Die Wechselbeziehungen der sozialen Gebilde, in: Die
Zukunft (Berlin), Jahrgang 1899, Bd. 26, S. 366-371.
Die Wechselbeziehungen der sozialen Gebilde.
In der Darstellung des sozialen Entwickelungsprozesses, der
aus den gegenseitigen Wechselbeziehungen der sozialen Gebilde hervorgeht, hält sich
Ratzenhofer eben so fern von einseitiger Betonung der Differenzirung wie
von übertriebener Veranschlagung der Amalgamirung. Er betont vielmehr den „steten
Wechsel von Differenzirung und Vergesellschaftung“ und wird darin durch zahlreiche
Thatsachen der Geschichte und der täglichen Lebenserfahrung unterstützt. Schon „die
Horde, ihre Gruppen und die Stämme“ sind fortwährend in einem solchen Wechsel
begriffe.
„Die Ernährung mit ihren Störungen differenzirt die
Gemeinschaft, Hilfeleistung und Schutzbedürfniß vergesellschaften früher getrennte
Gruppen, während die Geschlechtsbeziehungen der Einzelnen im ganzen Stamme soziale
Vereinigungen herbeiführen. Individualinteressen und Sozialinteressen, in stetem
Wechsel wirksam, führen die Haupterscheinungen des sozialen Prozesses herbei; sie
enthalten auch in sich das leitende Prinzip für die ordnende Sitte; denn so
verschiedenartig die Auffassung über Verpflichtungen, über Gut und Böse, über Billig
und Unbillig sein kann, so bleibt doch stets grundlegend für das Ethos, daß aus den
Individualbestrebungen das sittlich Verwerfliche und aus den sozialen Trieben das
sittlich Wohltätige hervorgeht. Auf dem Wege der Sozialisirung findet sich das
Gemeinnützige, auf dem Wege der Individualisirung vorwiegend das Gemeinschädliche.“
(S. 129.)
Trotzdem ist
Ratzenhofer gezwungen, den Ausgangspunkt des sozialen Prozesses darin zu
erblicken, daß sich „zwei individuell verschiedene primitive Gemeinschaften im Raum
begegnen und um ihrer Erhaltung willen in einen Gegensatz treten, dessen
Hauptmerkmal wohl darin zu suchen sein dürfte, daß zwischen solchen Gemeinschaften
entweder nie eine direkte Blutsverwandtschaft bestand oder daß deren Spuren
verwischt sind.“
Das ist unbestreitbar richtig; der erste Anstoß geht von
dem Zusammentreffen mindestens zweier heterogenen Horden, Stämme oder sonst welcher
Gruppen aus, von denen die eine die andere bezwingt und ihren Zwecken dienstbar
macht. Nur läßt
Ratzenhofer im
Dunkeln, wie es naturgesetzlich zu einem solchen Zusammentreffen kommt. Denn gehen
wir von einem Schöpfungherde – sagen wir: von einer Urhorde – aus, so müssen wir
schon „Differenzirungen“ zu Hilfe nehmen, um zu der angeblichen Ur-Thatsache,
nämlich zum Aufeinandertreffen der „zwei individuell verschiedenen primitiven
Gemeinschaften im Raume“ (S. 132.) zu gelangen. Ich habe nun mehrfach
nachgewiesen
[2]
,
wie eine solche Konzeption an dem innerlichen Widerspruch leidet,
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daß
der soziale Prozeß bis zum Zusammentreffen der zwei primitiven verschiedenen
Gemeinschaften im Wesentlichen Differenzirung, von da an aber eine fortschreitende
Sozialisirung gewesen sein soll. Es fehlt jede Möglichkeit, zu erklären, warum die
Natur, von der
Ratzenhofer selbst aussagt, daß sie sich nicht „grundsätzlich ändere“, wenn
sie seit der Entstehung der ersten Horde differenzirend gewirkt hat, nun plötzlich
Kehrt machen und den entgegengesetzten, sozialisirenden Weg einschlagen sollte. Um
diesem Widerspruch zu entgehen, habe ich mich in meinem „Rassenkampf“ für den
„Polygenismus“ entschieden und ließ die „verschiedenen primitiven Gemeinschaften“
(Horden) sich von allem Anfang an so bekämpfen, wie sich Stämme und Völker noch
heute in der ganzen Welt bekämpfen. Auch
Ratzenhofer war,
wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht, noch in seiner „Politik“ geneigt, diesen
polygenistischen Standpunkt gelten zu lassen. Heute meint er, daß die
polygenistische Hypothese „nach den paläontologischen und zoologischen Forschungen
... keine Wahrscheinlichkeit für sich habe, sondern es scheine die Abstammung des
Menschen von einem ausgestorbenen Anthropoiden, dessen Gattungverwandte noch in
Zentralafrika und auf den Sunda-Inseln vorkommen, annehmbar.“ (S. 130.)
