Die Zukunft der Soziologie, in: Die Zukunft (Berlin),
Jahrgang 1903, Bd. 42, S. 337-344.
Die Zukunft der Soziologie.
Während an den „rechts- und staatsunwissenschaftlichen
Fakultäten“ (so sollten sie heißen!) die öde „Leere vom modernen Staate“ gähnt und
„juristische“ Staatsrechtslehrer ihre scholastischen (um nicht zu sagen:
talmudischen) Purzelbäume schlagen: vollzieht sich fern von den „Stätten der freien,
voraussetzunglosen Wissenschaft“ (wer lacht da nicht?) der Ausbau der Wissenschaft
des zwanzigsten Jahrhunderts, der Soziologie. Da keimt und sprießt es an allen Ecken
weithin über zwei Welttheile und schießt übbig in die Halme: die neue Wissenschaft
von den „menschlichen Wechselbeziehungen“ (
Ratzenhofer).
Die noch nicht ein Jahrhundert alte Literatur ist namentlich in den letzten drei
Dezennien so angewachsen, daß sie der Einzelne kaum übersehen kann, zumal
angelsächsische, romanische und slavische Nationen hier mit gleicher Emsigkeit
zusammenwirken. Mit Dank wird denn auch schon heute jeder Versuch begrüßt, die
Orientirung auf diesem riesigen Wissenschaftgebiet zu erleichtern. Einen solchen
Versuch, freilich nur nach einer Seite, unternahmen Paul
Barth in seinem
verdienstvollen Werk: „Die Philosophie der Geschichte als Soziologie“ (1897) und
neulich
Goldfriedrich in seiner „Historischen Ideenlehre in Deutschland“. Doch
berücksichtigen diese beiden Schriftsteller nur den Theil der Soziologie, der sich
mit der Deutung und Erklärung der Menschheitgeschichte befaßt. Einen recht
praktischen Versuch, uns das Gesammtgebiet der heutigen Soziologie zu erhellen,
unternahm vor einem Jahr Lester
Ward in einer
Artikelserie des
American Journal of Sociology. Ohne sich auf
die Frage einzulassen, was eigentlich Soziologie sei, zählt er uns gerade ein
Dutzend verschiedener Richtungen sozialwissenschaftlicher Untersuchungen auf, denen
die Flagge der Soziologie voranweht. Schon ein Blick auf die Bezeichnungen dieser
zwölf Richtungen ist lehrreich; da finden wir: 1. Soziologie als Philanthropie; 2.
als Anthropologie; 3. als Biologie; 4. als politische Oekonomie; 5. als
Geschichtphilosophie; 6. als spezielle Sozialwissenschaft; 7. als Beschreibung
sozialer Thatsachen (Demographie); 8. als Genossenschaftlehre; 9. als Theorie der
Arbeitstheilung (
Dürkheim); 10.
als Theorie der Nachahmung (
Tarde); 11. als
Theorie des unbewußten sozialen Zwanges; 12. als Rassenkampf. Jeder dieser
Richtungen erkennt
Ward eine relative
Berechtigung zu; doch ist jede nur ein Theil der Soziologie. „Diese verschiedenen
Richtungen“, sagt er, „gleichen einer Anzahl kleinerer Flüsse, die alle bestimmt
sind, in einem großen Strom sich zu ergießen, der die ganze Wissenschaft der
Soziologie bilden wird, wenn einmal die Zeit der sozialen Myopie vorbei sein wird.“
Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf. Denn während man bei uns häufig die
Ansicht hört, die Soziologie sei gar keine selbständige Wissenschaft, da sie keinen
ein-
338
heitlichen und noch weniger einen ausschließlich eigenthümlichen
Gegenstand habe, und unter der Bezeichnung Soziologie alle möglichen Gegenstände
behandelt werden, sieht Lester
Ward ganz richtig
allerlei Zuflüsse, die sämmtlich gegen einen großen Strom konvergiren. Daraus würde
sich ergeben, daß die Soziologie in einem Stadium der Vorbereitung ist, wo die
verschiedenen Bauarbeiter die Materialien zu dem künftigen Gebäude herbeischaffen.
