Los von Rom!, in: Die Zukunft (Berlin), Jahrgang 1900,
Bd. 33, S. 451-458.
Nicht zum ersten Mal durchhallt jetzt die Lande der Ruf:
Los von Rom! Das war schon oft der Fall. Selbstverständlich. Jahrhunderte hindurch
beherrschte Rom die europäische Kulturwelt mit der Schärfe des Schwertes. Die Macht
die Legionen hielt Europas Völker unter seinem Joch; bis physische Macht physischer
Uebermacht unterlag. Wilde Barbarenhorden ergossen sich über Italien und
überflutheten Rom. Seine Herrschaft war gebrochen. Doch nur die Herrschaft, die auf
physische Machtmittel sich stützte. Ungebrochen blieb der Geist Roms, das Genie der
Herrschaft. Mit Schwert und Speer war allerdings nichts mehr auszurichten: nun
versuchte man es mit geistigen Waffen; und es gelang.
Vom fernen Osten her, vom niedergetretenen, verachteten
Judenvolk hatte sich wie eine böse Krankheit durch all die römischen Lande eine
Lehre verbreitet, ordnungwidrig, umstürzlerisch, staatfeindlich, anarchistisch, eine
Lehre, die allen Menschen Gleichheit predigte, irdischen Besitz als sündhaft
erklärte, den Staat als Werk des Teufels darstellte. Und sie war siegreich. Die
Massen jauchzten ihr zu; begreiflich; aus blindem Haß gegen jede Autorität. Immer
weiter drang sie vor; sie drohte, Alles von oberst zu unterst zu kehren. Da halfen
keine Verfolgungen. Die neue Lehre schmeichelte den siegreichen Barbaren. Der Bund
war geschlossen: Rom sank ohnmächtig in den Staub.
Doch Das währte nicht lange. Das Herrschaftgenie Roms
ermannte sich. Wie wärs, sagte man sich, wenn wir diese neue Lehre annähmen und sie
als Mittel benutzten, um unsere alte Herrschaft wieder aufzurichten? Wie ein Phönix
stieg aus dem Schutte des alten Rom dieser Gedanke empor. Allerdings: kein Imperator
schwingt in Rom das Szepter der Weltherrschaft. Aber sollte der Bischof Roms nicht
den Imperator ersetzen können? Wie wärs, wenn er als römischer, als erster Bischof
der gesammten Christenheit statt siegender Legionen sich der zahllosen Bischöfe und
Kleriker bedienen würde, um das selbe Ziel zu erreichen, das einst mit ihren
Legionen die Imperatoren erreichten: all die Länder sich tributpflichtig zu machen?
Diplomatie ist keine Hexerei. Wohl raubten die Barbarenkönige den Römern ihre
materiellen Herrschaftmittel, aber sie blieben doch Barbaren. Das Genie Roms konnten
sie nicht rauben; geistig waren sie Rom nicht gewachsen. Mit der neuen Lehre im
Bunde, mit dem Kreuz statt des Schwertes in der Hand könnten es ja die römischen
Bischöfe versuchen, die verlorene Weltherrschaft Roms wieder herzustellen.
Der Gedanke war würdig der Nachkommen der einstigen
Weltbeherrscher. Wohl dauerte es Jahrhunderte, bis er ausgeführt wurde. Auch diesmal
wurde Rom nicht an einem Tage gebaut. Doch im elften Jahrhundert war das Riesenwerk
vollbracht: Gregor VII. krönte es.
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Lange, schwere Kämpfe hat es gekostet. „Los
von Rom!“ schallte es durch die Lande. Die Bischöfe der Barbarenländer weigerten
sich, ihre stolzen Nacken unter das Joch Roms zu beugen. Jeder wollte unabhängig der
geistlichen Herrschaft in seiner Diözese froh werden. Doch es half ihnen nichts. Das
alte Herrschaftgenie Roms war erwacht und erstarkt. Die römische Diplomatie war
siegreich. Die rohen Barbarenfürsten köderte sie mit güldenen Kronen und
Purpurgewändern, mit römischen Titeln und Würden, mit Reliquien und heiligen Lanzen,
mit Splittern und Nägeln vom Kreuze des Herrn und anderen guten Dingen, die, „von
Rom her geschickt“, der Eitelkeit roher Barbarenhäuptlinge schmeicheln konnten. So
war denn ein neuer Bund gestiftet; die „weltliche Macht“ der Fürsten gesellte sich
zur „geistlichen Macht“ Roms und das Ziel war erreicht: Rom herrschte wieder, indem
es seine Macht mit den Barbarenfürsten theilte, und wieder waren die Länder Europas
Rom tributpflichtig.
