[Nachruf auf:] Gustav Ratzenhofer, in: Die Zukunft
(Berlin), Jahrgang 1904, Bd. 49, 336-339.
Gustav Ratzenhofer.
Oft sprach ich hier über
Ratzenhofer,
den lebenden und freudig schaffenden. Ich ahnte nicht, daß mir, dem um vier Jahre
älteren Mann, die schmerzliche Pflicht zufallen werde, dem verstorbenen Freund hier
einen zu widmen. Am achten Oktober ist der Zweiundsechzigjährige gestroben.
Ein österreichischer Philosoph! Viele hatte Oesterreich
nicht; einzelne wohl. Zum Beispiel
Mach und
Riehl. Aber
Mach könnte eben so gut
ein deutscher, italienischer oder französischer Philosoph,
Riehl eben so gut ein
Engländer sein. Etwas besonders Oesterreichisches ist an ihnen nicht.
Ratzenhofer aber war ein österreichischer Philosoph; und als solcher mußte
er Soziologe werden. Denn Soziologie ist die Wissenschaft von den
„Wechselbeziehungen“ menschlicher Gruppen. Nun giebt es solche Wechselbeziehungen
überall; doch nicht überall sieht man sie so deutlich. Es ist, als ob diese Gruppen
anderswo gleich gefärbt wären, alle im selben Grau, so daß sich ihre Beziehungen zu
einander dem Auge des Beobachters nicht zeigen. Hier aber, in Oesterreich, ist jede
dieser Gruppen anders, jede grell gefärbt. Ihre Beziehungen fallen ins Auge; man
kann sie leichter studiren. Daher war für Soziologie in Oesterreich ein besonders
günstiger Boden und ein genialer Philosoph wie
Ratzenhofer mußte Soziologe werden.
Nun hatte
Ratzenhofer außer der Gabe des scharfen Beobachtens noch eine zweite
unschätzbare Eigenschaft: einen unbezähmbaren Wahrheitdrang. Was er sah, mußte er
aussprechen. Das that er auch; und so entstand seine „Politik“ (1893); ein echt
österreichisches Werk, weil die darin niedergelegten Beobachtungen nur in Osterreich
gemacht werden konnten. Er schildert den Kampf der nach Nationalität, Konfession,
Erwerb, Besitz, Stand und Klasse verschiedenen sozialen Gruppen und hat, als Erster
von allen Staatstheoretikern, den Muth, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen.
Das ist sein unvergängliches Verdienst. Die zünftigen Staatsrechtslehrer mögen ihn
nur totschweigen: die Wahrheiten, die er zuerst aussprach, werden leben und gelten,
wenn die Werke der Totschweiger längst Mottenfraß geworden sein werden.
Ratzenhofer hat zuerst deutlich ausgepsrochen, was eigentlich das
„politische Interesse“ jeder sozialen Gruppe ist. Jede soziale Gruppe „trachtet,
sich zu entwickeln und zu erhalten“, sagt er, „und was diesen Werde- und
Entwickelungprozeß zu fördern vermag ist das Interesse der sozialen Gruppe“. „Es ist
der Logos aller politischen Erkenntniß; was außer ihm in der Politik angerufen wird,
ist Selbsttäuschung, Phrase oder Lüge“. Das sagt
Ratzenhofer;
und was brüllen die Parteien seit Jahrtausenden? „Für Gott, Vaterland und Thron!“
Aber
Ratzenhofer begnügt sich nicht mit einer Konstatirung der That-
337
sachen der Politik; in seiner „Soziologischen Erkenntniß“ (1898) weist er uns die
Naturnothwendigkeit und Naturgesetzlichkeit dieser Thatsachen nach. Er thuts in
seiner Lehre vom „inhärenten Interesse“. Das steckt in jedem Wesen, von den Mikroben
bis zum Menschen, und in den sozialen Gruppen und leitet, sei es ihnen unbewußt oder
bewußt, all ihr Thun und Lassen. Sogar das Denken des Menschen ist von diesem
inhärenten Interesse, in dem sich die „Urkraft“ manifestirt, abhängig. Die
„Soziologische Erkenntniß“ enthüllt uns daher alle Politik als einen Naturprozeß,
der sich mit der selben Nothwendigkeit und Gesetzmäßigkeit vollzieht wie das Kreisen
der Planeten und der Blutumlauf in thierischen Organismen.
