Ratzenhofers Urkrafttheorie, in: Die Zukunft (Berlin),
Jahrgang 1900, Bd. 31, S. 150-155.
Ratzenhofers Urkrafttheorie.
Alle Wege führen nach Rom. Alle menschliche Reflexion
kreist, wie der Falter um die Flamme, um das Problem der Weltentstehung, um das
centrale Räthsel unseres Denkens. Möge man sie daher noch so oft totsagen: immer
wieder feiert sie ihre Auferstehung, die Philosophie, jene Denkarbeit, die
schließlich auf dieses eine große Problem gerichtet ist.
Von welchen verschiedenen Ausgangspunkten versuchte man zu
ihr zu gelangen und von welchen verschiedenen Ausgangspunkten kam man unversehens in
ihren Bereich, ohne sie gesucht zu haben! Philosophie ringsum! Zu ihr gelangt der
schwärmerische Dichter, der für seine überschwellenden Gefühle nach dem Ausdruck
ringt; der kühne Sternesucher, dem abstrakte Spekulation ein Gräuel ist; der fromme,
gottergebene Gläubige, der in der Heiligen Schrift Erhebung und Trost sucht; zu ihr
gelangt, mit Absicht oder unversehens, der Naturforscher, mag er die Pflanze, das
Thier, den Menschen oder die Mineralien, Stoffelemente, Flüssigkeiten und Gase zum
Gegenstand seiner Forschung gewählt haben –: am Ende ihres Weges stehen sie Alle der
großen Sphynx gegenüber.
Wie sehr es aber auch scheinen könnte, daß schon längst
alle Ausgangspunkte benutzt sind: einer ist bisher nicht benutzt, der Weg von ihm
aus noch nicht begangen worden. Diesen Weg zur Philosophie beschritt Gustav
Ratzenhofer, als er von den menschlichen Wechselbeziehungen aus
(Soziologie) zu den großen Centralräthsel vordrang und es damit von einer neuen
Seite faßte.
Als er in seinem „Wesen und Zweck der Politik“ uns die im
Staate mit einander kämpfenden „politischen Persönlichkeiten“ – so nennt er die
Parteien und sozialen Gruppen – vorführte, erklärte er die Naturnothwendigkeit
dieses Kampfes durch das den einzelnen Gruppen „inhärente Interesse“, das sie kraft
ihrer Natur verfolgen müssen.
Dieses „inhärente Interesse“ war aber nicht das letzte Wort
Ratzenhofers. Um dieses Interesse zu erklären, drang er tiefer und tiefer
in den Urgrund der Dinge ein, um schließlich in seiner „Soziologischen Erkenntniß“
(1897) eine „Urkraft“ als das überall treibende Agens zu bezeichnen. Ich war damals
ein Wenig mißtrauisch. Mir war zu Muth als ob ich an diese Urkraft die Worte richten
sollte: Schöne Maske, ich kenne Dich! Ich dachte: Das wird wohl nur ein anderer Name
sein für den Gott der Theologen, die Substanz der Mataphysiker, das kantische
Ding-an-sich, den
schopenhauerischen Willen u. s. w. Heute, nachdem ich das neueste Werk
Ratzenhofers, den „Positiven
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Monismus“, gelesen habe,
[1]
bekenne
ich gern, daß ich mich irrte.
Ratzenhofers
„Urkraft“ ist kein neues Wort für ein altes Räthsel, sondern ein neuer Begriff, ein
neues Prinzip.