Thatsächlich ist aber jenes Vorbereitungstadium schon von Herbert
Spencer überschritten worden, der die meisten vorhin aufgezählten Richtungen
in seinem „System synthetischer Philosophie“ ausführlich behandelt und
zusammenfasst. Und neuerding hat Gustav
Ratzenhofer in
einer Reihe von Werken ein festgeschlossenes System der Soziologie geschaffen, in
dem die Probleme fast aller von Lester
Ward aufgezählten
Richtungen befriedigende Lösung finden. Vor zehn Jahren begann
Ratzenhofer die
Arbeit mit seinem Werk „Wesen und Zweck der Politik“; dann folgten rasch:
„Soziologische Erkenntniß“ (1898), „Positiver Monismus“ (1899), „Positive Ethik“
(1901); und jetzt ist (bei Brockhaus) seine „Kritik des Intellektes“ erschienen.
Allen Fragen, die in der soziologischen Literatur bisher aufgetaucht sind – nach dem
Wesen des sozialen Prozesses, nach seinen bewegenden Kräften, nach dem Zusammenhang
dieses Prozesses mit dem Kosmos, nach dem einheitlichen Gesetz, das Weltall und
Menschheit beherrscht, nach dem Kriterium von Gut und Böse und endlich nach dem
Ursprung und der Entwickelung des menschlichen Intellektes –: all diesen Fragen
findet
Ratzenhofer auf
Grund einer positiven und monistischen Weltanschauung eine befriedigende
trostreiche, von allem Pessimismus ferne Antwort.
Natürlich beantwortet er auch die wichtigste Frage jedes
philosophischen Systems, die erkenntnißtheoretische. So pflegt ja der
Entwickelungsgang der meisten Denker zu sein; nach Erklärung und Deutung der Welt
und der Menschheit, nach Beantwortung der Fragen: Woher? Wohin? Wozu? gelangen sie
zu der allerwichtigsten Frage, der nach dem Grunde des menschlichen Willens, nach
der Berechtigung all der Deutungen und Erklärungen, die sie uns und sich selbst über
Welt und Menschheit gaben. So hat ja auch
Kant, nachdem er
einige dreißig Jahre über Himmel und Erde, über allerlei Erscheinungen des
menschlichen Lebens, über Psychologie und Aesthetik geschrieben hatte, diese erste
Periode seiner philosophischen Laufbahn mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“
abgeschlossen, die dann wieder der Ausgangspunkt vieler anderen philosophischen
Werke wurde. Dieser Gang der Entwickelung ist begreiflich. Der philosophische Kopf
sieht staunend die konkreten Erscheinungen der Welt und des Menschenlebens und fühlt
sich gedrängt, sich über ihren Sinn Rechenschaft zu geben. Aus diesem ersten
philosophischen Drang entstand
Kants „Naturgeschichte
des Himmels und der Erde“ (1755),
339
ein Vierteljahrhundert von seiner
„Kritik der reinen Vernunft“ (1781). Es ist charakteristisch für unsere Zeit, daß
heute den philosophischen Geist die Politik, der Klassenkampf, das gesellschaftliche
Leben und Treiben zunächst mehr bedrängen als Himmel und Erde.
Ratzenhofers
philosophische Sturm- und Drangperiode entlädt sich in dem dreibändigen Werk über
„Wesen und Zweck der Politik“, das uns die politischen und sozialen Kämpfe als einen
Naturprozeß schildert, als einen Theil des großen Weltallprozesses, in dem die
Urkraft, nach einheitlichem Gesetz waltend, in ihren mannichfachen Modifikationen
sich äußert. Darauf die zwei Werke „Soziologische Erkenntniß“ und „Positiver
Monismus“, worin er uns den Zusammenhang der sozialen Welt mit dem All, der Natur,
die Genesis des Lebens aus der anorganischen Natur, die Einheit der unbelebten und
belebten Welt und das einheitliche Gesetz, das sie verbindet, erkennen lehrt. Wenn
nun aber Natur und Welt von dem selben einen und einheitlichen Gesetz beherrscht
werden: was ist dann Gut und Böse? Wo bleibt da der Raum für unser freies Handeln?