Den Zusammenhang dieses „inhärenten Interesses“ mit der
„Urkraft“ und deren Wesen weist uns
Ratzenhofer in
seinem dritten Werk nach: „Der positive Monismus und das einheitliche Prinzip aller
Erscheinungen“ (1899). Damit versucht er, wie er selbst erklärt, seine
„Untersuchungen zu den äußersten Grenzen der Erkenntniß auszudehnen“, da „nur
diejenige wissenschaftliche Einzelforschung Vollgiltigkeit erlangt, die mit den
allgemeinen Prinzipien des Seins in einen systematischen Zusammenhang gebracht
werden kann.“ Allerdings stellt uns
Ratzenhofer an
diesen „äußersten Grenzen der Erkenntniß“ als letzte Ursache aller Erscheinungen
eine „Urkraft“ entgegen, deren Herkunft er uns nicht näher erklären kann. Ich
gestehe, daß ich selbst (vor Jahren in diesen Blättern) mich dieser „Urkraft“
gegenüber etwas skeptisch verhalten habe. Doch hat ein längeres Nachdenken mich
dahin gebracht, anzuerkennen, daß diese „Urkraft“ vor allen bisher angenommenen
letzten Prinzipien und Ursachen der Erscheinungen mindestens einen großen negativen
Vorzug hat; nämlich den: man kann ihr nichts andichten, was nicht in den uns
umgebenden Erscheinungen thatsächlich zum Ausdruck gelangt. Das ist jedenfalls für
die Wissenschaft ein großer Gewinn, da es sie davor schützt, auf theologische und
metaphysische Abwege zu gerathen.
Nachdem
Ratzenhofer in
diesen drei Werken das Wesen und die Entwickelung des Alls mit Inbegriff des
Menschen, seiner Psyche und der sozialen Welt aus einem einheitlichen Prinzip als
einen gewaltigen Naturprozeß nachgewiesen hat, mußte er auf die Frage gefaßt sein:
„Wo bleibt die Moral? Wenn alle Handlungen der Menschen unabänderlichen
Naturgesetzen unterliegen, wenn jeder Gedanke, jede Absicht, jede Begierde, jede
Leidenschaft, jedes Gefühl naturgesetzlich bedingt sind: was ist dann gut, und was
böse? Was gerecht und was ungerecht? Was edel und was gemein?“ Auf diese Fragen der
Moralisten und Ethiker antwortete er in seiner „Positiven Ethik“ (1901). Ohne den
Boden der Naturwissenschaft zu verlassen, weist er die Entwickelung der Begriffe Gut
und Böse nach. Seine Ethik ruht auf dem Grunde des
Darwinismus und der
Soziologie, verwirft die früheren Ableitungen der
338
Moral, sei es aus
Offenbarungen, aprioristischen Ideen oder kategorischen Imperativen und willkürlich
konstruirten Forderungen; er erklärt vielmehr das allmähliche Entstehen aller
sittlichen Ideen aus der Entwickelung des organischen, psychischen und sozialen
Lebens. Freilich stimmt eine solche „positive Ethik“ weder mit der Katechismus-Moral
unserer Schulen noch auch mit der herrschenden Ethik der „praktischen Philosophie“,
wie sie an den Universitäten gelehrt wird, wohl aber mit der Wirklichkeit überein.
Mit dieser aber ist unsere offizielle Morallehre in unheilbarem Widerspruch. Die
offizielle Morallehre sagt: Du sollst nicht töten! Kaum haben aber die Schüler,
denen man dieses Moralgebot einprägte, die Schule verlassen, so beginnt man, sie zu
Soldaten zu drillen, deren Pflicht und Aufgabe ist, Menschen zu töten. Dieser
Widerspruch muß ja den Tolstoismus und die Weltfriedensduselei, also den barsten
Unsinn, erzeugen. Die „Positive Ethik“ ist mit der Wirklichkeit nicht in
Widerspruch: sie erkennt auch die Naturnothwendigkeit und Naturgesetzlichkeit des
Krieges und seine kulturelle Bedeutung an. Sie verschmäht jede Lüge und
Selbsttäuschung.
Nach der Auseinandersetzung mit den Moralisten bleib
Ratzenhofer noch Eins übrig: die Haltbarkeit seines ganzen Systems an dem
Probirstein der Erkenntnißtheorie zu prüfen. Diese Prüfung unternahm er in seinem
letzten Werk, der „Kritik des Intellektes“ (1902). Wie befriedigend sie für sein
ganzes System ausfiel, habe ich im Februar 1903 hier gesagt.
Nach dieser erkenntnistheoretischen Ueberprüfung der
Grundlage seines Systems schien
Ratzenhofers
Lebenswerk im Wesentlichen beendet. Noch aber dachte der Rüstige nicht an
Feierabend. Ihm erschienen die bisher veröffentlichten Werke nur als eine
Vorbereitung für sein Hauptwerk: ein System der Soziologie. Und mit jugendlicher
Begeisterung und unermüdlicher Energie schritt er an die Ausführung dieses Planes.
