Staat, Kulturkreis und Menschheit, in: Die Zukunft
(Berlin), Jahrgang 1899, Bd. 26, S. 434-439.
Staat, Kulturkreis und Menschheit.
Auf welche Weise der Gegensatz zwischen Schafen und
Raubthieren, um bei der bündigsten Formel zu bleiben, die ganze Entwickelung der
Kultur eingeleitet und gefördert hat: Das schildert
Ratzenhofer in
den Abschnitten seines Werkes über die „höheren Sozialgebilde“.
„Die soziale Entwickelung erhält erst einen tieferen
Impuls, wenn ein wandernder Stamm seßhafte besiegt und diesen Sieg zu deren
Unterwerfung in ihrem eigenen Wohnsitz ausnützt.“
[1]
Diese Grundwahrheit aller Staatswissenschaft,
über die unsere Staatsrechtslehrer gewöhnlich in tiefes Schweigen beobachten ,
bildet bei
Ratzenhofer den
Ausgangspunkt zur Darstellung der sozialen Entwickelung des Staates. Er schildert
nämlich die Folgen dieser Thatsache. „Es entsteht aus zwei Gemeinschaften eine; der
siegende Stamm vernichtet den unterworfenen; aber nicht materiell, sondern
politisch.“ (S. 157.) Trotzdem bleibt „der unterworfene Stamm als soziale
Individualität bestehen“, als „untere Schicht der Gesellschaft“. „Die soziale
Ungleichheit wird zur ordnenden Institution. Die Unterworfenen werden zu Sklaven
oder wenigstens zur arbeitenden Bevölkerung, während die Sieger eine bevorrechtete
Stellung einnehmen.“ (S. 157.) Jedem, der die Geschichte der Staaten kennt, müssen
diese allgemeinen Sätze
Ratzenhofers
als selbstverstndälich erscheinen. Und doch muß es auffallen, daß wir sie dort
vergebens suchen, wo man sie unbedingt finden müßte: in den Lehrbüchern des
allgemeinen Staatsrechtes und in den „nationalen“ Geschichtwerken. Diese Sätze
werden änmlich in ihrer Allgemeinheit von den Staatsrechtslehrern und „nationalen“
Historikern nicht zugestanden, mindestens für das eigene Volk immer abgeleugnet. In
Deutschland gesteht man die Richtigkeit dieser Sätze für Indien oder Griechenland,
aber nicht für Deutschland zu. In Polen wollten die nationalen Historiker von einer
solchen Entstehung eines Volkes und Staates nichts wissen, sie wenigstens für Polen
nicht zugeben.
[2]
Und weil man
diese Thesen immer auf die eigene Nation anzuwenden sich scheute, so bestritt man
ihre Allgemeinheit und ließ sie als allgemeine Wahrheiten der Staatswissenschaft
nicht gelten.
Ratzenhofer aber
lehrt uns, daß in der Urgemeinschaft „individuelle Ungleichheit herrscht, weil sie
aus Stämmen verschiedener Herkunft zusammengesetzt ist.“ „Es herrscht soziale
Ungleichheit, weil sich die Sieger von den Unterworfenen sowohl der Sitte als den
rechtlichen Ansprüchen nach
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unterscheiden.“ Wenn man uns also z. B.
von der Freiheit der „Urgermanen“ erzählt, so sind wir von dem Standpunkt der
Soziologie aus berechtigt, zu fragen, ob man darunter die Herrschaft der Raubthiere
oder die Sklaverei der Schafe versteht.
Im Unterschiede zu den „Gemeinschaften der primitiven
Vorzeit“ werden im Staat, also auch schon in der „kleinsten auf Unterwerfung
basirten Gemeinschaft“, die „Wechselbeziehungen der Menschen“ durch „das Interesse
der Mächtigen“ geordnet; und zwar vollzieht diese „Ordnung“ das „durch die allseitig
entstandene Ungleichheit an die Stelle der ordnenden Sitten und Gebräuche“ getretene
„Recht“ (S. 158). „Die durch Unterwerfung und Herrschaft gegliederten und
vermischten Stämme“ aber „bilden eine neue Gemeinschaft: ein Volk.“ Es scheint, daß
man vom soziologischen Standpunkt zu gar keiner anderen Auffassung von Staat, Volk
und Recht gelangen kann; so erkläre ich mir auch
Ratzenhofers
Uebereinstimmung mit den in meinem „Allgemeinen Staatsrecht“ vorgetragenen
Grundlehren vom Staat. Diese Grundlehren resumirt
Ratzenhofer so:
„Der Staat stellt sich ... als ein soziales Verschmelzungprodukt divergirender
Bestrebungen primitiver Gemeinschaften dar. Dem kulturtreibenden seßhaften Stamm
tritt der im Kampf überlegene, kulturell tiefer stehende Nomadenstamm sieghaft
entgegen; die Dienstbarmachung des ersten ist der Zweck des zweiten und aller
politische Kampf in diesem Staat ist sodann der Veränderung dieses
Herrschaftverhältnisses zugewendet.“ (S. 163.)