Und, um es gleich zu sagen, seine Urkraft ist nicht
Schöpfer der Welt oder ein den Erscheinungen zu Grunde liegendes Ding-an-sich,
sondern ein physikalisches Prinzip der Weltentwicklung. Indem
Ratzenhofer,
von dem Bestreben, den Monismus zu begründen, geleitet, von den gesetzmäßigen
Wechselbeziehungen der Menschen, also von der sozialen Welt, rückwärts zur
organischen und anorganischen Welt geht, stößt er auf diese Urkraft als „Annahme“
hin, „die wir, ohne unserer Denkfähigkeit einen Zwang anzuthun, nicht zurückweisen
können.“ „Der Weltraum ist daher erfüllt von Urkraft, deren Wesenheit nach jeder
Richtung der Denkfähigkeit unerforschlich ist und daher allen jenen Voraussetzungen
entsprechen muß, die dem Substanzbegriff beigemessen werden, ohne daß wir genöthigt
sind, eine materielle Wesenheit in Betracht zu ziehen; denn die Welt mit ihren
Erscheinungen wird durch die Kraftwirkungen vollständig erklärt.“ Diese Behauptung
sucht
Ratzenhofer dadurch zu erweisen, daß er uns das Entstehen aller „Denkelemente
der Erscheinungwelt: Bewegung, Widerstand, Volumen und den Hilfsbegriff Stoff“ aus
dem bloßen Walten der „Energien“ der Urkraft erklärt.
Diese „Energien“ sind nämlich zwiefach: aktuelle und
potentielle. „Aktuelle Energien in entgegengesetzter Richtung wirkend werden zu
potentiellen“. Das heißt: zu „aufgespeicherter Energie.“
„Wirken potentielle Energien zusammenhängend nach den drei
Dimensionen des Raumes, so erlangen sie ein Volumen.“
„Die aktuelle Energie äußert ihre Wirkung beim
Zusammentreffen mit einer anderen Energie als Stoß und die potentielle Energie
äußert ihre Wirkung gegenüber dem Stoß als Widerstand zur Behauptung des Volumens.
Potentielle Energien, denen ein Volumen zukommt, nennen wir Körper und mit Bezug auf
die der potentiellen Energie zukommende gebundene Kraft nennen wir einen Körper
Stoff.“
Mit diesen aus der unvermeidlichen Annahme einer Urkraft
sich ergebenden Sätzen, deren formal-physikalische Richtigkeit von selbst
einleuchtet, ist die Grundlage der ratzenhoferschen „Entwickelunghypothese“ gegeben.
Man braucht sich nur das „kleinste Kraftvolumen (Atom)“ vorzustellen und die in ihm
als „Mikrokosmos“ waltenden Energien in ihrem Wirken zu verfolgen, um zu einer
befriedigenden Erklärung der ganzen Erscheinungwelt zu gelangen.
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Da „die Herkunft unseres sinnlich
wahrnehmbaren Systems der Weltkörper aus einem aufgelösten und ausgedehnten Zustand
durch alle astronomischen und geologischen Erfahrungen bestätigt“ wird, so können
wir in der „vorausgehenden Periode der Universalentwickelung eine augenblickliche
gleichmäßige Vertheilung der Urkraft annehmen, beruhend auf ihrer vollständigen
Einfachheit.“ „In dieser Urkraft-Summe nun wirkte die Attraktion als primärste“
(Kohäsion), wodurch die „Masse“ gegeben ist.
Die allseits wirkende Attraktion verbürgt die Kontinuität
der Urkraftmasse.“ „Die sich kreuzenden Wirkungen der Attraktion müssen sich
nothwendig gegen das Centrum der Urkraftmasse verdichten“, woraus sich ein Punkt
ergeben muß, auf den die Resultanten der Attraktion gerichtet sind. „Diesen
Schwerpunkt der Attraktion erzeugt nach den Gesetzen der Mechanik die Kugelgestalt
der Urkraftmasse. Die Gravitation ist nur eine andere Form der Attraktion und tritt
im Verhältniß der getrennten Weltkörper an die Stelle der Kohäsion, um die
„Kontinuität der Urkraftmasse“ zu erhalten.
„Die Urkraft-Werteinheiten können nach der räumlichen Natur
des Kraftbegriffes nur Punkte sein, von denen die Attraktion beziehungweise die
Kohäsion und im Weltsystem die Gravitation ausstrahlt. Diese Urkraftpunkte schweben
im Raume, jeder in seiner Besonderheit durch eine Sphäre der Abstoßung erhalten ...