Ich will dahingestellt sein lassen, ob eine solche
Entstehungart des Menschenfgeschlechtes die polygenistische Hypothese nicht viel
mehr bekräftigt als widerlegt; jedenfalls unterschätzt, nach meiner Ansicht,
Ratzenhofer heute die Bedeutung der Frage, ob Monogenismus oder
Polygenismus als Ausgangspunkt für die Soziologie anzunehmen sei. Er erklärt etwas
resignirt, daß, „streng genommen, in der Frage nach der Abstammung des Menschen
nichts enthalten sei, was die soziologische Erkenntniß zu fördern vermöchte. Die
Erforschung der Ursprungserscheinungen hat überhaupt nicht jene Bedeutung für die
Soziologie, welche ihr vielfach beigelegt wird. Gewiß liegt es in ihrem Wesen, daß
wir unsere Einsicht über den Ursprung des Menschen und die ersten sozialen
Erscheinungen möglichst erweitern; aber für die soziologische Erkenntniß an sich ist
das Fehlen jener Einsicht kein Hinderniß; denn die Thatsachen, die die lebende
Gesellschaft und die bisherige Erforschung anführen, reichen darum hin, die
soziologische Gesetzmäßigkeit ermitteln zu können, weil diese, wie wir wissen, an
die allgemeine Naturgesetzlichkeit und nicht an die Entwickelungsgeschichte allein
anschließt.“ (S. 131.) Dieser gewundenen Erklärung kann man insofern beistimmen, als
das vorliegende Werk selbst die Frage ganz zurückstellt und doch Bedeutendes für die
soziologische Erkenntniß leistet.
Für mich bleibt es dabei, daß ohne die polygenistische
Hypothese das ganze Gebäude der „Soziologischen Erkenntniß“ in der Luft schwebt.
Wenn die Vielheit der erfahrunggemäß seit dem Aufdämmern historischer Zeiten
vorhandenen heterogenen Gemeinschaften, deren feindliche Wechselbeziehungen den
sozialen Weltprozeß einleiten, wenn diese Vielheit aus einer einheitlichen
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Urhorde (um von einem Urpaare nicht zu sprechen) durch allmähliche
Differenzirung entstanden wäre, so scheitert eben alle wissenschaftliche Erklärung
an der räthselhaften Umkehr der seit dem Anbeginn des Menschengeschlechtes wirkenden
Naturkraft. Die „zwei primitiven verschiedenen Gemeinschaften“, deren
Zusammentreffen den sozialen Weltprozeß einleitet, sind vielmehr überall auf dem
großen Schauplatz der Menschenschöpfung von allem Anfang an in den durch
verschiedene tellurische, klimatische und geographische Einflüsse heterogen
veranlagten primitiven Horden gegeben. Und der soziale Prozeß nimmt nicht erst
seinen späten Anfang nach Beendigung der Differenzirung, sondern hat sich von je her
zwischen den heterogenen Horden und Gruppen abgespielt. Was wäre denn Das auch für
ein Naturprozeß, der, wie ein Theaterstück, von einem bestimmten Zeitpunkt an
begönne, nachdem sich erst hinter den Coulissen die Schauspieler durch
„Differenzirung aus der einheitlichen Horde“ in ihre Rollen hineinzufinden gehabt
ähtten?
Nein: wenn wir es, wie auch
Ratzenhofer annimmt, überhaupt mit einem Naturprozeß zu thun haben, so hat er
nicht begonnen, als der historische Vorhang aufging, sondern die bei ihrer ersten
Menschwerdung schon differenten Horden sind beim Zusammentreffen ganz so auf
einander losgestürzt wie heutzutage Spanier und Amerikaner und vor nicht langer Zeit
die Bayern und die Preußen, die ja auch nicht Produkte einer Differenzirung aus
einem fabelhaften „Urgermanenthum“, sondern von Haus aus heterogene Elemente sind,
die vielleicht aber einer künftigen Amalgamirung entgehen.
Dieser kleine Dissens mit dem geehrten Verfasser hindert
mich nicht, ihm in allem Weiteren fast widerspruchlos zu folgen.
