Vom alten Montesquieu, in: Neue Deutsche Rundschau, Jg.
1895, 312-316.
Vom alten Montesquieu.
„Von Zeit zu Zeit les' ich den Alten gern.“ Es bleibt doch
immer neu. Denn wie herrlich weit wir es auch gebracht haben,
Menschen bleiben wir immer. Da aber der Staat schliesslich doch aus
Menschen besteht, so bleibt ihm trotz aller Entwicklung das Ewig-Menschliche immer
eigen. Was also von wahrer Kunst gilt, dass sie nie altert: das gilt auch von der
Staatswissenschaft. Die Astronomie des Altertums hat nur mehr historisches
Interesse: ebenso ihre Heilwissenschaft. Wo immer aber einmal ein echter
Staatsforscher mit nüchternem Blicke das Treiben der
Menschen im
Staate beobachtete: da liegen für uns Schätze von unvergänglichem Werth.
Denn das „staatliche Thier“ bleibt sich trotz aller Cultur immer gleich, von der
untersten bis zur obersten Staffel der Gesellschaft. Darum lernen wir noch heute
aus
Aristoteles,
darum bleibt ewig wahr
Macchiavelli und ewig wahr der grosse und geniale Bekämpfer des absoluten
Regimes:
Montesquieu.
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Nur mit dem letzten Selbstherrscher auf Erden kann seine
Actualität schinden.
Genau hundert Jahre vor dem Ausbruch der grossen
französischen Revolution, im Jahre 1689 erblickte
Montesquieu das
Licht der Welt. Da sich aber grosse sociale Ereignisse langsam und allmählig
vorbereiten, so musste offenbar während seines Lebens die französische Revolution
schon keimen und wachsen und, wenn wir seine Werke lesen, so können wir kaum daran
zweifeln, dass er, der 1755, also etwas mehr als drei Decennien vor ihrem Ausbruch
starb, den heranziehenden grossen Sturm witterte. Denn alles was er schrieb, waren
Warnungen, die offenbar von denen, an die sie gerichtet waren, nicht gehört wurden.
Das ewigmenschliche Element aber im Staate macht es, dass,
wenn wir den Alten heute zur Hand nehmen, ein sonderbares Gefühl uns beschleicht.
Träumen oder wachen wir? Hat uns ein
Krafft-Ebing in
hypnotischem Schlafe in die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Frankreich versetzt? Es
muss wohl so sein, denn wie könnte uns der alte
Montesquieu heute so
modern, so ganz
fin de siécle erscheinen? Dem sei nun wie ihm wolle, sei's Wahrheit oder
hypnotische Rückversetzung ins vorige Jahrhundert: wir wollen uns den ganz sonderbar
erneuten Genuss an
Montesquieu's
Betrachtungen nicht rauben lassen.
Ludwig des XV. und
seiner Günstlinge Willkür und Launen beherrschten Frankreich. Warum finden wir
dieses Treiben des Hofes und der Camarilla nicht offen gegeisselt in
Montesquieu's „Geist der Gesetze“, da doch das Buch 1748 erschien? Mit
keinem Worte finden wir darin
Ludwig XV. und
seine Minister erwähnt. Wie kommt es denn aber, dass das Buch in anderthalb Jahren
22 Auflagen erlebte? Das musste wohl ein breiterer Leserkreis sein als die
Staatsphilosophen von Fach, welcher diese Auflagen nöthig machte. Das Buch scheint
als o doch sehr
actuell gewesen zu sein. Ja,
Montesquieu war eben klug und Frankreich verstand ihn. Dem absoluten
Regime trat er nicht
offen entgegen, denn ihn gelüstete nicht
nach der Bastille und doch sprach er deutlich und klar, das beweist das
Verständniss, das ihm die Nation entgegenbrachte. Ungehört verhallten seine Worte
nur dort, wo sie zur Warnung hätten dienen können.
Allerdings schrieb er etwas verschnörkelt und verschleiert:
sonst hätten sie ihn eingesperrt. Aber gar so schwer war es doch nicht ihn zu
verstehen. Hören wir nur, was er in seiner feinen behutsamen Manier von dem
absoluten Regime sagt: „Damit eine monarchische oder despotische Regierung sich
aufrecht erhalte, braucht es nicht viel Rechtschaffenheit (il ne faut pas beaucoup
de probité L. III e. 3): nur der Strenge
des Gesetzes in der ersteren und des stets erhobenen Armes der Fürsten in
der letzteren. In dem Volksstaate aber bedarf es noch etwas mehr, es bedarf auch
noch der Tugend (il faut un ressort de plus, qui est la vertu)“.
