Rezension von: Wilhelm Hasbach: Untersuchungen über Adam
Smith und die Entwicklung der politischen Oekonomie. Leipzig 1891, in:
Deutsche Litteraturzeitung, Jahrgang 1891, Nr. 40, S. 1473-1474.
[Rezension:] Wilhelm Hasbach, Untersuchungen über Adam Smith und die
Entwicklung der politischen Oekonomie.
[…] Leipzig, Duncker u. Humblot, 1891. X u.
440 S. gr. 80. M.9.
[…] Leipzig, Duncker u. Humblot, 1891. X u.
440 S. gr. 80. M.9.
Es ist schwer, auch nur annähernd die Fülle des hier
Gebotenen anzudeuten. Adam
Smith ist bisher
zumeist aus Systemen, Lehrbüchern und Geschichten der Nationalökonomie bekannt oder
auch aus seinem Hauptwerke. Man begnügte sich mit der Vorstellung, dass der
„Begründer der Nationalökonomie“ für die Freiheit der Arbeit und des Handels
eintrete. Nun hat wieder einmal ein „genialer“ Schriftsteller (und ein solcher ist
Buckle allerdings!) durch ein entschieden unrichtiges Urteil den Anstoß zu
einer ganzen Reihe von Untersuchungen gegeben, die schließlich der Wissenschaft und
unserer Erkenntnis keinen geringen Nutzen brachten.
Buckle hat
bekanntlich über Adam
Smith in ganz
unbegreiflicher Flüchtigkeit zwei Irrtümer in Umlauf gesetzt: erstens, dass
Smith sich einer
deductiven Methode nach Art der
Theologen bediene, und zweitens, dass zwischen seinem Hauptwerke und seiner siebzehn
Jahre früher veröffentlichen „Theorie der moralischen Gefühle“ ein principieller
Unterschied (in puncto Selbstsucht) bestehe. Diesen letzteren Irrtum hat unlängst
Zeyß gründlich widerlegt (s. DLZ. 1890 Nr. 31). Die Unrichtigkeit bezüglich
der Methode findet
hier (S. 391 ff.) eine sehr lehrreiche
Berichtigung, indem
Verf. auf den
gewaltigen Unterschied zwischen Deduction aus „freigewählten Prämissen“ und der
„hypothetisch-deductiven“ Methode hinweist, welche letztere ein sehr wirksames
Hilfsmittel jeder
inductiven Methode bildet und auch von
Smith teilweise geübt wird.
Damit hat Ref. nur einen Punkt aus vorliegenden
Untersuchungen hervorgehoben; ihr Hauptinhalt ist die Darstellung der geistigen
Persönlichkeit A.
Smiths, jedoch nicht
mehr in jenen groben Umrissen, wie das gewöhnlich geschieht, sondern so zu sagen in
ihrer ontogenetischen Entwicklung. Verf. greift einzelne Elemente dieser geistigen
Persönlichkeit heraus und forscht nach ihrer Herkunft. Indem er uns diese bloßlegt,
indem er die einzelnen Edelmetalladern in dem
Smithschen Werk nach
ihrem Ursprunge hin verfolgt, wobei er sich durch ein massenhaftes, wirr
durcheinanderliegendes Geschiebe hindurcharbeitet: liefert er uns sehr wertvolle
Beiträge nicht nur zur geistigen Entwicklung
Smiths, sondern der
politischen Oekonomie, wie nicht minder der Moralphilosophie. Adam
Smith selbst tritt uns dabei
menschlich näher, d. h.
mit allen menschlichen Schwächen des Schriftstellers. Wenn nun aber die Hauptabsicht
des Verfs. war, „die geistige Persönlichkeit A.
Smiths von allen
wesentlichen Gesichtspunkten zu betrachten“ (421), so mögen hier einige
Charakterzüge derselben mit des Verfs. eigenen Worten als
Hauptresultate des Buches Platz finden. Ad.
Smith ist weder ein
„Pfadfinder der Ethik“ (108), noch überhaupt „ein Pfadfinder der Wissenschaft“
(421); er ist „ein systematischer Kopf, aber kein bahnbrechender Geist“ (435); die
„am meisten auffallenden Züge seines Verstandes sind die Talente productiver Kritik
uns schöner Systematik“ (108); er ist mit nichten der Begründer der politischen
Oekonomie; „überblickt
1474
man Alles, so kann man keinen Augenblick im
Zweifel darüber sein, dass (James)
Steuart der
Begründer der politischen Oekonomie ist“ (229); dagegen ist Smith „ein Meister der
Form und Darstellung, fremde Anregungen geistvoll und selbständig benutzend, weiter
entwickelnd und zu einem lebensvollen historischen Gemälde vereinigend“ (171); er
ist ein „receptiver Kopf, der sich von den verschiedensten Seiten anregen lässt, dem
Fremden eine nicht gewöhnliche productive Kritik entgegenbringt und die manigfachen
Elemnte zu einem wolgeordneten Systeme zu vereinigen weiß“ (421). Diesen
Eigenschaften ist es zuzuschreiben, dass, „während ein viel tieferer Geist, wie
Hume,
die besten Jahre seines Lebens mit Miserfolgen zu kämpfen hat, während
Nationalökonomen von weit
bedeutenderer Kraft, wie
Quesnay und James
Steuart, den
heftigsten Widerspurch erfahren und in den Schatten gestellt werden:
Smiths schriftstellerische Laufbahn ein rascher Siegeszug durch England,
Frankreich und Deutschland ist“ (424). Was Verfs. hier über
Smith sagt, ist
eingehend begründet und überzeugend dargetan, wobei auf die ganze geistige Welt, in
welcher
Smith mitten drin stand, die interessantesten Streiflichter fallen. Das
Buch ist nicht nur für die Moralphilosophie (I Buch) und Nationalökonomie (II Buch)
sondern auch für die Geschichtswissenschaft (II B., 5. Kap.) von großer Wichtigkeit.