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Vom Individuellen zum Sozialen, in: Die Zukunft (Berlin), Jahrgang 1899, Bd. 26, S. 233-236.
Vom Individuellen zum Sozialen.
Ludwig Gumplowicz
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Wir haben gesehen [1] , wie Ratzenhofer das individuelle Leben der Lehre von den Wechselbeziehungen der Sozialgebilde zu Grunde legt. Der Uebergang von der Betrachtung des Individuums zu den Sozialgebilden erfordert zunächst eine methodologische Bemerkung. Ratzenhofer bedient sich der Methode der Analogie, die bekanntlich nach den nicht gerade glücklichen Anwendungen durch die „organische“ Schule der deutschen Staatsrechtslehrer, später durch Lilienfeld und Schaeffle, keine wissenschaftliche Zukunft zu haben schien. Nun, Ratzenhofer bringt sie wieder zu Ehren und zwar in einer so geistreiche nund scharfsinnigen Art, daß auch die entschiedensten Gegner zum Mindesten stutzig werden müssen. Freilich geht er subtiler, man möchte beinahe sagen: raffinirter zu Werke als seine Vorgänger. Das Vorhandensein von Analogien in allen Gebieten der Erscheinungwelt scheint Ratzenhofer dadurch begründet, daß es „im Ursprung der sozialen Welt aus der organischen und in ihrem Zusammenahng mit der anorganischen im Wege des Stoffwechsels liegt, daß die allgemeinen Eigenschaten der Körper ihre entsprechende Anwendbarkeit auf Sozialgebilde haben müssen.“ (S. 91.). Daraus folgt der scheinbar paradoxe Satz, daß „die Hauptgesetze der Chemie in entsprechender Auffassung auch soziologische Gesetze sein müssen.“ Aber in der näheren Ausführung verliert dieser gewagte Satz alles Paradoxale, es wird nicht nur einleuchtend, sondern fast selbstverständlich: „Die Chemie hat die Gesetze aufgedeckt, nach denen die bei unserer beschränkten Einsicht scheinbar einfachen Stoffe sich verbinden oder trennen. Die Affinität der Elemente liegt wahrscheinlich in dem Wesen der in ihnen liegenden Urkraft. So wie diese in der sozialen Welt das Streben zeigt, den höher entwickelten Organismen die Herrschaft über die niederen zu verleihen, so giebt sie auch den innigeren Verbindungen durch nachhaltigere Wirkungen den Vorzug gegenüber einem flüchtigen Zusammenhang. Die Element-Atome verbinden sich in einem festgestellten Gewichtsverhältniß... die Verwandtschaft der Elemente, die größere oder geringere wechselseitige Affinität oder deren Abneigung gegen gewisse Verbindungen sind Erscheinungen, die den Leidenschaften im sozialen Leben, Liebe und Haß, nicht blos ähnlich, sondern mit ihnen ursächlich identisch sind. Bedenken wir, daß der Stoffwechsel die Ursprungserscheinungen aler menschlichen Beziehungen nach außen ist, so scheint es klar, daß mit der Zeit die ganze Reihenfolge der Ursachen und Wirkungen von der chemischen Anziehung und Abstoßung bis zur Liebe und zum Haß im menschlichen Bewußtsein und in der menschlichen Gesellschaft aufgedeckt wird ... Die Soziologie zeigt, daß die Wechselbeziehungen der Menschen, ihre Vereinigungen sowie ihre Gegner-
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schaften, auf dem Drank nach jenem Stoffwechsel beruhen, der für die Erhaltung des Menschen unentbehrlich ist. Die Ernährungfragen sind die wesentlichsten Anlässe aller sozialen Bewegungen und selbst die elementarsten Gesellschaftverbände, wie die Ehe, können ohne Beziehungen zum erhaltenden Stoffwechsel nicht gedacht werden. Alle Beschränkung oder Entziehung des nothwendigen Stoffzuflusses ruft im sozialen Leben Gegnerschaft und Haß hervor. Was einer dauerhaften chemischen Verbindung im Wege steht, was sich also zwischen die im Wege der Atome liegende Stoffvereinigung einschiebt und ihr entgegenstellt, wird ausgeschieden; Bikarbonate ruhen nicht eher, als bis sie Karbonate geworden sind. Sobald ein Element in einer Verbindung einen festeren Zusammenhang gewinnen kann, verläßt es bei entsprechender Berührung sein bisheriges Verhältniß und tritt unwiderstehlich in das neue. Der Sauerstoff der Ueberverbindungen verläßt seinen Zusammenhang, sobald er mit einem Stoff in Berührung kommt, mit dem er eine dauerhaftere Verbindung eingehen kann. Die Unwiderstehlichkeit solcher Verbindungen ist soziologisch lehrreich. Der Wechsel des sozialen Verbandes, die Kräfteverschiebungen im politischen Parteileben sind identische Erscheinungen. Wie Explosivstoffe um so heftiger wirken, wenn ihnen der Raum entzogen wird, den die angestrebte neue Verbindung nach der Explosion braucht, so wird ein nothwendiger sozialer Vorgang sich um so heftiger vollziehen, wenn seine Verhinderung versucht wurde.“ (S. 92.)