Wie schlau der der Alte es hier dem absoluten Regime, unter
dem er lebte heraussagt, dass es
jeder Tugend bar ist! „Es
braucht ihrer ja nicht!“ Nun, das hundertjährige Jubiläum seiner Geburt, das Jahr
1789 zeigte, dass es ihrer wohl bedurft hätte. Das Haupt eines Unschuldigen fiel vom
Schaffot, weil seine schlecht beratenen Vorfahren „der Tugend nicht bedurften“, wie
das
Montesquieu ausdrückte.
Schön können wir es aber doch nicht finden von diesem Herrn
Charles de Secondas Baron de la Brède et de
Montesquieu,
dass er gar so fein schrieb, dass die dort oben sich stellen konnten als gelte es
gar nicht ihnen. Und doch galt es keinem „Türken“ und keinem „Perser“, mit denen
Montesquieu so viel flunkert, es galt
Louis XV., dem
Grossvater
Louis XVI. Der
Herr Baron
Montesquieu aber
schrieb so fein, nun ja nur bequem auf seinen väterlichen Schlosse de la Brède bei
Bordeaux sitzen zu können. Wäre er ein Sohn des Volkes gewesen, er hätte vielleicht
weniger diplomatisch geschrieben: allerdings wäre er dann in die Bastille gewandert,
aber wir würden heut nicht nur seinem glänzenden Geiste, wir würden auch seinem
Charakter unsere Huldigung darbringen können.
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Doch, begnügen wir uns mit seinem Geiste!
„In einer Monarchie,“ sagt er, „setzt die Politik die
grössten Dinge ins Werk mit dem möglichst geringen Aufwand von Tugend“ und um ja
nicht als vorlauter Tadler zu erscheinen, fügt er quasi besänftigend hinzu: „so wie
mittelst einer vollkommenen Maschine eine fortgeschrittene Mechanik mit möglichst
geringstem Kraftaufwande die grösstmöglichste Bewegung erzeugt“ (III.5). Wie fein
das gesagt ist! Am Ende klingt seine Betrachtung wie ein Lob der „schönen Maschine“
des Absolutismus, weil sie so wenig jener kostbaren „Kraft“ als da ist die Tugend
verbraucht! Nun, die Scheu vor der Bastille erklärt seinen Styl und seinen grossen
Aufwand von – Geist. Was man aber so „Bürgermuth“ nennt, ist nicht gerade seine
Schwäche: alle die verschnörkelten Phrasen scheinen ihm noch immer zu gefährlich und
er „beeilt sich“ Missverständnissen vorzubeugen.
„Ich habe Eile mich zu berichtigen,
damit
man nicht glaube, dass ich eine Satire schreibe auf die Monarchie.“
[1]
Gott
bewahre! wer wird denn einen Reichsbaron wegen so etwas verdächtigen. Nein, er
schreibt keine Satire: glauben wir es ihm auf sein Cavalierswort!
„Denn fehlt auch die Tugend, so lautet seine
Selbstberichtigung, so haben die Monarchieen doch eine andere Triebfeder zu ihrer
Verfügung: das ist die Ehre! das heisst das Vorurtheil jeder Person und jedes
Standes welches die Stelle der Tugend vertritt.“
[2]
Ist das nicht sonderbar mit diesem alten Franzosen?
Schreibt er doch so, als ob ihn der Staatsanwalt schon am Kragen festhielte. Kaum
„berichtigt“ er sich, dass die Monarchieen statt der Tugend die Ehre als Triebfeder
besitzen und gleich fügt er der Correctur die Erläuterung hinzu, dass diese „Ehre“
eigentlich („das heisst“) „ein Vorurteil“ sei.
Doch wollen wir darüber mit ihm nicht rechten: es ist nicht
Jedermanns Sache, das Kind beim rechten Namen zu nennen und sich einsperren zu
lassen. Endlich und schliesslich hat er ja doch genug gesagt und wenn
Ludwig
XV. nicht von einer elenden Schmeichlerrotte umgeben wäre, in deren
Interesse es lag, ihn über die
wahre Stimmung des Volkes im
Unklaren zu erhalten, er hätte, was
Montesquieu schrieb, vielleicht gelesen und beherzigt. Aber das ist ja der
Fluch, der auf jeder absoluten Herrschaft lastet, dass sie nur von Leuten sich
leiten lässt, die ihr eigenes momentanes Interesse für das Interesse „des Staates“
ausgeben.
