Die Geburtenziffer Frankreichs, in: Deutsche Worte:
Monatshefe hg. von Engelbert Pernerstorfer, 1893, 13. Jg., 515-528.
Die Geburtenziffer Frankreichs.
Es gibt eine Ziffer, die den Franzosen heute mehr Sorge und
Kopfzerbrechen macht als die Milliarden-Verlustziffer der Panamaunternehmung, und
dies ist – die von den Statistikern jahraus jahrein ausgewiesene niedrige
Geburtenziffer Frankreichs. In der seit Beginn dieses Jahres in Paris erscheinenden
„Revue Internationale des Sociologie“ behandelt der
berühmte Leiter des Pariser statistischen Bureaus
Bertillon diese
für Frankreich so vitale Frage auf Grundlage der neuesten Daten und macht konkrete
Vorschläge, wie der drohenden Gefahr des Rückganges der Bevölkerung Frankreichs
vorzubeugen. Fassen wir zunächst die Thatsachen ins Auge. Vor 50 Jahren noch hatte
Frankreich eine gleiche Bevölkerungszahl wie die Gesammtheit derjenigen Länder,
welche heute das Deutsche Reich bilden. Heute zählt Frankreich nur 38, das deutsche
Reich 50 Millionen Einwohner. So hat denn in diesem Zeitraum Deutschland, ganz
abgesehen von dem eroberten Gebiete, ein Plus von 12 Millionen im Vergleich mit
Frankreich, trotzdem es in dieser Zeit 4 Millionen an Amerika abgab.
Diese raschere Vermehrung der Bevölkerung Deutschlands im
Vergleich mit Frankreich rührt nun einfach daher, daß die Geburtenziffer
Deutschlands jährlich 37 per 1000 Einwohner beträgt, während Frankreich nur eine
Geburtenziffer von 25 per 1000 aufweist. Und auch diese für den ganzen Zeitraum
berechnete Geburtenziffer ist in den letzen Jahren im Sinken begriffen, denn im
Jahre 1891 betrug sie nur mehr 22 per 1000!
516
Die an und für sich nun größere deutsche
Geburtenhäufigkeit liefert daher bei der um 12 Millionen größeren Bevölkerung
Deutschlands heutzutage dem neuen Deutschen Reiche jährlich ein Plus von 1,800.000
Menschen, während es Frankreich mit seiner geringeren Geburtenziffer, jährlich nur
zu einer Bevölkerungsvermehrung von 900.000 bringt, also gegenüber Deutschland genau
um die Hälfte des Geburtenüberschusses zurückbleibt. So geht es nun schon einige
Jahre. Die Schlußfolgerung, die der Statistiker aus diesen Thatsachen zieht und
ziehen muß, lautet: in weniger als 20 Jahren kommen auf
einen
französischen Soldaten
zwei deutsche.
Wer will es da nun den Franzosen verargen, wenn er in
diesem Umstande eine „schreckliche Gefahr“ erblickt und auf
Mittel sinnt, derselben vorzubeugen.
Da aber beginnt die Schwierigkeit.
Was thatsächlich ist, das hat der Statistiker ganz genau
konstatirt; hier ist er auf seinem Terrain; seine Zahlen sind
unwiderleglich.
Die Mittel aber, die er angibt, um
die Thatsachen zu ändern, um dem Lauf der Dinge eine andere Richtung zu geben – die
scheinen uns weniger einleuchtend. Hier scheint uns der Statistiker die Grenzen
seines Gebietes überschritten und sich auf einen Boden begeben zu haben, der unter
seinen Füßen schwankt. Seinen guten Absichten, seinem Patriotismus kann man da
Anerkennung zollen; ob man seine Erkenntnis hier als richtig
akzeptiren kann, das wollen wir untersuchen.
Allerdings geht
Bertillon auch bei
seiner Sozialtherapie methodologisch insoferne korrekt vor, als er dieselbe auf eine
Untersuchung der
Ursachen des konstatirten Uebels basirt. Die
Ursache aber, die er findet, ist thatsächlich richtig, jedoch nur die
unmittelbare Ursache. Eine statistische Analyse der
Fruchtbarkeit der Familien lehrt ihn nämlich, daß französische Familien im
Durchschnitt drei Kinder, während die deutschen deren vier aufziehen. Dieser kleine
Ueberschuß in den einzelnen Familien genügt, um jenes „Uebel“ zu erzeugen, „welches
am Marke Frankreichs zehrt“.
Mit der Entdeckung dieser Ursache des Uebels glaub
Bertillon auch schon das Heilmittel dagegen gefunden zu haben.
„Ist es denn unmöglich die französischen Familien zu
veranlassen, je ein Kind mehr aufzuerziehen?“
Bertillon glaubt
nun, das wäre nicht unmöglich, insbesondere wenn eine entsprechende
Steuerpolitik den kinderreichen Familien eine
Extra-Begünstigung zukommen ließe.
In welcher Weise letzteres zu geschehen habe, soll eine
Betrachtung der Verschiedenheit der Geburtenhäufigkeit in den
einzelnen Gegenden Frankreichs lehren.
Es ergebe sich nämlich aus einer solchen Betrachtung, daß
die Geburtenfrequenz mit dem steigenden Wohlstand des Landes
sinke; je reicher das Land, desto geringer die Geburtenfrequenz. Die
Normandie, das Thal der Garonne, Gegenden von unerschöpflichem Reichthum, sind
zugleich die Theile Frankreichs, welche die geringste Geburten-
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ziffer
aufweisen. Dagegen ist die arme Bretagne die einzige Gegend mit zufriedenstellender
und vollkommen genügender Geburtenziffer. Daraus ergibt sich nun der allgemeine
(nicht aber neue) Satz, daß in den Kreisen, wo man um die Erhaltung seines Vermögens
besorgt ist, wenig Kinder zur Welt kommen, in denjenigen aber, in denen man
Mangels eines Vermögens an eine Erhaltung eines solchen nicht
denken kann, reichlicher Kindersegen vorhanden ist. Eine weitere Illustration zu
dieser These liefert die Stadt Paris selbst – denn in den ärmeren Vorstädten
derselben kommt die Geburtenfrequenz derjenigen Deutschlands ganz nahe, dagegen ist
in den Bezirken, wo die Reichen wohnen, die Geburtenfrequenz unglaublich schwach.