Da eine solche den Thatsachen einzig und allein
entsprechende Auffassung des Staates der durch Jahrhunderte herrschenden Staatslehre
fremd blieb, mußte sie zum Bankerott führen, den schon vor dreißig Jahren für das
deutsche „Allgemeine Staatsrecht“ Konstantin
Frantz konstatirte.
Seitdem ist aber auch das „Allgemeine Staatsrecht“ in Deutschland ganz unproduktiv
und hat keine Leistungen aufzuweisen. Wie sehr da eine solche Auffassung des Staates
wie die
Ratzenhofers
umwandelnd und verjüngend auf die Geschichtschreibung einwirken müsse, liegt auf der
Hand. Denn die Geschichtschreibung wird einmal doch aufhören müssen, die
grundlegenden Thatsachen der europäischen Staatengeschichte zu verdrehen oder
diplomatisch zu verschweigen, da die ganze seitherige Entwickelung dieser Staaten
und ihre bis heutzutage bestehende soziale Struktur nur aus diesen grundlegenden
Thatsachen erklärt werden können. Allerdings werden bei dieser Erklärung auch unter
Soziologen gewisse Verschiedenheiten zu Tage treten, doch nur solche von
untergeordneter Bedeutung. So möchte ich z. B.
Ratzenhofers
Erklärung der weiteren Entwickelung des Staates ausschließlich als der Folge
ununterbrochener Differenzirung nur theilweise zustimmen; er sagt: „Weil der Staat
mit seinem Entstehen bereits ein in sich differenzirtes Gesellschaftgebilde ist,
weil ihm die Trennung in Herrschende und Dienende grundsätzlich
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innewohnt, so bedarf es nur einer fortgesetzten Einwirkung der entwickelnden
Ursachen, der Blutliebe, des Brotneides und der Arbeitscheu, um die bestehende
Differenzirung unbegrenzt auszugestalten“. Nun ist aber der primitive Staat kein aus
einer Einheit „differenzirtes“, sondern aus heterogenen Elementen „sozialisirtes“
Gebilde und auch in seiner weiteren Entwickelung wirkt nicht nur die Differenzirung
des Einheitlichen, sondern die Sozialisirung des Heterogenen. Das hat
Ratzenhofer als allgemeinen Grundsatz des sozialen Entwickelungprozesses
schon selbst betont; er sollte also diesen allgemeinen Grundsatz auch bei der
Erklärung der weiteren Entwickelung des Staates festhalten. Eigentlich thut er es ja
auch, wenn er von dem „Zuwachs fremder Gebiete und Stämme“ als „wirksamsten Ferment“
der Staatsentwickelung spricht: denn ein solcher Zuwachs ist doch
eo ipso eine Sozialisirung und bahnt eine Amalgamirung an. Auch wenn
Ratzenhofer von der „Entstehung der Mittelschicht“ zwischen den
„Herrschenden und Dienstbaren“ spricht, darf er doch nicht vergessen, daß diese
„Entstehung einer Mittelschicht“ ursprünglich ganz überwiegend nicht ein Produkt der
Differenzirung, sondern der Sozialisirung (durch Einwanderung) war.
Sehr originell und, wie mir scheint, sehr treffend ist
Ratzenhofers Auffassung vom „Kulturkreis“. Man hat bisher bei diesem Wort
an eine Vielheit von Nationen gedacht, deren Kultur auf annähernd gleichen
Grundlagen beruht, und in diesem Sinn oft von einem „europäischen Kulturkreis“ im
Gegensatz zum „orientalischen“ gesprochen.
