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Soziologische Probleme in der österreichischen Politik, in: Politisch-Anthropologische Revue 4 (1905/06), 510-521.
Soziologische Probleme in der österreichischen Politik
Ludwig Gumplowicz
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(Man vergleiche: Pol.-anthr. Revue III, 12, S. 759.)
Wenn der Staat kein persönliches Werk ist, sondern eine soziale Erscheinung [1] ; wenn er nicht einem individuellen Interesse dient und zu dienen hat, sondern einem sozialen: so ist wohl wissenschaftlich seine Betrachtung vom sozialen Standpunkte berechtigt. Von diesem aus betrachtet ist er ein soziales Wesen (nicht ein organisches), das nicht nur für sich lebt und webt, sondern zukünftige soziale Wesen vorbereitet. Das ist eine historische Tatsache, die keines Beweises bedarf. Die Staaten, die heute existieren, sind vorbereitet worden durch Staaten der Vergangenheit, die heute nicht mehr existieren: es ist also der Schluß erlaubt, daß die Staaten, die heute existieren, Staaten vorbereiten, die in der Zukunft existieren werden.
Die in dieser Richtung unternommene Betrachtung des Staates gehört zur soziologischen Betrachtung desselben. Sie ist verschieden von der politischen. Der Politiker fragt danach, was der Staat für sich macht; wie er die Aufgaben, die er sich bewußter Weise stellt, anstrebt und zu lösen unternimmt. Der Soziologie faßt diejenigen ferneren Ziele ins Auge, denen der Staat unbewußt zustrebt, die sozusagen über sein Lebensziel hinausreichen, über die er seiner Natur nach sich keine Rechenschaft ablegt und keine Sorgen macht.
Um sich eine Vorstellung zu machen, welcher Art diese Ziele sind, müssen wir zuerst die Frage beantworten, welche Ziele der Staat während seines Daseins erreicht. Die Frage ist leicht zu beantworten. Jeder Staat, der sich auslebt, erreicht eine Kultur von nationalem
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Gepräge. Etwas Höheres kann ein Staat nicht erreichen. Der antike römische Staat erreichte (oder wie man das auch ausdrückt: erzeugte) eine nationale römische Kultur und bereitete die spätere italienische Kultur vor. So folgen sich die Staaten und ihre sozial-psychischen Werke. Diese Tatsachen sind überall nachweisbar.
Der französische Staat erzeugte die französische Kultur, der deutsche Staat oder Staatenkomplex die deutsche Kultur. Woher aber stammt das besondere nationale Gepräge jeder dieser Kulturen? Die modernen Rassentheoretiker sagen: von der Rasse. Ich leite dieses Gepräge von der nationalen Färbung ab, welches jedes Land, jede politisch-geographische Provinz mit der Zeit von seinem bodenständigen Volke erlangt. Wir sprechen ganz mit Recht von deutschem Boden; es gibt aber auch slawischen Boden, französischen Boden, italienischen Boden usw. Was heißt das? Die Geologen kennen keinen nationalen Boden. Die Erdkruste zeigt keine nationalen Verschiedenheiten. Aber der Soziologe konstatiert, daß eine Jahrhunderte und Jahrtausende alte Besiedelung eines Bodens durch Stämme, die sich einer besonderen Sprache bedienen, den Boden so nationalisiert, d. h. mit dieser nationalen Sprache, Art und Sitte durchtränkt, daß auf diesem Boden keine andere Sprache, Art und Sitte mehr gedeiht. Es hat vollkommen den Anschein, als ob der Boden nationalisiert würde und nur sehr schwer entnationalisiert werden kann. Mit diesem Ausdruck „Nationalisierung des Bodens“ muß der Soziologe einen ganzen Komplex von Ursachen und Wirkungen bezeichnen, der schwer zu analysieren ist, der sich aber darin äußert, daß an bestimmten geographischen Zentren das äußere Merkmal der Nationalität trotz Hin- und Herflutens der heterogensten Bevölkerungen haften bleibt und allen in und auf demselben sich ansiedelnden Bevölkerungen sich mitteilt.
Es hat also vollkommen den Anschein, als ob die verschiedenen national-geographischen Provinzen irgend eine geheimnisvolle Wirkung auf die in ihnen siedelnde Bevölkerung ausübten und sich dieselbe assimilierten. Man kommt bei diesem geheimnisvollen Schauspiel auf die Idee, daß nicht der Mensch den Boden beherrscht, sondern der Boden den Menschen. Wie anders wäre es zu erklären, daß ungeheure Schwärme nordgermanischer Völkerschaften in Italien sich italienisierten, im Osten Europas slawisierten?
Nun sagten wir früher, daß der Staat als soziale Organisation eine nationale Kultur erzeugt. Dieses Werk des Staates ist aber von seinem territorialen Standort abhängig: er kann nur eine solche nationale Kultur erzeugen, die seiner national-geographischen Provinz entspricht.