Ich habe diese ganze Stelle als Beispiel dafür citirt, wie Ratzenhofer die Methode der Analogie handhabt. Die Treffsicherheit des Vergleiches ist so groß, daß man, trotz aller begründeten Voreingenommenheit gegen die Methode, nicht umhin kann, sich zu fragen, ob hier blos zufällige Aehnlichkeiten vorliegen oder nicht vielmehr eine Wesensidentität der Vorgänge existirt. Das scheint Ratzenhofer zu glauben; denn er führt ihn auf seine „Urkraft“ zurück, die auf allen Naturgebieten in wechselnden Formen ihrem „Vervollkommnungstreben“ und ihrer „Entwickelungtendenz“ treu bleibt. Er überschreitet danach die Kluft, die bisher zwischen organisch-individuellem und sozialem Leben gähnte sicher und so ruhig, als ob er sich auf ebenstem Terrain und auf fortlaufenden Wegen aufwärts bewegte.
Die erste Erscheinung, die ihm am neuen Ufer entgegentritt, ist die Verschiedenheit der einzelnen Sozialgebilde, zunächst als Vielheit der Rassen sich äußernd. Die Frage des Mono- oder Polygenismus verursacht ihm wenig Kopfschmerzen. „Ueber das Entstehen der Gattungen und Arten organischer Geschöpfe“, meint er, „bestehen zwei Hypothesen, wovon eine auf Ueberlieferungen beruht und die andere auf wissenschaftlichen Forschungen... Man ist sich nicht klar, ob man die Entwickelung des organischen Lebens aus einer Urform oder mehreren verschiedenörtlichen Entstehungen organischer Urgeschöpfe annehmen soll.“ (S. 101.)
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Für die Thatsache des sozialen Lebens ist ihm jene Entstehungfrage von geringerer Bedeutung. Dieses „soziale Leben ist eine Erscheinungform im Entwickelungprozeß der bewußten Geschöpfe überhaupt, es ist, gleich der physiologischen Funktion des Individuums, die Kollektivaktion Vieler zum Zweck des Stoffwechsels. Die Gesetzeseinheit für die Entstehung individueller und sozialer Arten besteht also in der Relation mit den Lebensbedingungen, daher auch für beide nicht der Entwickelungursprung sondern die Lebensbedingungen während dieser Entwickelung maßgebend sind; denn die Urkraft wirkt und differenzirt mit ihrem bedingten Vervollkommnungstreben in den Individuen und sozialen Gebilden derart, daß sie die Verhältnisse oder Vorstellungwelt interessengemäß ausnützen“ (S. 102-103).
„Die lokalen Lebensbedingungen scheiden durch ihre Wirkungen die Menschen in viele Gesellschaften, innerhalb deren sich die natürlichen Wechselbeziehungen erfüllen.... Aehnlich der kosmischen Ordnung ist die Gesellschaftordnung ein Resultat der sich bekämpfenden Kräfte. Untrennbar von dieser Welt- und Gesellschaftordnung ist die Unterwerfung des Schwächeren durch den Stärkeren, wenn sie sich in ihrem Streben nach Anpassung begegnen. Es ist Dies jenes Vernichtungsgesetz, dem wir bereits in der kosmischen Welt begegnet sind und auf dem die bedingte Vervollkommnung des organischen Lebens beruht.“ Dieses „Vernichtungsgesetz“ waltet unerbittlich auf allen Gebieten der Natur, also auch auf sozialem.
