, sondern aus einer bestimmten Entfernung betrachten muß; denn nur aus einer solchen betrachtet empfängt man von ihnen den beabsichtigten künstlerischen Eindruck. Nahe herantreten darf man an diese Kunstwerke nicht. Ebenso bei Lamprecht. Nahe an sein Kunstwerk herantreten und Detailfragen stellen, z. B. warum er gerade das spätere Mittelalter als das Zeitalter des Konventionalismus bezeichnet, wo doch unsere Gegenwart gewiß weit mehr auf allen Gebieten des Lebens dem Konventionalismus huldigt – solche Fragen zu stellen halte ich für ganz unangebracht. Lamprecht bietet uns ein philosophisches Kunstwerk: wer für solche Kunstwerke Sinn hat, der genieße es; mit historischer Kritik an ein solches Werk heranzutreten, wäre ebenso unangebracht wie an ein Kunstwerk, das uns eine Schlacht darstellt, mit historisch-kritischen Detailfragen, ob sich das so zugetragen hat.
Übrigens wird Lamprechts Schrift anregend wirken und mannigfachen Widerspruch hervorrufend, ihre Mission erfüllen. Denn die durch Lamprecht in mehr künstlerischer Weise behandelte Frage wird noch lange die Geister beschäftigen und auf der Tagesordnung wissenschaftlicher Diskussionen bleiben. Beherrscht sie ja heutzutage nicht nur die historische und geschichtsphilosophische Literatur, sondern teilweise auch die soziologische und die naturwissenschaftliche, insoferne die Rassen-
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theoretiker den Inhalt der Geschichte (und darin besteht ja die Frage!) in der Aufzucht der besten Rasse sehen.
Erfreulich ist in dieser Diskussion, daß die Historiker sich allmählich der früheren Abgeschlossenheit ihres engeren Arbeitsgebietes entwinden und die Frage: was denn eigentlich der Inhalt der Geschichte sei oder doch an der Geschichtsdarstellung sein solle, auch vom soziologischen Standpunkte zu prüfen beginnen.
In dieser Beziehung bildet die fast gleichzeitig mit obiger Schrift Lamprechts erschienene Schrift Lud. Moritz Hartmanns „Die geschichtliche Entwicklung“ zu ersterer ein interessantes Pendant – vielfach allerdings einen grellen Gegensatz. [2]
Während Lamprecht die Geschichte nur als Äußerung seelischer Zustände betrachtet, daher sein Hauptaugenmerk auf diese letzteren richtet, hat sich Hartmann von Naturforschern (Mach) belehren lassen, daß eine solche Geschichtsbetrachtung ein „psychologisches“, auf veralteten animistischen Anschauungen beruhendes „Vorurteil“ ist.
Hartmann, der Historiker, weiß es schon, daß bezüglich der Methode „auf dem eigentlichen Gebiete der Geschichte ... wir über animistische Anschauungen noch vielfach gar nicht hinausgekommen sind“ und daß „unsere Denkgewohnheiten noch so wenig feste und einheitliche Formen angenommen haben, daß wir von einer Erklärungsweise und Auffassung zur anderen springen, sobald wir über die Feststellung und Darstellung des komplizierten Einzelvorganges hinausstreben, daß dieselben Tatsachenreihen von denselben Forschern bald in der einen Abfolge bald in der entgegengesetzten verknüpft, bald teleologisch, bald kausal betrachtet, bald als willkürliche Akte, bald als gesetzmäßig gebundene angesehen wurden.“ Ein solches Geständnis eines Fachhistorikers ist sehr wertvoll und beweist, daß die Historiker, die bisher den Naturwissenschaften und der Soziologie gegenüber vielfach beliebte Vogel-Strauß-Politik aufzugeben anfangen. Bei Hartmann wenigstens ist dieses löbliche Streben sichtbar. Allerdings können die ersten Schritte, die in dieser Richtung gemacht werden, wie wir das gleich sehen werden, noch nicht den vollen Erfolg bringen: doch begrüßen wir in Hartmann einen der ersten Fachhistoriker, dem die Ahnung dämmert, daß „in der Geschichtswissenschaft, die zu ihrem Nachteile gegenüber den anderen Wissenschaften das menschliche Bewußtsein als schwere Bürde mit sich schleppt, noch durchaus der Fetischismus herrscht, der den bewußten Willen als letzte Ursache des einzelnen Geschehens betrachtet.