Roms Kulturarbeit scheiterte in Deutschland an dem Widerstand des nationalen deutschen Bodens; die besten und kräftigsten Elemente aber germanischen Volkstums fielen in Italien dem romanischen Boden zum Opfer, ebenso wie Millionen deutscher Ansiedler, seit dem 13. Jahrhundert nach Osten wandernd, vom national-slawischen Boden absorbiert wurden. In der Gegenwart sehen wir es mit eigenen Augen, wie gegen dieses Naturgesetz, daß der Boden den Menschen beherrscht, die preußische Regierung in den polnischen Landesteilen einen Kampf aufgenommen hat und hören die Klagen, daß alle die Geldopfer erfolglos gebracht werden. Wenden wir nun diesen Erfahrungssatz
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auf Oesterreich an und fragen, wie stellt sich die Arbeitsleistung des Staates zu jenem Naturgesetz der Herrschaft des nationalen Bodens über seine Bevölkerung? Daß der aus Deutschland herausgewachsene Staat, die Funktion jedes Staates naturnotwendig erfüllend, eine national-deutsche Kultur zu schaffen strebte, ist klar. Er konnte nicht anders – denn all und jeder Staat rollt wie eine Kugel auf schiefer Ebene – bis er auf ein Hindernis stößt, das ihn im naturnotwendigen Laufe aufhält, das er aber – wie die Kugel den Metallstift auf dem russischen Billard – umkreist, um seinen Lauf fortzusetzen.
So scheiterte das Werk der national-deutschen Kulturarbeit teilweise an dem nationalen Boden der slavischen Stämme, teilweise aber auch an der national-magyarischen Kulturarbeit des magyarischen Staates, der seinerseits die Sisyphusarbeit der Entnationalisierung des Bodens seit 1000 Jahren mit geringem Erfolge betreibt, vor der deutschen Kulturarbeit aber Oesterreichs auf ungarischem Staatsgebiete einen mächtigen Vorsprung gewonnen hat.
Nun ist die Frage, welche Funktionen wird der österreichische Staat naturnotwendig vollziehen, nachdem seine national-deutsche Kulturarbeit an einem natürlichen Hindernis gescheitert ist? Wer in der Geschichte nicht eine Summe persönlicher Handlungen, die sich an hohe, und allerhöchste Namen knüpfen, sondern Vorgänge sieht, die sich naturnotwendig und namenlos vollziehen, der kann über die Funktionen des österreichischen Staates in der Zukunft keinen Zweifel haben – insbesondere da diese Funktionen bereits begonnen haben und wir seit drei Dezennien die Richtung derselben schon beobachten können. Es kann keinem Zweifel unterliegen – der Staat in Oesterreich hat seine frühere national-deutsche Kulturarbeit aufgegeben und paßt sich den ihm auf jenem Wege entgegengetretenen Hindernissen allmählich an. Er umkreist diese Hindernisse, um seinen naturnotwendigen Lauf fortzusetzen. – Diese Hindernisse sind, wie wir schon andeuten, zweierlei: slawischer nationaler Boden, der buchstäblich Deutsche frißt (man denke nur wieviel er davon schon z. B. in Galizien gefressen hat!) und zweitens, ein in entgegengesetzter, magyarischer Richtung funktionierender Staat, der der nationalen deutschen Kulturarbeit entgegenwirkt und aus vielen Gründen in seiner magyarischen Kulturarbeit begünstigter ist, als es Oesterreich in seiner deutschen Kulturarbeit war. Sprechen wir zuerst von dem magyarischen Staat. Er scheint ja unserem obigen Lehrsatz von der Kraft des nationalen Bodens zu widersprechen, denn auf offenbar nicht-magyarischem Boden leistet der magyarische Staat national-magyarische Kulturarbeit. Gewiß! eine Reihe günstiger Umstände hat es den Magyaren ermöglicht, ihre Nationalität auf fremdem Boden zu erhalten und von einem fast ausnahmslos herrschenden Gesetze eine glänzende Ausnahme zu statuieren. Dazu trug erstens bei die Art und Weise ihrer Besiedelung des Landes, bei der ganze Strecken des Landes, das Zentrum des von ihnen okkupierten Territoriums, kompakt besiedelt und seiner früheren Bewohner wie es scheint durch radikale Ausrottung und Vertreibung vollständig entledigt wurde. In den Teilen aber, wo das nicht geschehen ist, wie im Norden, Südwesten und Süden Ungarns, da ist auch die Magyarisierung heute schon sehr in Frage gestellt und hat schon heute die national-magyarische Kulturarbeit einen schweren
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Kampf mit dem Naturgesetz der Absorption durch den nichtmagyarischen nationalen Boden zu bestehen – einen Kampf, dessen Ausgang wir noch nicht kennen.
Dieser schwere Kampf nach tausendjähriger Herrschaft mit Slowakentum, Ruthenentum, Rumänismus, endlich Serben- und Kroatentum ist ein Beweis der Richtigkeit unseres oben aufgestellten politisch-geographischen Gesetzes. Nur eines ist dabei sicher: daß sich das Magyarentum auf seinem Gebiete dem Deutschtum überlegen erwiesen hat, wozu nicht wenig der Umstand beitrug, daß die Deutschen in Ungarn sehr leicht der Magyarisierung verfallen und darin wie auch direkt in der Förderung des Magyarismus mit den dortigen Juden wetteifern. Wie gesagt, alle diese anormalen Verhältnisse, die von den Magyaren mit großer Klugheit ausgenützt werden, beweisen nur die Macht desjenigen Naturgesetzes, gegen welches die Magyaren mit anerkennenswertem Heldenmut ankämpfen, ohne daß wir heute schon den endgültigen Ausgang dieses Kampfes mit Sicherheit voraussehen könnten. Die national-deutsche Kulturarbeit des österreichischen Staates ist auf jenem Gebiete ein für allemal verdrängt.