Als er seine „Politik“ als „Theil der Soziologie“ herausgab, nahm er als Grundlage
die Soziologie, wie er sie gerade in der Literatur vorfand. In den achtziger Jahren
waren meine soziologischen Untersuchungen – „Der Rassenkampf“ und dann mein
„Grundriß der Soziologie“ – erschienen.
Ratzenhofer stimmte im Wesentlichen mit mir überein und fand diese Arbeiten
als „Grundlage“ für seine „Politik“ brauchbar. Später erst glaubte er, in unseren
Fundamenten Sprünge und Lücken zu entdecken; und als er die „Kritik des Intellektes“
beendet hatte, war ihm der Plan gereift, selbst eine „Soziologie“ zu schreiben.
Mitten in dieser Arbeit traf ihn die Einladung, auf dem Weltkongreß der
Wissenschaften in Saint Louis in der Sektion für
Social
Structures das Referat zu übernehmen. Nichts konnte ihm erwünschter sein. In
froher Stimmung fuhr er im September übers Meer und hielt in Saint Louis über „Die
Probleme der Soziologie“ einen Vortrag, in dem er in großen Zügen die
339
Aufgabe skizzirte, die unsere Soziologie heute zu lösen hat. Der Vortrag fand in den
Kreisen der amerikanischen Soziologen allgemeinen Beifall. Ermuthigt durch diesen
Erfolg und kräftig angeregt durch mannichfache Eindrücke, wollte er in der Heimath
sein Werk vollenden. Leider ist er dazu nicht mehr gekommen. Auf der Heimreise
erkrankte er und starb auf hoher See. Bald danach wurde er auf dem hietzinger
Friedhof in Wien bestattet. Die offizielle Gelehrtenwelt war nicht vertreten. Für
sie existirte
Ratzenhofer noch
nicht. Sie ist erst bei
Kant. Als
Kant lebte, studirte sie
Puffendorf. Man
muß froh sein, wenn sie in hundert Jahren bei
Ratzenhofer angelangt ist.
Wer aber offenen Auges die Entwickelung der Staatstheorien
Europas seit dem Alterthum überschaut, Der gewahrt, wie an jedem Brennpunkt der
europäischen Geschichte eine Staatstheorie aufblitzt und gleich einer leuchtenden
Feuergarbe weithin, oft auf Jahrhunderte hinaus, die denkende Menschheit über die
wichtigsten Probleme des Staates orientirt. Im Zeitalter
Philipps von
Makedonien und
Alexanders des
Großen, als die auf dem Gipfel ihrer Kultur angelangte griechische Staatenwelt von
diesen nordischen Herrschern in ihrer Unabhängigkeit bedroht wurde und Alexander
sich anschickte, nach Asien vorzudringen, in dieser für die Geschichte Europas und
Asiens so bedeutsamen Zeit entstand die „Politik“ des
Aristoteles,
die bis heute ihren wissenschaftlichen Werth nicht verloren hat. Als nordische
Herrscher die Freistaaten Italiens bedrohen, entsteht, im fünfzehnten Jahrhundert,
eine mächtige Bewegung der Geister, die sich in den politischen Schrifen
Macchiavellis Luft macht. Und wieder war es im folgenden Jahrhundert der
Kampf des Feudalismus gegen die Monarchie in Frankreich, der, an einem Wendepunkt
der politischen Geschichte nicht nur Frankreichs, sondern Europas, ein politisches
Werk ersten Ranges: Jean
Bodins „Republik“,
erzeugte. Als dann im siebenzehnten Jahrhundert England seine große Revolution
erlebte, waren die gegensätzlichen politischen Werke von
Hobbes und
Locke die Früchte dieser Bewegung. Wieder vergingen hundert Jahre. Die
französische Revolution kam: und
Montesquieus
„Geist der Gesetze“ war ihr vorausgegangen. Eine in ihren Erwartungen getäuschte
„Gesellschaft“ überlebte den Fall
Napoleons und
suchte bei der Restauration Trost. Da entstand
Comtes
Gesellschaftlehre. Der ungeahnte Aufschwung des englischen Industrialismus der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erweckte den Lobredner und Propheten des
„industriellen“ Zeitalters: Herbert
Spencer. Der
Kontrast, den der Anblick ausgebeuteter Arbeitermassen und ungebührlich bereicherter
Unternehmer bot, trieb Karl
Marx, sein „Kapital“
zu schreiben. Und endlich rief der große österreichische Notionalitätenkampf Gustav
Ratzenhofer auf den Plan. Wenn dieser Kampf längst beendet sein wird,
werden künftige Geschlechter sich noch der in dem Lebenswerk dieses Denkers
gehäuften Schätze freuen.