Politische Anthropologie, in: Die Zukunft (Berlin),
Jahrgang 1903, Bd. 45, S. 174-183.
Die von Juristen gepflegte „Allgemeine Staatslehre“ als
Theil des „Allgemeinen Staatsrechtes“ hat abgewirthschaftet. Kein Mensch sucht mehr
Belehrung über den Staat. Man weiß, daß sie juristische Konstruktionen und
scholastische Spiegelfechtereien enthält. Kein Wunder darum, daß neben diesen
ausschließlich dem „akademischen Gebruach“ dienenden Werken das Bedürfniß, sich über
Natur und Wesen des Staates Klarheit zu verschaffen, dazu geführt hat, von anderen
Ausgangspunkten als dem juristischen das große Problem in Angriff nehmen. Das
versuchte zunächst die Soziologie. Sie faßte den Staat auf als ein Produkt des
Kampfes sozialer Gruppen, erklärte daraus das Entstehen des Rechtes und aller
Rechtsinstitute. Das ist die „soziologische Staatsidee“; ihr vornehmster Vertreter
ist heute Gustav
Ratzenhofer.
Neben der Soziologie hat die von Friedrich
Ratzel begründete
Anthropo-Geographie und Politische Geographie den erfolgreichen Versuch gemacht, den
Staat als einen „bodenbeständigen Organismus“, als ein Produkt der natürlichen
geographischen Bedingungen zu erweisen.
Ratzels Werke
enthalten mehr und wichtigere Erkenntnisse über den Staat, als die gesammte
„allgemeine staatsrechtliche“ Literatur seit hundert Jahren sich träumen ließ.
Ratzel nimmt die Resultate der Soziologie insofern in seine Gesammtansicht vom
Staate auf, als er „die letzten Elemente des staatlichen Organismus“ in den
„gesellschaftlichen Gruppen“ anerkennt. Doch ergänzt er die soziologische
Staatsidee, indem er ihr seine „politisch-geographische“ Staatsansicht zu Grunde
legt. Man kann sagen: Die Soziologie schwebte in der Luft und erst
Ratzel gab ihr den Unterbau, die tief im Boden wurzelnden Fundamente. Erst
durch
Ratzel ist die Soziologie unerschütterlich gefestigt, weil er „den
geistigen Zusammenhang“ der gesellschaftlichen Gruppen mit dem Boden nachwies.
Damit scheint die neuste Entwickelung der
Staatswissenschaft noch nicht vollendet zu sein. Zur soziologischen und zur
politisch-geographischen gesellt sich nämlich noch eine dritte: die
„politisch-anthropologische“ Staatsidee, die in der Wissenschaft vom Staat ein ganz
neues Element einführt und in die Natur des Staates neue Einblicke gewähren will.
Ich meine die Auffassung, wonach der Staat ein Produkt der „Rassen“ ist, wobei
angenommen wird, daß die „edelste“ Rasse obenauf und die gemeinste ganz unten zu
stehen kommt. Diese politisch-anthropologische Staatsidee ist zuerst von
Gobineau angeregt worden, der meinte, daß alle höhere Kultur immer und
überall von der „weißen“ Rasse geschaffen werde. Wie diese Theorie von
175
Houston Stewart
Chamberlain angewandt wurde, bei dem die „weiße“ Rasse der „germanischen“
Platz macht, ist bekannt: er weist den civilisatorischen Einfluß der „Germanen“ in
der ganzen Weltgeschichte nach und versichert uns, daß, wo immer etwas Großes und
Civilisatorisches geschehen sei, stets und überall die germanische Initiative am
Werke war. Christus war Germane,
Dante auch; und so
weiter. Diese neue Staatsidee wissenschaftlich zu formuliren und zu begründen,
unternimmt Ludwig
Woltmann in seiner
„Politischen Anthropologie“. Er geht von der Annahme aus, daß „eine genetische
Analogie zwischen Organismus und Gesellschaft“ bestehe und daß in dem „sozialen
Organismus die selben biologischen Grundgesetze wirksam sind wie in dem (physischen)
Organismus“. Nun könnte man glauben, daß
Woltmann uns da die
Lehrer der „Organiker“ (
Schaeffle,
Lilienfeld,
Worms u. A.) wieder
auftischt. Das ist nicht der Fall:
Woltmann untersucht
vielmehr die physiologische Beschaffenheit des Menschen als sozialen Elementes,
insofern sie ein Produkt der Vererbung ist und sich in der „Rasse“ zu einem
gesellschaftlichen Faktor summirt.