Nun kann der österreichische Staat nur auf dem engeren „cisleithanischen“ Gebiete funktionieren, wo ihn der magyarische Staat in seiner Selbständigkeit nicht beeinträchtigt. Wie wird, wie kann und wie soll nun diese Funktion sich gestalten?
Die Funktionen all und jedes Staates haben immer und überall Kulturarbeit zum Inhalt und Kultur zum Resultat. Das ist unvermeidlich, hängt von niemandes Willen ab und gilt auch von dem barbarischesten Staat. Rußland und die Türkei leisten auch Kulturarbeit und Marokko und Tunesien auch. Die Qualität dieser Arbeit und ihrer Resultate hängt von den mannigfachsten äußeren und inneren Bedingungen ab. Da aber jeder Staat, wie gesagt, immer nur eine national-gefärbte Kultur erzeugen kann, die national-deutsche Kultur, welche der österreichische Staat bisher leistete, an den politisch-geographischen Situationen seiner nichtdeutschen Länder scheiterte, so entsteht die Frage, welches nationale Gepräge die Kultur haben kann und haben wird, die der österreichische Staat in seinen nichtdeutschen Ländern fördern wird? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein: dieses Gepräge hängt von der Nationalität des Bodens dieser Länder ab. Denn – von der Nationalität des Herrschers hängt das offenbar nicht ab. Die französischen Bernadotten stehen an der Spitze eines Staates, der schwedische Kultur fördert; und wenn der Coburger auf dem bulgarischen Thron seine Zivilliste in Ruhe genießen will, muß er bulgarische Kultur fördern, ebenso wie der Hohenzoller in Rumänien rumänische und der Wittelsbacher in Athen neugriechische Kultur fördern hilft. Die Persönlichkeit und Nationalität des Herrschers spielt dabei gar keine Rolle – denn Naturprozesse gehen ihren Weg und kümmern sich nicht um Persönlichkeiten, auch um allerhöchste nicht. Ebensowenig können auf das nationale Gepräge der von einem Staate geleisteten Kulturarbeit Minister und Staatsmänner von Einfluß sein und sogar herrschende Minoritäten können die Sache auf die Länge nicht ändern. Wir können also mit Bestimmtheit voraussagen, daß die vom Staate in Oesterreich geleistete und zu leistende Kulturarbeit, ihr nationales
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Gepräge von der Nationalität des Bodens derjenigen Länder empfangen wird, in denen er seine Funktionen entfalten wird.
Nun ist aber die Sache nicht so einfach, denn diese „Länder“ (der österreichische Gesetzgeber nennt sie „Königreiche und Länder“) sind trotz der linguistischen slawischen Verwandtschaft national sehr verschieden und untereinander infolge ihrer verschiedenen historischen Entwicklung durchaus nicht friedlich, ja sogar meist sehr feindselig gesinnt.
Es gibt tiefliegende, zu offener Feindschaft anregende Gegensätze zwischen Tschechen und Polen, zwischen Polen und Ruthenen, zwischen Serben und Kroaten und auch keine volle Uebereinstimmung zwischen Kroaten und Slowenen.
Jede der hier erwähnten sechs Nationalitäten (von den Rumänen in der Bukowina will ich ganz absehen) hat die natürliche Tendenz, sich zu erhalten und ihre nationale Lebensenergie sich auswirken zu lassen, also sich zu entfalten. Infolgedessen stoßen die je aneinander grenzenden, wegen widerstreitender Raum-Interessen kollidierend aneinander. So gibt es an den räumlichen Berührungspunkten, z. B. in Schlesien feindliche Reibungen zwischen Tschechen und Polen, am San in Galizien zwischen Polen und Ruthenen und ebenso in Süd-Ungarn, Kroatien, Slawonien und Dalmatien zwischen Serben und Kroaten. Das sind nicht die einzigen Ursachen der Reibungen. Es gibt tiefer liegende als diese territorialen Grenzstreitigkeiten. Diese tiefern Gegensätze wurzeln in der historischen Vergangenheit.
Die Tschechen sind heute ein Bauern- und Bürger-Volk von vorwiegend liberalen fortschrittlichen Tendenzen; die Polen ein unter Adelsherrschaft entwickeltes Volk, das auch heute von der Adelssuprematie noch nicht entwöhnt ist. Bei den Tschechen spielt die erste Geige die dem Bauernstande entwachsene bürgerliche Intelligenz. Bei den Polen ist der Adel noch immer die leitende Klasse. Daher der tiefe Gegensatz auf dem Gebiete der inneren österreichischen Politik zwischen Tschechen und Polen seit ihrem ersten Zusammentreffen im österreichischen Parlamente im Jahre 1848, ein Gegensatz, den die Verwandtschaft ihrer Sprache dauernd nicht zu überbrücken vermochte und der bis heutzutage trotz häufiger momentaner Annäherungsversuche andauert.
