Rezension von: Schmidt-Warnzeck: Volkswohl und Staat.
Braunschweig 1892, in: Deutsche Litteraturzeitung, Jahrgang 1893, Nr. 17, S.
528-529.
[Rezension:] Schmidt-Warneck: Volkswohl und Staat.
[...] Braunschweig, Bertelsmann,
1892. 70 S. 80.
[...] Braunschweig, Bertelsmann,
1892. 70 S. 80.
In dieser, sowie in einer stattlichen Reihe vorhergehender
Schriften verlangt
Verf. die
offizielle Pflege („Versuchsstation“) einer Sociologie, d. i. einer „Wissenschaft
vom Menschen als dem persönlichen Urgrund menschlicher Gemeinschaft“ und verspricht
sich von einer solchen Wissenschaft die Förderung der Lösung der sozialen Frage.
Nun, gegen die Pflege einer Wissenschaft ist ja nichts einzuwenden und dieselbe
steht ja auch jedem frei, wie denn auch sowohl Verf. wie Ref. von dieser Freiheit
reichlich Gebrauch machten. Dass aber die Regierungen bisher mit der Errichtung von
„Versuchsstationen“, also mit Errichtung von Lehrkanzeln der Sociologie zögern, das
hat ja seine guten Gründe, die vor nicht lange erst im österreichischen Parlamente
vom Vertreter des Unterrichtsministeriums gegenüber dem Philosophieprofessor
Massaryk mit Erfolg geltend gemacht wurden. In erster Linie wurde mit
Recht hervorgehoben, dass die Herren Soziologen sich über den Begriff dieser
Wissenschaft noch keineswegs klar geworden und darüber noch nicht einig sind;
zweitens wurde geltend gemacht, dass diese Wissenschaft noch in einem solchen
Stadium der Unfertigkeit sich befinde, dass Errichtung von „Versuchsstationen“ alias
Lehrkanzeln für dieselben nicht als rathsam erscheinen kann. Auch dieses muss
vollkommen zugegeben werden. Zu Vorarbeiten aber, zu Vorbereitungen und
Grundlegungen dieser Wissenschaft ist ist ja bei der in
529
Deutschland,
der Schweiz und Oesterreich herrschenden Lehr- und Lernfreiheit den einzelnen
Dozenten Gelegenheit genug geboten, wie denn auch ein Blick in den
Universitätskalender zeigt, dass thatsächlich an der Vorbereitung einer solchen
Wissenschaft hie und da gearbeitet wird. Vor einer allzufrühen Einführung der
Sociologie in die
Studienpläne möchte auch Ref. warnen; dazu
ist denn doch auf diesem Gebiete zu wenig gearbeitet worden und die vorhandenen
Arbeiten sind dabei so disparat, dass von der Erzielung positiver Resultate fast
noch gar nicht die Rede sein kann.