Seine Ansicht wird am Besten durch die folgenden Sätze
dargelegt: „Das Wachsthum der Gesellschaft nimmt von einem Paar menschlicher
Individuen seinen Ursprung, das mit seinen Kindern, Kindeskindern, Verwandten und
Nachkommen eine soziale Einheit bildet. Ist diese größer geworden, so stößt sie
einzelne Gruppen von sich ab, die anderswo ein ähnliches soziales Gebilde
hervorrufen. Die Entstehung von Bruderstämmen, Kolonien ist der Ausdruck des
Wachsthumes der Gesellschaft über sich selbst hinaus.“ Innerhalb dieser
Gesellschaften vollzieht sich ein Arbeitstheilung auf Grund natürlicher Differenzen
und Differenzirungen. „Die primitivste Arbeitstheilung ist die zwischen Mann und
Weib.“ Dann folgt die Arbeitstheilung, die „in höher entwickelten Gesellschaften zur
Bildung von Kasten und Ständen führt“. Zwischen diesen „Theilen der Gesellschaft
besteht eine Wechselwirkung, insofern die eine Gruppe ohne die andere nicht
existiren kann“. Zugleich ist „eine Ueberordnung von Gruppen und Personen vorhanden,
des Vaters in der Familie, des Führers in der Horde, der Aristokratie im
Feudalstaate“. In Folge dieser Differenzierung der Berufe entsteht Gegensatz von
Interessen und ein sozialer Kampf. Trotz diesen inneren Spannungen tritt die
Gesellschaft nach außen als ein Ganzes auf. Nur so weit, aber ja nicht weiter, darf
in der Gesellschaft „Organisches“ gesehen werden. Denn die Gesellschaft ist nicht
ein Organismus, sondern eine Mehrheit von Organismen, die in einem „spezifischen
Verhältniß zu einander stehen“; und „die physiologische Grundlage“ dieses
Verhältnisses, also „des sozialen Lebens“, ist nichts Anderes als die Rasse. Das ist
die neue Lehre, die
Woltmann (nach dem
Vorgange früherer, minder scharf gefaßten Ansichten
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der selben
Richtung) verkündet. Das ist die neue „politisch-anthropologische“ Staatsidee. Das
soziale Leben, das ein spezifisches Verhältniß vieler natürlichen, biologischen
Organismen zu einander ist, beruht auf der Rasse. „Erst dieser Begriff macht die
Problemstellung und Problemlösung vollständig klar“, die den Organikern und
Soziologen, „die Organismus und Gesellschaft in einen realen Vergleich brachten,
dunkel vorschwebte“, Ευρηχα! ruft
Woltmann aus! Die
Rasse ists, die die Gesellschaft und den Staat erzeugt. Deshalb muß die „Soziologie
biologisch sein“. Das heißt: „sie muß Rasse und Gesellschaft in ihrem gesetzmäßigen
Zusammenhang und den Rasseprozeß als natürliche Grundlage des Sozialprozesses
begreifen“.
Das thut nun
Woltmann. Während
die Deszendenztheorie den „Entwickelungprozeß der sozialen und politischen
Formationen als einen biologischen Vorgang auffaßt, der im Dienste der
physiologischen Zucht und intellektuellen Entfaltung des Menschengeschlechtes
steht“, hebt
Woltmann neben
dieser biologischen Seite der Menschheitgeschichte die anthropologische hervor, die
sich „in der physiologischen Eigenart und Ueberlegenheit einzelner Rassen und
Persönlichkeiten bemerkbar macht“. Diese „Rassen sind Naturfaktoren, die in die
Bilanz der geschichtlichen Ereignisse als gegebene Ursachen und Mächte einzusetzen
sind“ (wie es schon
Gobineau und
Chamberlain machten). Diese „Einstellung in die Bilanz der geschichtlichen
Ereignisse“ kann natürlich nur in dem Sinn geschehen, daß erstens, da jeder Staat
aus mindestens zwei Rassen besteht, die tüchtigere herrscht und die minderwerthige
unterliegt, und zweitens, daß alle Großthaten der Kultur auf das Credit der edleren
Rasse gebucht werden müssen.