Dazu kommen allerdings auch tiefe gegenseitige Mißstimmungen aus dem Grunde entgegengesetzter Sym- und Antipathien nach außen, insbesondere gegenüber Rußland. Während die gegen Deutschland hin exponierte Lage die Tschechen zwingt, ihren moralischen Rückhalt in dem einzigen slawischen Großstaat zu suchen: sind selbstverständlich die Polen die erbittertsten Feinde des sie mit der Vernichtung ihrer Nationalität bedrohenden Staates.
Noch schlimmer ist die Feindschaft zwischen Ruthenen und Polen. Die ersteren können den letzteren jahrhundertelange Bedrückung und Entnationalisierungsversuche nicht so leicht vergessen, wozu sicher der soziale Gegensatz des grundbesitzenden polnischen Adels und des fast besitzlosen Bauernvolkes hinzugesellt, endlich das bislang allgemeine Gravitieren der Ruthenen nach Rußland, als dem ersehnten Retter und Beschützer aller bedrückten slawischen Stämme. Ich unterlasse hier die Ausführung ähnlicher gegenseitiger Verstimmungen und Feindselig-
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keiten zwischen den einzelnen südslawischen Stämmen, namentlich der Kroaten und Serben, und eile zur Frage, welche Wirkungen die Funktionen des österreichischen Staates auf diese verschiedenen untereinander nichts weniger als übereinstimmenden slawischen Nationalitäten üben können und üben müssen.
Zuerst eine allgemeine Betrachtung.
Geschichtliche Erfahrung lehrt uns, daß die einheitliche Kultur, welche ein Staat erzeugt, sich auf einer Vielheit verschiedener sprachverwandter Stämme aufbaut, wobei die Sprache eines dieser Stämme die Oberhand gewinnt und – zur Nationalsprache wird. Beispiele dafür sind: Deutschlang, Italien, Frankreich, Großbritannien.
Man darf also mit einiger Berechtigung fragen: sollte sich dasselbe Schauspiel nicht auch im slawischen Osten Europas wiederholen? Sind doch die Verschiedenheiten zwischen den einzelnen slawischen Idiomen, z. B. zwischen Tschechisch und Polnisch, oder zwischen Polnisch und Ruthenisch, zwischen Kroatisch und Slowenisch durchaus nicht größer, als zwischen Süddeutsch und Norddeutsch. Wenn nun also der österreichische Staat berufen ist, in seinen slawischen Ländern als Staat zu funktionieren und dabei jede Germanisierungstendenz aufgab: wäre da die Annahme nicht berechtigt, daß er irgend eine gemeinsame slawische Nationalität erzeugen wird, die sich über all den Verschiedenheiten der sprachverwandten Länder aufbauen mußte?
Dieser Gedanke drängt sich um so mehr auf, als doch jahrzehntelang, ja fast ein Jahrhundert lang ein anderer Staat, Rußland, eine solche Tendenz offen verfolgte und der „Panslawismus“ ein sehr verbreitetes politisches Programm war, der erst in den letzten Monaten, man kann sagen in der Tsuschimastraße Schiffbruch litt. Denn der Panslawismus war das Bestreben, alle slawischen Völker Ost-Europas unter dem Szepter des russischen Zaren zu vereinigen. Absonderlich war ja die Idee nicht und Rußland wäre in der Geschichte nicht der erste Staat, dem eine solche Vereinigung der verschiedensten Stämme gelungen wäre, die zu einer nationalen Einheit verschmelzen würden – wenn die Großmacht, die ein solches Kulturwerk in Angriff nahm und förderte – Großmacht geblieben wäre. Letzteres ist nun nicht der Fall. Als Großmacht scheint Rußland dem Verfall mit Riesenschritten entgegenzueilen und damit ist auch der (russische) Panslawismus gescheitert. Dieses Mißgeschick Rußlands ist ein Glücksfall für Oesterreich. Denn nun braucht es die ihm gefährliche russische panslawistische Propaganda nicht zu fürchten. Aber der Umstand, daß die Propaganda jahrzehntelang nicht ohne Erfolg geübt wurde, ist ein Beweis, daß die Idee der Verschmelzung der vielen slawischen Stämme zu einer nationalen Einheit gewisser realer Grundlagen nicht entbehrte.
Davon kann nun nicht die Rede sein, daß Oesterreich irgend eine ähnliche panslawistische Richtung von seinem slawischen Länderbesitz aus einschlagen könnte. Aber die Frage ist berechtigt, ob die staatlichen Funktionen auf dem Territorium der slawischen Länder Oesterreichs eine Vereinheitlichung, eine nationale Verschmelzung dieser Länder zur Folge haben können, oder ob dieselben jedes einzeln innerhalb des österreichischen Staates seine besondere nationale Existenz und Entwicklung zu erwarten haben.
