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Soziologische Probleme in der österreichischen Politik, in: Politisch-Anthropologische Revue 3 (1904/05), 759-763.
Soziologische Probleme in der österreichischen Politik.
Ludwig Gumplowicz
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Den Historiker und Politiker interessieren Aktionen und Vorgänge. Er verzeichnet die Minister, die gehen und die kommen und welche Programme sie haben und welche Maßregeln sie ergreifen. Von wissenschaftlichem Standpunkte ist das ein undankbares Geschäft: denn zum Nachweis irgendwelcher Gesetzmäßigkeit in den Vorgängen kann das nie und nimmer führen. Wir blicken in ein Kaleidoskop von immer wechselnden individuellen Handlungen und Schicksalen.
Für den Soziologen hat all das kein Interesse. Er will auf dem Grunde all dieser Dinge die sozialen Prozesse erspähen, die sich vollziehen. Eine schwierige Sache, weil der Zeiger auf der sozialen Uhr dem Auge unbeweglich scheint und Jahrhunderte braucht, bis er unmerklich eine Vorwärtsbewegung anzeigt – während der Sekundenzeiger der Politik fieberhaft täglich fast einen sichtbaren Ruck macht.
Nichtsdestoweniger bewegt sich ja auch der große Zeiger, der die sozialen Entwicklungen anzeigt, nur muß man nach rückwärts schauen auf die von ihm zurückgelegte Bahn, um sich über die Richtung seiner wahrscheinlichen Vorwärtsbewegung eine Vorstellung bilden zu können. Fragen wir nun, was geht Soziologisches in Oesterreich vor? so ist vor allem klar, daß es sich da um die große Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Slawen handelt. Es spielt sich ein Prozeß der Grenzregulierung ab, der durch Jahrtausende alte Kämpfe der Deutschen gegen Slawen eingeleitet wurde. Das Deutschtum hatte einen mächtigen Anlauf genommen, den Osten sich zu unterwerfen: eine der letzten Formen dieses Sturmlaufs war Oesterreich. Es war siegreich und unter Kaiser Josef II. erreichte es in seiner Expansion die fernste Ostgrenze – bis an den Pruth. Es konnte aber diesen Besitz nicht behaupten und seit der Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts erfolgte ein Rückschlag und die slawische Flut brandete bis an die Tore Wiens.
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Die Volksfreiheiten, die seit 1848 und noch mehr seit 1860 dem absoluten Regime abgerungen wurden, schwächten die Expansivkraft des Deutschtums in Oesterreich und stärkten die slawische Widerstands-, ja sogar Angriffskraft.
Noch einmal im Jahre 1861 machte ein deutscher Staatsmann, Schmerling, den verzweifelten Versuch, politische Freiheit mit Germanisation Oesterreichs zu verbinden: er scheiterte. Politische Freiheit und Entnationalisierung schließen sich aus. Da die Deutschen die erstere wollten, mußten sie auf Germanisierung verzichten. Nun erwachten überall die slawischen Nationalitäten zu neuem Leben und erstarkten unter freiheitlichen Institutionen so sehr, daß sie da, wo sie, wie in Böhmen, Mähren und Schlesien, mit den Deutschen gemischt in einem Lande leben, gegen diese letzteren zur Offensive übergehen konnten. Das tun sie heute und die Deutschen sind da überall von der ehemaligen Offensive in die Defensive gedrängt. Der Kampf wogt herüber und hinüber. Welche Faktoren werden da den Ausschlag geben?
Die Politiker blicken auf die Minister; sie glauben, daß es in der Macht einzelner Persönlichkeiten liegt, der einen oder anderen Partei den Sieg zu verschaffen.
Im Zeitalter der Soziologie und der „Politischen Geographie“ ist das eine anachronistische Naivetät.
Solche Kämpfe werden nicht von Ministern entschieden; es sind ganz andere Faktoren, welche da über Sieg und Niederlage entscheiden.