Aus diesen Jahrhunderte langen Kämpfen, in denen Rom meist
siegreich blieb, will ich eine Episode schildern. Ort der Handlung ist Polen, Zeit
der Handlung das elfte Jahrhundert.
Auf dem Stuhl Petri saß der geniale
Gregor VII. Er war
ein Realpolitiker im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Prinzipienreiter. Er versuchte,
zu biegen, und verstand, zu brechen. Seine Bundesgenossen nahm er, wo er sie fand:
auf Bischofstühlen oder Fürstenthronen; und auch räuberische Normannenhäuptlinge
waren ihm willkommen. Denn seiner kurzen Regirung (1073 bis 1085) fiel die Lösung
eines weltgeschichtlichen Problems zu. Er hatte ein großes, von seinen Vorgängern
begonnenes Werk zu vollenden, das er allerdings schon als Kardinal viele Jahre lang
mächtig gefördert hatte: die Wiederaufrichtung der alten Weltherrschaft Roms in
geistlichem Gewande. Da mußten alle Kräfte des Geistes angespannt werden, alle
Mittel einer erfindungreichen Politik mußten neben und nach einander zur Anwendung
kommen. Gütliche Ueberredung, geistreiche Episteln, Hofintriguen – nicht ohne Hilfe
mächtiger Gönnerinnen –, politische Bündnisse mit Hoch und Nieder und im schlimmsten
Fall Androhung von Kirchenstrafen und feierliche Bannflüche. All diese schlauen
Künste römischer Politik ließ er dem Kaiser
Heinrich dem
Vierten gegenüber spielen, bis er ihn als Büßer im Schloßhofe von Kanossa sah.
Aber noch immer wars ihm leichter, zu siegen, wo er, wie in
Deutschland, mit der
ecclesia militans gegen die weltliche
Macht ankämpfte. Einen schwereren Stand hatte er, wo Kirchenfürsten selbst,
Bischöfe, gegen Rom sich widerspenstig zeigten, Roms Joch sich nicht beugen wollten
und wo er gegen sie die weltliche Macht anrufen mußte. Das geschah in Polen in den
selben siebenziger Jahren des elften Jahrhunderts, in denen er seinen Triumph über
Heinrich den Vierten feierte.
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Er mußte ja von den polnischen Bischöfen das
Selbe verlangen, was er auch in Deutschland und anderswo verlangte und was zur
Herrschaft Roms unbedingt nöthig war: Unterwerfung unter die Gebote der römischen
Kirche. Allerdings verlangte eine weitausschauende römische Kirchenpolitik von den
Bischöfen und Klerikern eine vollkommene Hingabe an die Interessen der Kirche, den
völligen Verzicht auf alle lokalen, provinziellen, territorialen, mit einem Wort:
alle separatistischen Tendenzen. Sollte Rom herrschen – und dahin drängte ja die
ganze Entwickelung der Kirche seit Jahrhunderten –, dann mußte es absolut herrschen.
Die Weltbeherrscherin forderte Tribut, Tribut und ohne Ende Tribut. Deshalb durfte
Rom kein Familieneigenthum der Bischöfe dulden; all ihr Eigenthum sollte Eigenthum
der Kirche sein. Um diesen Zweck aber gründlich zu erreichen, durften Bischöfe und
Geistliche keine Familie haben. Also Cölibat. Das war das Mindeste, was Rom fordern
mußte, wenn es seine geistliche Herrschaft und Allmacht nicht gefährden wollte.
In Deutschland ging es ja leidlich mit der Einführung
dieser Reformen; aber Polen, das noch nicht lange christianisirt, jedenfalls ein
viel jüngeres christliches Land als Deutschland war, Polen war noch nicht so weit.