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Letzteres ist nun zunächst gewiß zu erwarten. Nachdem die Germanisierung dieser Länder sich als unmöglich und undurchführbar erwiesen hat, so hängt es weder vom Herrscher noch von den früher herrschenden Deutschen ab, sondern ist eine unvermeidliche Folge der Tatsache des staatlichen Bestandes und der vom Staat geübten Funktionen, daß sich diese Länder national entwickeln. Wenn nun auch die Vorbedingungen einer nationalen Entwicklung in den einzelnen dieser Länder in verschiedenem Maß gegeben sind, indem die einen schon eine Jahrhunderte alte Literatur besitzen (z. B. Polen), die andern erst seit kurzem eine Literatur zu entwickeln beginnen (Ruthenen, Slowenen), so ist doch im Zeitalter der billigen Herstellung von Preßerzeugnissen und des leichten geistigen Verkehrs mit anderen Kulturvölkern (Uebersetzungen aus fremden Sprachen) gar nicht daran zu zweifeln, daß auch die jüngsten dieser slawischen Stämme sehr bald auf einen entsprechenden Kulturbesitz werden hinweisen können.
Aeltere Kulturvölker pflegen auf jüngere, die es noch nicht so weit gebracht haben, mit Stolz und Hochmut herabzublicken, in der festen Ueberzeugung, daß man „zu einer solchen Kultur nicht über Nacht gelangen kann, daß das Jahrhunderte gedauert hat, bis man eine solche Kultur erwarb“. In diesem Räsonnement steckt ein Rechenfehler. Heutzutage, in dem Zeitalter des Dampfes und der Schnellpressen, wird von jungen Kulturvölkern Kultur tatsächlich über Nacht erworben – sie brauchen nicht erst Jahrhunderte daran sich abzumühen – das haben andere für sie getan. Da kann man nicht sagen: „Weh dir, daß du ein Enkel bist“, sondern man muß sagen: „Wohl ihnen, daß sie Enkel sind“ – in der Kultur. Es ist unglaublich, wie schnell sich heutzutage Völker, deren Kultur von gestern datiert, zur geistigen Höhe alter Kulturvölker aufschwingen. Man denke nur an die Tschechen, deren Kultur kaum seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts datiert, deren ganze nationale Intelligenz bekanntlich noch im Jahre 1848 „unter einem Dache“ Platz fand. Wer aber da meint, daß die heutige tschechische Intelligenz infolge dieser Jugend bedeutend tiefer stehe, als die irgend eines alten Kulturvolkes – der irrt gewaltig. Zwischen einem gebildeten Tschechen und einem gebildeten Deutschen läßt sich durchaus kein Unterschied statuieren, der auf das höhere Alter der deutschen Kultur hinweisen würde. Betrachten wir z. B. gewisse Merkmale der Kultur. Bis es die Deutschen zu einem „Brockhaus“ oder „Meyer“ gebracht haben, das hat allerdings lange gedauert. Viele Jahrhunderte gelehrter Bildung mußten vorausgehen, eine lange Reihe Generationen von „Denkern und Dichtern“ haben an dem Schatz des Wissens und geistigen Könnens gearbeitet, um so einen „Brockhaus“ möglich zu machen. Da kommt so ein junger Springinsfeld auf dem Gebiete der Kultur wie das tschechische Volk, und ehe man sich versieht, haben sie ihr „Wissenschaftliches Lexikon“ (Naucny Slovnik), der es in all und jedem mit der Jubelausgabe des Brockhaus aufnimmt, ja denselben durch die gelehrten Artikel über die slawische Welt noch übertrifft. Und ebenso auf anderen Gebieten. Ein großes tschechisches politisches Journal steht einem deutschen in der ganzen Mache, in dem geistigen Gehalte, dem intellektuellen Niveau keineswegs nach. Man sagt, daß die Kinder in unserer Zeit schon intelligenter geboren werden: dasselbe scheint mit den jungen Kulturvölkern der Fall zu sein Sie
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brauchen nicht Jahrhunderte, um auf die Höhe der älteren Kulturvölker zu kommen: das geschieht in unserer Zeit unglaublich schnell. Als weitere Beispiele solcher blitzzugartigen Kulturentwicklng in neuester Zeit könnte ich die Slowenen und Ruthenen zitieren – doch würde mich das hier zu weit führen. (Auch von Esten und Letten ist mir dasselbe erzählt worden.) Haben es nun die politischen Verhältnisse mit sich gebracht, daß der Staat seine Funktionen in den Dienst der Kulturentwicklugn solcher Völker stellen muß, so erfolgt diese Entwicklung in immer beschleunigterem Tempo: denn dieselbe Maschinerie, die früher die Entwicklung dieser Völker niederhielt, arbeitet heute mit Volldampf an der Förderung derselben.
Hiermit sind wir zu der oben gestellten Frage über die Wirkungen der Funktionen des österreichischen Staates auf die verschiednene Nationalitäten seines Länderbesitzes zurückgekehrt. Und die Antwort kann nun nicht zweifelhaft sein. Es wird die nationale Entwicklung derselben nach allen Seiten hin mächtig fördern.