Dabei würde man Unrecht thun, wenn man diesen letzteren Umstand auf Rechnung einer
Sittenverderbnis setzen wollte: es sind lediglich Geldsorgen
(preoccupations d'argent), welche dabei den Auschlag geben. Man besorgt,
daß man für die vielen Kinder nicht genügend Geld haben würde und daher vermeidet
man es, Kinder zu haben.
Nachdem nun
Bertillon auf
diese Weise die Ursache der schwachen Geburtenfrequenz Frankreichs konstatirt,
übergeht er zur Angabe des Mittels wie dieses Uebel direkt zu bekämpfen sei.
Vorerst aber untersucht er die von Anderen empfohlenen
Mittel, die er nicht akzeptiren kann. Er verwirft nach der
Reihe:
Den Vorschlag, das Erbrecht der
illegitimen Kinder mit demjenigen der legitimen gleichzustellen;
die Frauenemanzipation, das
Ehetrennungsverbot, ebenso wie die Erleichterung der Ehetrennungen;
die sozialistischen Vorschläge, die
auf eine geringere Ertragfähigkeit des Kapitals hinauslaufen.
Die Wiederverwendung religiöser
Ideen hätte vielleicht einen Einfluß auf die stärkere Geburtenfrequenz
(Beispiele beweisen es), doch sei sie nicht möglich!
Die Hebung der Heiratsfrequenz kann
das Uebel nicht heilen, denn die Geburtenfrequenz ist damit noch keineswegs
gefördert.
Auch Mittel gegen die Unfruchtbarkeit der Ehen sind nicht gerechtfertigt, denn der Vergleich der
statistischen Ausweise über solche Ehen aus den Jahren 1856 und 1886 zeigt, daß die
Zahl solcher Ehen beinahe konstant bleibt, daher diesem
Umstande die geringere Geburtenfrequenz des letzten Dezenniums nicht zugeschrieben
werden kann.
Ebensowenig versprechen Erfolg die Vorschläge behufs Verringerung der Sterbeziffer Frankreichs (durch Bekämpfung
des Tabakgenusses, des Alkoholismus, durch Impfzwang u. s. w.): denn mit all den
vorgeschlagenen Mitteln läßt sich die Sterbeziffer höchstens um 2 per Mille
verringern, während das Geburtendefizit Frankreichs 12 per Mille beträgt.
–––
Alle diese vorgeschlagenen Mittel sind daher Umwege,
obendrein nicht zum Ziele führen: warum nicht vielmehr geradeaus auf letzteres
losgehen. Nicht an einer zu großen Sterblichkeit leitet Frankreich: die
Geburtenziffer ist es, die in Frankreich zu gering ist;
518
wohlan denn,
der
Gesetzgeber ergreife Mittel, die direkt und unmittelbar
die Hebung dieser Ziffer herbeiführen müssen! -
Diese Mittel aber liegen nach
Bertillon auf dem
Gebiete der – Steuerpolitik!
Auf dieses Gebiet übergehen, stellt er an uns eine
Zumuthung, die sonst Statistiker an ihre Leser nicht zu stellen pflegen.
Die Statistik ist mit Recht stolz darauf, die induktivste
aller induktiven Wissenschaften zu sein; sie fordert keinen Glauben, sie läßt
Thatsachen sprechen, trockene Thatsachen, die sie zu Zahlenreihen zusammenstellt.
Sie operirt nur mit unwiderleglichen Thatsachen und Zahlen, mit nichts anderem.
Nun aber schlägt
Bertillon von den
Thatsachen und Zahlen, die er uns bisher vorführte, plötzlich eine so kühne Brücke
zu den Vorschlägen, die er uns machen will, daß wir ihm auf dieselbe nur mit
äußerster Behutsamkeit folgen können, da sie uns – in der Luft zu schweben scheint.
„Das Gesetz, meint er, sollte alles aufwenden, um die Bürde
zu erleichtern, die der Vater einer zahlreichen Familie auf sich nimmt; thatsächlich
aber thut es alles, um diese Bürde noch schwerer zu machen:
Es belastet mit Steuern die zahlreiche Familie; der Zoll,
die Akzise verbünden sich zu diesem Zwecke; die Wohnungssteuer ist für dieselbe
lästiger, da man mehr Platz braucht für sechs Personen, als für zwei. Alle andern
Steuern, die Blutsteuer mitinbegriffen, treffen um die Wette den unvorsichtigen
Vater, der das Verbrechen begangen, zahlreiche Nachkommenschafft zu haben.
Die Hauptstrafe aber, die das Gesetz gegen die zahlreichen
Familien verhängt, enthält der Code civil, der sie beim Tode
ihres Hauptes zu unvermeidlicher Verarmung verurtheilt.
Die Erbschaftsgesetze sind die wichtigste
Ursache der niedrigen Geburtenziffer Frankreichs.
Da nun die Ursachen des Uebels, schließt
Bertillon,
künstliche sind, so hängt es von uns,
speziell vom
Gesetzgeber ab, dieselben zu beseitigen.“
Das ist die Brücke, die der Statistiker zwischen den
Thatsachen einerseits und seinen Steuervorschlägen, welche jene Thatsachen ändern
sollen andererseits, spannt und die wir uns etwas näher auf ihre Solidität besehen
wollen.