Es mag angehen, daß „bei Begegnung äußerlich nicht zu
verschiedenartiger Stämme die Scheu vor dem Kampfe vorgewaltet“ habe (S. 134.) und
daß unter „Aufrechterhaltung der Kampfscheu im Allgemeinen die Bevölkerung der
Erdoberfläche in Urzeiten sehr weit gediehen zu sein scheint.“ (S. 135.) Gewiß hat
der Verfasser Recht, wenn er bemerkt, „daß das beschränkte Interesse einer
friedfertigen Grundanlage auch alle Entwickelung hemmt, insbesondere die soziale.“
Eine Betrachtung der „ethnologischen Verhältnisse der Erde“
zeigt, daß „im Allgemeinen die Naturvölker der schwarzen und der braunen Rasse
angehören ... die Kulturvölker hingegen der weißen und der gelben.“ Ohne
Zusammenhang mit ihnen steht die rothbraune Rasse da, deren „ethnologische Einheit
die Einheit des Menschengeschlechtes überhaupt“ zu verneinen scheint.
Von den ersten vier Rassen finden die weiße und die gelbe
in der gemäßigten Zone „eine nervenanregende Wirkung des Klimas und hinreichende
Ernährung, wenn sie der Natur mit Thatkraft abgerungen wird; diese Umstände
veranlassen zur Arbeit, zum Aufsuchen der besten Lebensbedingungen.“
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Auf diese Weise „entwickelt sich der Wandertrieb“, dem „die Ernährung durch die
Viehzucht und durch die Jagd eigenthümlich ist.“ (S. 138) „Stämme, die auf ihren
Wanderungen auf besonders fruchtbare Flußgebiete aber an die Meere stießen, wurden
seßhaft“ und begannen, „den Ackerbau zu entwickeln.“ Auch „die Pflanzennahrung,
ersichtlich die ursprünglichste des Menschen, die auch seinen den Kampf vermeidenden
Grundanlagen entspricht, dürfte Stämme, die primitiver Entwickelung noch nicht
völlig entwachsen sind, zum Ackerbau veranlaßt haben.“
Danach sind es „drei Erscheinungen, die bei den Nordrassen
(der gelben und weißen) durch Wechselwirkung die Quelle höherer sozialer
Entwickelung werden: der Ackerbau, die Jagd und die Viehzucht, betrieben in
riesigen, klimatisch begünstigten Räumen unter den verschiedenartigsten
individualisirenden Lokalverhältnissen.“ An diesen Ackerbaubetrieb knüpft
Ratzenhofer die Entstehung der ersten „Organisation der Gemeinschaft.“
„Damit die Menschen sich einem stadienweise verlaufenden Arbeitwerk wie dem Ackerbau
hingeben können, ist eine Organisation der Gesellschaft nöthig, die die Einzelnen
den Wirthschaftzwecken unterthan macht. Die Gemeinschaft bedarf eines gewissen
Herrschaftverhältnisses, weil der Wirthschaftzweck erst durch Organe der Ordnung
gesichert ist. Die freie, ungezwungene Idylle der Horde hört auf.... Die
Ungebundenheit und Naivetät, mit denen sich das soziale Leben in der Horde ohne
bindende Rechte und Pflichten erfüllt, weichen einer Gebundenheit der Pflichten und
Billigkeitforderungen...“ (S. 140.)
Als nächst höheres Sozialgebilde über der Horde und über
dem Stamme entsteht die Gemeinde, die als die „seßhafte, zu sozialer Ordnung
verpflichtete Stammesgruppe“ erklärt wird. Diese „patriachalisch geordnete,
wirthschaftlich kommunistische Gemeinde“, die „mit den anstoßenden Gemeinden in den
selben Wechselbeziehungen lebt wie die Horden, Gruppen und Stämme“, hat jedoch zur
Voraussetzung, daß „der ursprünglich kampfscheue Grundzug der Menschen anhält.“ (S.
141.) Noch vor dem durch die Gewalt begründeten Staate, lediglich „in Folge der
Kultur als Recht der Arbeit (?) entsteht der Besitz von Grund und Boden“; so wäre
die ursprüngliche Besitzergreifung Chinas „durch den ältesten Theil seiner
Bevölkerung zuerst friedlich erfolgt und die Menschen hätten sich kampfscheu den
gefundenen Lebensbedingungen ergeben“, doch sei Das nur eine Hypothese, da „die
patriachalische Gemeinschaft in ihrer Ursprünglichkeit“ nirgends mehr „angetroffen
wird.“
In dieser Ursprünglichen Gemeinde waltet schon „das
soziologische Gesetz, daß der Mensch nach seiner Naturanlage die Arbeit zu
übertragen strebt“ und daß nur „der Zwang seiner Interessen ihn veranlaßt, zu
arbeiten.“ Daraus entstünde „die Nothwendigkeit der Herrschaft“ und der
Pater familias hätte die erste Herrschaftrolle gespielt. Eine
solche Ableitung findet sich schon
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bei den Naturrechtslehrern, ist
aber mit den allgemeinen „soziologischen Gesetzen“ des Verfassers schwer in Einklang
zu bringen.
