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Soziologie, in: Die Zukunft (Berlin), Jahrgang 1899, Bd. 26, S. 165-171.
Soziologie
Ludwig Gumplowicz
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La Philosophie est morte, vive la Sociologie! Mit diesen Worten möchte ich auf geistigem Gebiet das kommende Jahrhundert begrüßen. Eine wesentliche Aenderung wird Das freilich nicht bedeuten: nur eine Aenderung des Gesichtspunktes, unter dem das Leben des Menschen und sein Verhältniß zur Welt betrachtet wird. Der Unterschied liegt hauptsächlich darin, daß die Philosophie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts das Leben des Menschen als eine Aeußerung seines subjektiven Geistes betrachtete, den hinwieder die physiologische Psychologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts als das Produkt eines materiellen Prozesses auffaßte, während die aufsteigende „soziologische Erkenntniß“ dessen Urgrund und Quellpunkt in dem sozialen Milieu sehen will, das aus historisch-sozialer Entwickelung hervorgeht.
Was bisher nur geahnt und angedeutet worden ist, hat jetzt Gustav Ratzenhofer in glänzender Weise inaugurirt, indem er auf der Grundlage mancher werthvollen naturwissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Dezennien, besonders der Forschungen Wundts und Weismanns, ein vollständiges philosophisches System bietet. [1]
Ratzenhofers Entwickelungsgang ist eigenthümlich. Daß er nicht zu den zünftigen Gelehrten gehört, lehrt ein Blick in seine Bücher. Lauter Text – weder Noten noch Citate: wie wohlthuend sticht Das von den unternoteten und mit Citaten gespickten Werken der zünftigen Gelehrten ab. Vor zwanzig Jahren schrieb er die „Staatswehr“, noch ganz militärischer Fachschriftsteller. Das Buch behandelte allgemeine Wehrpflicht und Wehrkraft in origineller, knapper und prägnanter Schreibweise. Das Thema führte ihn zur Betrachtung des Kampfes überhaupt. In seinem „Zweck und Wesen der Politik“ ist er philosophischer Politiker; da spricht er schon von „der absoluten Feindsäligkeit“, die die Beziehungen der sozialen „Persönlichkeiten“, d. h. der sozialen Kreise und Gruppen beherrscht.
Die unangenehme Wahrheit tönte den Ohren widrig; da man sie nicht widerlegen konnte, zog man vor, zu schweigen und zu verschweigen. Und so existirt denn Ratzenhofer weder für die Fakultäten noch für die Zeitungen; aber er hat ruhig den eingeschlagenen Weg weiterverfolgt, der ihn zur Höhe üfhrte. Militär, dann Politiker, tritt er uns heute als Soziolog [sic] oder eigentlich als Philosoph entgegen. Der philosophische Trieb faßte ihn. „Was hab' ich, wenn ich nicht Alles habe?“ Seine trefflichen soziologisch-politischen Beobachtungen verlangten eine philosophische Grundlegung. Der Kampf der „politischen Persönlichkeiten“ muß doch in Qualitäten der Individuen wurzeln und diese
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Individuen entwickeln ihre Qualitäten nicht nur aus ihrem sozialen Milieu, sondern im letzten Grunde aus der Beschaffenheit des Keimplasmas. Das demonstrirt ja Weismann. Und woher stammt das Keimplasma? Woher hat dieses seine Eigenschaften und Tendenz? Nun, dieses Keimplasma ist die Aeußerung der „Urkraft“. Damit beißt sich die Schlange in den Schwanz: das Weltbild steht geschlossen vor uns da. Wer eine fertige Weltanschauung braucht, Der kann sie in Ratzenhofers „soziologische Erkenntniß“ finden. Und sie kann auch Dem genügen, der, mit dem ganzen Wissen des neunzehnten Jarhhunderts gewappnet, die Schwelle des zwanzigsten betritt.