–––
Den zahlreichen Familien, das müssen wir jedenfalls
vorausschicken, ihre Steuerbürde zu erleichtern, ist gewiß ein von der
Gerechtigkeit, Humanität und Staatsweisheit gebotener, bisher allerdings stark
vernachlässigter Grundsatz. Daß es neuerdings unser Minister
Steinbach ist, der in seinem Steuerreformentwurfe, auf den auch
Bertillon hinweist, diesem Grundsatze Rechnung trägt und den
Familien mit einer größeren Anzahl Kinder eine Steuererleichterung gewährt – das
gereicht unserem Minister um so mehr zur Ehre, als er selbst Junggeselle ist. Doch
gibt ja
Bertillon selbst das Motiv an, welches
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den österreichischen Steuergesetzentwurf zu dieser Rücksichtnahme auf die
kinderrreicheren Familien veranlaßte. „Der bloße Wunsch,
gerecht
zu sein, gab der österreichischen Regierung den Gedanken ein, die
nichtmalthusianischen Familien zu entlasten.“ Ganz richtig! „Der Wunsch, gerecht zu
sein“, ist das Motiv der vom Minister
Steinbach vorgeschlagenen Maßregel.
Merkt nun aber
Bertillon, indem
er selbst diese Worte sagt, nicht, wo der Unterschied zwischen seinem Vorschlag und
einer solchen Maßregele, wie sie Minister
Steinbach vorschlägt, liegt? Sie liegt in der Absicht, in dem angestrebten
Zwecke!
Bertillon verlangt
eine Entlastung der kinderreicheren Familien in populationistischer Absicht; die
Maßregel
Steinbach's ist
einfach eine von der Gerechtigkeit und Humanität diktirte, wenn man will eine
sozialreformatorische aber keineswegs eine
populationistische.
Dem österreichischen Minister lag die Absicht, die
Geburtenziffer Osterreichs zu heben, ganz ferne, denn Osterreich braucht um seien
Volksvermehrung nicht besorgt zu sein. Gegenüber Frankreich können wir ja mit
einigem Stolze sagen: „Unsere Frauen sie gebären, unsere Jungfraun thun dasselbe“
wie die amtliche Statistik nachweist.
Wenn Minister
Steinbach auf eine
Steuererleichterung der kinderreichen Familien bedacht ist, so ist das einfach eine
Maßregel der
ausgleichenden Gerechtigkeit, welche ein Plus
von Kindern als ein Minus von Einkünften betrachtet und ein Minus von Kindern als
ein Plus von Einkommen. Hier ist die vom Gerechtigkeitsgefühl diktirte Absicht des
Gesetzgebers klar und – was noch mehr bedeutet –
der angestrebte
Zweck kann voll und ganz erreicht werden.
Ist das aber auch bei
Bertillon's
Vorschlag der Fall?
Bertillon argumentirt folgendermaßen:
„Die gleiche Steuer trifft ungleich den Vater eines Kindes und
die Väter von drei, vier, fünf u. s. w. Kinder. Das Erste also, was man thun müsse,
sei, Denjenigen nicht jedesmal mit immer höherer Geldstrafe
zu belegen, der die Dummheit begeht, Vater sein zu wollen, und so oft er sie begeht.
Mit andern Worten, es ist für Frankreichs Zukunft dringend
geboten, daß der Fiskus die übrigens offenkundige Wahrheit anerkenne, daß die
Leistungen des Einzelnen in geradem Verhältnis stehen sollen zu seinen Einkünften
und im umgekehrten zu seinen anderweitigen Belastungen. Nun ist es eine Last,
mehrere Kinder aufzuerziehen.
„Würde nun Frankreich das Unglück ahnen, dem es
verhängnisvoll entgegeneilt, so müßte es den Grundsatz akzeptiren, daß der Staat die
Thatsache des Auferziehens eines Kindes als eine Form der Steuerleistung anerkenne.
Denn eine Steuer zahlen heißt so viel, als sich eine Entbehrung auferlegen zum Wohle
der Gesammtheit: dieses aber thut jeder Vater, der ein Kind auferzieht.“
Auf diese Argumentation und auf die weitere Erwägung
gestützt, daß das
populationistische Interesse des Staates es
erfordert, daß die einzelnen Familien wenigstens je drei Kinder auferziehen
520
(denn
zwei bedeuten noch keine
Vemehrung der Bevölkerung), verlangt
Bertillon: die
Entlastung derjenigen Familien, die
vier oder mehr Kinder
auferziehen und entsprechende größere Belastung derjenigen, die nicht einmal
drei Kinder auferziehen.
Nun, wie gesagt, vom
sozialpolotischen Standpunkte ist ja gegen eine solche Maßregel nichts
einzuwenden: wie kommt aber
Bertillon dazu,
wie kommt der
Statistiker dazu, einer solchen Maßregel einen
populationistischen Wert beizumessen?
Der Statistiker darf ja den Boden der Thatsachen nicht
verlassen, er darf sich von den ziffermäßig festgestellten Thatsachen nicht weiter
entfernen als auf den
einen Schritt der strengen logischen
Schlussfolgerung aus denselben. Was müßte uns nun
Bertillon zuerst –
statistisch – bezüglich der
Geburtenziffer Frankreichs nachgewiesen haben, ehe er mit dem Vorschlage seiner
popolutionistischen Steuermaßregel hervorzutreten berechtigt
wäre?
Er müßte uns zuerst statistisch, also mit Ziffern
nachweisen, daß arme Familien wenig Kinder haben, und daß der
Kinderreichtum mit dem Wohlstande wächst. Aus einer solchen statistischen Prämisse
würde sich sein Vorschlag, die ärmeren Familien wohlhabender zu machen, mit
zwingender Logik ergeben, allerdings aber auch der Schluß, auch die Wohlhabenden
nicht zu stark zu besteuern, damit ihr Kindersegen nicht abnehme.