“ „Der Fetischismus“ – Hartmann hat das richtige Wort gefunden und dem gediegenen Fachhistoriker muß es als doppeltes Verdienst angerechnet werden, als tiefe Einsicht und Mut der Überzeugung, daß er dies Wort offen ausgesprochen hat. Ja, das ist's! Fetischismus – und zwar fügen wir hinzu in verschiedenster Gestalt. Denn der Fetisch, in dem dieser „bewußte Wille“ lebt, der die Geschichte macht, sitzt nicht immer auf Thronen mit Kron und Zepter und in Purpur gehüllt – dieser Fetisch erscheint ebenso oft als „Nation“, als „Volksseele“, als seelischer Zu-
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stand“, als „psychisches Diapason“ und neuerdings als – „Rasse“. Das sind lauter Fetische. Allerdings wendet sich Hartmann in der vorliegenden Schrift zunächst gegen den „psychologischen“ Fetisch; gegen den aber mit großem Nachdruck. „Die psychologische Erklärung, sagt er, ist keine Erklärung, weil sie andere Zusammenhänge voraussetzt, als in der übrigen Natur angenommen werden und weil sie nichts tut, als zwei Seiten desselben Vorganges beschreiben. Eine historische Tatsache psychologisch erklären, bedeutet etwa eben soviel, wie wenn ein Naturforscher die bei einer Oxydation entstehende Wärme durch das Leuchten der zugleich entstehenden Flamme erklären wollte“, denn „keinesfalls ist man berechtigt, den psychologischen Teil der Erscheinung loszulösen und ihm eine selbständige Wirksamkeit zuzuschreiben“.
Das eine hat also auch schon der Fachhistoriker von der modernen Naturwissenschaft gelernt, daß sich „vom Standpunkte der Kontinuität und Einheitlichkeit der Forschung die Notwendigkeit ergibt, auch bei der geschichtlichen Forschung auf den bewußten Willen als Erklärungsprinzip zu verzichten“. Diese Erkenntnis bedeutet nun allerdings einen großen Fortschritt auf dem Wege der Wissenschaftlichkeit: doch ist das nur sozusagen ein negativer Fortschritt. Denn diese Erkenntnis warnt nur den Historiker vor einem falschen Weg; sie warnt ihn vor allerhand „Fetischismus“. Nun aber entsteht erst die Frage: wo ist der wahre Gott der Geschichte?
Wenn es nicht der gottbegnadete Heros ist, der, mit höherem Geiste begabt, nach seinem Willen der Völker Geschicke leitet; wenn es nicht der „Staatswille“ ist, ein Fetisch, dem die Juristen so geschäftig zu opfern bereit sind; wenn es nicht die „Volksseele“ ist, in die sich schwärmerische Philosophen versenken; wenn es nicht die „Nation“ ist, deren „Geist“ Chauvinisten anbeten und hoffentlich auch nicht der neueste Fetisch, die „Rasse“, deren Wesen noch niemand in einer für die Geschichte brauchbaren Weise definieren kann: vor welchem Alter hat dann der Historiker niederzuknien? Was soll der Inhalt der Geschichte sein? Welche Idee soll den Historiker begeistern? – Zunächst eine Bemerkung. Die fetischistische Historie, so wie sie von jeher geschrieben wurde und heute geschrieben wird, wird nie verschwinden. Sie entsprach und entspricht heute noch einem tiefen Bedürfnis der Menschen. Dynasten wollen ihre Vorfahren gefeiert und verherrlicht sehen; Patrioten wollen die Rolle, die ihr Staat in der Geschichte spielte, rühmen hören; frommgläubige Konfessionalisten wollen von dem Heil hören, das ihre Kirche und ihre Konfession der Menschheit brachte; Nationalisten wollen sich an den Geistestaten berauschen, die ihre Nation vollbrachte; „Rassenmenschen“ wollen das Blut verherrlicht sehen, das in ihren Adern fließt und den anderen Rassen gegenüber den Vorzug desselben „geschichtlich“ nachweisen: und so ist denn für alle Ewigkeit dafür gesorgt, daß den „Historikern“ der Stoff nicht ausgehe, der Sporn nicht fehle, der Ruhm gesichert sei, der Lohn nicht mangle.