Giebt es eine Ethik und kann es eine Lehre geben, wie wir unser Handeln einzurichten
haben? Auf diese Fragen antwortet
Ratzenhofer in
seiner „Positiven Ethik“ mit dem Nachweis, daß die „absolute Feindsäligkeit“, die
zwischen den sozialen Gruppen herrscht, dazu beiträgt, das natürlich ethische
Prinzip von individuell Nützlichen auf die höhere Stufe des Gemeininteresses zu
heben. Dieses Interesse für die soziale Gruppe, der man angehört, ist der Keim der
Sittlichkeit und giebt dem einzelnen die Grundlage zur Beurtheilung des
Seinsollenden, das ihn in Gewissensmahnungen anruft. In weiterer Entwickelung aber
erwächst aus dem Interesse für die eigene soziale Gruppe das Interesse für immer
weitere Kreise (Volk, Staat, Nation, Kulturkreis u. s. w.), woraus wiederum das
entsprechende Gefühl des sittlich Seinsollenden emporkeimt. So entstehen sittliche
Gewohnheiten und ethisches Empfinden in immer fortschreitender Entwickelung, womit
die Grundlage einer „positiven Ethik“ gegeben ist. Auf dieser Grundlage baut
Ratzenhofer sein System der Ethik auf, die weder mit einem „geoffenbarten
Seinsollenden“ noch mit dem
Deus ex machina eines
„kategorischen Imperativs“ operirt. Damit war ja sein ganzes philosophisches System,
sein „positiver Monismus“ abgeschlossen. Aber gerade an diesem Punkt beschleicht den
Philosophen schwere Zweifel, harrt seiner die schwerste Probe. Wohl prangt der
stolze Bau in regelrechter Festigkeit und sein Giebel ragt in die lichte Höhe des
Ethischen: den Baumeister aber überkommt die bange Sorge, ob denn dieser Bau die
wirkliche Welt vorstellt oder nur einen leeren Schein widerspiegelt. Wo ist die
Gewähr, daß die vom denkenden Menschen perzipirte Welt die wirkliche ist? Daß die
wirkliche nicht ganz anders und die perzipirte nur ein Trugbild seiner Phantasie
ist? Ists nicht auch möglich, daß wir
340
das „Ding an sich“ gar nicht
sehen, sondern nur dessen leeren Widerschein, der uns nicht im Entferntesten die
Wirklichkeit ahnen läßt? Das waren die Zweifel, die vor hundertundzwanzig Jahren den
königsberger Philosophen quälten und dazu drängten, nachdem er schon Weltall und
Menschenleben geschildert hatte, sich auch die vermeintliche „reine Vernunft“, also
den Spiegel genauer anzusehen, der ihm Welt und Leben zeigte. Diese Untesuchung fiel
nicht befriedigend aus. Was man bisher als die Grundform alles Seins ansah, Raum und
Zeit, erwies sich als die Grundform dieses Spiegels und damit fiel alle Wirklichkeit
auseinander und die Welt erwies sich als Wahnidee unseres Hirns. Von verzweifelten
Mißtrauen gegen die „reine Vernunft“ erfaßt, flüchtet nun der Philosoph in die
„praktische Vernunft“, damit sie ihm ersetze, was die „reine Vernunft“ ihm nicht
geben kann. Eitle Hoffnung! Die „praktische Vernunft“ ist ein fast noch
schwankenderer Boden, auf dem es erst recht keinen Halt giebt. Das war das Fazit der
kantischen Philosophie. Heute fühlt der Schöpfer eines selbständigen
soziologisch-philosophischen Systems wieder das Bedürfniß, die grundlegende Frage
aller Philosophie, das erkenntnißtheoretische Problem, zu erörtern, um sein ganzes
System zu legitimiren.
Ratzenhofers „Kritik des Intellektes“ soll den Beweis liefern, daß seine
Weltanschauung der Wirklichkeit entspricht und nicht einer Fata Morgana, die uns
durch die Beschaffenheit unseres Gehirns vorgespiegelt wird. Eine schwere Aufgabe
hat er sich gestellt; Eins aber kann ruhig gesagt werden: wenn wir seine „Kritik des
Intellektes“ mit der „Kritik der reinen Vernunft“ vergleichen, merken wir sofort,
daß in dem dazwischen liegenden Jahrhundert
Darwin und andere
große Naturforscher nicht vergebens gelebt haben.