„Daß die Himmelskörper zu einem langsamen Aufgehen des einen in den anderen bestimmt sind, daß in der unorganischen Welt die Bildung eines Stoffes die Zerstörung anderer bedingt, daß die Pflanzen durch Verzehrung von Kohlenstoffverbindungen und gewissen Salzen leben und daß die Thierwelt die Pflanzen und auch andere Thiere verzehrt: Dies ist die mildeste Form, in der das Vernichtungsgesetz zur Geltung kommt. Die Vernichtung erhält erst eine für bewußte Geschöpfe furchtbare Form durch den Kampf der Organismen gleicher Art um ihre Ernährung. Hier handelt es sich um die Eroberung und Behauptung geeigneter Nährstoffe für die eigenen Zwecke; die Lebensbedingungen müssen also den konkurrirenden Mitgeschöpfen entzogen werden. Dieser Kampf ums Dasein, streng genommen nur der organischen Welt eigen, ist in erster Linie der überquellenden Schöpfungskraft zuzuschreiben, indem diese stets mehr Geschöpfe hervorbringt, als den Lebensbedingungen im unmittelbaren Bereiche des bedürftigen Individuums entspricht“ (S. 105).
Damit gelangt der Verfasser mitten in das Getriebe der Kämpfe heterogener Sozialgebilde, den ich kurz als „Rassenkampf“ bezeichnete, ohne daß ich dabei an den engsten Begriff der „Rasse“ als genealogischer Einheit dachte, den ich vielmehr nur für eine uns ganz entrückte primitivste Ent-
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stehungperiode des Menschengeschlechtes auf Erden gelten lassen möchte. Heute treten uns solche Kämpfe theils als Völkerkämpfe entgegen, wenn sie von den einheitlichen Organisationen der Völker, d. h. den Staaten, theils als soziale Kämpfe, wenn sie im Inneren der Staaten von den sozialen Bestandtheilen unter einander geführt werden. Ratzenhofers „Vernichtungsgesetz“ aber dürfte in physischem Sinne heutzutage nur ausnahmeweise und theilweise (im Kriege) zur Geltung kommen: in der Regel tritt nur Beschränkung und Einengung der Lebensbedingungen feindlicher Gruppen („Rassen in meinem Sinne) ein. Und insofern bleibt wahr, daß „das Vernichtungsgesetz des Universums auch ein wichtiges soziologisches Gesetz“ ist (S. 107) und in letzter Linie auf dem nothwendigen „Stoffwechsel“ basirt“. „Der Stoffwechsel macht die Vernichtung der Nebengeschöpfe unbedingt nothwendig und alle Bewegungen in der Gesellschaft haben die Sicherung des Stoffwechsels und die hierdurch bedingte Bedrohung oder Vernichtung der Koexistenzen zum Ausgangspunkt oder Endziel“ (S. 107).
Die Darstellung der „Sozialgebilde“ und der Formen, die in und zwischen ihnen der „Kampf ums Dasein“ annimmt, ergiebt Folgendes: Das primitivste Gebilde ist die Horde, schon auf höherer Entwickelungstufe steht der Stamm. „Unterwerfung eines Stammes durch den anderen“ gebiert den Staat (S. 109). Nur in der Horde bestand allgemein „individuelle Gleichheit“, obwohl schon dort sich ein „Streben nach Ueberlegenheit“ entwickelt und so „der verschiedene Werth der Individuen“ hervortritt (S. 126).
„Die Störungen durch die Ansprüche überlegener Individuen gedeihen bis zu einer gewissen Höhe, worauf die Differenzirung der Gemeinschaft in mehrere eintritt“ (S. 127.) Das ist das alte Schema der Entstehung der Vielheit von Stämmen aus der Differenzirung von Horden und der Heterogeneität der Stämme durch allmähliches Auseinandergehen und Differenzirung aus dem ursprünglich Einen und Einheitlichen. „Durch den Zerfall der Horde in Hordengruppen hat sich aber eine höhere Ordnung entwickelt, der Stamm“ (S. 128). Ich habe meine entgegengesetzte Ansicht an anderer Stelle zu begründen ersucht, [2] doch kann diese vielleicht nie zu lösende Frage getrost zurückgestellt werden: die Hauptsache ist ja eben die thatsächliche Vielheit der heterogenen Sozialgebilde, deren Wechselbeziehungen durch ihre Verschiedenheit bedingt sind, ohne Rücksicht auf deren Entstehung. Mit diesen Wechselbeziehungen hat es die Soziologie zu thun, nach meiner Ansicht ausschließlich, nach Ratzenhofer nur zu einem Theile. Jedenfalls ist dieser Theil des ratzenhoferschen Systems der eminent soziologische. Ich werde nächstens hier von diesem Theil zu sprechen haben.
Graz. Professor Ludwig Gumplowicz.
1S. „Zukunft“ vom 28. Januar 1899.
2Vergl. mein „Allgemeines Staatsrecht“ (Innsbruck 1897), S. 85 ff.