Wenn Religion die Wissenschaft der Denkfaulen und Wissenschaft die Religion der Denker ist, dann bietet uns Ratzenhofer den Katechismus des kommenden Jahrhunderts. Ich muß den Ausdruck Katechismus wegen der „Urkraft“ wählen, auf die er sich jedesmal ausredet, wenn er auf den letzten Grund der Dinge stößt. Diese „Urkraft“ aber scheint mir keine „soziologische Erkenntniß“, sondern ein altbekanntes Postulat der praktischen Vernunft. Die Religionen sagen: Gott; Hegel: Substanz; Andere nannten es das Absolute, Schopenhauer den Willen, Hartmann das Unbewußte.
Muß denn aber auch in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts dieses alte Inventarstück fortexistiren? Allerdings, wenn man glaubt, ein System ohne Lücke aufbauen zu müssen: Ratzenhofer stopft die unvermeidliche Lücke mit der „Urkraft“.
Die „Urkraft“ muß „in uns wirken“, um die „Konstellation der Atome“ aufrecht zu erhalten, „die nothwendigen Atome an sich zu ziehen, die Lebensträger zu gruppiren und die verbrauchten auszuscheiden“ (S. 23); unser „Bewußtsein als einzige erwiesene Wirklichkeit ist der Ausfluß dieser im All wirkenden Urkraft“ (S. 24), „die lebenden Geschöpfe sind Emanationen der Urkraft“, von der „ein Theil als Zellen thätig ist“ u. s. w. Das heißt bekennen, daß man die letzten Gründe der Erscheinungen nicht erklären kann.
Wenn ich hier mit der ablehnenden Kritik beginne, so bin ich mit ihr auch schon zu Ende. Mit den Vorzügen des Buches, mit dem Nachweis der originellen und tiefen Gedanken, die es birgt, werden sich noch die nächsten Generationen befassen, die von diesem Buch, Dessen bin ich sicher, eine neue Phase der Philosophie oder Soziologie datiren werden. Für die Gegenwart enthält es allerdings zu viele bittere Wahrheiten; es ist zu real und phrasenlos; es huldigt zu wenig den Tagesgötzen; es achtet die herrschenden Ideen zu wenig, als daß es von den tonangebenden Autoritäten der Wissenschaft und Presse beachtet oder gar gewürdigt zu werden Aussicht hätte.
Das gilt vor Allem für Oesterreich und Deutschland; für das Ausland ist das Buch zu deutsch geschrieben, d. h. in jenem schweren, mit Gedanken gesättigten Stil, der die ganze deutsche Philosophie zur Voraussetzung hat
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und Franzosen wie Italienern nicht leicht verständlich ist, den die Engländer nicht goutiren und für den die Amerikaner noch nicht reif sind.
Doch sind diese ungünstigen Verhältnisse nur ein Grund mehr zu eingehender Darlegung.
Mit aller Philosophie gemeinsam ist dem Verfasser das Streben, „den großen Weltprozeß der sozialen Entwickelung unter gemeingiltige Lehrsätze zu bringen“ (S. 4) und eine „Lehre von den menschlichen Wechselbeziehungen“ zu schaffen. Das hat die bisherige Soziologie nicht erreicht. Denn einerseits haftete den dahingehenden Versuchen, so auch z. B. denen Herberts Spencer, „das meritorische Gebrechen an, blos aus dem Wesen des Individuums die Gesellschaft erklären zu wollen, während es sich doch um die Untersuchung der Gesellschaft selbst handelt“ (S. 3). Andererseits wieder hat wohl „Gumplowicz dieses Gebrechen aller soziologischen Forschung erkannt und mit Nachdruck das Individuelle und Persönliche des Sozialgebildes nachgewiesen“, dagegen aber „den Ursprung aller sozialen Kraft nicht hinreichend in dem Einzelwillen ermittelt, sondern das soziale Leben, losgetrennt von seinem Zusammenhange mit der übrigen Schöpfung, als ein besonderes Erscheinungsgebiet aufgefaßt“ (S. 289). Was der Verfasser hier sagt, ist vollkommen richtig und ich will es nur noch dahin ergänzen, daß Gumplowicz den Ursprung aller sozialen Kraft nicht nur „nicht hinreichend“, sondern gar nicht in dem Einzelwillen ermittelte. Ich bin es der Wahrheit schuldig, dies Geständniß hier abzulegen und das euphemistische „nicht hinreichend“ im Interesse der Sache zu verdeutlichen. Ich gestehe offen, daß ich weder in meinem „Rassenkampf“ noch in späteren soziologischen