Sie hatten ja nichts dagegen, die polnischen Bischöfe aus der herrschenden
Adelsklasse, ihre weltlichen Brüder, die mit dem Schwerte herrschten, mit dem
Weihwedel zu unterstützen. Es lebte sich ja auf Bischofstühlen und Abteien, in
Domkapiteln und reich begüterten Klöstern gar nicht so schlecht. Das Volk robotete
dem geistlichen Herrn wie dem Ritter; des edlen Waidwerks pflegten Beide gleich; die
Freuden des Familienlebens waren auch dem geistlichen Herrn nicht versagt und die
Einkünfte geistlicher Aemter und Würden gestatteten die standesgemäße Aufzucht
zahlreicher Nachkommenschaft. Mit dem ersten Bischof der Christenheit, mit dem Papst
in Rom, standen sie ja sonst auf gutem Fuß; nur sagen sie es nicht gern, wenn er
ihnen Fremde ins Land schickte. Denn mit Recht betrachteten sie jeden Bischofsstuhl
als einen heimischen Herrschaftposten, so ungefähr wie ein Kastell. Der König war
da, um die Güter des Reiches den um das Vaterland verdienten Herren zu verleihen.
Dem einen gab er ein Kastell, dem Anderen einen Bischofsstuhl. Man blieb doch immer
unter sich. Daß aber der römische Bischof über heimische Bischofssitze verfügen und
sie gar „Fremden“ ausliefern sollte: Das wollten sie natürlich nicht dulden. Was
aber gar
Gregor verlangte:
daß sie nicht heirathen und all ihr Hab und Gut, das sie als Bischöfe, Aebte und
Domherren erhielten oder verwalteten, immer nur als „Kirchengut“ verwalten sollten
–: Das wollte ihnen nicht in den Kopf. Und gar die wachsenden Ansprüche Roms,
Peterspfennige und Taxen und Geldunterstützungen und allerhand Gebühren und
Leistungen: davon wollten sie nichts
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wissen; da wollten sie lieber
„los von Rom“. Und so blieb denn in Polen
Gregor nichts
übrig, als mit der „weltlichen Macht“ sich zu verbünden, die er in Deutschland
bekämpfte. So schrieb er denn freundschaftliche Briefe an den Polenherzog
Boleslaw den Kühnen und bat ihn angelegentlichst um Hilfe gegen die
widerspenstigen polnischen Bischöfe.
[1]
Boleslaw war ein
kühner Recke; seinem großen Ahnherrn
Boleslaw Chrobry
eiferte er nach. Weithin vorwärts bis an die Mündung der Elbe und südöstlich tief in
die russischen Länder erstreckten sich seine Kriegszüge. Der böhmische
Wratislaw war sein gefährlichster Nebenbuhler. Er hatte Ansprüche auf die
Krone Polens, die einst seine Vorfahren trugen; dieser
Wratislaw stand
im Kampfe zwischen
Gregor und
Heinrich auf des Kaisers Seite. Ein Grund mehr für
Boleslaw, mit dem
Gegner seiner Feinde, mit dem Papst, gute Freundschaft zu halten; der dankbare
Nachfolger Petri spendete ihm als Entgelt dafür die Königskrone. Und so setzte sich
denn
Boleslaw für die gregorianischen Reformen in Polen ein. Das sollte ihm
aber schlecht bekommen.
Noch war in Polen die Monarchie nicht so fest gewurzelt,
daß es dem
primus inter pares möglich gewesen wäre, der
allgemeinen Stimmung des Adels zu trotzen. Diese Stimmung war gegen Rom. Denn
weltlich oder geistlich: Adel war Adel. Sie hatten nur ein Interesse, ein
gemeinsames Interesse. Den Ansprüchen Roms gegenüber hieß es: „Los von Rom!“ Und
wenn der Fürst ein Diener Roms sein wolle, dann möge er nach Rom gehen. So kam es
zum offenen Kampf. Ein krakauer Bischof
Stanislaus, das
Haupt der Los-von-Rom-Partei, fiel als Opfer des Kampfes; seine Partei aber siegte
und der „landesverrätherische“ König, der das Vaterland an Rom ausliefern wollte,
wurde aus dem Lande vertrieben.
Gregor, siegreich
in Deutschland, wo er mit dem Episkopat gegen den Monarchen kämpfte, mußte in Polen,
wo er mit dem Monarchen gegen den Episkopat kämpfte, den Kürzeren ziehen.
Doch was bedeutet eine kleine Schlappe, die Rom lokal und
momentan erleidet, für das ununterbrochen siegreiche Fortschreiten einer Weltmacht,
wie es die römische Kirche ist? Aus aller Herren Ländern zieht sie ihre Lebenssäfte
und eine Wunde, die ihr bald da, bald dort geschlagen wird, vernarbt schnell, ohne
dem gewaltigen, unverwüstlichen Organismus irgend einen wesentlichen Schaden
zuzufügen.