Jeder Urkraftpunkt bildet mit seiner Abstoßungspähre das Uratom.“
Aus dem natürlichen Wirken der in diesem Uratom gebundenen
und sich auslösenden Energien erklärt der Verfasser den ganzen Entwickelungprozeß
des Weltalls. Allerdings ist ja auch seine Grundlage dieser ganzen Erklärung eine
hypothetische; doch muß man ihm vollkommen zustimmen, daß seine Hypothese eine
„befriedigende“ ist, da „wir durch sie im Stande sind, einen bestimmten
Ausgangszustand für die Beurtheilung der weiteren Entwickelung zu denken.“ Diese
„weitere Entwickelung vom Uratom oder eigentlich von den Uratomen bis zu
Weltkörpern“ stellt uns der Verfasser – immer auf Grund erwiesener physikalischer
Gesetze – sehr überzeugend dar. Seine allgemeine Formel lautet: daß „durch die
wechselvolle Umsetzung der Urkraft in die verschiedenen Modalitäten der
kontrahirenden und repulsirenden Energien die Weltentwickelung erfolgt.“ An dieser
allgemeinen Entwickelung hat unsere Erde Antheil, die „durch ihr Volumen und ihr
Entwickelungstadium eine Weltkörper-Individualität bildet, die der besonderen
Beurtheilung unterliegt.“
Im nothwendigen weiteren Verlauf dieser „Umsetzung der
Urkraft“ kommt es zur „Entstehung der Organismen“. Wie es dazu gekommen ist, ist
allerdings noch nicht ganz aufgehellt; aber „beiläufig“ können wir es uns schon
denken. Jedenfalls ist „das Leben“ eine Erscheinungmodalität der Urkraft. Eine
solche „beiläufige“ Darstellung der Genesis giebt uns der Ver-
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fasser
folgendermaßen: „In der – organischen Gebilden günstigsten – Temperatur von plus 31
Grad Celsius dürften an der Erdoberfläche, dort, wo das Urmeer zwischen
emporragendem Geklüfte in Ruhe stand, unter der Einwirkung aller die
Stoffverwandlung fördernden Energien die Vorfahren der noch heute im Gewässer
vorfindlichen Protisten entstanden sein. Durch das Streben der Plus-Urkraftpunkte in
den Elementatomen, aus der Umgebung jene Stoffe anzuziehen, zu denen die regste
Affinität besteht, ergaben sich Verbindungen, die nebst den Attraktion- auch
Repulsionenergien auslösen.“ Wir sehen:
Ratzenhofer operirt mit einfachen und verständigen Mitteln, – mit den
physikalischen Kräften, deren Wirksamkeit täglich und stündlich überall beobachtet
werden kann. Allerdings: damit diese unscheinbaren Kräfte das ganze Reich der
organischen Geschöpfe ins Leben rufen, bedarf es noch einer Bedingung: unermeßlich
langer Zeiträume.
„Wir müssen bei Beurtheilung solcher Stoffbildungen das
Selbe im Auge halten, was für die Weltentwickelung überhaupt gilt, nämlich zunächst:
Zeiträume, die dem Gestaltenreichthum der Gebilde die größte Entstehungmöglichkeit
gestatten und sich mit unserer Ungeduld bei Beurtheilung der Naturvorgänge in kein
Verhältniß bringen lassen, – ferner Energieverhältnisse, die zu schaffen uns
entweder überhaupt unmöglich oder noch nicht gelungen ist. Die Urmeere zeigten
hierfür die denkbar günstigsten Umstände und hatten die nothwendigen Aeonen, um in
sich sogenannte organische Verbindungen entstehen zu lassen.“ Unter diesen
zahlreichen Verbindungen wird auch „jene Proteinsubstanz entstanden sein, die die
Befähigung hat, sich der vorhandenen Energiebedingungen so zu bedienen, daß sie sich
durch Stoffaufnahme vermehrt und durch Stoffwechsel erhält.“ Daraus, daß für die
Chemie der Eiweißkörper heute noch in Dunkel gehüllt ist, dürfe man weder auf ein
Eingreifen übernatürlicher Kräfte schließen noch sei man deshalb berechtigt, irgend
eine besondere „Lebenskraft“ anzunehmen. Die Proteinstoffe findet man als
Eiweißklümpchen, die durch elektrische Strömungen innerlich bewegt und sensibel für
Energie-Impulse erhalten werden. „Solche Proteinklümpchen haben das Streben nach
Aufnahme geeigneter Stoffe“ wozu sie im Wasser leicht gelangen. Damit beginnt auch
der Kreislauf des Lebens, der in der chemischen Zersetzung (Fäulniß) jedesmal seine
Schlußstadien findet.