Ludwig XV. ist es
daher nicht zum Verständniss gekommen, was in
Montesquieu's
Buch eigentlich steckte und diese grosse Unterlassungssünde hat sein unschuldiger
Enkel am Schaffot gebüsst. Die gebildeten Schichten aber des französischen Volkes,
die Leute des Teirs-État, welche die 22 Auflagen des Buches verschlangen, sie
wussten genau, was drin steckte und merkten es sich wohl und prägten es ihren
Kindern ein, und diese Kinder waren 1789 zu Männern herangereift. Ihnen allen aber
brannte in der Seele der Schimpf, den
Montesquieu den
Knechten des absoluten Regimes ins Antlitz schleuderte: denn wohlweislich hütet er
sich, den
Despoten zu tadeln: er zieht es vor, den „Menschen“
zu beschimpfen, der despotischer Willkür sich beugt. „L'homme est une créature qui
obéit à une créature qui veut“ (L. VI e. 10). Dieser Hieb hat wohl tief getroffen.
„Eine Creatur, die da
gehorcht einer Creatur, die
will“. Das mag manchem Franzosen unter Ludwig XV. das Blut
wallen gemacht haben, diese Aufwallung kam aber erst später zum Ausbruch, erst 1789!
Man wäre beinahe versucht, dabei an die
Darwin'sche
Vererbungs-Theorie zu denken, wonach eine von Individuen acquirirte Neigung, ein
erworbener Trieb im Wege der Vererbung in den folgenden
Geschlechtern erst, kräftiger sich geltend mache.
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Die Kinder und Enkel
derjenigen, denen
Montesquieu den
bitteren Schimpf anthat, sie „Gehorsams-Creaturen“ zu nennen, und deren
Menschenwürde sich in tiefster Brust darob aufgebäumt haben mag – ihre Kinder und
Enkel umstanden das Schaffot
Ludwig
XVI. Wahrhaftig, was sich uns als geschichtliche „Gerechtigkeit“ offenbart, das
verdient vom menschlichen Standpunkt vielmehr die Bezeichnung „Schicksals-Tücke“.
Denn nach menschlichen Begriffen ist es doch keine Gerechtigkeit, dass Ludwig XVI.
für die Sünden seiner, von gewissenlosen Ministern zu Missbräuchen der absoluten
Gewalt verleiteten Vorfahren, büsste. Doch
so ist es und so
steht's geschrieben: „Eure Sünden werde ich strafen an späten Geschlechtern.“
Dass aber so schwer gesündigt werden konnte, dazu trug die
„
Gehorsams-Creatur des übrige bei. Denn wie schildert
doch
Montesquieu ihr
Benehmen? „On abandonnera sou père, on le tuera même, sie le prince l'ordonne“ (L.
VI c. 10). „Sie verlässt den Vater, ja sie tötet ihn, wenn der Fürst es befiehlt!“
So schrieb
Montesquieu unter
Ludwig XV. mit
Anspielung auf die von den Schergen des Absolutismus allberall verübten Greuel. Wo
war sie aber, diese „Gehorsams-Creatur“, als man
Louis XVI. zum
Schaffot schleppte? Warum schossen sie da nicht auf ihre Väter und Brüder, um ihren
Fürsten zu retten? Weshalb hat aber
Montesquieu diese nothwendige Folge des absoluten Regimes nicht klar und
deutlich verkündet, trotzdem er dieselbe doch gewiss voraussah? Weshalb begnügte er
sich mit dem Vordersatz und unterdrückte den sich daraus ergebenen Nachsatz? Warum
schrie er es nicht laut hinaus auf den Markt, warum schleuderte er nicht laut
Anklage den verlogenen Höflingen ins Antlitz? Warum rief er ihnen nicht zu: haltet
ein! Ihr dienet schlecht eurem Fürsten, den Ihr mit einem Lügengewebe umspinnt! habt
Erbarmen mit seinen Kindern und Enkeln, die
Eure Willkür
büssen werden, welche Ihr schlau Eurem Herrn als
seine
voluntas regis unterschiebt!
Warum finden wir bei
Montesquieu nicht diese offenen Worte? Nun, die Bastille war's, deren nähere
Bekanntschaft zu machen, der kluge Baron keine Lust verspürte. So schrieb er denn
nur die Vordersätze und überliess es der Geschichte, den Nachsatz zu sprechen: er
fiel blutig aus!