Das soziale Credo dieser neusten Staatswissenschaft enthält
folgende These, die uns in jüngster Zeit oft gepredigt wurde: „Alle soziale
Gliderung und Ordnung ist physiologisch bedingt. Der soziale Werth des Einzelnen
wird nicht allein durch seine individuelle Organisation, sondern auch durch seine
Rasse bestimmt. Niemand kann aus seinen organischen Zeugung- und
Abstammungbedingungen heraustreten: denn er ist das Produkt einer langen Kette von
Vorfahren, in denen sich gleiche und ungleichartige Elemente gemischt haben.“ Da es
nun höhere und niedere, edlere und ordinärere Rassen giebt, so erklärt sich daraus
nicht nur das Institut der Sklaverei, sondern auch die Erscheinung der Herrschaft
der höheren Rassen über die niederen. „Bei all diesen Völkern (Griechen, Römern,
Galliern, Indern und Germanen) sind die Sklaven ursprünglich Menschen anderer Rasse
gewesen.“ In den tropischen Ländern wird der Weiße „immer nur die Herrenrasse
bilden, von der die Dispositionen und Initiativen ausgehen.“ In diesen
Rassenunterschieden liegt der Schlüssel zur Erklärung des Ganges der Welt- und
Kulturgeschichte. „Die volle Ausbildung des Ackerbaues und der Gewerbe, welche die
ökono-
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mischen Grundlagen aller höheren Civilisation bilden, ist fast
nie ohne Sklaverei fremder Rassen möglich gewesen.“ Die Griechen also hätten bereits
die richtige Erkenntniß der Wahrheit gewonnen, die der modernen Menschheit offenbar
durch das semitische Christenthum abhanden gekommen ist. Denn „
Euripides hielt es
für gerecht, daß die Griechen über Barbaren herrschen, da Barbar sein und Sklave
sein das Selbe bedeute.“ „Nach
Aristoteles ist
der Sklave ein lebendiges Werkzeug. Die Sklaverei sei in der Natur der Menschen
begründet.“ Und wie es von je her war, so sit es noch heute. Rassenunterschiede,
seien es primäre oder sekundäre, sind die Ursachen sozialer Schichtung. „Die
Arbeiterklasse der modernen Industriestaaten ist das Ergebniß eines sozialen
Zuchtwahlprozesses, der durch eine Reihe von Generationen hindurch den Grundstock
der Arbeiterbevölkerung herangebildet hat und die Lücken immer wieder ausfüllen
muß.“ Ueberhaupt faßt die Politische Anthropologie die ganze Menscheitgeschichte als
einen Rassenzüchtungprozeß auf; und alle Vorgänge, die wir bisher als ökonomische,
soziale, politische betrachtet haben, sind nach ihr rein anthropologische mit
ausschließlich anthropologischen Zielen. Die Kulturresultate aber, die wir als
Erfolge dieser historischen Vorgänge bewundern und feiern, sind nur bewirkt durch
diese anthropologischen Wandlungen, sind nur die Außenseiten dieser intimen
Rassenzüchtungvorgänge, die sich demnach als die eigentliche Seele aller
geschichtlichen Vorgänge entpuppen.
„Die Differenzirung zwischen Land- und Stadtbevölkerung,
Auswanderung und Kolonisation, die Eintheilung in Kasten und Stände ist aus rein
soziologischen, ökonomischen oder geographischen Ursachen nicht zu erklären, sondern
ist ursprünglich ein Prozeß der anthropologischen Gruppen- und Individualauslese,
die auf der Macht von individuellen oder Rassenunterschieden beruhen. Umgekehrt
können die veränderten Lebensbedingungen in Stadt, Kolonie und Kaste auf den
anthropologischen Typus zurückwirken, sei es, daß neue und abweichende Eigenschaften
herangezüchtet werden oder organische Entartungen auftreten.“ Damit wären Inhalt und
Umfang der neuen Staatsidee im Umriß angedeutet.