Es ist nun begreiflich, daß sich die Deutschen Oesterreichs einer solchen „Politik“ der österreichischen Regierung mit aller Gewalt entgegenstemmen, dieselbe verurteilen und sie mit allen Mitteln bekämpfen müssen. Sie werden gegen diese „Politik“ alle Abwehrmaßregeln ergreifen. Nationaler Selbsterhaltungstrieb zwingt zu einem solchen Verhalten. Nur ist das, wogegen sie ankämpfen, nicht eine „Regierungspolitik“, wie sie fälschlich meinen, sondern ein Entwicklungsprozeß, der nicht von den einzelnen Ministern abhängt. Man hat von deutscher Seite vor wenig mehr als einem Dezennium es dem Einflusse eines polnischen Unterrrichtsministers (Madejski) zugeschrieben, daß in Untersteiermark (Cilli) das erste slowenische Gymnasium errichtet wurde. Nun heute haben wir einen Deutschen als Unterrichtsminister, der obendrein ein deutscher Universitätsprofessor war (von Hartel), und der konzediert den Slowenen gleich eine ganze Universität. Von deutscher Seite wird er mit Vorwürfen überhäuft. Als ob solche Dinge von den einzelnen Ministern abhängen, von denselben diktiert werden. Und diese Entwicklungen gehen ihren Gang trotz aller Rekriminationen. Nun aber drängt sich eine weitere Frage auf. Hat je ein Staat mehrere nationale Kulturen erzeugt? Kann ein Staat gleichzeitig mehrere verschiedene nationale Kulturen fördern? Davon allerdings kennt die Geschichte kein Beispiel. Das ist begreiflich. Denn die Funktionen des Staates haben doch in in erster Linie die Tendenz, das Zusammenleben der Menschen möglichst zu erleichtern, ihren gegenseitigen Verkehr zu fördern. Daher eliminieren diese Funktionen alles, was dieses Zusammenleben stört, diesem Verkehr hindernd in den Weg tritt. Wenn der Staat regelrecht funktioniert, beseitigt er Verbrecher, welche das friedliche Zusammenleben bedrohen, schafft er Verkehrsmittel und Anstalten, ordnet er mittelst des Rechtes Eigentumsverhältnisse, um keine Streitigkeiten aufkommen zu lassen usw. usw. In derselben Richtung seiner Tätigkeit liegt das Bestreben, einer Sprache im ganzen Staatsgebiete als Verständigungsmittel Geltung zu verschaffen. Daher kommt die Nationalisierungstendenz der Staaten. Rußlands Versuche
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der Russifizierung aller seiner Völker lagen in derselben Richtung der natürlichen Funktionen des Staates, wie die einstige Tendenz Oesterreichs, der Germanisierung seiner Länder. Nun wissen wir, daß diese natürliche Tendenz des Staates auf mächtigere, natürliche Hindernisse stoßen kann, vor denen sie kehrt machen und an die sie sich anpassen muß. Rußland stieß auf solche Nationen, die es nicht russifizieren konnte und Oesterreich auf solche, die es nicht germanisieren konnte. Wenn nun auch daraus folgt, daß die sich als unmöglich erweisende Nationalisierung aufgegeben wird, so ändert das jedoch nicht die natürliche Tendenz des Staates in der von ihm unter dem Zwange übermächtiger Verhältnisse eingeschlagenen neuen Richtung. Nach Aufgabe der Germanisierung in seinen slawischen Ländern wird der Staat in Oesterreich nichtsdestoweniger durch seine Funktionen automatisch die Tendenz verfolgen, seine verschiedenen slawischen Völker einander zu nähern. Es wird also unbewußt und automatisch, indem er Kultur im allgemeinen fördert, die Abstände und Verschiedenheiten seiner slawischen Völker nicht erweitern, sondern allmählich aufheben und ebnen – der einheitliche Staat wird eo ipso die verschiedenen slawischen Völker seines Ländergebietes einander nähern. –
Damit greift das Räderwerk des österreichischen Staates in das noch viel größere Räderwerk des osteuropäischen Kulturproblems ein. Wie jedes andere Kulturproblem, besteht auch dieses darin, die vielen sprachverschiedenen, obwohl sprachverwandten Völker Osteuropas unter einen friedlichen Hut zu bringen.
Krieg ist sehr häufig ein Mittel der Kultur – aber der Zweck der Kultur kann doch nur der Friede und friedliches Zusammenleben sein. Daher besteht jedes Kulturproblem darin, ein solches Zusammenleben zu ermöglichen, und wenn man von Krieg und Gewalt absieht, kann dieses Ziel nur erreicht werden durch sprachliche Annäherung und gemeinsame Kultur.
Unbewußt verfolgen dieses Ziel alle Staaten nicht ohne Krieg, Gewaltanwendung und Blutvergießen. Dieses Ziel verfolgte denn auch der russische Panslawismus. Man kann heute annehmen, daß das Zarenreich nicht mehr imstande sein wird, diese Kulturarbeit aufzunehmen, bestenfalls aber wird es nur die eine Hälfte derselben leisten können, die Vereinheitlichung des Ostslawentums. Auf dem Gebiete des West- und Südslawentums bleibt aber diese Arbeit demjenigen Staate vorbehalten, der hier als solcher funktionieren wird. Gegenwärtig ist es Oesterreich. Der Gedanke ist nicht abzuweisen, daß, indem Oesterreich die verschiedenen west- und südslawischen Völker auf seinem Gebiete vereint, es diesen Teil des osteuropäischen Kulturproblems zu lösen berufen ist.
