Vermittlungsangebot
Zu: Kunstintervention „Fluchtpunkt Alter Rhein“

Textquellen
Im 1999 geführten Interview erzählt Hilde Schinnerl, wie ihre Familie während des Krieges jüdischen Flüchtlingen über die Grenze in die Schweiz half und ihnen Unterschlupf in Hohenems gewährte. -- Im 2002 geführten Interview erzählt Jakob Spirig, wie er ab 1938 vielen jüdischen Flüchtlingen zum illegalen Grenzübertritt in die Schweiz verhalf. Er selbst wurde 1942 nach einer gescheiterten Fluchthilfeaktion in der Schweiz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und erst nach seinem Tod 2004 rehabilitiert. -- Regina Hagen, Hermann Hofer und Johann König aus Lustenau wurden am 10. Oktober 1944 vom Landesgericht in Feldkirch zu vier, sechs und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Sie waren schuldig gesprochen worden, die Flucht des Deserteurs Josef Hagen begünstigt zu haben.
Da unten, unten beim Schweizer Haus unten, noch weiter unten, war so ein großer Baum im Acker meiner Onkel. Und da war eine große Dose eingegraben, in die hat man die Nachricht hinein getan. Die Nachricht ... Mit Gräsern hat man sie unter dem Baum zugedeckt. Und ein bis zwei Mal bin ich dann mit der Mama mit dem Fahrrad hinuntergefahren, um zu schauen, ob es eine Nachricht gab und wer kommt. Das waren dann eben die, die schon drüben im Lager waren, die hatten immer noch Angehörige, in Wien und überall. Und die wollten sie auch noch herbringen. Und das ist nur gegangen, weil mein Vater in Österreich an der Grenze war. Deshalb haben sie immer die Adressen dort hinein getan, um zu übermitteln, dass jetzt wieder jemand kommt. Und so ist es halt fünf, sechs Mal passiert. Die sind dann von Wien gekommen. Ich musste als Kind, mit sechs, sieben Jahren, nach unten fahren, um zu schauen, was in der Dose drinnen ist, ob eine Nachricht, dass wieder jemand kommt, drinnen ist. Und wie sie in der Nacht gekommen sind, um zu klopfen... Wir hatten im Haus nur einen Schlüssel, das war der Haustürschlüssel, und da hat man auch nie abgeschlossen. Früher hat man in einem Bauernhaus nie abgeschlossen, man hat einfach immer offen gehabt, Tag und Nacht. Und wenn wir dann die Juden versteckt hatten, immer einzeln... Sie sind oft krank gekommen, total „zerschunden“ und vor lauter Angst. Zwei Monate schon, drei Monate schon waren sie auf dem Weg von Wien her, immer nur in der Nacht gegangen, so stückweise. Wenn sie dann gekommen sind, um zu klopfen, dann hat Mama oft aufstehen müssen. Das Beste war noch – ringsum haben ja Anhänger von Hitler gewohnt, man hat es keinem Menschen sagen dürfen – das Beste war, dass immer der Vater sie neben sich in Mutters Bett schlafen ließ, auch wenn sie krank geworden sind -- Was hat sich hier an der Schweizer Grenze abgespielt? Von hier aus haben wir die Juden in die Schweiz gebracht. Wir sind hier hinter dem Zollamt, beim österreichischen Zollamt, vorbei. Dann hier unter dem Damm nach vor bis zu diesem Bächlein, und vom Bächlein da runter, bis etwa 100 Meter weiter unten, wo das Bächlein in österreichisches Gewässer eingeflossen ist. Und von dort aus sind wir übers Bächlein drüber und dann in die Schweiz. Zu welcher Tageszeit war das? Das haben wir immer nachts gemacht, also abends, um 8 Uhr. So war es im Herbst, oder je nach Jahreszeit, aber immer im Dunkeln. Wir wussten genau, wann bei der Schweizer