Hat uns aber die Statistik im Allgemeinen und
Bertillon insbesondere eine solche statistische Prämisse gegeben?
Ganz und gar nicht! Denn sowohl die erstere wie speziell
Bertillon selbst, beweisen uns das gerade Gegentheil einer solchen
Prämisse. Alle Statistiker und mit ihnen
Bertillon anerkennen die Thatsache, daß je ärmer die Familien, desto reicher
ihr Kindersegen, welcher abnimmt mit steigendem Wohlstand.
Was würde sich nun streng logisch aus dieser statistischen
Prämisse für Lehre ergeben zum Zwecke der Hebung der Geburtenziffer eines Landes?
Nur die eine, daß man den Wohlhabenden ihre Reichthümer
wegnehme, sich aber wohl hüte, dieselben den Armen zu geben, - denn dann wäre ja
nichts gewonnen – sondern vielmehr das dem Wohlhabenden Weggenommene - ins Wasser
werfe, tief ins Meer versenke.
Aus den gegebenen statistischen Prämissen wäre
Bertillon nur zu einem solchen Schlusse berechtigt gewesen; daß er ihn zu
ziehen sich scheute, ist erklärlich, weil ein richtiger Instinkt ihm sagte, daß
jener einzig mögliche, logisch richtige Schluß aus der Thatsache der größeren
Geburtenhäufigkeit bei armen Familien und geringerer bei Reichen – daß dieser einzig
mögliche Schluß nicht gezogen werden darf oder besser gesagt
praktisch nicht verwertbar ist.
Dieser letztere Umstand aber beweist, daß hier auf dem
Grunde der Erscheinungen irgend ein ungelöster Widerspruch ruht, daß da irgend ein
todter Punkt sich befindet, den die Statistik mit ihren Mitteln – statistische Thatsachen und Schlüsse – nicht
bewältigen kann. Und das ist des Pudels Kern.
–––
521
Die Statistik leistet uns große Dienste. Sie
ist die Pfadfinderin einer ganzen Reihe von Wissenschaften, indem sie die Thatsachen
aufsucht, registrirt und zu Massenerscheinungen zusammenstellt und auf diese Weise
die Probleme formulirt, welche die betreffenden Wissenschaften zu lösen haben. Sie
selbst aber kann diese Lösung, die tiefere Erklärung dieser Erscheinungen nicht
geben. Warum? Weil sie ihrem ganzen Wesen nach es nur mit den an die Oberfläche des
Lebens auftauchenden Erscheinungen zu thun hat und nur aus
diesen ihre Schlüsse ziehen kann, die eben deswegen meist nicht erschöpfend
und oberflächlich sind sind. Ueberall da aber, wo es zur Erklärung solcher
Erscheinungen einer wissenschaftlichen
Tiefbohrung bedarf,
bleibt sie macht- und rathlos vor den ungelösten Problemen stehen.
Nannte man sie doch mit Recht nur einen Querschnitt der
Geschichte, der uns lediglich die oberste und jüngste Schichte des Völkerlebens
bloßlegt: wo es aber zur Erklärung der Erscheinungen dieses jüngsten Alluvialbodens
der Nachgrabungen in den älteren und ältesten Schichten; wo es zur Erklärung der
Erscheinungen der Gegenwart der Heranziehung der geschichtlichen Entwicklungen aus
früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden bedarf: da bleibt der Statistik nichts
übrig als bescheiden bei Seite zu treten und die Arbeit der geschichtlichen
Tiefbohrung einer anderen Wissenschaft, ihrer jüngeren Schwester zu überlassen – der
Soziologie.
Denn wie könnte auch die Statistik, deren ganzer Horizont
nur die letzten paar Jahrzehnte umfaßt, Erscheinungen des Völkerlebens befriedigend
erklären, deren Ursachen in jahrhundertealter historischer Entwicklung liegen, zu
deren Erklärung wieder andere ähnliche jahrhundertealte historische Entwicklungen
herangezogen werden müssen.
Denn wie könnte auch die Statistik, deren ganzer Horizont
nur die letzten paar Jahrzehnte umfaßt, Erscheinungen des Völkerlebens befriedigend
erklären, deren Ursachen in jahrhundertealter historischer Entwicklung liegen, zu
deren Erklärung wieder andere ähnliche jahrhundertealte historische Entwicklungen
herangezogen werden müssen.
Da muß die Soziologie einspringen. Ihr Horizont umfaßt
Jahrtausende und in den sozialen Erscheinungen der Gegenwart sieht sie nur die
nothwendigen Folgen und Ergebnisse von Zeitperioden, die für den Statistiker gar
nicht existiren.
Allerdings ergibt sich aus dieser grundverschiedenen
Auffassung der Erscheinungen der Gegenwart eine weitere Verschiedenheit der ganzen
Haltung diesen Erscheinungen gegenüber, zwischen Statistik und Soziologie.
Während der Statistiker, der die Zustände des gegenwärtigen
Dezenniums höchstens aus den Zuständen der
letztverflossenen Dezennien ableitet, schnell mit allerhand
Heilmitteln zur Stelle ist, um soziale Uebel zu heilen, um an dem Gang der
Entwicklung die gewünschten Korrekturen vorzunehmen: steht der Soziologe oft vor
solchen Zuständen kopfschüttelnd, wie der Artz vor Zuständen, die sich aus
Konstitutionsfehlern des Kranken mit Nothwendigkeit entwickelten, ja die, vielleicht
auf Vererbung beruhend, ihren nothwendigen Verlauf nehmen müssen und aller Kunst des
Arztes spotten.
Mit einem Wort: der Statistiker kann leicht Optimist sein,
der Soziologie muß häufig Pessimist sein – was aber, um zu unserem Gleichnis
zurückzukehren, eine gewisse, schädliche Einflüsse beseitigende,
522
momentan lindernde, die Katastrophe hinausschiebende
Behandlung der Krankheit keineswegs ausschließt.