Dieser Gedanke drängt sich um so mehr auf, wenn man gewisse geistige Strömungen und national-politische Bestrebungen innerhalb dieser Völkerstämme objektiv beobachtet, welche ganz dazu geeignet sind, jenen Beruf den österreichischen Staatsmännern zu suggerieren. Auf diese Strömungen und Strebungen wollen wir zum Schlusse hier kurz hinweisen.
Der russische Panslawismus hatte im Herzen des Slawentums, in Polen, einen erbitterten Gegner. Man beschuldigte ihn, und das nicht mit Unrecht, daß er unter dem gleißenden Vorwande, alle Slawen
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zu vereinigen, für den russischen Despotismus Werbedienste leiste, alle slawischen Völker der russischen Knechtschaft überantworten wolle.
Um demselben nur ja gründlich auszuweichen, wurden all und jede Annäherungsversuche zwischen den sprachverwandten slawischen Stämmen als „Panslawismus“ von den Polen verpönt und geächtet. Die harmlosesten Kongresse slawischer Linguisten wurden als Mittel des „Panrussismus“ gebrandmarkt. Unter diesen Anfeindungen litt all und jeder Versuch, die sprachverwandten Stämme auf kulturellem Gebiete einander näher zu bringen.
Diese reservierte, ja fast feindliche Haltung, insbesondere der Poien, sodann aber auch der liberalen Elemente aller slawischen Stämme solchen Annäherungsversuchen gegenüber begann gegen Ende der 80er Jahre des verflossenen Jahrhunderts einer entgegengesetzten „slowophilen“ Strömung zu weichen. An den österreichischen Hochschulen begann damals unter den Studierenden slawischer Nationalität sich eine Annäherung zu vollziehen, die nicht unbedeutsame Folgen nach sich ziehen sollte. Man begann zwischen „Slawismus“ und „Panslawismus“ zu unterscheiden. Der erstere sollte von allen politischen Bestrebungen sich fernhalten und nur die kulturelle „slawische Gegenseitigkeit“ und Solidarität auf kulturellem (literarischem, linguistischem) Gebiete pflegen und fördern.
Diese seit kaum zwei Dezennien aufgetretene Strömung hat schon bis heutzutage sehr beachtenswerte Resultate geliefert. Nach den Annäherungen und Verbrüderungen studentischer Vereine der verschiedenen slawischen Nationalitäten an den österreichischen Hochschulen kamen Gründungen von „Slawischen Vereinen“, an welche sich dann solche von „Slawischen Klubs“ anschlossen. Für den totalen Umschlag der öffentlichen Stimmung und Meinung diesen Erscheinungen gegenüber ist nichts bezeichnender, als daß in der Metropole des exklusiven Polonismus, in Krakau, wo bisher die Ignoranz aller slawisch-nichtpolnischen Idiome und Literaturen förmlich gezüchtet und als höchster Patriotismus betrachtet wurde, in den 90er Jahren unter der Patronanz der Universitäts-Professoren ein „Slawischer Klub“ gegründet wurde und seit Anfang dieses Jahres sogar eine Monatsschrift „Die Slawische Welt“ erscheint.
Alle diese Gründungen sind zunächst nicht politisch und vor allem nicht panslawistisch. Sie sind ausschließlich kulturell und entspringen zunächst dem begreiflichen literarischen Interesse, die sprachverwandten Literaturen und ihre Entwicklung kennen zu lernen.
Bei der Pflege, welche heutzutage jeder moderne Staat der Wissenschaft und Literatur entgegenbringen muß, kann es ja nicht fehlen, daß der österreichische Staat nolens volens alle diese slawischen Bestrebungen fördert. Er muß nämlich Schulen gründen; nach den Volksschulen kommen die Bürgerschulen und Lehrerseminare; überall in den nationalen Sprachen. Also: tschechisch, polnisch, ruthenisch, slowenisch, kroatisch, auch serbisch. Nach den Bürgerschulen kommen die Mittelschulen, Gymnasien und Techniken, und nach diesen – die Universitäten. Selbstverständlich vollzieht sich das alles unter heftigstem Widerspruch der Deutschen.
Es hilft Ihnen aber nicht. Obendrein sind es lauter deutsche Minister, welche an den Wendepunkten dieser unvermeidlichen histo-
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rischen Entwicklung Oesterreichs immer die entscheidenden Schritte tun. An die Namen der deutschen Minister Giskra, Stremayr, Gautsch und Hartel knüpfen sich die wichtigsten Verordnungen, Entscheidungen und Gründungen, welche die Marksteine die gebundene Marschroute bezeichnen, die die historischen Verhältnisse und geographische Lage dem österreichischen Staate vorgezeichnet haben. Daraus kann man ersehen, daß Ministerwechsel auf die Richtung der Entwicklung keinen Einfluß haben; die hängst eben nicht von Ministern ab. Das Gegenteil ist der Fall: die Richtung der Entwicklung entscheidet souverän über die Handlungen der Minister, mögen sie welcher Nationalität immer angehören. Und auch wenn der Führer der deutschen Volkspartei, Derschatta, Minister werden sollte, würde die Richtung dieser Entwicklung nicht um Haaresbreite anders werden: nur Dr. Derschatta würde – bei den Deutschen unpopulär werden, wie es noch jedem deutschen Minister in dieser Situation ergangen ist.