Wenn nun denkende Historiker von nüchterner Wissenschaft angesteckt werden, wenn sie erkennen, daß die Historie Fetischismus treibe, so mögen sie im Übereifer
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ja nicht glauben, daß „einst wird kommen der Tag, wo der Historie Mauern fallen“ – nein! Der Tag kommt nie! Wenn einst nach Anastasius Grün mit dem letzten Menschen der letzte Dichter die Welt verlassen wird – wird der letzte Historiker bei diesem Exodus gewiß auch dabei sein. Dir aber, armer Historiker, geht es schlecht, dem eines Tages die Schuppen von den Augen fielen und der du im Heiligtume der Geschichte mit Enttäuschung den Fetisch erblickst, dem du bisher geopfert; dir geht es schlecht, armer Historiker, der du nicht mehr mit Lamprecht in hehrer Begeisterung „anbetend nahest dem Altar des Menschlichen“ und keine „Regungen“ fühlst „einer Andacht zur Menschheit, einer erhabenen und gefährlichen Versenkung in die Größe unseres Geschlechts!“ Wie ein vom alten Glauben Abgefallener suchst du einen neuen Gott, ein neues Heiligtum und kannst es nicht finden. Du erholst dir Rats bei den Naturforschern, die sollten es ja wissen! So wenigstens macht es Hartmann. Beim Naturforscher Mach sucht er Belehrung. Da geriet er aber an die unrichtige Krippe. Denn der Naturforscher konnte ihn wohl von seinem „Fetischismus“ befreien: aber den wahren Gott der Geschichte kennen die Naturforscher auch nicht; für den eigentlichen Inhalt um mich philosophisch auszudrücken: für die Substanz der Geschichte haben auch die größten Naturforscher unserer Zeit, zu denen ich allerdings Mach zähle, weder Sinn noch Auge [3] . Denn unsere heutigen Naturforscher unterscheiden in der Natur nur zweierlei Prozesse: den physikalischen und den biologischen (wie Mach) und, wenn's gut geht, noch einen dritten, den psychologischen (wie z. B. Wundt). Mit diesen drei Naturprozessen hat aber der Ablauf menschlicher Geschichte unmittelbar nichts zu tun; sie bilden nicht ihren eigentlichen Inhalt. Hartmann hätte vielmehr die Soziologie, wenigstens eingehender als er es getan hat, zu Rate ziehen sollen. Diese hätte ihn über einen vierten Naturprozeß informiert, über den sozialen, von dem die Naturforscher nichts wissen und der den eigentlichen Inhalt der Geschichte bildet. [4] Zu dieser Erkenntnis ist Hartmann nicht vorgedrungen. Daher faßt er die Geschichte noch auf als einen Komplex und eine Abfolge biologischer Erscheinungen, und zwar teils als „menschliche Handlungen“, teils als diese Handlungen begleitende und von ihnen beeinflußte „Denkgewohnheiten, Ideen“. Die Darstellung jener (der Handlungen) ist bei ihm Aufgabe der „äußeren“ Geschichte, die Darstellung der letzteren ist bei ihm „Ideengeschichte“. Als den Inhalt nun der äußeren Geschichte sieht er an: „Völkerverschiebungen, Völkerzusammenstöße und Krieg“. Das sind bei ihm „durch menschliche Handlungen hervorgerufene Geschehnisse“, bestenfalls „Massenerscheinungen“ im Sinne der Statistiker.
Das ist nun nicht ganz richtig: Hartmann hat den richtigen Begriff der „sozialen Erscheinung“ verfehlt. Der Unterschied aber liegt darin, daß die soziale Erscheinung nicht „durch menschliche Handlungen hervorgerufen wird“, sondern
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menschliche Handlungen veranlaßt, in sich enthält und zur Folge hat. Dieser Fehler im Begriffe der Geschichte rächt sich in der Folge, und zwar da, wo Hartmann daran geht, die „Gesetzmäßigkeit“ der geschichtlichen Entwicklung zu prüfen. Denn die Gesetzmäßigkeit menschlicher Handlungen kann er offenbar nicht behaupten: anderseits teilt er ja „das Bestreben, an die Stelle der vielgestalteten Willkür zu einer einheitlichen Auffassung der Zusammenhänge vorzudringen“, das heißt für die Geschichte eine Gesetzmäßigkeit der Entwicklung zu finden. Wie soll er aus diesem Dilemma herauskommen? Es bleibt ihm nichts übrig, als die Gesetzmäßigkeit zu verneinen, weil – man höre! – die Handlungen der Menschen oft vom „Zufall“ beherrscht werden.