Schriften an einen solchen Zusammenhang des Einzelwillens mit dem Sozialwillen gedacht habe. Mir fiel nur das Entscheidende des Gruppeninteresses für das individuelle Handlen auf und ich ahtte die „Keckheit“, wie sich ein wiener Kritiker ausdrückte, von dem gesetzmäßigen ewigen und unerbittlichen Kampf der sozialen Gruppen, die ich „Rassen“ nenne, zu sprechen. Daß dieser „Sozialwille“, wie Ratzenhofer es nennt, in dem „Einzelwillen“ seinen Ursprung habe, Das habe ich, aufrichtig gesatnden, nicht geahnt und ich stehe voll Bewunderung vor dem großartigen Unternehmen, den Ursprung dieses Sozialwillens in dem Einzelwillen nachzuweisen. Dies ist, so weit es nach dem Stande der heutigen Naturwissenschaft möglich war, Ratzenhofer gelungen. Ohne diesen Nachweis konnte die Soziologie zu einer monistischen Gesammtauffassung der Welt der Erscheinungen nicht gelangen, sie verblieb eine bloße Wissenschaft von den Wechselbeziehungen der sozialen Gruppen; nun erst, da sie ihn führt, erhebt sie sich zu einer soziologischen Philosophie oder, wie Ratzenhofer es nennt, zu einer „soziologischen Erkenntniß“.
Der Ausgangspunkt des Verfassers ist also die Annahme einer dem
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All zu Grunde liegenden Einheit des Gesetzes und in diesem „all“, in der „Welt der Erscheinungen“, ist der Mensch [unleserlich] soziale Welt mit enthalten. Daraus folgt aber auch, daß es jenes eine Gesetz sein muß, das sowohl das Handeln des Einzelnen wie auc hdie „sozialen Wecheslbeziehungen“ beherrscht. „Ist es denn möglich“, fragt der Verfasser, „daß dieses organische Leben unserer Erde, in seiner verschwindenden Bedeutung gegenüber dem All, außerhalb jener Gesetze stehen sollte, von welchen dieses in seiner Unendlichkeit beherrscht wird?“ (S.87). Und was er vom „organischen Leben“ sagt, gilt ihm selbstverständlich auch vom sozialen.
„Die lebenden Geschöpfe sind Emanationen der Urkraft, welche in ihnen in artgemäßer Form gebunden ist“ (S. 24). Diese Urkraft „strebt stets nach Leben und Bewußtsein“ und nützt die „Stoff- und Kraftkonstellation aus, um das organische Leben zur höchstmöglichen Vollkommenheit zu entwickeln“, So erklärt sich das „organische Leben mit all seinen heftigen Trieben, sich zu erhalten, fortzupflanzen und durch Willensäußerung zu bethätigen“; denn all Das „vermögen wir nur zu verstehen, wenn wir das Drängen einer Urkraft annehmen, die gegebenen Lebensbedingungen auszunützen“. Sie differenzirt sich und „in der ganzen Natur stehen sich die differenzirten Kräfte einander paralysirend gegenüber“. Die differenzirten „Urkraftcentren ringen nach Gleichgewicht“, sowohl in der kosmischen und anorganischen als auch in der organischen und sozialen Welt. In der organischen äußert sich dieses Ringen „als eine Anpassung an die Lebensbedingungen, in der sozialen Welt als Daseinskampf“ (S. 25).
„In diesen Lebensbedingungen gleichsam vordrängend, entwickeln sich die Organismen zu den jetzigen Gestalten, während aber auch eine enorme Zahl von Arten untergring, die sich den Widerständen der wechselnden Lebensbedingungen nicht anpassen konnten.“ Aus der kontinuirlichen Wirkung der Urkraft folgt, „daß die organische Welt im Entwickelungszusammenhange mit der unorganischen steht und daß zu einer gewissen Zeit ein solches Zusammentreffen von schöpferischen Umständen eintrat, daß das erste organische Leben ohne Fortpflanzung aus unorganischen Stoffen erweckt wurde“ (S. 26). Wenn auch die Wissenschaft diese Annahme nicht bestätigen könne, so müsse sie doch anerkennen, „daß ohne dieselbe die Welt nicht versätndlich bleibt.“
Da nun „jeder Mensch ein Werk dieser Kraft und das Bewußtsein ein Aufflammen der einheitlichen Urkraft zur Erkenntniß seiner selbst“ ist, so sit „die Einheit aller Geschöpfe, daher auch der Menschen unter sich nach ihrem Ursprunge die Wirklichkeit“, während die Individuation der Gatungen, Arten u. s. w. in die „Welt der Erscheinungen“ fällt.