Dieses „organische Leben ist die nothwendige und allein
denkbare Fortsetzung in der Entwickelung der Urkraft“, nachdem diese früher sich in
Bildung von Kraftcentren, in deren Rotation, in Bildung von Stoffelementen und in
allen anderen Formen des „unorganischen“ Lebens geäußert hat.
Das Charakteristische dieses „organischen Lebens“ ist
dessen „absolute Abhängigkeit vom zugehörigen Weltkörper und von dessen
Lebensbedingungen bei relativer Selbständigkeit in der Form und ind en Absichten.“
Diese
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Abhängigkeit erklärt sich aus dem Bedürfniß auch schon des
Protozoons, „die geeigneten Stoffe zur Ergänzung seines Bestandes aufzunehmen.“
Dieses Bedürfniß tritt als „Attraktionzug bis ins Unbegrenzte“ bei allen
Organisationen auf, „wird jedoch durch den Individualisirungdrang modifizirt, so daß
an die Stelle der plumpen Massenanziehung der unorganischen Welt die Vermehrung der
Individuen in der Gattung tritt.“ Gleichzeitig mit dieser Entwickelung der
Organismen ist eine „komplizirtere Vervollkommnung der Energieleistungen“ der
Organismen eingetreten, die wir als den Uebergang zu bewußten und willkürlichen
Reaktionen auffassen. Denn es kommt dazu, daß die bloßen „Empfindungen“ der
Organismen „Vorstellungen“ und „Absichten“ in ihnen erwecken, die unter
Dazwischenkunft eines „Willens“ ausgeführt werden. Das eigentliche Motiv aber all
dieser psychischen Erscheinungen und zugleich Triebfeder der Ausführung der
entstandenen Absichten ist das dem speziellen Organismus „inhärente Interesse.“
„Dieses Interesse, Das ist: das in der Stoffkonstellation des Organismus wurzelnde
individuelle Streben, zwingt zur Ausführung der gebotenen Absicht durch den Willen,
Das ist: die im Organismus zur Befriedigung des inhärenten Interesses bereite
potentielle Energie.“ Was wir „Leben“ nennen, ist also nur eine komplizirtere
Aeußerung der Energien, die auch in der „leblosen“ Natur wirken. Denn „das Leben ist
ja nichts Anderes als das Wirken des Urkraft, die eben so räthselhaft in der
Massenanziehung wie in der Elektrizität ist und für die wir nur die Gesetzmäßigkeit
des Verhaltens suchen, gleichviel, ob diese in den Gesetzen der Gravitation, der
elektrischen Energie, der Kristallisation, des physiologischen oder auch des
psychologischen Vorganges, ja, sogar der sozialen Erscheinungen gefunden wird.“
Dieser Satz enthält das ganz Programm
Ratzenhofers,
die Grundtendenz und Idee seines „positiven Monismus“. Hatte er in seinem früheren
Schriften das Walten der „Urkraft“ auf sozialem Gebiet nachgewiesen, so ergänzt er
in seinem neuen Buch diesen Nachweis sozusagen rückwärts für das organische und
anorganische Gebiet. Aus diesem gesammten Nachweis aber ergiebt sich ihm die Lehre,
daß „das Leben nicht als etwas von allen übrigen Erscheinungen Abweichendes
aufzufassen sei, sondern als Entwickelungmodalität der im Uratom thätigen Energien.“
In diesem nach einheitlichem Gesetz sich abspielenden Leben
des Universums spielt nun bei
Ratzenhofer,
wie schon erwähnt, das „Interesse“ eine hervorragende Rolle als das treibende Motiv,
als der Leitstern des Vorgehens all und jedes Wesens, gleichviel, ob organischen
oder anorganischen. Denn all und jedes Wesen, organisch oder anorganisch, jedes Ding
auf dieser Welt hat ein ihm „inhärentes Interesse“, dem es folgen muß, – bewußt oder
unbewußt.