Ratzenhofer beruhigt uns. Die Welt ist so, wie unser Intellekt sie auffaßt:
denn unser Intellekt ist eben nichts Anderes als die bewußt gewordene Welt. Die
Urkraft, die im All webt und lebt, kommt in unserem Intellekt zum Bewußtsein.
Zwischen unserem Intellekt und der Welt gähnt kein geheimnißvoller Abgrund, in dem
ein unerklärbares „Ding an sich“ verborgen ist. Gerade weil wir ein Theil der Welt,
und zwar ein momentan zum Bewußtsein gelangtes, gerade deshalb ist er fähig, die
Welt in ihrer Wirklichkeit zu erfassen. Nur darf er nicht „von der sicheren Bahn der
Erfahrungen“ abirren und sich weder „in die Phantasten des Glaubens“ noch in die
„vernunftgemäße“ Spekulation über „die Wesenheit der Erscheinungen“ einlassen. Denn
„Die Philosophie der Vernunft“ hat gleich den Offenbarungen nicht gehalten, was sie
versprach.
Ratzenhofer bleibt also immer hübsch auf dem Boden der naturwissenschaftlichen
Erfahrung, wobei er sich stets vor Augen hält, daß „jede Wissenschaft und besonders
die Philosophie die Bestimmung hat, von Jedermann, der gründlich gebildet ist,
verstanden zu werden“; im
341
Gegensatze zu einem „Zunftwesen, das oft
seine Hohlheit der Gedanken hinter die fachmännische Geschraubtheit des Ausdruckes
verbirgt“ und „unausgesetzt das Steckenpferd aller Zunftphilosophen, die
Begriffskritik“ reitet.
Von diesem positiven Standpunkt aus ist der Intellekt „die
einheitliche Wirkung aller Nerveneinrichtungen im Organismus, durch die dieser
befähigt ist, Empfindungen zu erfahren und Vorstellungen zu erfassen.“ In ihm werden
„Empfindungen mit Erinnerungen und Assoziationen zu Sysnthesen verarbeitet, um als
Gedanken das subjektive Spiegelbild der Außenwelt zu sein“. Doch hat die
Funktionirung des Intellektes das Bewußtsein zur Voraussetzung. Bei unterbrochenem
Bewußtsein (durch Schlaf, Ohnmacht u. s. w.) kann der Intellekt nicht funktioniren.
Das sind Thatsachen der Erfahrung. Bloßes Bewußtsein (ohne Intellekt) müssen wir
überall da annehmen, wo „das charakteristische Merkmal des Lebens: Bewegung und
Entwickelung“ vorhanden ist und daher eine Anpassung an die Lebensbedingungen
stattfindet, wie in der ganzen Pflanzenwelt. Auch ist es eine Thatsache der
Erfahrung, daß, „sobald in einem Organismus das Bewußtsein erwacht, es durch dessen
Anlagen so geleitet wird, daß es sich erhält und diese Anlagen entwickelt. Diese
Richtung bewußten Lebens wird das inhärente Interesse genannt.“ Jeder bewußte
Organismus, jedes Individuum hat ein Interesse an seiner Erhaltung und Entwickelung.
Ausnahmen sind Entartungen. Dieses inhärente Interesse spielt in
Ratzenhofers Philosophie eine bedeutsame Rolle. Er verallgemeinert diesen
naturwissenschaftlichen Begriff so, daß er auch „das Universum ohne Interesse als
nicht vorstellbar“ erklärt; doch nimmt er es als selbstverständlich auch überall da
an, wo politische oder ethisch sich geberdende Pruderie solches Interesse
verleugnet. Als allgemeine Naturthatsache darf diese Grundtriebfeder alles bewußten
Handelns eben nirgends verleugnet werden. Die Betonung und Hervorhebung dieser
Naturthatsache bedeutet namentlich auf soziologischem Gebiet eine vollständige
Revolution. Dieses inhärente Interesse beginnt seine Funktion schon beim ersten
Erwachen des Bewußtseins, denn schon „das erwachende Bewußtsein nimmt die Eindrücke
der Umgebung so auf, wie es dem angeborenen Interesse – Das heißt: den vorhandenen
Anlagen – entspricht.“ Da diese Eindrücke (Erfahrungen) einen Bestandtheil des
Intellektes bilden, ist also das inhärente Interesse an der Bildung des Intellektes
betheiligt. Deshalb kann sich „der Mensch seines inhärenten Interesses gar nicht
entkleiden.“ Von wie weittragender Bedeutung dieser Satz für die Soziologie und
Politik ist, braucht dem denkenden Leser nicht erst gesagt zu werden.