Damit hat die Hartmannsche Geschichtstheorie, die schön und modern mit der Eliminierung des bewußten Willens aus der Geschichte anfing und scheinbar auf den Nachweis der Gesetzmäßigkeit der geschichtlichen Entwicklung lossteuerte, sich bankrott erklärt und die Schuld des Bankrotts auf den bösen „Zufall“ abgewälzt. Die fatale Erklärung lautet: „Wenn also der Zufall in den Ausschnitten aus dem gesamten Weltgeschehen, die wir Geschichte nennen, an die Stelle des bewußten Willens oder der außermenschlichen Teleologie zu treten hat: müssen wir uns der leidigen Sitte entwöhnen, die Geschichte nach logischen Schlüssen rekonstruieren zu wollen ... Die Abfolge der historischen Begebenheiten kann eben nicht ausnahmslos exakt festgestellt werden ...“
Nun sollte man glauben, daß Hartmann nach einem solchen Bekenntnis auf jede Geschichtswissenschaft verzichtet. Dies kann er doch nicht tun; da steckt er doch zu teif in der naturwissenschaftlichen Kreide. Vielmehr beginnt er nach obiger Bankrotterklärung schüchterne Ausgleichsversuche mit der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sehen wir zu, was er uns da bietet. Zunächst nimmt er es als wahrscheinlich an, nachdem doch in der „organischen Welt“ ein „Kampf ums Dasein“ sich abspielt, aus dem Anpassung und natürliche Zuchtwahl resultieren, daß dieselben Vorgänge in der Geschichte des Menschen, „als organischen Wesens“, sich wiederholen. Diese Annahme findet er bestätigt in dem von der Soziologie in eminenter Weise betonten Kampf sozialer Gruppen miteinander, und hebt die Notwendigkeit hervor, „soweit die Geschichte als der in Form von Menschengruppen geführte Kampf ums Dasein erscheint, die Organisation der einzelnen Gruppen zu kennen“ „ ... es obliegt der Geschichte, die Organisation der menschlichen Gruppen in ihrer Veränderung und Entwicklung zu betrachten und zu untersuchen ...“
Damit akzeptiert Hartmann als Gegenstand der Geschichte die sozialen Gruppen, deren Wechselbeziehungen den Hauptgegenstand der modernen Soziologie bilden.
Als weitere Gegenstände der Geschichtswissenschaft bezeichnet er: Milieu und Rasse, Anpassung und Auslese, Arbeitsteilung und Klassen. Wir sehen also, Hartmann ist bemüht, das Arbeitsfeld der Geschichte den Anforderungen der Soziologie und Naturwissenschaft gemäß abzustecken.
Das ist gewiß sehr anerkennenswert, allein das alles bezieht sich doch nur auf Nebensächliches. Denn Kampf ums Dasein, Anpassung und Auslese können doch
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nur als Mittel betrachtet werden, durch welche irgend ein Ziel erreicht wird, aber nicht als Selbstzwecke. Das fühlt Hartmann sehr gut, daher er denn auch, nachdem er auf dem Altar der Naturwissenschaft geopfert und alle diese schönen „biologischen“ Merkmale als auch im Geschichtsprozeß vorkommend zugestanden hat, dabei sich nicht beruhigt, sondern weiter nach dem „Gesetz der Geschichte“ forscht. Denn offenbar und mit Recht betrachtet er alle oben angeführten „biologischen“ Vorgänge, wie Kampf ums Dasein, Anpassung, Auslese, nur als Momente der Entwicklung, deren „Gesetz“ ihm sagen soll, wohin sie eigentlich tendiert, was sie anstrebt, welchem vernünftigen Ziel entgegen sie sich abspielt.
Den Weg, den er nun einschlägt, um das zu erfahren, können wir nur billigen. Er meint: „Gerade aus dem Gruppenkampfe läßt sich auch deduktiv diese Entwicklungsrichtung erweisen“. Das ist ganz richtig – denn nachdem dieser Gruppenkampf das eigentlich Essentielle der Geschichte bildet, so kann man die Entwicklungsrichtung des geschichtlichen Prozesses eben aus nichts anderm als aus diesem Gruppenkampf erschließen.