Ratzenhofer scheint den Begriff „Kulturkreis“ enger zu fassen und dabei an
Gruppen von Völkern und Nationen zu denken, die einem Sprachstamm angehören, also in
Europa z. B. an einen romanischen, germanischen und slavischen Kulturkreis. Ihn
basirt er nun auf die Thatsache, daß noch vor der Entstehung der Staaten „über einen
gleichgearteten Landstrich“ in Folge gleicher „Lebensbedingungen“, die „der
Hauptsache nach an dem Wohnsitz haften“, „eine gleichgeartete Besorgung ... der
Ernährung, der Organisirung der Familie und der öffentlichen Herrschaft“ sich ergab.
(S. 177). Als später die staatengründenden „Hirten- und Jagdstämme“ in die
verschiedenartigen Kulturgebiete“ einbrachen, wurden diese Gebiete wohl politisch
zerrissen, behielten aber ihren hauptsächlich in der einheitlichen oder verwandten
Sprache sich äußernden Kulturzusammenhang. Daher ist „wie vor dem Werden des
Staates, so auch nachher, über dessen Grenzen hinweg, der Kulturkreis das Gebiet
zusammenwirkender sozialer Entwickelung.“ Das Vorhandensein eines solchen
Kulturkreises „ist dem Staat als Machtorganisation stets gefährlich gewesen“, weil
es „das innere Bedürfniß der Abgeschlossenheit des Staates auflöst und durch soziale
Beziehungen auf Erweiterung der politischen Schranken und Herrschaftverhältnisse“
hinweist. Ich glaube, daß
Ratzenhofer bei
diesen Ausführungen
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zunächst wohl an Deutschland und dessen Uebergang
von der Kleinstaaterei zum Einheitstaat dachte; doch hat seine Auffassung gewiß auch
eine allgemeine Bedeutung und würde eine viel weitergehende Anwendung zulassen. Man
bedenke nur, das es in Europa große Gebiete giebt, an denen gewisse Sprachen als
Kulturträger so unzertrennbar zu haften schein, daß sie allen mit dem Aufgebot der
größten Machtmittel ins Werk gesetzten Ausrottungversuchen der Staaten Trotz bieten:
und die Idee von „Kulturkreisen“ die „der Hauptsache nach an den Wohnsitzen haften“,
wirkt dann wie eine plötzliche Erleuchtung. Es streift allerdings ein Bischen an
Mystik, einen solchen untrennbaren Zusammenhang zwischen „Wohnsitzen“ und der in
ihnen seit vorstaatlichen Zeiten herrschenden, in der eigenen Sprache sich äußernden
Kultur anzunehmen; doch läßt sich dieser Gedanke nicht so leicht abweisen.
Aus dieser Auffassung der „Kulturkreise“ würde sich aber
ergeben, daß sie nicht gerade ein höheres durch die Staaten erzeugtes Sozialgebilde
sind, das etwa vom Staate zum Menschheitkreis hinüberleitet, sondern naturwüchsige
Sozialgebilde, die der Staat in ihrer natürlichen Ausbildung und Ausgestaltung
gewaltsam störte („gewisse Kulturgebiete wurden zerrissen“). Es würde sich also die
Frage aufdrängen, ob bei einem solchen Sachverhalt diese Kulturkreise, wenn sie
einmal zum Bewußtsein ihrer Einheit und Zusammengehörigkeit gelangen, an den
Staaten, die sie einst „zerrissen“ haben, nicht Revanche üben und eine historische
Korrektur vornehmen können.
Ich will diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, da ich ihm
nicht ganz zustimme und trotz der Thatsache, daß gewisse Sprachen an gewissen
territorialen Gebieten unzertrennlich und unausrottbar zu haften schein, dennoch
eher geneigt wäre, den Kulturkreis als durch eine in gleicher Richtung entwickelte
staatliche Kultur erzeugte Gemeinsamkeit von Kulturinteressen aufzufassen, die
allerdings durch die Nachbarschaft der Länder und den gegenseitigen Verkehr, jedoch
nicht ohne Zusammenwirken der Staaten entstanden ist. Nach dieser Auffassung wäre
allerdings der Kulturkreis ein durch den Staat bedingtes höheres Sozialgebilde, das
vom Staate zur gesammten Menschheit hinüberleitet.