–––
Kehren wir nach dieser kurzen methodologischen Abschweifung
wieder zu der uns beschäftigenden Frage zurück. Warum erfüllt die niedrige
Geburtenziffer Frankreichs den französischen Patrioten mit Sorge? Warum sinnen die
Franzosen auf Mittel dieselbe zu heben? Zu welchem Zwecke macht
Bertillon Vorschläge, um den „gesetzmäßigen Gang der Bevölkerungsbewegung
in Frankreich“ (an einen solchen glaubt doch mit Recht jeder Statistiker) zu ändern?
Offenbar, weil in Frankreich befürchtet wird, daß nach
einem elicht vorauszusehenden und leicht zu berechnenden Zeitraume auf einen französischen Soldaten zwei
deutsche kommen werden. Und worin liegt die Gefahr dieses Zahlenverhältnisses in der
Zukunft? Offenbar darin, daß dann Deutschland Frankreich überfallen, es erobern, die
deutsche Herrschaft bis an den Ozean ausdehnen und daß dann Frankreich als
selbstständige Nation zu existiren aufhören, daß der Staat Frankreich von der Karte
Europas verschwinden wird.
Setzen wir einmal diese Eventualität als eingetroffen: was
wird dann erfolgt sein? Offenbar der Untergang Frankreichs.
Wenn nun dieser befürchtete Untergang Frankreichs der
eigentliche Grund ist, warum die niedrige Geburtenziffer die französischen Patrioten
mit Sorge erfüllt, so empfiehlt es sich, ehe wir in der Hauptfrage selbst einen
Schritt weiter gehen, zuerst noch die Frage dieses „Unterganges“ ins Auge fassen und
namentlich welcher Natur derselbe denn eigentlich sei. Darüber nämlich herrschen
zweierlei Ansichten, und von der Richtigkeit der einen oder der anderen hängt es ab,
ob der Untergang eines Staates etwas Zufälliges und Abwendbares oder etwas
Nothwendiges und Unabwendbares ist, wovon in weiterer Linie wieder die Entscheidung
der Frage abhängt, ob es sich im gegebenen Falle um ein unabwendbar bevorstehende
Ereignis handelt oder nicht, ob daher zur Abwendung desselben Mittel, und welche zu
ergreifen sind, oder ob nicht vielleicht alle Bemühungen in dieser Richtung
vergeblich sind.
Diejenigen nun, welche der Meinung sind, daß die Staaten
eine regelmäßige, erst aufwärts zur höchsten Blüte, sodann abwärts zum
unvermeidlichen Untergang sich vollziehende Entwicklung durchmachen, kamen meist auf
die Idee, diese Entwicklung mit derjenigen aller organischen Wesen von der Geburt
bis zum Tode zu vergleichen. Dieses Gleichnis hatte von jeher so viel Bestechendes
und ward in der Neuzeit theils durch die überhandnehmende naturwissenschaftliche und
monistische Weltanschauung so gefördert, daß es allmälig das
wirkliche Wesen der sozialen Entwicklung des Staates ganz in den
Hintergrund drängte und verdunkelte. Man hielt das
Bild fest
und vergaß darüber das
Wesen der Sache. Das hatte zur Folge,
daß diejenigen, welche die Inkongruenz des Bildes mit dem Wesen der Sache erkannten,
nur zu sehr geneigt waren mit dem Bilde zugleich das Wesen der Sache ganz über Bord
zu werfen. Zu diesen letzteren
523
gehört neuestens der französische
Rechtsphilosoph G.
Tarde. Er hat ja
vollkommen Recht, wenn er es als Unglück bezeichnet, daß der „Transformismus“ leider
seinen Ursprung nicht verleugnen kann und da er auf dem Gebiete der
Naturwissenschaft entstanden ist, überallhin, also auch auf das Gebiet der
Staatslehre sein ursprüngliches Schema, die Entwicklung des organischen Wesens,
hinüberträgt. „Der Transformismus ist nur zu sehr geneigt zu behaupten, daß, nachdem
jedes Lebewesen durch seine innere Natur dem Tode entgegentreibt, es auch für alle
anderen Erscheinungen, wie z. B. das Himmelskörpersystem, die Sprache, die Religion,
die Gesetzgebung, eine innere
Nothwendigkeit des Sterbens
geben müsse.“
[1]
Eine solche innere Nothwendigkeit will
Tarde nicht zugeben. „Ja, sagt er, daß es früher oder später einmal einen
äußeren Anstoß geben kann, unter dessen Wirkung eine Sprache,
eine Religion, eine Gesetzgebung, die unzerstörbar schienen, zu Grunde gehen kann,
das muß zugegeben werden. Auf diese Weise sind ja die antiken asiatischen
Zivilisationen zu Grunde gegangen, die ohne eine solche zufällige Kriegskatastrophe
noch bis heute gedauert haben konnten.... Was anderes ist
aber ein solcher
gewaltsamer Tod, eine solche Unterbrechung
der
normalen und möglichen Unsterblichkeit, was anderes der
natürliche Tod, dem kein lebendes Wesen in den von der Natur festgesetzten Grenzen
entrinnen kann.“
Damit hat
Tarde in der
Widerlegung der allerdings unpassenden Analogisirung des Staates mit einem lebenden
Organismus, weit über das Ziel geschossen. Denn, wenn auch der Untergang eines
Staates nicht gleichbedeutend ist mit dem Tod eines Lebewesens, wenn er auch
aus anderen Gründen wie dieser letztere erfolgt: so ist es
doch gewiß zu viel von einer „
normalen und möglichen
Unsterblichkeit“ der Staaten zu sprechen und ein Verkennen der sozialen
Entwicklungsgesetze des Staates, wenn man die „natürlichen“ in der Entwicklung des
Staates wurzelnden Ursachen seines einmal unvermeidlichen Unterganges nicht zugibt.