Jedes Ding, als Modalität betrachtet, hat ein solches
inhärentes Inter-
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esse, das nichts Anderes ist als „der Komplex der
einem selbständigen Gebilde zukommenden Bedürfnisse, die je nach den
Lebensbedingungen hervortreten.“
„Ein Meteor zum Beispiel hat das Interesse, seinen Umlauf
im Raume fortzusetzen; es verfällt aber dem stärkeren Interesse der Erde und ergiebt
sich diesem unter Wärme-, Licht- und Schallerscheinungen als Beweis des Kampfes für
sein Interesse gegen die überlegene Massenerscheinung. Mit jedem Gebilde, das
entsteht, entsteht auch dessen ,Interesse‘, das maßgebend ist für sein gesammtes
Verhalten. In diesem Interesse spiegelt sich also Das, was wir von einem Gebilde
wissen können, sein ,Was‘; und dieses ,Was‘ ist die Aeußerung der Urkraft, daher
dessen Erforschung der Inhalt aller Wissenschaft. In den Gedanken der Lebewesen
jeder Entwickelungstufe kommt die Absicht zum Ausdruck, wie einem gegebenen
Interesse oder Bedürfniß entsprochen werden soll; ob eine dunke Absicht einfach zu
einem blinden Nachgeben gegenüber den waltenden Energien führt oder ob die Absicht
in einem komlizirten Gedankengange u dem selben Resultat veranlaßt, nämlich, die
Energie walten zu lassen: Das ist dem Wesen nach gleichbedeutend.“
Denn der zwischen Interesse und Wahrung des Interesses
tretende „Gedankengang selbst ist nur ein Schwanken der Energiespannungen im
Empfindungumkreis des inhärenten Interesses.“ Dieser bei
Ratzenhofer allumfassende Begriff des „Interesses“ ist dem Verfasser, wie es
scheint, zuerst auf dem Gebiet der Soziologie aufgegangen und schon in seiner
„Politik“ und in seiner „Soziologischen Erkenntniß“ hat er von dem vielsagenden
Begriff einen überraschend glücklichen Gebrauch gemacht. Da er nun aber die auf
sozialem Gebiete wirkenden Kräfte gegen ihren Ursprung hin zurückversetzte, fand er
überall das selbe treibende Motiv des „Verhaltens jedes Dinges“, das „inhärente
Interesse“.
Wahrlich: wenn es das höchste Ziel aller Wissenschaft ist,
uns über das Wesen der Dinge aufzuklären und uns das innerste Gesetz alles Seins zu
enthüllen, so hat
Ratzenhofer zum
Mindesten gezeigt, auf welchem Wege wir an dieses Ziel gelangen können. Das hat aber
bisher noch keine Philosophi[e] geleistet. Weder die idealistische Philosophie mit
ihrem „Ding-an-sich“ und mit ihrer „Substanz“ noch die materialistische Philosophie
mit ihrer „Materie“, mit ihrem kraftbeseelten „Stoff“ konnten uns über das
eigentliche Räthsel des Daseins hinwegtäuschen. Unbefriedigt vom Idealismus wie vom
Materialismus, wandte man sich unwillig von aller Philosophie ab.
Ratzenhofer hebt ihre Standarte wieder auf und schwingt sie hoch über
allen Spezial-Disziplinen, – nicht innerhalb einer der vielen Einzelwissenschaften,
sondern hoch über ihnen. Mit seiner Urkraft-Theorie zeigt er uns, auf welchem Wege
und mit welchen wissenschaftlichen Mitteln man zu einem wenigstens annähernden
Verständniß des Räthsels des Daseins gelangen kann.