Die Kraft einer Nationalität liegt in den großen Volksmassen. Allerdings müssen diese geführt und geleitet werden. Diese Leitung besorgt heute überall die Intelligenz, sei es weltliche oder geistliche (Klerus). Siegen kann aber nur die größere Masse.
Doch auch die Zahl allein macht es nicht. Diese Masse muß bodenständig sein und muß ein geeignetes geschlossenes Territorium okkupieren. Eine bodenständige Bevölkerung in einem geographisch gut abgezirkelten, natürlich begrenzten Lande, von energischer Intelligenz geführt, ist im nationalen Kampf unbesiegbar. Bei modernen freiheitlichen Institutionen kann ihr keine Macht der Welt bekommen.
Friedrich Ratzel hat das schöne Wort geprägt von der Einwurzelung einer Bevölkerung in den Boden. Darin liegt noch etwas mehr als Bodenständigkeit. Eine Bevölkerung kann bodenständig sein, aber doch nicht eingewurzelt. Es liegt darin der Gegensatz zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung. Die städtische, wenn auch uralt ansässig, ist mit dem Boden des Landes nicht so innig verbunden, wie die ländliche, Ackerbau treibende. Erstere hat in vieler Beziehung geringere Widerstandskraft, speziell auch hinsichtlich ihrer Nationalität. Die ländliche Bevölkerung wurzelt im Boden, ist tatsächlich ein Teil desselben, soweit, daß ihre Nationalität fast als die des Bodens angesehen werden kann. Daher ist die Nationalität einer solchen Bevölkerung unausrottbar; sie scheint aus dem Boden immer neu zu wachsen.
Diese anthropologische Tatsache ist es, welche den Kampf der Deutschen gegen die Tschechen in Böhmen so aussichtslos macht: die Deutschen pochen auf ihre höhere Kultur, auf ihr Kapital, auf ihren Gewerbefleiß und ihre höhere Industrie. Die Tschechen aber sind die eingewurzelte Bevölkerung. Wie der Riese Antäus ziehen sie ihre Kraft aus dem Boden. Das fühlen die Führer der Tschechen instinkt-
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mäßig und wenn sie noch so tollkühn im Kampfe vorgehen und auf Erfüllung ihrer Forderungen bis zum i-Tüpfelchen beharren, so pflegen sie ihren Vorgang mit einem Worte zu rechtfertigen, das verblüffen muß, dem man aber bei näherer Betrachtung die Berechtigung nicht absprechen kann. Sie pflegen zu sagen: „was kann uns geschehen?“. So sprechen die Führer eingewurzelter Bevölkerungen.
Wie war bisher die Taktik der Deutschen diesem Gegner gegenüber? Man urteile. In den Staatsgrundgesetzen der 67er Jahre haben die liberalen Deutschen sich Garantieen geschaffen, daß sie nicht – tschechisch zu lernen brauchen. Ja! wenn sie gleichzeitig hätten verhindern können, daß die Tschechen deutsch lernen, wären sie allerdings im Vorteil. Nachdem sie das nicht konnten, lernten die Tschechen deutsch und die Deutschen blieben einsprachig dem zweisprachigen Gegner gegenüber. Heute allerdings könnten die damaligen Gesetzgeber wieder aus Ratzels Politischer Geographie es lernen, daß der Einsprachige dem Zweisprachigen gegenüber schon „aus dem Grunde im Nachteil ist, weil jener zwei Welten kennt, dieser nur eine“, was in jedem Falle jenem ein moralisches Uebergewicht verschafft, abgesehen von den praktischen Vorteilen. Noch eine zweite Maßregel ergriffen die Deutschen: die „Gemeinbürgschaft“. Diese Maßregel war arithmetisch richtig, aber