Allerdings diese im Wesen des Staates tief wurzelnden
Ursachen sind keine
physiologischen, doch sind es
soziale Gründe. Wir können dieselben hier nicht ausführlich
darlegen; wir haben es an einem anderen Orte gethan.
[2]
Doch müssen wir sie hier kurz rekapituliren.
Immer und überall besteht der Staat ursprünglich aus heterogenen sozialen Elementen,
von denen die einen über die anderen herrschen. Die Thatsache der Herrschaft ist vom
Staate unzertrennlich, bildet sein innerstes Wesen. Sein Bestand ist durch die
Aufrechterhaltung dieser Herrschaft bedingt. Nun gibt es aber auf der ganzen Welt
kein Bestehen ohne Entwicklung und diesem allgemeinen Naturgesetz unterliegt auch
jede soziale Erscheinung, also auch der Staat. Seine Entwicklung aber besteht in dem
Aufstreben der Beherrschten und in dem Zurückdrängen der Herrschenden. Während des
Kampfes um die Herrschaft
524
kommen nacheinander immer verfeinerte
Kampfmittel und Kampfesmethoden in Anwendung. Ursprünglich ist es roher physischer
Kampf mit all seinen Schrecknissen. Da werden Menschen wie das Vieh geschlachtet,
geblendet, gemartert; da lodern Scheiterhaufen und werden Gottesurtheile vollzogen.
Allmälig wird der Kampf gesitteter; mit dem Uebergang von der Natural- zur
Geldwirtschaft erlangt man feinere, d. h. raffinirtere Kampfesmittel. Kapitalbesitz
bedeutet Herrschaft, daher nimmt der Kampf um Herrschaft die Form des Kampfes um's
Kapital und um den Besitz an. Dieses Streben nach Erlangung und sodann Erhaltung des
Besitzes durchdringt alle Poren der Gesellschaft; es erzeugt eine eigene Atmosphäre
des Denkens, des Sinnens und Trachtens, der sich kein Mitglied der besitzenden und
dadurch herrschenden Klassen entziehen kann. Und eines
der vielen durch diese konservative Politik der Besitzenden ihnen eingegebenen
Mittel sich beim Besitz und damit bei der Herrschaft zu erhalten, ist: die
Vermeidung des Kinderreichthums. Man scheut den Kinderreichthum, um die Kinder nicht
arm werden zu lassen, um sie auf der gesellschaftlichen Position, die man errungen,
zu erhalten. Und dieses
unvermeidliche Merkmal der hohen
Kulturstufe einer staatlichen Gesellschaft ist zugleich das flammende
Mene Tekel, das sie an ihren Untergang gemahnt. Es nützt aber
nichts! Zu sehr hat die hochentwickelt Kultur den Genuß zum alleinigen Zweck des
Daseins gemacht, genußloses Leben als zwecklos erscheinen lassen. Zu sehr ist auf
hochentwickelter Kulturstufe jeder Genuß von Besitz und Reichthum abhängig geworden,
die von Herrschaft unzertrennlich, eine Bedingung derselben und wiederum von ihr
bedingt sind. Da helfen keine Erwägungen! Der Mensch war von jeher und bleibt trotz
aller Kultur ein Hordenthier. Er lebt nicht als Einzelwesen, sondern als
Bestandtheil seiner sozialen Gruppe.
Diese aber ist keinerlei
Erwägungen zugänglich. Sie handelt instinktiv im Interesse ihrer Machtstellung und
ihre
zweckmäßigen Handlungen erzeugen ihre Moral;
dieser aber muß der Einzelne sich fügen. Ihn erfüllt nur
ein Streben: aus seiner Gruppe nicht herauszufallen. Gehört
er zu den Besitzenden und Herrschenden, so thut er alles, um beim Besitz und bei der
Herrschaft zu bleiben.
Eines der Mittel zu diesem Zwecke
sind: wenig Kinder haben. Daher sind alle entgegengesetzten Bemühungen fruchtlos.
Die einzelnen Patrioten haben gut reden: die Gruppe kennt keinen staatlichen
Patriotismus: ihr Egoismus ist ihr höchster Patriotismus.
„Après nous le déluge.“ Wenn wir
nicht herrschen, besteht unser Staat ohnehin nicht mehr. So
lautet das ungesprochene und uneingestandene Programm der Besitzenden und
Herrschenden. Je weniger es gesprochen und geschrieben wird, desto treuer wird es
befolgt. Der Kinderreichthum schwindet, die Volksvermehrung sinkt, die Bevölkerung
wird stationär und beginnt entdlich zurückzugehen. Es sind die Symptome des
Verfalles, die sich einstellen mit derselben Unvermeidlichkeit, mit der bei organischen Lebewesen aus andern, und zwar aus physiologischen Ursachen der Marasmus den nahen Tod
verkündet.
525
Mag das patriotische Gefühl des Angehörigen
eines alten Kulturvolkes dagegen sich sträuben, die objektive Wissenschaft muß daran
festhalten, daß das soziale Entwicklungsgesetz ein allgemeines ist und keine
Ausnahme macht zu Gunsten des einen oder anderen Staates. So wie jeder Staat auf
dieselbe Weise entstanden ist, so wie sein Wesen überall dasselbe ist, seine
Entwicklung immer die wesensgleiche, so ist auch keiner vor dem Untergang gefeit.
–––
Allerdings kann hier gefragt werden: worin besteht denn der
Untergang eines Staates? Der Boden, das Land bleibt ja bestehen, und auch die
Bevölkerung verschwindet nicht? Freilich – aber das, was das Wesen des Staates
ausmacht, die Herrschaft gewisser Gruppen über die Masse der Bevölkerung, diese
Herrschaft und so Manches, was drum und dran hängt, geht zu Grunde, wird beseitigt.