Allerdings aber kann man aus der Betrachtung dieser Gruppenkämpfe voreilig oder behutsam, optimistisch oder pessimistisch Schlüsse ziehen und auch die Resultate dieser Gruppenkämpfe nach den verschiedensten Seiten hin verfolgen, und bald die einen, bald die andern als das Essentiellere ansehen – was wieder die Schlußfolgerung „aus dem Gruppenkampfe auf die Entwicklungsrichtung“ verschieden gestalten wird.
Hartmann akzeptiert nun jene Schlußfolgerung der Soziologie, die sich auf die Beobachtung der häufigen Vergesellschaftungen heterogener Gruppen stützt, und stellt die „fortschreitende Vergesellschaftung“ als die „Entwicklungstendenz“ all der Gruppenkämpfe hin, die den Inhalt der Geschichte bilden.
Dieser Formulierung des „soziologischen Grundgesetzes“ kann man ja zustimmen, da unzählige Tatsachen der Geschichte dafür sprechen. In unzähligen Entwicklungsreihen, in unzähligen Nationalgeschichten können wir eine fortschreitende „Vergesellschaftung“ konstatieren, so daß der Historiker genügend Grund hat, dieselbe als ein „soziologisches Gesetz“ anzusprechen.
Ganz über allen Zweifel erhaben ist aber die Sache noch keineswegs. Denn eben so oft, wie wir im Laufe der Entwicklung eine „fortschreitende Vergesellschaftung“ konstatieren können, eben so oft können wir auch „fortschreitende Auflösung“ konstatieren. Und zwar in den Perioden des sogenannten Verfalls von Staaten. Es unterliegt doch keinem Zweifel, daß z. B. nach einer jahrtausendelangen Periode „fortschreitender Vergesellschaftung“, welche uns die Entwicklung des alten römischen Reiches darstellt, eine Periode fortschreitender Auflösung und sozialen Auseinanderfalles folgte. Dieselbe Erscheinung können wir auch anderwärts beobachten. Das Deutsche Reich stellte zu verschiedenen Zeiten das Bild fortschreitender Vergesellschaftung, und wiederum fortschreitender Auflösung dar. Ebenso Italien. Es hatte lange Perioden der Kleinstaaterei, und gelangte in der Gegen-
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wart wieder zu nationaler Einheit. Diese gegensätzliche sozial-politische Bewegung einmal zu immer größerer Vereinheitlichung und Vergesellschaftung, sodann zu immer weiterer Auflösung und Dissolution äußert sich nicht immer in der Form der Gegensätze zwischen Groß- und Kleinstaaterei. Sie erscheint auch maskiert und verschleiert in der Form von Zentralisation und Dezentralisation oder Föderalisation. Die Tatsache aber der immer und überall sich in solchen Gegenströmungen abspielenden Entwicklung wird gewiß auch der Historiker Hartmann nicht in Abrede stellen. Dann müßte er aber sein historisches oder soziologisches „Grundgesetz“ modifizieren und zum Vicoschen Grundgesetz des sozialpolitischen corso e ricorso zurückkehren. Er müßte dann an Stelle der Kontinuierlichkeit der Entwicklung, die er anzunehmen scheint, eine Periodizität annehmen, die sich unter Aufschwung und Verfall, unter Fortschritt und Rückschritt vollzieht. Auer er wollte behaupten, daß er das Gesamtresultat all dieser Bewegungen im Auge habe und dieses in einer „fortschreitenden Vergesellschaftung“ erblicke. Doch darüber läßt sich ja vorläufig nichts Endgültiges aussagen.