Auch die Niederlage in Polen war bald wettgemacht. Der
Schützlich und Freund
Gregors des
Siebenten war freilich im Exil elend gestorben
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(1082) und
Gregor war ihm bald 1085 ins Jenseits gefolgt. Aber die päpstliche Kurie nahm
mit altgewohnter Zähigkeit ihre überlieferte Politik wieder auf. Kluge Italiener und
Franzosen wurden nach Polen geschickt; mit polnischen Klöstern, namentlich mit
Benediktinern, mit denen die Beziehungen nie unterbrochen worden sind, wurden neue
Fäden angesponnen, um den Hof des polnischen Herzogs
Ladislaus
Hermann, der
Boleslaws
Nachfolger war, neue Netze gelegt; die römische Diplomatie verfolgte mit
unermüdlicher Geduld und nie rastendem Eifer ihr großes Ziel und schon der Sohn
Ladislaus Hermanns,
Boleslaw
Schiefmund (1105 bis 1138), stand wieder ganz unter dem Banne Roms und war umgeben
von schlauen Dienern der Kurie. Den Bischofsstuhl von Krakau, auf dem einst der
„Verräther“
Stanislaus
gesessen hatte, bestieg nun der Römling
Balduin; sein
Vetter, auch ein Balduin, ward Hofkaplan
Boleslaws und
Beide waren eifrig am Werk, die alte Macht Roms in Polen wieder aufzurichten. Am Hof
war ein Bruderzwist ausgebrochen. Herzog
Ladislaus Hermann
hatte das Reich unter seine zwei Söhne getheilt, den älteren
Zbigniew und den
jüngeren
Boleslaw
Schiefmund. Der jüngere aber trachtete nach der Alleinherrschaft und sann auf
Verdrängung des älteren. Das waren ja in jener Zeit nicht ungewöhnliche Vorgänge;
aber gerade solche Zerwürfnisse an „barbarischen“ Fürstenhöfen waren es, die der
feinen römischen Diplomatie die Handhabe boten, die Macht Roms in den fernsten
Ländern aufzurichten und zu festigen. Es brauchte ja nur in gewohnter Weise die
Partei des einen Prätendenten zu ergreifen, ihm zu helfen und gegen den anderen die
Kniffe des kanonischen Rechtes anzuwenden.
Eine prächtige Gelegenheit zu solchem Spiel bot sich nun
nach dem Tode
Ladislaus
Hermanns (1102). Wie die Diplomatie Roms eben erst in Deutschland den Sohn gegen den
Vater ausgespielt hatte, so zögerte sie jetzt nicht, den jüngeren gegen den älteren
Bruder aufzustacheln, um im Austausch für Unterstützung seiner unrechtmäßigen
Ansprüche ihn für die Sache Roms zu gewinnen. Denn rechtmäßigen Anspruch auf
Erbfolge in dem ihm zugewiesenen Landestheil und auf die Oberherrschaft über ganz
Polen hatte nach altem Brauch und nach letztwilliger Anordnung
Ladislaus
Hermanns der ältere Sohn
Zbigniew; der
jüngere hatte mit den ihm zugetheilten Provinzen vorlieb zu nehmen. Nun war aber
Zbigniew ein Gegner Roms, ein Anhänger jener slavischen Partei, die los
von Rom wollte. Da konnte die Stellungnahme Roms nicht zweifelhaft sein. Dem
jüngeren Bruder flüsterten römische Prälaten zu, der ältere sei nach „kanonischem
Recht“ kein echtbürtiger Sohn seines Vaters, weil er aus dessen erster, kirchlich
nicht eingesegneter Ehe stamme. Das war ein feiner diplomatischer Schachzug, würdig
des Landes, das einen
Macchiavelli
hervorbringen sollte. Denn im elften Jahr-
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hundert war kirchliche
Einsegnung der Ehe in Polen unbekannt und gar nicht vorgeschrieben. Erst 1197 wurde
sie durch einen päpstlichen Legaten in Polen angeordnet. Aber der kühne Plan gelang.
Boleslaw Schiefmund bekriegte seinen älteren Bruder, besiegte ihn, ließ
ihn blenden und töten, erwarb sich die Gunst des Papstes, wie einst sein Onkel
Boleslaw der Kühne, und wurde von seinem Hofkaplan
Balduin Gallus in
einem Lobgedicht (der ersten
Chronica Polonorum) gefeiert,
worin der fromme Held gepriesen wird, der zwar seinen Bruder blenden und töten ließ,
aber dafür Buße that und Kirchen und Klöstern reiche Geschenke machte.