Dann herrschen über dieselbe Masse, auf demselben Boden andere Gruppen. Darin liegt
der Untergang des bestimmten Staates. Wie muß sich nun, um ein konkretes Beispiel zu
wählen, der Soziologe den Untergang Frankreichs denken? Sehr einfach. Wenn jene
Thatsache eintritt, welche der französische Statistiker vorausberechnet, daß nämlich
auf einen französischen Soldaten zwei deutsche kommen, dann ist die Unterjochung
Frankreichs durch Deutschland eine unabwendbare Thatsache. Dann wird ein deutscher
General als Statthalter des deutschen Kaisers in den Tuilerien wohnen und deutsche
„wirkliche“ Geheimräthe werden im Namen des deutschen Kaisers – Frankreich
beherrschen.
Die Entwicklung Deutschlands wird dann einen mächtigen
Impuls erhalten und Berlin wird Paris überflügeln. Was wird aber dann folgen? Eines
Tages wird ein Berliner
Bertillon die
Stirne runzeln und die Augenbrauen zusammenziehen; auf seinen Tabellen wird er etwas
wahrnehmen, das ihm große Sorge machen wird. Er wird die auffallende Thatsache
konstatiren, daß die Bevölkerung Deutschlands seit etwa der Mitte des 20.
Jahrhunderts stagnire, dagegen die Bevölkerung des nachbarlichen Rußlands
fortwährend im Wachsen begriffen sei. Nun wird er Berechnungen anstellen, wo sich
das Verhältnis zu Ende des 20. Jahrhunderts gestalten werde und
zu
dem niederschmetternden Resultat gelangen, daß dann auf zwei deutsche Soldaten
drei russische kommen werden.
In patriotischer Aufregung wird dann der deutsche
Bertillon der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Landsleute
auffordern, Mittel zu ergreifen, um die Volksvermehrung zu fördern; seine Erfahrung
wird reicher sein als die des französischen
Bertillon des 19.
Jahrhunderts. Er wird vielleicht schon wissen, daß mit der Besteuerung der
kinderlosen Familien und der Entlastung der kinderreichen der angestrebte Zweck
nicht erreicht werden kann; er wird dann auf andere Mittel sinnen. Ob er sie finden
wird? ob nicht trotz allem Patriotismus die deutsche Geburtenziffer zu Ende des 20.
Jahrhunderts sinken und die Rußlands rapid zunehmen wird? Wer von der Allgemeinheit
der Gesetze sozialer Entwicklung überzeugt ist, der kann darüber seine Zweifel
hegen.
–––
526
„Das ist aber der reine Fatalismus!“ höre ich
einwenden. „Ein solcher lähmt all' und jede patriotische Energie und raubt den
Menschen jeden Schaffensmuth, jede Freudigkeit am Dasein.“ - Durchaus nicht.
Ebensowenig wie die Gewißheit, daß Jeder von uns einmal sterben müsse, uns der Sorge
für unsere Gesundheit überhebt, ebensowenig braucht die Erkenntnis der Gesetze der
staatlichen Entwicklung unsere gedeihliche Thätigkeit im Interesse des Staates dem
wir angehören, zu hemmen. Das was nach Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden
eintreten soll oder eintreten muß, kann ohnehin unser Thun und Lassen in der
Gegenwart keineswegs beeinflußen; diese ferne Zukunft besitzt keinerlei Macht über
uns, sie kann uns weder anregen noch herabstimmen. Unser Thun und Lassen steht unter
dem brennenden Zeichen der Gegenwart und
nächsten Zukunft;
die fernere übt ebensowenig einen Einfluß auf uns, wie die Sonne eines zweiten
Planetensystems, das außerhalb des unsern liegt. Und ebenso wie der Artz trotz des
unvermeidlichen nahen Todes den Kranken noch behandelt, sein Leben zu verlängern,
seine Leiden zu mildern sucht, ebensowenig kann die Voraussicht des unvermeidlichen
Ganges sozialer Entwicklung die
Wissenden, die
Aerzte der Staaten der Pflichten entheben, diejenigen Mittel
anzugeben und zu empfehlen, welche geeignet sind, das Unvermeidliche
hinauszuschieben und die Leiden des einstigen Niederganges zu mildern.
Dabei bringt die Erkenntnis des wahren
Wesens der Krankheit de Nutzen, daß man sich keinen Täuschungen hingibt und
daher keine falschen und somit ganz zwecklosen Mittel empfiehlt, sondern auf das
Mögliche und Erreichbare bedacht, im Rahmen desselben zu dem Zweckdienlichsten
greift.
–––
Von diesem höheren Standpunkte der Erkenntnis der
allgemeinen sozialen Entwicklung der Menschheit, wie kleinlich erscheinen da die
gegenseitigen Eifersüchteleien zweier Kulturstaaten, die doch beide derselben Gefahr
gegenüberstehen, welcher im Laufe der Jahrtausende noch immer jede Kulturwelt
ausgesetzt war! Frankreich will es verhüten, daß nicht nach 50 Jahren zwei deutsche Soldaten den einen
französischen überwältigen, und in Deutschland pocht schon vielleicht manches
patriotische Herz dem Zeitpunkte entgegen, wo die deutschen Fahnen luftig vom Giebel
der Tuilerien flattern.
Doch weder jenseits noch diesseits des Rheins stellt man
sich ernstlich die Frage, welchen Gewinn die europäische Kulturwelt von diesem
inneren Kampfe zu erwarten habe? Ob die europäische Kulturwelt wirklich so gewaltig
daran interessirt sei, daß ein Streifen Rheinlandes dem einen oder dem anderen
Staate angehöre? Ob jenseits wie diesseits des Rheins das die
richtige Rechnung sei, daß alles Sinnen und Trachten, alle Anstrengungen und Kräfte
nach der Richtung der Erlangung gegenseitiger Uebermacht angespannt werden? Ob nicht
hier vielmehr der Fall vorliege: Duobus litigantibus tertius
gaudet.