Wie jede Wissenschaft nach Erschließlung der Erkenntniß des
Thatsächlichen zu gewissen Forderungen behufs Anwendung ihrer Erkenntnisse auf das
Seinsollende gelangt; wie die Rechtswissenschaft sich nicht damit begnügt,
de lege lata zu raisonniren, sondern nach Erkenntniß des
gewordenen und bestehenden Rechtes zu Vorschlägen
de lege
ferenda übegeht: so gelangt auch die Politische Anthropologie zu gewissen
Nutzanwendungen ihrer Erkenntnisse. Wenn von dem Adel der Rasse die Höhe der Kultur
abhängt, so muß getrachtet werden, diesen Adel zu erhalten, ihn von allen
schädlichen Einflüssen (Beimischungen) zu bewahren, ihn durch geeignete „Reinzucht“
zu einer
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größeren Vollkommenheit zu erheben, die „Hochzucht“ der Rasse
zu fördern. An die Erkenntnisse der Politischen Anthropologie wird sich deshalb eine
„angewandte“ politische Anthropologie schließen, die alle Resultate der Inzucht von
Reinzucht untersuchen wird (was schon
Reibmayer in
seinem Werke „Inzucht und Vermischung von Menschen“ in sehr scharfsinniger Weise
begonnen hat) und schließlich muß eine „Rassenhygiene“ geschaffen werden, wie es
schon
Plötz („Gesundheit der Rasse“) versuchte.
Auch
Woltmann bleibt bei
den Thatsachen nicht stehen, sondern giebt Rathschläge, die auf der Erkenntniß
dieser Thatsachen beruhen. Allerdings ist die Berechtigung zu solchem Rathschlage
von einer Voraussetzung abhängig: davon, daß die Rassen nicht nur wandlungfähig
sind, sondern daß auch der Mensch solche Wandlungen herbeiführen kann. Nach der
Theorie
Weismanns von der
„Unsterblichkeit und Unwandelbarkeit des Keimplasmas“ wäre man geneigt, hier jede
„Züchtungarbeit“ für vergeblich zu halten. Und diese Meinung scheinen ja
Lapouge und
Chamberlain eigentlich zu vertreten.
Woltmann theilt
diese Ansicht nicht. Zwar liegt nach ihm „die Entstehung der Rassebegabungen
jenseits der eigentlichen Geschichte im engeren Sinn. Sie ist ein Stück organischer
Vorgeschichte der Kulturgeschichte“, woraus man schließen sollte, daß die Rassen
Dauertypen sind. Dennoch meint
Woltmann, daß
„trotz der Beharrung der fundamentalen Rassenunterschiede ... eine gewisse
Umwandlung der menschlichen Natur in der Geschichte stattfindet.“ „Was den
geschichtlichen Veränderungen zu Grunde liegt, ist ein fortwährender Rassenwechsel,
eine Wandlung in der anthropologischen Struktur der Gesellschaft“. „Die
physiologischen Umwandlungen geschehen entweder durch eine einseitige positive
Auslese mit nachfolgender Inzucht, wodurch bestimmte, von Natur gegebene
Eigenschaften einer Rasse oder Gruppe von Individuen besonders hoch gezüchtet
wurden, oder durch einseitige negative Auslese, die die organischen Träger
bestimmter Charaktere durch Auswanderung, Kinderlosigkeit, Ehelosigkeit oder direkte
Ausrottung aus dem Rasseprozeß ausscheidet, oder endlich durch Rassemischungen, die
entweder günstig oder ungünstig die Entwickelung der physischen und geistigen
Merkmale beeinflussen können.“ Das sind Mittel, deren sich auch der Mensch bewußt
bedienen könnte, die er, wenn er das Wesen des anthropologischen Geschichtprozesses
erst erkannt und dessen Ziele sich zu klarem Bewußtsein gebracht hat, anwenden kann,
um eine immer edlere Rasse heranzuzüchten. Da stünden wir nun allerdings vor der
wichtigsten aller Wissenschaften, vor der, die uns die „Hochzüchtung“ der Menschheit
also den wichtigsten aller Fortschritte ermöglichen würde. Die Politische
Anthropologie würde uns durch Erkenntnisse, die sie uns erschließt, die Mittel