Auf diese Weise fördert und begünstigt der Staat in Oesterreich sowohl die Entwicklung der einzelnen slawischen Nationalitäten und dadurch implicite – bei der heutigen slawistischen Strömung – die Annäherung derselben aneinander, d. i. den Slawismus.
Nun ist es aber eine Erfahrungstatsache, daß sozial-psychische Strömungen nur die Vorboten und Begleiterscheinungen politischer Bestrebungen sind. Man denke an die Einigung Italiens und Deutschlands und die ihnen vorangegangenen sozial-psychischen Strömungen.
Danach dürfte die Behauptung nicht als gewagt erscheinen, daß auch der Slawismus in Oesterreich, wenn er auch zunächst ein ausschließlich kultureller und literarischer ist, diesen Charakter nicht bewahren, sondern bei einem gewissen Grad der Erstarkung ins Politische umschlagen, sich in eine politische Strebung umsetzen wird.
Soll ich für diese Behauptung einen Beweis erbringen? Nichts leichter als das. Man blicke nur nach Kroatien, Dalmatien, Krain und das österreichische Küstenland. Das „dreieinige“ Königreich wurde von Ungarn im Bunde mit den Deutschen nach dem Grundsatze divide et impera in zwei Teile gespalten. Kroatien-Slawonien blieb bei Ungarn, Dalmatien kam an Oesterreich. Aber es währte nicht lange und die sozial-psychologischen Einigungs-Strömungen auf Grundlage der gleichen (serbo-kroatischen) Nationalität setzten sich in politische Bestrebungen um, die Vereinigung dieser Länder herbeizuführen. In Agram und in Zara wurden diesbezügliche Forderungen schon zu wiederholten Malen laut und offen proklamiert, in Zara von dem dalmatinischen Landtage. Das braucht weniger Wunder zu nehmen; spricht doch für eine solche Vereinigung nicht nur die historische Vergangenheit, die gleiche Nationalität, sondern auch das kodifizierte, nicht aufgehobene, noch immer anerkannte kroatische und ungarische Staatsrecht.
Aber auch die seit mehreren Dezennien fortgesetzten Annäherungen der Kroaten an die ihnen sehr nahestehenden Slawen Krains und Istriens sind heute bereits in das Stadium der politischen Bestrebungen umgeschlagen.
Man erwägt vielfach, ob es zwischen Kroatien und „Slowenien“ nicht zu irgend einer Union kommen könnte. Die Verwirklichung
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solcher Pläne ist selbstverständlich noch weit im Felde. Denn erstens gibt es zwischen Kroaten und Slowenen einen ähnlichen Gegensatz, wie zwischen Polen und Tschechen. Die Kroaten sind ein „Adelsvolk“, d. h. ein Volk, das seit Jahrhunderten unter adeligem Regime sich entwickelte; davon zeugen noch ihre Wappenbrüderschaften ähnlich wie bei den Polen. Die Slowenen kennen diesen ganzen Plunder nicht und sind daher mehr demokratisch, so wie die Tschechen. Daraus entstehen gewisse Mißhelligkeiten, die nicht so leicht zu überwinden sind. Eines aber ist sicher: das dreieinige Königreich wird einig werden trotz der 1867er Verfassung, welche dasselbe zwischen Ungarn und Oesterreich aufteilte. Denn der gemeinsame kroatische Boden wird sich als lebensfähiger erweisen, als eine „liberale“ Verfassung. Die Volkskräfte werden sich geltend machen und siegen. Und auch die Slowenen werden sich entwickeln, obwohl sie es in ihrem Lande mit zwei mächtigen alten Kulturnationen zu tun haben, für welche ihre Entwicklung gefährlich ist: mit Italienern und mit Deutschen. Diesen wird auf slowenischen Boden das Los aller alten Kulturvölker nicht erspart bleiben. Sie können froh sein, wenn sie auf ihrem eigenen Boden von fremden Barbaren nicht überflutet und besiegt werden; wo sie aber über die Grenzen ihrer Heimat hinaus Kultursamen streuten: streuten sie Kadmeische Drachenzähne, aus denen gewappnete Scharen entstehen, die ihnen feindlich entgegentreten. Die geschichtliche Entwicklung ist keine Idylle und ethische Gefühle sind nicht Leitsterne der Völker. Man muß sich schon damit zufrieden geben, wenn die Völkerkämpfe innerhalb staatlicher Rechtsordnungen sich vollziehen; ihre Triebfedern aber und ihre Ziele liegen weder auf dem Gebiete des Rechts noch der Ethik, sondern ergeben sich aus dem Wesen des sozialen Naturprozesses.
Dr. Ludwig Gumplowicz.
1Ueber das Wesen einer sozialen Erscheinung vergl. meinen Grundriß der Soziologie. 2. Aufl., Wien 1905, S. 101.