Was Hartmann neben dieser „fortschreitenden Vergesellschaftung“ noch als grundgesetzliche Merkmale der geschichtlichen Entwicklung konstatiert, nämlich „fortschreitende Produktivität“ und „fortschreitende Differenzierung“ (der Individuen), ist teilweise in dem obigen historischen Grundgesetze enthalten, teilweise nur von problematischer Gewißheit. Denn „fortschreitende Produktivität“ geht ja allerdings mit fortschreitender Vergesellschaftung Hand in Hand, teilt aber auch ihr Schicksal, und wir kenne zeitlich und örtlich Perioden sinkender Produktivität. Was aber das dritte „geschichtliche Gesetz“ Hartmanns, das der „fortschreitenden Differenzierung“ anbelangt, so ist dasselbe sehr problematisch. Daß die Individuen der Naturvölker nicht differenziert sind, das ist unsere Annahme, die möglicherweise denselben Wert hat als die, daß alle Chinesen sich ähnlich sind oder alle Neger. Wahrscheinlich aber ist es unser ungeübtes Auge, welches uns diese Undifferenziertheit der Naturmenschen, ebenso wie der Chinesen und Neger vortäuscht; Tatsache ist nur, daß mit wachsender Vergesellschaftung die Berufe sich differenzieren; ob das eine Differenzierung der Individuen zur Folge hat, darüber ließe sich ja streiten.
Alles in allem müssen wir anerkennen, daß Hartmann den Weg betreten hat, der zu einer wissenschaftlichen Verwertung der Geschichte führt. Er trachtet den Tatsachen gerecht zu werden, und da diese Tatsachen, obwohl er sie als „biologische“ bezeichnet, doch im Grunde soziologische sind, so gerät er unversehens auf das Gebiet der Soziologie und rechtfertigt die teilweise richtige Ansicht Paul Barths, daß die Soziologie Geschichtsphilosophie sei. [5]
Insoweit aber Hartmann der Soziologie nicht ganz gerecht wird, ist auch seine Ansicht über den Wertmaßstab des Historikers etwas unzulänglich. Denn nach der Idee, die er sich vom Inhalt und Wesen der Geschichtsentwicklung macht, hält er dafür, daß der Historiker „jede Handlung darnach beurteilen wird, ob sie zur
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Vergesellschaftung beigetragen oder deren Tendenz entgegengesetzt war“, und er will auch die „einzelne Persönlichkeit“ darnach beurteilt wissen, „ob ihre Motive Förderung oder Zersetzung der Vergesellschaftung waren“. Ja! Hartmann will sogar den Kantschen kategorischen Imperativ zum Gebrauche der Historiker korrigieren, indem er dessen Inhalt also formuliert: „Handle so, daß deine Handlung beiträgt zur Vergesellschaftung“. Das ist nun ganz einseitig und somit unrichtig. Denn es gibt Perioden in der Geschichte, wo die „Zersetzung der Vergesellschaftung“ höhere zivilisatorische Zwecke verfolgt und wo es also ethischer ist, diese Zwecke zu fördern.
So leicht darf es sich also der Historiker nicht machen und lediglich nach dem Kriterium der „Förderung der Vergesellschaftung“ seine Werturteile abegeben: vielmehr muß er in jedem einzelnen Falle erwägen, welche Bestrebungen „zivilisatorisch“ sind, und welche antizivilisatorisch sind. Dieses Kriterium für politische Vorgänge und Bestrebungen, welches Ratzenhofer in seiner „Politik“ für Beurteilung politischer Aktionen aufstellt, ist das allein richtige. Denn nach Zeit und Umständen können einmal z. B. zentralisierende, ein andermal föderalisierende Tendenzen „zivilisatorisch“ sein. Diesen höheren Standpunkt hat der Historiker einzunehmen. Aber trotz all unseren Verwahrungen im einzelnen müssen wir anerkennen, daß Hartmanns vorliegende Schrift zur Orientierung über das Wesen der „geschichtlichen Entwicklung“ viel beitragen und von unfruchtbaren Spekulationen, sowie von phantastischen Konstruktionen hinweg auf den Weg nüchterner Würdigung der sozialen Tatsachen und der soziologischen Entwicklung hinleitet.
Geschichtsschreibung wird immer ein künstlerischer Beruf bleiben: „Geschichtswissenschaft“ aber wird allem Anscheine nach in der Soziologie aufgehen – wenigstens einen integrierenden Bestandteil derselben bilden.
1Freiburg i. B. 1905 (Heyfelder).
2„Über historische Entwicklung“. Sechs Vorträge zur Einleitung in eine historische Soziologie. Gotha, 1905 (Perthes).
3Vergleiche darüber meine „Geschichte der Staatstheorien“. Innsbruck, 1905. S. 436, § 123.
4Über sozialen Prozeß vergleiche meinen „Grundriß der Soziologie“. 2. Auflage. Wien 1905. S. 127.
5Vergl. Barths: „Die Philosophie der Geschichte als Soziologie.“ 1897.