geben, eine immer edlere Rasse heranzuzüchten und die gemeinen durch verschiedene
Mittel „aus dem Rasseprozeß auszuscheiden.“
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Diese Mittel sind zwar
nicht gerade idyllisch: Auwanderung (wenn nöthig: Austreibung), Kinderlosigkeit
(eventuell also Kinderaussetzung), Ehelosigkeit (eventuell Eheverbote oder noch
etwas Schlimmeres), endlich „direkte Ausrottung“. Doch sollte nicht auch hier der
Zweck die Mittel heiligen? Freilich: das Bischen semitisch-christlicher Moral, auf
die wir so stolz sind, müßten wir opfern; auch einige andere „fortschrittliche und
humane“ Schrullen, wie Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, müßten preisgegeben
werden. Doch was verschlägts? Das sind Belleitäten, mit denen ja schon
Nietzsche aufgeräumt hat. Und dann hätten ja thatsächlich diese etwas
barbarischen Maßregeln ihre volle Rechtfertigung und vielleicht gar Berechtigung, wo
es sich darum handelt, die Menschheit zu veredeln. Leider aber merken wir bei
Woltmann, was uns schon aus
Nietzsche,
Chamberlain,
Lapouge bekannt ist:
daß diese neue Staatswissenschaft sich nicht in den Dienst der Menschheit stellt,
sondern in den Dienst der nordgermanischen Rasse, die nach der Ansicht dieser
Schriftsteller die „edelste“ ist. „Die nordische Rasse“, sagt
Woltmann, „ist die
geborene Trägerin der Weltcivilisation“. Und ähnlich wie
Gobineau von der
„weißen Rasse“ behauptet, daß sie durch ihren Bluteinfluß überall die Civilisation
fördere, meint auch
Woltmann, daß die
nordische Rasse „durch Vermischung mit anderen Rassen diese physiologisch auf ein
höheres Niveau gehoben“ hat, „sowohl Mittelländer wie Mongolen und Neger“. Er ist
davon so fest überzeugt, daß er überall, in allen Welttheilen, wo immer er nur eine
höhere Kultur findet, den Bluteinfluß der „nordischen“ oder mindestens der
„kaukasischen“ Rasse wittert. „Was die amerikanischen Kulturen betrifft, so sind die
Inkas ohne Zweifel eine fremde Rasse gewesen, deren morphologische Merkmale auf die
kaukasische Rasse hinweisen“.
Woltmann meint
sogar, „nicht allzu fern liege die Hypothese, dßa europäisches Erobererblut bis
Tahiti gelangte, auch die Westküste Amerikas erreichte.“ Diese Rasse, die
„indogermanische“, ist in „nordischen Bezirken entstanden“, wie neuerdings
nachgewiesen sein soll. Skandinavien ist „das Ursprungsland dieser arischen oder
indogermanischen Rasse“; und was allüberall in Alterthum, Mittelalter und Neuzeit
Großes irgendwo sich zugetragen hat, ist auf das Konto dieser „edelsten Rasse“ zu
buchen. „Die Büsten Caesars zeigen echtgermanische Schädel- und Geistesbildung,
röthlische Haare und tiefblaue Augen.“ Daß Christus und
Dante Germanen waren,
lehrte uns schon
Chamberlain.
Woltmann fügt noch
Bonaparte hinzu.
„Die ganze europäische Civilisation auch in slavischen und romanischen Ländern ist
eine Leistung germanischen Geistes“. „Das Papstthum, die Renaissance, die
französische Revolution und die napoleonische Weltherrschaft sind Großthaten des
germanischen Geistes gewesen“. „Das Paptsthum und das Kaiserthum sind germanische
Schöpfungen. Beide germanische Herrschaftorganisationen, dazu bestimmt, die Welt zu
unterjochen. Die germanische Rasse ist berufen, die Erde mit ihrer Herrschaft zu
umspannen, die Schätze der Natur und der Arbeitskräfte auszubreiten und die passiven
Rassen als dienendes Glied ihrer Kulturentwickelung einzufügen.“
Das also ist des Pudels Kern. Ists aber noch Wissenschaft?