Der so, auf Grundlage des Bewußtseins unter Hinzutritt der
Erfahrungen, unter Mitwirkung des inhärenten Interesses entstandene Intellekt ist
„die Fähigkeit des Bewußtseinsorganismus, das Ich im Daseinkampf zu
342
behaupten und zu entwickeln.“ Da aber dieser Intellekt, wie wir gehört haben, von
inhärenten Interesse durchdrungen ist, so erhalten durch ihn „die
Bewußtseinsvorgänge den individuellen Grundzug des angeborenen Interesses“.
Sebstverständlich wurzelt der Intellekt „in dem stofflichen Gebilde des Ich“ und ist
„ein Werk der in der Entwickelungreihe wirkenden Urkraft“. „Wenn der einfachste
Organismus zum Bewußtsein reif ist, so findet er in sich bereits Anlagen formell
gegeben, die das inhärente Interesse de Geschöpfes bestimmen. Diese Anlagen sind ein
Werk der Urkraft, die sich stofflich gruppirte“. „Je komplizirter ein Organismus
ist, desto mehr zieht sich der Intellekt von der untergeordneten Lebensthätigkeit
auf freiere und rein gedachte Assoziationen zurück, indem sich zugleich das
inhärente Interesse zu höheren Modalitäten entwickelt. Die Funktionen des
Intellektes werden immer subtiler, der Erfahrungbereich wird immer größer.“
Schon diese wenigen Citate bezeugen, was ich vorhin
andeutete: während uns die spekulative Philosophie die Wirklichkeit konfiszirt,
führt uns
Ratzenhofer immer tiefer in die Wirklichkeit hinein und erhellt und beleuchtet
uns ihre dunkelsten Räthsel. Es ist unmöglich, in einem kurzen Rückblick all die
psychologischen Probleme zu zeigen, auf die sein „positiver Monismus“ ein ganz neues
Licht wirft. Erwähnen will ich nur noch, daß
Ratzenhofer die
Konfiskation des Raumes und der Zeit aufgehoben und diese zwei Thatsachen der
Wirklichkeit wiedergegeben hat. „Die Raumvorstellung“, sagt er, „ist nur möglich,
wenn ich von Erscheinungen außer mir weiß, daher kann sie auch in mir ohne Erfahrung
nicht vorausgesetzt werden. Kurz, der Raum ist keineswegs eine Vorstellung
a priori, wie
Kant annahm.“ Aehnlich
urtheilt er über die Zeit. Diese „macht sich als das Verhältnis der
Energieäußerungen nach einander dem Menschen so aufdringlich bemerkbar, daß seine
unmittelbaren Erfahrungen hinreichen, um diese Vorstellung zu haben; sie darf daher
um so weniger als angeboren oder
a priori gegeben angenommen
werden, sondern ist überwiegend Gegenstand der Erfahrung“. Diese zwei Erklärungen
bezeichnen den Positivismus des Philosophen. Er steht auf festem Boden konkreter
Erfahrungen und sogar das Denken ist bei ihm „eine analytisch-synthetische Funktion
des Bewußtseins innerhalb des Intellektes, angeregt von einer Empfindung.“ Das sind
Erklärungen, die man verstehen kann und die uns zeigen, welchen Gewinn die
naturwissenschaftliche Methode auf dem Gebiete der Philosophie gebracht hat.
Nachdem
Ratzenhofer die
naturgesetzliche Entwickelung des Intellektes in der Menschheit und dessen Verhalten
gegenüber den Vorstellungen und der Außenwelt beleuchtet hat, betrachtet er das All
und, von dem selben Standpunkte der Gesetzmäßigkeit der Natur, schließlich das
„soziologische Problem“. Dieses Problem entstand nicht erst an dem Tage, wo man
343
Soziologie zu treiben begann; es lebt, „seit Menschen überhaupt kausal
denken“; „unter den verschiedensten Namen und Methoden wird seit je her
soziologische Erkenntniß gesucht.“ „Wie für das Naturerkennen nach Ueberwindung der
Glaubensmacht des Mittelalters die einleitenden Schritte der Astronomie zukamen, so
steht es jetzt, nach Ueberwindung der politischen Willkür Einzelner, der Soziologie
zu, die Bahn für das wissenschaftliche Verständniß der menschlichen
Wechselbeziehungen zu eröffnen. Wie sich also im sechzehnten Jahrhundert die Fülle
der Gedanken über die kosmische Ordnung zusammendrängte, so häufte sich auch im
neunzehnten Jahrhundert das Denken über die soziale Ordnung, während im zwanzigsten
Jahrhundert das soziale Problem im Wesentlichen gelöst sein dürfte“.