Ich habe in meinem „Rassenkampf“ und in meiner „Soziologie“
von der Annahme einer friedlichen Entstehung des Rechtes und der Herrschaft Abstand
genommen und Recht und Herrschaft nur aus dem Zusammentreffen heterogener Horden bei
Anwendung von Gewalt, erklärt.
[3]
Meine Erklärung erschien einem weit verbreiteten Empfinden allzu
schroff.
Ratzenhofer läßt
dem auch bei ihm im Wege der Gewalt entstandenen Staate doch wenigstens eine
Friedensperiode vorausgehen. Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, wer von uns
das Richtigere getroffen hat.
Mit dem Entstehen der Familie wäre dann „ein neues Prinzip
in das soziale Leben“ eingetreten: „Die Dienstbarmachung des Mitmenschen, die sich
in allen weiteren Entwickelungformen, parallel laufend mit der Ernährung,
Vermehrung, dem Herrschaftverhältniß und Grundbesitz, als Beweggrund für die
wichtigsten sozialen Erscheinungen zeigen wird“.
Mein „Allgemeines Staatsrecht“ vertritt die
entgegengesetzte These, nämlich, daß die Familie erst nach der Dienstbarmachung der
Mitmenschen, d. h. nach der Gründung des Staates, und zwar als ein staatliches
Institut entstanden ist, und ich kann mich außer auf historische und ethnologische
Thatsachen auf
Aristoteles berufen, der gerade mit Bezug auf die Familie als einen
Bestandtheil des Staates den Ausspruch that, daß „das Ganze früher sei als der
Theil.“ Wenn aber
Ratzenhofer seine friedliche Konstruktion bis auf den Adel erstreckt und ihn
aus den Familien herauswachsen läßt, die im Stamme allmählich durch das Patriarchat
in eine bevorrechtete eingerückt sind, so dürfte er all und jeden historischen
Beweis schuldig bleiben, während die historische Beweise dafür, daß der fremde
siegreiche Erobererstamm zur Adelsklasse über die gewaltsam Unterworfenen wurde,
eben so zahlreich sind wie die Staaten mit Adelsverfassung. Dabei erkennt
Ratzenhofer selbst an, daß „im Nomadenstamme sich Anlagen entwickeln, die
ihn dem friedliebenden Ackerbauern im Daseinskampf überlegen machen – es entwickeln
sich in den Männern (des Nomadenstammes) die Anlagen für den Krieg und die Politik“
– und daß der „grundsätzliche Unterschied zwischen der Individualität des Seßhaften
und der des wandernden Stammes ... eine der nachhaltigsten Ursachen für die weitere
soziale Entwickelung der Menschheit“ sei. Warum aber erst für die „weitere“
Entwickelung? Warum soll „der aggressive, gewaltthätige Nomadenstamm“ dem
„konservativen, friedliebenden, seßhaften Stamm“ erst später einmal entgegengetreten
sein? Ist da nicht meine Annahme
[4]
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plausibler, daß von allem Anfang an unter den verschiedenen
klimatischen und geographischen Bedingungen der zahlreichen Entstehungherde der
Menschheit diese verschiedenen Typen entstanden sind und durch ihren Zusammenstoß
immer und überall die selbe soziale Entwickelung angebahnt haben?
Ratzenhofer läßt erst noch einer älteren Periode der Friedfertigkeit „der
ganzen Menschheit sich ein kriegerisches Wesen bemächtigen.“ (S. 153) Aber heute
noch wie vor Jahrtausenden giebt es friedfertige Völkerschaften und kriegerische
Stämme: „die selbe Natur, die wir im Raubthier kennen“, ist theilweise noch heute
nicht allen Menschen eigen, ist dagegen einem Theile von Anfang an eigen gewesen.
Die Menschen sind nicht eines schönen Tages aus Lämmern zu Raubthieren geworden: Das
verträgt sich nur mit der Mythe vom Goldenen Zeitalter. Es hat vielmehr immer
gutartige Lämmer und reißende Raubthiere unter den Menschen gegeben: ganz so wie
heute auch. Leider beruht gerade darauf bisher aller Kulturfortschritt. Wird Das je
anders werden? Die Leute, die diese Frage enthusiastisch bejahen und das künftige
Verschwinden dieses Gegensatzes glühend erhoffen, nennt man: „Anarchisten“. Sie
geben das Kompliment zurück und nennen die Zweifler: denkfaule Sklavenseelen.