[2]
Nun setzte Rom wieder alle Hebel an, um die Geistlichkeit
Polens von widerspenstigen Elementen zu reinigen. Der Unterstützung
Boleslaw war man sicher, – und so mußte Alles glatt vorwärtsgehen.
Päpstliche Legaten begannen, die Ordnung in Polen wiederherzustellen. Einer von
ihnen entsetzte zwei Bischöfe, die nicht römisch genug gesinnt waren. Die
Diözesanverhältnisse wurden neu geordnet, wie es
Gregor VII. in dem
Brief an
Boleslaw den
Kühnen gefordert hatte, die Benediktinerklöster wurden nach Cluniazenserregel
„reformirt“, – kurz: römisches Regime wurde eingeführt, die Los-von-Rom-Partei war
vernichtet, mindestens ihrer geistlichen Stützen beraubt.
Im Volk freilich und in der Masse des Adels ging es nicht
so leicht. Die Erinnerung an den Märtyrer der Los-von-Rom-Partei, an den getöteten
Bischof
Stanislaus, war
nicht so schnell aus den Herzen zu reißen. Zu groß war die Popularität des Mannes,
zu groß die Verehrung für den muthigen Führer, der gegen König und Papst das
Interesse des Landes, der Nation vertheidigte und für seine Ueberzeugung in den Tod
ging.
Allerdings war nun der polnische Klerus mehr und mehr
römisch geworden; jede Opposition war verstummt; Rom herrschte in der polnischen
Kirche; der Peterspfennig floß reichlich; der Cölibat wurde eingeführt und die
reichen Stiftungen und Güter der polnischen Kirchen und Klöster waren nun reines
„Kirchengut“, wie es das kanonische Recht fordert, – Kirchengut, über das Rom zu
verfügen hatte. Und dennoch konnte der polnische Klerus nicht ganz zur Ruhe kommen.
Noch immer verfolgte ihn die volksthümliche Erinnerung an den krakauer Bischof
Stanislaus Szczepanowski wie der Geist
Bancos. Damit mußte
endlich einmal gründlich aufgeräumt werden. Nicht umsonst war man ja in die Schule
Roms gegangen; die Lehren römischer Politik waren an den Gestaden der Weichsel nicht
in den Wind verhallt.
In aller Stille begann man, die geschichtlichen Zeugnisse
über die Vorgänge zwischen
Stanislaus und
Boleslaw dem Kühnen umzuarbeiten.
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Der krakauer Bischof
Vincenz
Kadlubek begann,
ehe er an die Abfassung seiner eigenen Lügen-Chronik ging, seine Historikerlaufbahn
damit, daß er in die alte Krakauer Kapiteljahrbücher eine Notiz hineinschmuggelte,
die den ganzen Sachverhalt fälschte, den Bischof
Stanislaus zu
einem unerschrockenen Vertheidiger der römischen Kirche und
Boleslaw den
Kühnen zu einem Frevler wider Religion und Kirchengebote machte. Dabei wird
Boleslaw als der Auswurf der Menscheit geschildert, als ein Wütherich,
der die väterlichen Ermahnungen des Bischofs damit beantwortete, daß er den frommen
Mann am Alter in Stücke hieb. Daran schließt sich eine kurze Erwähnung von Wundern,
die neben dem zerstückten Leichnam des Bischofs sich ereigneten. Diese erste
grundlegende Fälschung datirt ungefähr aus den Jahren, da Vincenz
Kadlubek Bischof von Krakau war (1208 bis 1218). Als er sich dann ins
Kloster zurückzog, wo er seine berüchtigte Chronik Polens verfaßte, wird diese ganze
Umdichtung des
Stanislaus-
Boleslaw-Haders noch etwas ausführlicher dargestellt. Dann bemühte man
sich, die Sache monographisch immer mehr auszugestalten. Eine
vita
Sancti Stanislai (Vita Minor) entwarf nach Kadlubeks Vorbild eine ganze
Lebensbeschreibung dieses frommen Märthyrers, der das Opfer der Mordlust eines
lasterhaften Königs wurde. Diesem König wurden dabei immer mehr Laster angedichtet,
und zwar – charakteristisch für cölibatäre Verfasser! – auf sexuellem Gebiet. Er
habe sich, hieß es, „wider die Natur“ vergangen und Sodomiterei getrieben.