Letzteres scheint allerdings der Fall zu sein. Auf einen
neuerlichen blutigen Zusammenstoß der beiden innereuropäischen Großmächte
527
baut Niemand
mehr Hoffnungen, lauert Niemand
mit größerer Spannung als – Rußland, welches die Mission zu haben glaubt, der Erbe
der europäischen Kulturwelt zu sein. Würden Frankreich und Deutschland jene
wirkliche allergrößte Gefahr Europas ins Auge fassen, dann würden die
Zukunftsberechnungen der französischen und deutschen Statistiker zu ganz anderen
Resultaten gelangen; dann würde man die Rechnung so stellen:
Das Wachsthum der Bevölkerung Rußlands ist in dem Maße
stärker als dasjenige Deutschlands, daß in jenem künftigen Zeitpunkte, in welchem
zwei deutsche Soldaten auf einen französischen, gleichzeitig drei russische auf zwei deutsche kommen. Wohlan denn!
Dieser Gefahr Deutschlands und Europas kann nur auf die Weise
vorgebeugt werden, wenn man den beiden deutschen Soldaten den einen französischen
hinzugesellt, dann stünden den drei verbündeten französisch-deutschen Soldaten nur
ebenso viel russische gegenüber und der Bestand der europäischen Kulturwelt wäre auf
absehbare Zeiten gesichert. Also nicht auf die Wehrhaftmachung Frankreichs gegen
Deutschland und des letzteren gegen das erstere, sondern vielmehr auf die möglichst
gemeinsame Wehrhaftmachung beider gegen die von Osten her der europäischen Kultur
drohende Gefahr sollten im Interesse Europas und alle Kräfte seiner Staaten
angespannt werden.
–––
Wird es zu einer solchen Politik der europäischen Staaten
und in erster Linie Deutschlands und Frankreichs kommen?
Wenn man die Aeußerungen des Chauvinismus jenseits und
diesseits des Rheins ernsthaft nehmen wollte, vor allem, wenn man der optischen
Täuschung sich hingeben wollte, daß menschliche Strebungen ausschlaggebend sind für
den Gang der Weltgeschichte: so könnte man leicht versucht sein, obige Frage zu
verneinen. Denn im täglichen Leben der Völker folgen die politischen Gedanken der
Menschen der übermächtigen Strömung ihrer Gefühle, daher für die ersteren die
letzteren maßgebend sind, und somit die politischen Programme ein Ausfluß von Sym-
und Antipathien, von leidenschaftlichen Wünschen und ebensolchen Vorurtheilen.
Glücklicherweise folgt der Gang der Geschichte nicht diesen
Gedanken und nicht diesen Programmen. Vielmehr gibt es ein Etwas das da denkt über
die Köpfe aller politischen Denker hinweg und das Programme entwirft, die mit
denjenigen der politischen Parteien nicht stimmen: im Laufe der Geschichte aber sich
durchsetzen und zur Geltung bringen.
Diese Programme oktroyiren sich den Völkern und Nationen in
entscheidenden Augenblicken mit elementarer Gewalt auf, denn in ihnen sind die
historischen Nothwendigkeiten verkörpert. Nicht die Gefühle und die aus diesen sich
ergebenden Gedanken leiten die Menschheit – es ist die Göttin Ananke, welche die
gebundene Marschroute der Völker bestimmt.
Wenn einmal wieder, wie schon so oft, von Osten her über
Europa ein großes Völkergewitter heraufzieht, dann werden, dann
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müssen
alle kleinlichen Eifersüchteleien der europäischen Kulturnationen schwinden, dann
braucht der
eine französische Soldat nicht die
zwei deutschen zu fürchten: sie werden vereint und verstärkt
durch diejenigen anderer europäischen Kulturnationen der großen von Osten her
anstürmenden Völkerflut entgegentreten.
Das wird und muß schließlich geschehen unter dem Zwange der
äußersten Gefahr und – Nothwendigkeit.
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Allerdings aber bleibt es eine Frage der Klugheit, ob unter
denjenigen, die einst Schulter an Schulter gegen den gemeinsamen Feind werden
kämpfen müssen, bis dahin gefühlsduseliger Chauvinismus seine
wilden Orgien feiern solle, ob es zweckmäßig ist, in eitler Renommage, in
gegenseitiger Verhetzung so viel geistige Kräfte zu vergeuden, statt den
nothwendigen Gang der Entwicklung objektiv zu würdigen, das unvermeidliche Ziel
derselben ins Auge zu schaffen und auf die große europäische Völkerkrisis sich
vorzubereiten?
Doch nein! Hier ist jedes Predigen unnütz, hier helfen
keine Erwägungen. Der Menschen Los ist es, den Strom der Entwicklung immer
durchqueren zu wollen; nachdem sie sich weidlich abgemüht, merken sie, daß sie von
der reißenden Strömung tief abwärts getragen wurden von dem Punkte, wo sie landen
wollten; dies Schauspiel wiederholt sich ewig. Unnützes Abmühen der Menschen und
endliches Unterliegen gegenüber den Nothwendigkeiten der Geschichte.
Am Ufer aber stehen einige Rufer in der Wüste; ihre
Warnungen verhallten im Winde; und wer weiß, ob sie nicht gar überflüssig sind, denn
vielleicht würde das Leben der Menschen jeden Reiz verlieren, wenn sie von der
Strömung der Nothwendigkeit sich ruhig tragen ließen; daß sie immer und immer wieder
dagegen ankämpfen, daß sie in diesem Kampfe ihre Energie aufbieten und aufbrauchen,
das bildet ja den größten Reiz dieses Lebens!