soziologisch falsch. Die Gemeinbürgschaft aller Deutschen in Oesterreich verschafft ihnen ein zahlenmäßiges Uebergewicht – auf der statistischen Tabelle. Um wieder auf Ratzel mich zu berufen, ist das aber keine territoriale Politik, sondern eine im höchsten Grade „unterritoriale“. Das ist ganz so, als wenn eine Armee auf dem Schlachtfelde, die dem Feinde gegenüber an Zahl schwächer ist, ihre Hoffnungen darauf setzen wollte, daß sie weit weg vom Schlachtfelde noch auf Verstärkungen zählen kann. Aber auf dem Schlachtfelde zählen nur die Anwesenden und nicht die Abwesenden. Im Kampfe der Deutschen gegen die Tschechen in Böhmen hat die Gemeinbürgschaft gar keinen Wert, und ebensowenig in anderen Ländern, wo die Deutschen in ähnlicher, vielleicht in noch schlimmerer Lage sind (z. B. Dalmatien). An einer Stelle allerdings könnte die deutsche Gemeinbürgschaft einen Erfolg haben, d. i. in einem Parlament, wenn sie da den Deutschen aller österreichischen Länder zu einer Majorität verhelfen würde. So hat es auch der Schöpfer des österreichischen Parlaments, Schmerling, sich gedacht und war ehrlich bemüht, sogar durch allerhand Wahlgeometrie diese deutsche Majorität im Reichsrat sicherzustellen. Doch Schmerlings Idee scheiterte erstens, an den realen Verhältnissen; zweitens hat sich gerade in diesem Reichsrat die deutsche Gemeinbürgschaft nie bewährt, weil Parteiunterschiede sich immer mächtiger erwiesen als der Nationalverband (klerikale und liberale Deutsche stimmen nicht miteinander!), drittens ist dieses in Oesterreich seit 40 Jahren bestehende Parlament kein Parlament, sondern ein nie gelingen wollendes Experiment, das als solches nur beweist, dßa in einem Nationalitätenstaate ein Zentralparlament eine Unmöglichkeit ist. Und das ist ja klar. Denn Parlamente sind ihrem Ursprunge und ihrem Wesen nach Besprechungen und Beratungen zwischen Mitgliedern ein und derselben sozialen Gruppe, zum mindesten aber derselben Nation. Innerhalb solcher Parlamente kann es Parteiunterschiede geben, es kann Streit darüber bestehen, wer
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das Steuer führen solle im Interesse der Gesamtheit; aber ein Parlament kann nicht absolut feindselige soziale Gruppen umfassen, die ihrem „inhärenten Interesse“ nach, um mit Ratzenhofer zu sprechen, einander ganz über Bord werfen wollen.
Solche Gruppen haben nie miteinander parlamentiert, sondern sich gegenseitig ausgeschlossen. Die siegreichen Normannen haben sich mit den Angelsachsen nicht parlamentiert, sondern untereinander gegen die Angelsachsen konspiriert; ebenso die Franken in Gallien gegen die Gallier und Provinzialen und die Westgoten in Spanien gegen die Römer. Auch in Ungarn haben die magyarischen Eroberer untereinander parlamentiert, aber nicht mit den von ihnen unterworfenen Volksgenossen.
Allerdings ist es ja im Laufe weiterer Entwicklungen in komplizierten Staatswesen dazu gekommen, daß man auch den Vertretern unterworfener Nationen den Zutritt zu den Parlamenten gestatten mußte; doch geschah das seitens der herrschenden Nation nur in dem Maße un in der Weise, daß die so zugelassenen nie mehr als eine geduldete und bedeutungslose Stellung im Parlamente einnahmen. Man denke an die Stellung der Irländer im englischen Parlament.