Ist es nicht merkwürdig, daß fast zur selben Zeit Lester
Ward in Washington und Gustav
Ratzenhofer in
Wien der Zuversicht Ausdruck geben, daß die „vielen kleinen Flüsse in dem großen
Strom der Soziologie sich vereinigen werden?“ Diese Zuversicht scheint mir
vollkommen begründet; für sie sprechen, außer den inneren, in der bisherigen
Entwickelung der Soziologie liegenden Gründen, viele äußere, scheinbar unbedeutende
Umstände.
Deutschland war bisher der Soziologie gegenüber sehr
zurückhaltend. Die große Zahl der Zunftphilosophen und Universitätprofessoren ließ
es an passivem, oft auch recht aktivem Widerstand nicht fehlen. Während Frankreich,
Italien, Amerika und andere Länder viele soziologische Zeitschriften haben, gab es
in Deutschland bis zum Jahr 1902 keine einzige. Jetzt erst hat die leipziger
„Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie“, die Professor
Barth herausgiebt, ihrem Titel die Worte „und Soziologie“ hinzugefügt.
Ungefähr zu selben Zeit wurde die der Soziologie gewidmete
„Politisch-Anthropologische Revue“ gegründet. Soziologie ist ja eine
„politisch-anthropologische“ Wissenschaft. Das sind zwei kleine Zeichen der Zeit.
Und während die meisten Hochschullehrer an der Soziologie mit vornehmer
Geringschätzung vorbeigehen und sie am Liebsten totschweigen möchten, beweist ein
üjngst von einem denkenden Mittelschullehrer herausgegebenes Buch, daß diese vepönte
Wissenschaft immer weitere Schichten zu ernstem Nachdenken anregt. Ich meine das
Buch des grazer Stadtschulinspektors Dr. Otto
Adamek über „Die
wissenschaftliche Heranbildung von Lehrern der Geschichte für die österreichischen
Mittelschulen.“ Dem gelehrten und scharfsinnigen Schulmanne konnten die Mängel nicht
entgehen, die dem verzopften Geschichtunterricht unserer Mittelschulen anhaften. Er
empfiehlt eine bessere Vorbildung der Historiker; und während er die Geschichte als
„Gesetzeswissenschaft“ (als eine Wissenschaft, die allgemeine Gesetze aufzuweisen
hat) betrachtet, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Soziologie und fragt, ob und in
welchem Umfang der Historiker aus dieser neuen Wissenschaft sich für sein Schulamt
344
und seine wissenschaftliche Thätigkeit Belehrung zu holen habe.
Trotzdem er an der heutigen Soziologie Manches auszusetzen hat, entscheidet er sich
doch für die „Möglichkeit und Bedeutung der Soziologie als vergleichender Typenlehre
der dem menschlischen Gemeinschaftleben eigenen Gestaltungen, als einer Disziplin,
die dem geschichtlichen Studium werthvolle, ja, vielleicht höchst nöthige Beihilfe
gewährt“. Das ist ein neuer Beweis für die werbende Kraft unserer Wissenschaft. Wenn
wir heute von Chicago (
American Journal of Sociology) und
Washington (Lester
Ward) über London
(Herbert
Spencer), Paris
(
Revue internationale de Sociologie und Année
sociologique), Rom (
Rivista italiana die Sociologia) und
Wien (
Ratzenhofer)
unseren Blick nach Warschau (
Krzywicki),
Petersburg (
Karjejew und
Michailowskij) und Tokio (Hiroüki
Kato) schweifen
lassen, dann braucht uns um die Zukunft der Soziologie nicht bang zu sein.
La Sociologia fara da se!