Hat
Woltmann diese Bestimmung der germanischen Rasse aus physiologischen
Untersuchungen erkannt? Doch gesetzt, es wäre so: was werden die anderen Rassen dazu
sagen? Sollten die Brünetten und Kleinen sich der Herrschaft der Blonden und Großen
fügen? Das werden sie offenbar nicht thun. Da zeihen sie vor, zu kämpfen. Der
„politisch-anthropologische“ Nachweis, daß alle nicht blonden Rassen der blonden zu
dienen haben, wird den Nichtblonden offenbar nicht imponiren; sie werden diesen
Anspruch nicht anerkennen, – und die Totschlägerei kann beginnen. Ist denn aber die
Schlußfolgerung von dem absolut höheren Werthe der germanischen Rasse wirklich
wissenschaftlich begründet und die an diese Schlußfolgerung geknüpfte Prophezeiung
Woltmanns von der „erdumspannenden Herrschaft“ dieser Rasse berechtigt?
Ich kann hier keine eingehende Kritik dieses ganzen wissenschaftlichen Systems
geben; aber ein paar gewichtige Bedenken mögen mir gestattet sein.
Ist „Rasse“ der Grundbegriff, der uns die Räthsel des
Staates und der Gesellschaft lösen soll, so muß vor Allem klar definirt werden: Was
ist Rasse? Es sind nach
Woltmann „Verschiedenheiten“, die „bei der Verbreitung des einheitlichen
Menschengeschlechtes über die Erdoberfläche entstanden sind, durch eine auslesende
Anpassung an die ungleichartigen Existenzbedingungen.“ Zugegeben. Soll nun in der
Welt eine Rasse herrschen, soll sie in den einzelnen Staaten die Vorherrschaft
genießen, so müßte sie mindestens eine genealogische Kontinuität bilden. Das heißt:
gleichrassige Elternpaare müßten mindestens gleichrassige Nachkommen erzeugen. Nicht
einmal Das ist verbürgt. Denn wie der bei
Woltmann citirte
Ausspruch
Luschans richtig
betont, kommt es häufig vor, daß ein großer, blonder, blauäugiger Mensch einen
kleinen, dunkeläugigen, schwarzhaarigen Bruder hat, wobei nicht ausgeschlossen ist,
daß der Erste ein Rindvieh, der Zweite ein genialer Mensch ist. Was soll nun da
geschehen? Soll der Blonde den Schwarzen als andersrassig und minderwerthig
betrachten und sich die Herrschaft über ihn anmaßen? Da wird es wohl Bruderkrieg und
Brudermord geben. Will uns die neue Staatswissenschaft eine solche Periode bringen
und sanktioniren? Obendrein sind heutzutage alle Völker ohne Ausnahme gemischtrassig
und eben so die Ehepaare; woraus sich die vorherrschende Verschiedenrassigkeit der
Familien erklärt. Denn wie der von
Woltmann citirte
Luschan ganz richtig erklärt, „vererben sich die einmal fest erworbenen
physischen Eigenschaften immer und immer wieder auf die Kinder“, und zwar so, „daß
sie auch allen Rasse-
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mischungen mit der größten Energie widerstehen
und daß sie immer und immer wieder zum Vorschein kommen, wobei es beinahe einerlei
ist, ob jetzt die Rassemischung durch die Eltern und Großeltern oder vor Hunderten
von Generationen erfolgt ist.“ Das ist nun eine fatale Sache für die Lehre vom
Vorrang der blonden germanischen Rasse und ihrer Vorherrschaft in der Zukunft; denn
selbst wenn man von nun an Ehen zwischen Blonden und Brünetten verböte, so
entsprießen ja auch den Ehen blonder Eltern brünette und brünetter Eltern blonde
Kinder. Wie will man Das verhüten, wenn die diese Verschiedenrassigkeit der Kinder
verursachenden Umstände vor „Hunderten von Generationen“ sich ereignet haben
konnten? Nun, da die Rassenfanatiker in den Mitteln, die reinrassige Hochzucht zu
fördern, nicht wählerisch sind und vor „Eliminirung“ der minderwerthigen, also der
nichtblonden, ungermanischen Rassen nicht zurückschrecken, könnte vielleicht eine
„direkte Ausrottung“ aller andersrassigen Geschwister und Familienmitglieder ans
Ziel führen. Leider belehrt uns aber
Woltmann, daß für
das Erkennen der Rasse die äußeren Merkmale, der Typus, nicht ausschlaggebend sind.