Als man so weit war, konnte man noch mehr wagen. Den
„Märtyrer der römischen Kirche“ sollte der Papst kanonisiren. Mit der Aufnahme des
Bischofs
Stanislaus unter
die Heiligen wäre für immer die lästige Erinnerung an eine Los-von-Rom-Bewegung vom
polnischen Boden beseitigt. Daß dabei ein König, der des Papstes treuer Anhänger
war, aus dem wohlverdienten Paradies in die Hölle versetzt wurde, – was lag daran!
Auf einen in der Hölle schmorenden König mehr kam es den frommen Herren nicht an.
Betrug? Aber ein frommer Betrug!
Pia fraus!
So schickte denn das krakauer Domkapitel 1250 eine
Gesandtschaft an
Innocenz den
Vierten mit der Bitte, den Bischof
Stanislaus zu
kanonisiren. Darob gab es im Kardinal Kollegium in Rom ein bedenkliches Schütteln
des Kopfes. Denn unter den Kardinälen waren ja auch gelehrte Herren die in der
Kirchgeschichte gut beschlagen waren. Die wußten – sie hatten im vatikanischen
Archiv Quellenstudien getrieben –, daß
Stanislaus ein
hartgesottener Ketzer gewesen war, dem Rom nur schwer beikommen konnte. Und Den
sollte man jetzt kanonisiren? Der Entschluß war schwer.
Innocenz zögerte.
Zunächst ernannte er noch eine Kommission aus polnischen Bischöfen und Aebten; die
sollte die Heiligkeit des Bischofs
Stanislaus
prüfen. Ihr Bericht scheint nicht befriedigt zu haben. Das krakauer Domkapitel aber
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drängte. Da schickte der Papst einen Legaten nach Rom, den
Minoriten
Jakob von Belletri. Der hatte den Auftrag – die offizielle Instruktion
ist uns erhalten
[3]
–, „das im krakauer Kapitel-Archiv
befindliche Buch der Chronik Polens und das daselbst befindliche Buch der Annalen
einzusehen“ und sich zu überzeugen, ob alle Angaben über die Heiligkeit, die Wunder
und das Maryrium des Bischofs
Stanislaus auf
Wahrheit beruhen. Er kam und sah und fand Alles in jenen echten krakauer
Geschichtquellen bestätigt. Nach ihm aber hat Niemand mehr diese echten Quellen
gesehen. Schnell war ihre Spur verloren, sobald der Minorite Abschied nahm.
Innocenz und das Kardinal-Kollegium aber waren nun beruhigt und
Stanislaus konnte jetzt heilig gesprochen werden. Das Geschah zu Assisi im Oktober
1253.
Welche Lehre ziehe ich aus dieser schönen Geschichte?
[4]
Wenn ich die Schlauheit römischer Diplomatie, die riesige
Macht der römischen Kirche bedenke, die auf dem festesten Fundamente ruht, auf der
geistigen Hilflosigkeit der Menschen, dann fürchte ich sehr, daß auch den heutigen
Los-von-Rom-Rufern einst etwas Schlimmes widerfahren kann. Sie können nach
Jahrhunderten vielleicht gar kanonisirt werden. Allerdings haben sich ja inzwischen
die Dinge etwas geändert. Einem Los von-Rom-Rufer, dem von
Wittenberg, ist
es gelungen, sein Werk zu vollenden; dieses Werk lebt nun über vierhundert Jahre und
sein Schöpfer ist noch nicht kanonisirt. Aber Rom ist älter als vierhundert Jahre
und ich zweifle nicht, daß es mindestens noch die Hälfte seiner Lebenszeit vor sich
hat. Die Organisation der römischen
ecclesia militans ist
ganz vorzüglich; ihre Hoffnungen auf Allgemeinheit, auf Katholizität, giebt sie auch
in „abgefallenen“ Reichen nicht auf. Ueberall werden unter die Grundmauern
„schismatischer“ Kirchen Minen gelegt; wer weiß, wann die Stunde kommt, die Minen
springen zu lassen? Ein größeres, der Bewunderung würdigeres soziales Kunstwerk als
die römische Kirche giebt es nicht. Alle Kirchen beruhen auf dem selben Grundsatz:
die gemüthlichen Bedürfnisse des Menschen zum Aufbau einer geistigen Herrschaft zu
benutzen. Aber keine Kirche der Welt hat diesen Bau so künstlich gefügt, keine so
der innersten Natur der Armen im Geist fest angepaßt. Ganz so leicht, wie manche
Los-von Rom-Rufer sichs denken, ist die Befreiung von Rom nicht.