Und doch war
Montesquieu kein
Republikaner: er war ein
ehrlicher Monarchist: nur wollte er
eine
gemässigte Monarchie und meinte, nur eine
solche sei von Dauer: in der „Mässigung“ sah er die Garantie
ihres Bestandes. Dazu rechnet er aber in erster Linie die
Vermeidung aller strengen und barbarischen Strafen.
Angesichts der
Verschärfung der
Strafen lässt
Montesquieu vergebens die Mahnung ergehen, dass
Verschärfungen das Uebel noch verschlimmern. „Die Erfahrung lehre es, dass
in Ländern, wo die Strafen mild sind, ihre Wirkung dieselbe sei wie dort, wo sie
strenge sind.“ „Gewaltsame Regierungen,“ meint er, „wollen jede Störung mit
einem Schlage beseitigen und statt die bestehenden Gesetze
auszuführen,
schaffen sie neue grausame Strafen, um das Uebel
augenblicklich auszurotten.“
[3]
Das führe aber nur zur
gefährlichsten Entartung des Staates: denn
minder gefährlich sei
die Entartung (corruption),
wenn das Volk die Gesetze nicht beobachte; dagegen
viel
gefährlicher jene, wenn das
Volk durch die Gesetze
corrumpirt werde: Letzteres sei ein
unheilbares
Uebel, da es durch das angebliche Heilmittel selbst herbeigeführt werde.“
[4]
Dabei werde in Despotieen
nicht
amnestirt. Das kostbarste Recht der Mächtigen dieser Erde, das Recht der Gnade,
welches in gemässigten Monarchieen eine ergiebige Hilfsquelle (un grand ressort)
bildet und welches mit Weisheit geübt, bewundernswerthe Erfolge hat (exercé avec
sagesse peut
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avoir d'admirables effets), dieses Recht verschmähe der
absolute Monarch, der nicht verzeiht und dem auch nicht verziehen wird (qui ne
pardonne pas et à qui on ne pardonne jamais L. VI. c. 16). Nicht nur die
Verschärfung der Strafen und die Nichtausübung des Rechtes der Gnade sah
Montesquieu als die verhängnissvollen Merkmale der Willkürherschaft an,
sondern auch noch die
Einfachheit des Strafprozesses, in
welchem es keinen gesetzlich geregelten Instanzenzug also
keine
Berufungsinstanz giebt. Ein aus wenigen Personen bestehendes
einziges Tribunale fällt Urteile nach den Eingebungen
momentaner Leidenschaft: da
giebt's keine Berufung.
Und obwohl er bei allen diesen Ausführungen offenbar an die
Lakaienjustiz des bourbonischen Frankreichs denkt,
exemplifizirt er doch nur an der Türkei! „wo mit allen Delinquenten
kurzer Prozess gemacht wird.“
[5]
Warum apostrophirte aber der Baron
Montesquieu nicht direkt und offen die Regierung seines Landes, warum wendete
er sich nicht freimüthig an den Thron? Ja, die Barone sind meist
stumm, wo sie vor dem Throne ungeschminkt die Wahrheit reden sollten,
allerdings bewahren sie sich dadurch die Gunst der absoluten Monarchen die auf diese
Weise nie die Wahrheit zu hören bekommen.
Strenge der Strafen
also,
Einfachheit des Prozesses ohne Berufungen und
keine Gnade: „das seien,“ so
Montesquieu,
„die Merkmale der Despotie, jener Regierungsform, die durch das Gebrechen ihrer
eigenen Natur zu Grunde geht“ (qui périt par son vice intérieur) (L.VIII. c. 10).
Auf diese Weise, wenn auch verhüllt und verschleiert,
warnte
Montesquieu das
absolute Regime seines Vaterlandes. Doch was half das alles! Die Massen hörten's,
aber diejenigen, die er warnen wollte, die hörten's nicht. Und ihr Geschick erfüllte
sich.
Genau hundert Jahre nach der Geburt dessen, der immer so
verschleiert sprach aus Furcht vor der Bastille, stürmte das Volk die Zwingburg des
Absolutismus, als ersten Act des Drama's, das 1793 seinen blutigen Abschluss fand;
und genau hundert Jahre nach dem Erscheinen seines „Esprit des lois“ (1748-1848)
vertreib es aus Frankreich auf Nimmerwiederkehr den letzten König aus dem Hause der
Bourbonen. Das waren sonderbare Jubiläen! - Bei all der Gesetzmässigkeit und
Unerbitterlichkeit, die wir in der Geschichte bewundern, treibt sie doch auch ihre
wilden Spässe voll bitterer Ironie!