Diese Welt der Erscheinungen ist „ein Produkt der Differenzirung der ursprünglich einheitlichen Urkraft in die verschiedenen Erscheinungformen“
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(S. 27). Auf diesem Wege entstanden die unzähligen „Sondergebilde“, von denen „jedem ein besonderes Interesse anhaftet“ (Gattunginteresse, Artinteresse, Individualinteresse).
„Jede Entiwckelungform, vom Himmelskörper bis zum Atom, und jeder Organismus ist mithin ein Theil der Urkraft mit einem anhaftenden Interesse an der zugehörigen Entwickelung“ (S. 28).
„Die Variirung der Arten ist eine Differenzirung der Organismen in Folge ihres Interesses, die Lebensbedingungen auszunützen.“
Aber all diesen differenzirten Erscheingformen haften in Folge der selben Interessen immer die selben Tendenzen an. So ist es z. B. immer das selbe „Vervollkommnungstreben“, das als „Anpassungprodukt“ erst Geschöpfe hervorbringt, die sich durch Gravitation entwickeln, dann solche, die sich durch Affinität oder durch physiologische Vorgänge, und schließlich solche, „die durch Bewegung und bewußtes Handeln ihrem Interesse einen immer weiteren Kreis von Lebensbedingungen eröffnen und so eine soziale Welt hervorbringen..“ (S. 29).
Ratzenhofer stellt die vielgesuchte „Einheit des Gesetzes“ und die Wesensgleichheit aller Vorgänge auf allen Erscheinungsgebieten dadurch her, daß er überall die selbe „Urkraft“ in ihrem überall gleichen, wenn auch nach Gattung, Art und Individuum modifizirten Interesse wirken läßt.
So muß im Menschen dieses interessemäßige Wirken der Urkraft zunächst auf die Vollziehung eines solchen Stoffwechsels gerichtet sein, „daß für seine Entwickelung die günstigste Stoffkonstellation gesichert ist“ (S. 30).
Die Nervenfunktionen, die „eine Art Kontrole über den Verlauf des Stoffwechsels auüsben ... sind der Ausfluß der interessirten Urkraft , welche den Stoffwechsel besorgt“ (S. 32).
Und zwar besorgt sie ihn, „damit der Aufbau des Körpers und der Vollzug der Lebensfunktionen im Sinne des dem Individuum angeborenen (artgemäßen) Interesses vor sich gehe“ (S. 32). Auf diese Weise ist „das Gedeihen des Ich sichtlich die Aeußerung der durch das angeborene Interesse geleiteten Urkraft in demselben“ (S. 33). Ich verzeichne die große Rolle, die dem angeborenen Interesse bestimmt ist, mit Befriedigung, weil auch ich dem „Eigeninteresse“ in den Wechselbeziehungen der sozialen Gruppen die ausschlaggebende Bedeutung zugeschrieben habe. Jene Philosophen, die die Ethik gepachtet haben, nannten Das eine moralische Verkehrtheit und eine „Unklarheit des Denkens“. Ich behauptete in meiner „Soziologie“, daß „die Gruppe rücksichtlos dem Zuge ihrer Interessen folgt“. Darob gewaltige Entrüstung bei den Herren Ethikern, die behaupten und zu glauben vorgeben, daß jede Gruppe im Interesse der „gesammten Menschheit“ handelt. Wer anders denkt und die sozialen Gruppen – oder, noch allgemeiner: die Menschen –
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„egoistisch nennt“, wird von ihnen als „Pessimist“, wenn nicht gar als moralisch-idiotischer Dekadent abgethan.