Auch
Ratzenhofer denkt, nachdem er vom Staat und Kulturkreis gesprochen hat, an die
„Menschheit“, da er von der „Ausbreitung eines sozialen Hauptprozesses“ über sie
spricht. Doch beschränkt er sich dabei auf die Vergleichung der einstigen Eroberung
Europas und Ostasiens durch die „weißen und gelben Nomaden aus dem inneren Asiens“
und der Eroberung Amerikas, Australiens und Afrikas durch die Europäer. Der
Unterschied liegt darin, daß jene Eroberung „in Horden, Stämmen, im weiteren Verlauf
der Entwickelung auch in Völkern unter einem patriachalischen Herrschaftverhältniß“
geschah, während die neuen Welttheile durch „Sendlinge bestehender Staaten“
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erobert werden. Doch giebt er für die Richtigkeit dieser historischen
Aphorismen keine befriedigenden Beweise. Ist es denn nicht möglich, daß aus Asien
nicht ganze „Horden, Stämme und Völker“, sondern, eben so wie in der Neuzeit
Europas, nur die überschüssige abenteuernde Bevölkerung nach Europa ging, um sich da
ein besseres Dasein zu sichern, – ganz wie die europäischen Konquistadoren und
Kolonisten nach Amerika, Australien und heute nach Afrika gehen? Zwischen den
Eroberungen der vorhistorischen Zeit Europas und den heutigen Kolonisationen der
Europäer in den überseeischen Welttheilen scheint mir wesentlich nur der
Unterschied, daß die asiatischen Abenteurer und Nomaden bei ihren Expeditionen nach
Europa ihre wahre Absichten nicht zu verschleiern versuchten; eine naivere Zeit
gestattete ihnen, offen ihre Absichten zu verfolgen, während wir heute heimlich nach
Diamantenfeldern und Goldminen schielen, aber mit frommen Augenaufschlag betheuern,
daß wir die armen Teufel in Afrika, Australien und Amerika der Segnungen des wahren
Glaubens und der europäischen Kultur theilhaftig machen wollen. Uebrigens muß es
unserem Europocentrismus zu Gute gehalten werden, wenn wir in den von Europa
ausgehenden und heute nach allen Welttheilen gerichteten Kolonisationen „die
Ausbreitung des sozialen Hauptprozesses über die Menschheit“ erblicken. In den
Köpfen der „gelben Rasse“ dürfte wohl dieser Hauptprozeß sich anders spiegeln; und
wer weiß ob heute die Yankees sein Wesen nicht darin erblicken, daß das
Sternenbanner allmählich die verschiedenen alten Wappenbilder aus allen Erdenwinkeln
verscheuchen solle. Wie die „Menschheit“ selbst als
quasi
höchstes „Sozialgebilde“ ein unklarer und unfaßbarer Begriff ist, so ist auch ein
sozialer „Hauptprozeß“, der sich „über die Menschheit“ verbreitet, wohl ein ewiges
geschichtphilosophisches Thema, dessen Verständniß uns aber auch
Ratzenhofer trotz seiner „historischen“ Auffassung nicht erschlossen hat.
Auch seiner Weisheit höchster Schluß ist, daß heutzutage „die Kulturkreise gleichsam
unter sich in Machtbestrebungen getreten sind“ und daß „im allgemeinen Ueberblick
gegenwärtig nicht mehr Stämme und Staaten, sondern die Rassen vor einem Kampf um die
Vertheilung der Herrschaft in der Welt“ stehen. Rassen? Was versteht
Ratzenhofer darunter? Wenn man aus seinem ganzen auf der Hypothese des
Monogenismus aufgebauten System schließen darf: ein Gemisch von aus ursprünglicher
Einheit differenzirten Stämmen, die auf einem gemeinschaftlich besiedelten
Kulturgebiet eine einheitliche Kultur angenommen haben. Das entspricht ja im Ganzen
allerdings den Thatsachen: nur können leider diese Thatsachen unseren
philosophischen Treib nicht befriedigen, der für den „sozialen Hauptprozeß“ nach
irgend einer höheren Idee, irgend einer vernünftigen Ausdeutung drängt.
Ratzenhofer tröstet sich damit, daß trotz Alledem „der soziale Prozeß,
zwischen Kultur und Kamp schwankend, jenem Ausgleich sich nähert, der
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unter ordnenden Organisationen zur Befriedung der widerstrebenden Interessen möglich
ist.“ Ja, manchmal ist eben kein anderer „Ausgleich“ „möglich“ als einer durch
Bombardements und Torpedos. Da kann uns auch die soziologische Erkenntniß nicht
helfen: sie will ja eben nur „Erkenntniß“ sein und nicht die Welt verbessern.