Nun hat ja allerdings der Schöpfer des österreichischen Reichsrats, Schmerling, diese richtige Idee von einem Parlamente gehabt und dachte sich das österreichische als ganz überwiegend deutsch mit einer ganz unbedeutenden Minorität Nichtdeutscher. Aber wie gesagt, sein Plan scheiterte, und schon der 1867 reformierte Reichsrat wies eine solche nichtdeutscher Abgeordneter auf, daß der Charakter eines Parlaments verloren ging und es immer schwieriger wurde, eine nationale Majorität zu bilden, womit das Wesen eines Parlaments in die Brüche ging. Seit 35 Jahren also wird experimentiert, ob sich nicht doch eine kompakte Majorität bilden läßt: ohne Erfolg. Begreiflich. Denn zwischen national verschiedenen Gruppen gibt es keinen Ausgleich, daher auch kein Parlament. Wohl kann es poly-nationale Staaten geben, dafür liefert die Geschichte viele Beispiele. Solche können aber nur entweder absolut regiert werden (wie Rußland) oder sie müssen föderalisiert werden, so daß, wenn sie parlamentarisch regiert werden sollen, jeder territorial-nationale Bestandteil sein eigenes Parlament besitzt. Eine dritte Möglichkeit, ein Zentralparlament, in dem die verschiedenen Nationalitäten maßgebend vertreten sind, ist nicht möglich, weil ein solches Misch-Masch-Parlament nicht funktionsfähig ist. Die Geschichte kennt auch kein Beispiel solcher Parlamente.
Von den obigen zwei einzigen Möglichkeiten: Absolutismus oder Föderalismus, d. h. ein Bundesstaat mit autonomen Parlamenten der einzelnen nationalen österreichischen Staaten, ist die letztere offenbar noch weit im Felde und braucht mit ihr daher nicht gerechnet zu werden, während die erstere aktuell ist, denn der Absolutismus hat ja eigentlich bisher in Oesterreich nie ganz das Feld geräumt und hält die wichtigsten Positionen besetzt, wenn er auch, um seinen finanziellen Kredit zu festigen, dem Konstitutionalismus einige Konzessionen machte. Man braucht ihn also nicht erst einzuführen, er ist tatsächlich da und kann nichts besseres tun, als Parlament spielen lassen. Und das tut er auch. Hinter diesem parlamentarischen Spiel aber bereiten sich diejenigen sozial-nationalen Entwicklungen vor, welche für die zukünftige föderalistische Gestaltung Oesterreichs von eminenter Bedeutung sind.
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Das nächste Ziel dieser Entwicklungen sind offenbar die Konsolidierung nationaler Agglomerate je auf den einzelnen nationalen Territorien, von denen es im ganzen vier oder fünf gibt, deren Umrisse sich bereits, wenn auch noch unklar, auf dem Horizont der Zukunft zu zeichnen beginnen. Heute steht nun die Sache so. Es wird Parlament gespielt; der Absolutismus aber sorgt für die Erhaltung des Staates. Den nationalen Gestaltungen steht er indifferent gegenüber. Er wird diejenigen nationalen Gruppierungen einst ratifizieren, welche sich durchsetzen werden; er tritt nur denjenigen Tendenzen entgegen, die ihm dem derzeitigen Staatsgebilde gefährlich zu sein scheinen. Innerhalb des bestehenden Staatsgebildes ist er bereit, sich alle Nationalitäten ausleben und austoben zu lassen. Der österreichische Absolutismus ist anational und zu dieser Haltung zwingen ihn die nationalen Verhältnisse Oesterreichs. Nur die Rücksichten auf die äußere Sicherheit bewirken es, daß er hie und da einer nationalen oder auch konfessionellen Strömung einen Dämpfer aufsetzt, wenn sie ihm eine Annäherung an einen Nachbarstaat zu bedeuten scheint, wie z. B. der serbisch-orthodoxen Strömung in Bosnien-Herzegowina, der Los-von-Rom-Bewegung in den deutschen Ländern oder der Irredenta in Triest. Eine solche Parteinahme für staatserhaltende und gegen staatsgefährlich scheinende Strömungen sind begreiflich. Im übrigen hängt die Zukunft Oesterreichs von den sozialen Entwicklungen ab, die sich ziemlich ungehemmt vollziehen und zwar je in den einzelnen geographischen Provinzen Oesterreichs, von denen jede danach strebt, eine territorial-nationale Einheit zu werden, zu einem künftigen „Staat“ der „Vereinigten Staaten Oesterreichs“ sich auszugestalten. Von diesen Einzelentwicklungen und Bestrebungen werde ich ein anderes Mal sprechen.