Denn die Verschiedenheit der Rasse „muß sich keineswegs in einem bestimmten Typus
offenbaren.“ „Der Typus ist ein morphologischer, die Rasse ein genealogischer
Begriff. Rasse und Typus brauchen nicht genau übereinzustimmen.“ Aus „dem Typus
allein ist es fast unmöglich, auf die Rasse zu schließen, so daß nur eine
genealogische Untersuchung die organische Verwandtschaft feststellen kann.“ Unter
solchen Umständen wäre eine „direkte Ausrottung“ gefährlich; denn es könnte leicht
geschehen, daß man einen brünetten Germanen totschlüge und einen blauäugigen,
blonden Juden am Leben ließe.
Woltmann empfiehlt
eine genau „genealogische Untersuchung“ der Abstammung. Was nützt aber eine solche,
wenn, wie wir wissen, eine Vermischung von „vor Hunderten von Generationen“ noch
immer ihre Wirkung äußeren und die Reinrassigkeit der Familien nach Jahrhunderten
trotz aller Inzucht trüben kann? Wenn nun die Reinrassigkeit eine Utopie und die
Mischrassigkeit die Wirklichkeit ist, so fehlt der ganzen Theorie die feste
Grundlage. Die Reinrassigkeit auch nur der weißen Menschen scheint schon vor
Jahrhunderttausenden gründlich verpfuscht worden zu sein, – vielleicht für immer.
Das wäre ein anthropologisches Bedenken gegen die
politisch-anthropologische Theorie; nun aber ein soziologisches. Diese ganze von
Woltmann ins Auge gefaßte Reinzüchterei der germanischen Rasse sollte den
Zweck haben, die Welt mit solchen „Großthaten des germanischen Geistes“, wie
Papstthum und Kaiserthum es sind, zu beglücken? Ich weiß nicht, ob das heutige
Deutschland sich für das Papstthum begeistert; oder ümßte es dazu erst einer
germanischen Reinzucht unterworfen werden? Und auch für das Kaiserthum (das
protestantische?) ist die Begeisterung nicht überall allzu groß;
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jedenfalls sind die germanischen Römlinge nicht Anhänger des deutschen Kaiserthumes.
Wo steckt also der germanische Geist? Bei Welfen oder Ghibellinen? Denn die Rasse
erzeugt ja den Geist.
Nach den anthropologischen und soziologischen Bedenken möge
ein blos logisches noch hier Platz finden. Es ist wohl richtig, daß nordgermanischer
Einfluß fast überall in europäischen Staaten seit dem frühesten Mittelalter zur
Geltung kommt; aber gestattet es Logik, da von „germanischen“ Schöpfungen zu
sprechen? Man kann doch logisch höchstens sagen, daß die Germanen an diesen
Schöpfungen mitwirkten. Wenn in Rom das Papstthum entstand, so entstand es doch
offenbar unter aktiver Mitwirkung des alten römischen Blutes und Geistes. Wer will
und wer kann behaupten, daß es nur Germanen waren, die diese allerdings
staunenswerthe Weltherrschaft-Organisation ins Leben riefen? Ist das Papstthum nicht
offenbar eine Fortsetzung der römischen Weltherrschaft mit feineren, geistigen
Mitteln? Und kann man aus dem Papstthum ganz das semitische Element lösen, das uns
isolirt, sozusagen in Reinkultur, in ostgalizischen Wunderrabbis entgegentritt, die
ausschließlich mit Hilfe ihrer Wunderthaten und Segenspenden weit und breit die
Lande beherrschen, Pilgerzüge empfangen und reichliche „Peterspfennige“ einsammeln?
Wer kann abstreiten, daß im Papstthum all diese Elemente vereinigt sind,
orientalische, römische und germanische? Und darf man es dann eine ausschließlich
germanische Rassen-Schöpfung nennen? Man könnte ja einfach fragen: Warum haben die
Nordgermanen nicht von ihrer Heimath, etwa von Upsala aus eine päpstliche
Weltherrschaft gegründet? Das wäre dann eher eine Schöpfung der germanischen Rasse.