Nun haben sie den Ratzenhofer! Was sie wohl mit Dem anfangen werden? Ich flötete doch nur schüchtern von der „sozialen Gruppe, die dem Zuge ihres Interesses folgt“; bei Ratzenhofer aber erschallt das ganze Orchester und er verkündet ohne Scheu dieses „angeborene, artgemäße Interesse“ als den Leitstern alles Thuns und Lassens, nicht nur der sozialen Gruppen, sondern auch jedes Einzelnen, und zwar als nothwendige Aeußerungder im Menschen waltenden „Urkraft“.
Dieses „angeborene Interesse“ ist keine „mystische Vorstellung“, wie Schopenhauers Wille, sondern „eine reale Qualität, welche an den Lebensvorgängen untrüglich nachweisbar ist“ (S. 33). Allerdings kann häufig „der Wille des Individuums von dessen angeborenen Interesse ganz oder theilweise isolirt“ sein: da haben wir es mit „Irrungen über das Bedürfniß des Individuums“ zu thun, die sich „durch krankhafte Zustände des Bewußtseinsorganismus“ eingeschlichen haben (S. 34): das Individuum ist abnorm, gestört, verrückt. Abgesehen von den krankhaften Zuständen ist aber alles Denken und Trachten des Individuums, all sein Thun und Handeln nur Aeußerung des „angeborenen Interesses“. Ja, sogar „die Spontaneität des Denkens beruht auf dem Umherschweifen des Assoziationen im Interessengebiete des Individuums; es vermag nichts zu apperzipiren und nichts zu denken, was nicht im anhaftenden Interesse liegt“. Wie schön erklärt dieser Satz doch die täglichen Erscheinungen in der Politik, die Unmöglichkeit, daß gegnerische Parteien sich verständigen oder auch nur verstehen! Das kommt eben daher, weil jede Partei nur Das „zu apperzipiren und zu denken“ vermag, „was in dem ihr anhaftenden Interesse liegt“. Eine Vergleichung deutscher und czechischer oder deutscher und slovenischer Zeitungen dürfte in dieser Hinsicht äußerst überzeugend sein.
Dieses „Interesse“ nun, „als Begleiter der differenzirten Urkraft, kommt dem Leben überhaupt, also nicht blos dem Indivuduum, sondern der Gattung und aller Entwickelung zu“. Damit ergiebt sich der Uebergang von der soziologischen Erkenntniß des Individuums zu der des „Sozialgebildes“. Der Urkraft haftet „für jede Gattung, jedes Naturreich“ und so fort auch für jedes Sozialgebilde „ein besonderes Interesse“ an, das dann die Triebfeder ihres Handelns ist. Daß durch alle Naturreiche, Gattungen und Arten hindurch, von den Protisten bis zu den höchsten Geshöcpfen, bis zum Menschen und seinen „Sozialgebilden“, das selbe Interesse der Erhaltung Entwickelung besteht: Das folgt dem Verfasser daraus, daß es „nicht möglich ist, daß sich die Natur grundsätzlich ändert“; diese wendet nur, „getrieben durch das Vervollkommnungstreben der Urkraft, beeinflußt durch veränderte Lebensbedingungen, veränderte Mittel bei Einhaltung jener Grundsätze“ (S. 37) an.
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Der nähere Nachweis nun der Anwendung dieser „veränderten Mittel bei Einhaltung jener Grundsätze“ von den einfachsten bis zu den höchsten Sozialgebilden, also von den Horden und Stämmen zu den Staaten und Kulturkreisen, bildet den Inhalt der weiteren Abschnitte. Darüber werde ich später berichten. Heute wollte ich zunächst auf die originelle und echt wissenschafltiche Art aufmerksam machen, durch die ein kühner Denker der „Lehre von den Sozialgebilden“ den ihr fehlenden philosophischen Unterbau gegeben hat. Mit dieser Grundlegung wird jede zukünftige Soziologie, zustimmend oder ablehnend, rechnen müssen.
Graz. Professor Ludwig Gumplowicz.
1Die soziologische Erkenntniß. Positive Philosophie des sozialen Lebens von Gustav Ratzenhofer. Leipzig, Brockhaus. 1898.