Grenzwacht die Ablösung war, sagen wir um 8 Uhr. Dann haben wir schon gehört, wie der Grenzwächter heraufmarschiert ist und der andere wieder hinunter, und in der Zwischenzeit sind wir durch. Wie kamen Sie zu den Aufträgen? Wir waren damals junge Burschen und hatten nicht viel Geld. Wir gingen immer am Sonntag zu Fuß oder unter der Woche, wenn wir keine Arbeit gehabt haben, in das Hotel Freschen oder Restaurant Freschen nach Hohenems, weil dort ein Becher Bier 15 Rappen gekostet hat. Da hat uns die Serviertochter gesagt, es wären noch Juden hier, die in die Schweiz möchten. Ob wir sie mitnehmen. Sie würden uns 4 oder 5 Mark bezahlen. Natürlich war uns das ein guter Verdienst. Dann haben wir alle mitgenommen und haben sie von Hohenems bis hier ans Zollamt geführt, hinter dem Zollamt durch, an die Grenze und dann hinauf. Das heißt, die erste Fluchthilfe war eigentlich ein Zufall? Ja, das war am Anfang mehr Zufall und nachher wurden wir angefragt von diesen Leuten: „Mein Kamerad kommt, meine Mutter kommt, mein Cousin kommt, ob wir nicht diese auch noch abholen wollen? Sie kommen dann und dann.“ Und wir sind dann wieder marschiert. War die Grenze zu dieser Zeit schon ganz geschlossen? Nein, da war die Grenze noch nicht geschlossen. Erst als der Krieg begonnen hat, wurde die Grenze ganz geschlossen. Vorher war die Grenze noch offen. Wir haben die Leute vielfach auch zum Zollamt geführt. Dann wurden sie untersucht vom Zöllner, wegen Devisen oder sonstigen Sachen, die verboten waren zum Mitnehmen. Dann sind wir hinter dem Zollamt durch. Offiziell. Das heißt, die Deutschen waren durchaus interessiert daran, dass man die Leute über die Grenze schmuggelte? Ja, sie haben gar nichts dagegen gehabt. Nur keine Devisen oder verbotene Artikel wie Gold oder Silberringe oder irgendetwas. Dann sind sie wieder weg gewesen. Man musste also nur an den Schweizern vorbeikommen? Nur die Schweizer. In der Schweiz war es verboten. Dort wurden wir bestraft. Diese haben wir fürchten müssen, die Österreicher nicht. Also, wir haben die Österreicher oder die Deutschen schon gefürchtet. Wenn wir auf dem Weg erwischt wurden, dann hat uns die SS, oder was das für Leute waren, wieder zurückgeschickt auf den Gendarmerie-Posten zum Untersuchen. Da sind Stunden vergangen. Dann sind wir querfeldein, nicht auf der Straße, sondern auf dem Feld marschiert. Aber die Leute haben sie wieder laufen lassen. Es war ihnen nichts passiert. „Gehen Sie, wohin Sie wollen. Schlafen Sie, wo Sie wollen. Essen Sie, wo Sie wollen. Das ist uns egal.“ War diese Grenze eigentlich leicht zu überwinden? Wir haben es manchmal sehr gemütlich genommen. Wir sind hier auf das Brett gesessen und haben die Schuhe ausgezogen und sind zu Fuß über das Bächlein. Und drüben haben wir die Füße wieder getrocknet und die Socken angezogen. Eine ältere Frau oder einen älteren Herrn haben wir auf den Rücken genommen und rübergetragen. Wenn dann alles in Ordnung war, sind wir marschiert. Wenn die Luft rein war. Wir haben es auch so gemacht, dass die Familie Hutter, die Familie von meinem Freund, telefoniert hat um 8 Uhr. Nach der 8 Uhr Glocke hat das Telefon hier geläutet. Dann musste der Zöllner von diesem Zollamt, von dieser kleinen Zollstation, hinüber in das große, und dann war hier niemand und wir waren durch. Der Zöllner hat das Telefon abgenommen und man hat gesagt: „Entschuldigen Sie, falsch verbunden.