Warum haben sie erst die weite Reise nach Rom gemaht und sich allerlei Strapazen
ausgesetzt? Ist es denn nicht klar, daß es zuerst eine römische weltliche Herrschaft
gegeben haben, daß erst orientalische Seelenverknechtung vorhergegangen sein mußte,
ehe aus all diesen Elementen unter Hinzutritt normannischen Piraten- und
Banditengeistes die großartige Weltherrschaft-Organisation des Papstthumes entstehen
konnte? Der Irrthum der modernen Rossentheoretiker scheint also darin zu liegen, daß
sie für eine einzelne mitwirkende Rasse reklamiren, was nur aus dem Zusammenwirken
einer Vielheit von Rassen erklärt werden kann. Es ist, als ob man die Wirkung eines
Orchesterkonzertes nur für darin mitwirkende große Pauke reklamiren wollte.
Die Wahrheit scheint mir zu sein, daß alle „Großthaten“
Orchesterkonzerte sind, bei denen die unzähligen vielen Rassen die verschiedenen
Instrumente spielen, aus deren Zusammenwirken jene „Großthaten“ und „Schöpfungen“
entstehen: sie sind eben soziale und nationale Großthaten und Schöpfungen und dürfen
nicht auf das Konto einer einzigen mitwirkenden Rasse gebucht werden.
183
Mit solchen Organisationen wie Papstthum,
Kaiserthum und Staat überhaupt verhält es sich so wie mit der Sprache. Auch sie ist
eine soziale und nationale und keine Rassenschöpfung. Die Normannen des frühen
Mittelalters hatten eine äußerst dürftige, an Begriffen arme Sprahe, die kaum für
das Leben eines Piratenvolkes ausreichte. Was war sie gegen die Sprache des Hohen
Liedes, gegen die Sprache der
Pindar und
Aeschylos,
Vergils und
Ciceros? In jener reingermanischen, von allerlei späteren Beimischungen noch
nicht „verunreinigten“ Sprache hätten
Schiller und
Goethe ihre unsterblichen Werke nicht zu schaffen vermocht. Es bedurfte erst
Jahrhunderte langer gründlicher „Verunreinigung“ der germanischen Ursprache, um sie
fähig zu machen solche dichterischen Werke hervorzubringen. Und dabei vergesse man
nicht, daß die Sprache nicht nur durch fremde Lehnworte bereichert wird, sondern
noch viel mehr durch fremde Lehnbegriffe, aus denen heimische Worte hervorgetrieben
werden. Nur in einer auf solche Weise entstandene „Sprachpfütze“ – um im Sinne der
Rassenreinzüchter zu sprechen – konnten die unsterblichen Meisterwerke wachsen. Da
kommt nun ein
Chamberlain und
wirft sich stolz in die Brust: Das sind Werke germanischen Geistes! Die Welt der
Sprachen ist aber ein getreues Spiegelbild der Welt der Rassen. Wie es unter den
Kultursprachen keine reine mehr giebt, so giebt es unter den Kulturvölkern keine
reine Rasse mehr. Vielleicht finden wir im Innern Afrikas und im Feuerland noch
reine Rassen mit reinen Sprachen.
Woltmanns Werk hat
das Verdienst, eine in Frankreich und Deutschland seit einigen Jahrzehnten
aufgekommene Theorie in ein wissenschaftliches System gebracht zu haben. Die
politsch-anthropologische Staatsidee tritt voller Rüstung auf den Plan. Nun kann der
Kampf beginnen. Sie findet hier nicht viele Gegner. Die theologische Staatsidee geht
nur noch als schwarzes Gespenst um, die juristische liegt mausetot im Sande, die
sozialistische giebt noch Lebenszeichen, wird aber nicht mehr aufkommen. Was bleibt?
Die soziologische und die anthropo-geographische Staatsidee. Wird der Kampf für eine
von ihnen tötlich ende? Wer weiß? Nicht ausgeschlossen ist, daß die Kämpfenden
einander versöhnlich die Hand reichen und einen ehrenvollen Frieden schließen. Das
ist um so mehr zu hoffen, als die zwei hervorragendsten Vertreter der soziologischen
und der anthropo-geographischen Staatsidee,
Ratzenhofer und
Ratzel, in ihren
Systemen das Rassenmoment gebührend berücksichtigen.