“ Dann musste er wieder zurückmarschieren und wir sind schon durch gewesen. […] Gab es auch Grenzwächter, die ein Auge zudrückten? Ja, das hat es auf beiden Seiten gegeben. Wir haben in Österreich einen Grenzwächter gehabt, der uns sehr geholfen hat. Auch in der Schweiz hat es solche gegeben, die, wenn sie etwas gesehen haben, weggeschaut und es vertuscht haben. Was glauben Sie, aus welchen Gründen setzten sich auch Zöllner für die Flüchtlinge ein? Ja, das hat es auf beiden Seiten gegeben. Wir haben in Österreich einen GrenzwächAus humanitären Gründen, weil sie gewusst haben, dass die Leute aus Wien vertrieben wurden und wir in der Schweiz genug zu essen hatten, so dass man diese Leute ruhig aufnehmen konnte. Man kann doch nicht Leute zurücksenden, die mit kleinen Kindern kommen, oder kranke Leute. Die haben sie einfach aus Erbarmen hiergelassen und weggeschaut. -- Während seines Heimaturlaubs in seinem Elternhaus in Lustenau erreicht die Familie Hagen im Mai 1944 die Vermisstenmeldung des Bruders von Josef Hagen. Diese Meldung rief große Bestürzung hervor, weil das schon der zweite Sohn war, den die Familie Hagen in diesem Krieg verloren hat. Beim Eintreffen dieser Meldung war zufällig der Onkel, Hermann Hofer, anwesend. Der Urlauber Josef Hagen erklärte nach dem Eintreffen diese Meldung seiner Mutter, dass er nicht mehr einrücken werde, sondern in die Schweiz gehen werde. Die Mutter versuchte zwar ihm das Vorhaben auszureden, jedoch beharrte Josef Hagen auf seinem Entschluss. Er wurde nun darüber gesprochen, wie die Fahnenflucht von Josef Hagen durchgeführt werden könne. Die Angeklagte Regina Haagen hatte Bedenken gegen den Plan ihres Sohnes, weil ein Hinübergehen in die Schweiz, mit Rücksicht darauf, dass sich ihr Sohn nicht auskenne, zu gefährlich sei. Auch Hermann Hofer hatte Bedenken und meinte, dass ohne genaue Wegkenntnis die Fahnenflucht, zu der Josef Hagen bereits fest entschlossen war, nicht möglich war. Der Angeklagte Hermann Hofer hat als Ausweg angeraten, dass er einen Mann kenne, damit meinte er den Angeklagten Johann König, dessen Sohn auch in die Schweiz hinüber sei, und der als gewiefter Schmuggler die Wege in die Schweiz zeigen könne. […] Johann König hat sich mit dem fahnenflüchtigen Josef Hagen getroffen und wurde er beobachtet, wie er mit dem Fahnenflüchtigen etwa 50m vom Röhrenkanal entfernt stand und ihm das Rohr als Fluchtweg zeigte. Josef Hagen wurde beobachtet, wie er hierauf gegen den Röhrenkanal zu in das Wasser stieg und dort verschwand. Der Hilfszoll-Betriebsassistent Willibald Hofer, der der Beobachter dieser Vorgänge war, feuerte 9 Schuss in die Kanalöffnung, weil er vermutete, dass Josef Hagen diesen Kanal als Fluchtweg in die Schweiz benützte. Er beobachtete auch, Johann König auf dem Damm stehend, wie dieser nach dem Röhrenkanal schaute, was auch nach dem Zugeständnis des Johann König seine Aufgabe war, sich in Grenznähe zu begeben, um sich zu überzeugen, ob die Fahnenflucht gelungen sei. […]
Quellenzitat
© _erinnern.at_/Jüdisches Museum Hohenems -- © _erinnern.at_/Jüdisches Museum Hohenems -- © DÖW 19512/10 (LGV Vr 247/44/5) zitiert in: Hanno Platzgummer/Karin Bitschnau/Werner Bundschuh: „Ich kann einem Staat nicht dienen, der schuldig ist …“ Vorarlberger vor den Gerichten der Wehrmacht, Dornbirn 2011, 59-61.