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VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Ceija-Stojka-Platz, 1070 Wien
Beschreibung: Die Lernenden setzen sich anhand der Biografie von Ceija Stojka und dem ihr gewidmeten Platz in Wien Neubau mit dem Genozid an den Romnija und Roma und Sintize und Sinti auseinander. Durch verschiedene Textquellen soll den SchülerInnen die rassistische Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten an den Romnija und Roma und Sintize und Sinti anschaulich dargelegt werden, wobei sie sich auch mit verschiedenen Häftlingskategorien in Konzentrationslagern auseinandersetzen sollen. Ein weiteres Augenmerk wird auf die Gestaltung von Gedenkveranstaltungen durch Jugendliche bzw. junge Erwachsene gelegt.
Ort: 1070 Wien
Zeitbedarf: 100 Minuten
Alter: 13–19 Jahre
Vermittlungsort: Klassenzimmer


Verbundene Orte:




Textquellen

Textquellen zum Genozid an den Romnija und Roma und Sintize und Sinti durch das NS-Regime

Zeitungsausschnitt „Reichspost“ - Das Zigeunertum im Lichte der Rassengesetze. Von deutschen Rassengesetzen werden außer den Juden, den asiatischen und afrikanischen Rassen und den Ureinwohnern Australiens und Amerikas noch die Z i g e u n e r betroffen; sie sind dem Blute nach fremd und n i c h t a r i s c h und dürfen mit deutschen Volksgenossen eine Ehegemeinschaft nicht eingehen. Die Zigeuner bewahren wie die Juden einen innigen Zusammenhang untereinander, obwohl sie kein eigenes Land besitzen. Das parasitische land- und staatslose Zigeunertum [hier wird auf die umherziehende Lebensweise von Roma und Sinti bezuggenommen, die auch teils auf Diskriminierung und Vertreibung beruhte] unterscheidet sich aber von dem Judentum dadurch, dass es durch eine lebende Sprache, durch gewisse Bräuche und auffallende Standesgewohnheiten [=Verhaltensweisen, Normen und Bräuche, die mit einer bestimmten sozialen Schicht oder einem bestimmten Stand verbunden sind] zusammengefügt wird. Aus diesem Grunde sind auch eheliche Verbindungen der Zigeunerinnen, deren jugendliche, aber rasch verblühende Schönheit geradezu sprichwörtlich ist, mit Angehörigen des Wirtsvolkes äußerst selten. Dazu kommen noch ihre arteigenen Sitten, abstoßende Unreinlichkeit, Mangel an Körperpflege und der damit verbundene Körpergeruch. [...] Gerade die Ostmark , die durch ihren östlichsten Gau , das Burgenland, gegen Sonnenaufgang offen ist, war über den Durchschnitt der anderen deutschen Länder von diesem lichtscheuen Volke heimgesucht. Dort zählt man noch heute über tausend Zigeuner, die sich vorwiegend, soweit sie sesshaft gemacht worden sind, auf die Bezirke Oberpullendorf und Jennersdorf verteilen [...] Freilich das Betteln und stehlen konnte man ihnen trotz den gutgemeinten Vorschriften und aller weiterer Erziehung zur Arbeit nicht abgewöhnen. [...] Die Zigeuner haben sich so weit angepasst, dass sie am Rande unserer Zivilisation ein schmarotzerhaftes Dasein führen. Wie ja auch die Juden von außen in unseren Kultur- und Lebenskreis eingedrungen sind. Trotz dieser Gemeinsamkeit besteht ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden. Während der Jude in Übersteigerung seines Rassenhasses die Führerstellungen [=dominierende Positionen] der Wirtsvölker zu erobern sucht, wobei er zur Erleichterung seines Vorgehens jede rassische Höhe und kulturelle Haltung nivelliert [=auf ein niedrigeres Niveau bringen] , verkehrt, lächerlich macht, also innerlich anfrisst, hat der Zigeuner keine weitere Absicht als sein Naturdasein am Rande unserer Kultur fristen zu können [...] Die abendländischen Völker haben in den Zigeunern einen Fremdkörper, wie in den Juden, zu sehen und müssen klare und eindeutige Vorkehrungen treffen, um sich gegen die von der Zigeunergefahr drohende Ansteckung zu feien. Ceija Stojka in „Leben im Verborgenen“ über ihre Ankunft im KZ Auschwitz-Birkenau Am nächsten Tag bekam jede von uns ein Kleid hingeworfen, die Stubenälteste sagte: „Zieh das an und die anderen Kleider gebt ihr vorne ab.“ Die Kleider hatten vorne und hinten ein langes Kreuz, meines war blau mit einem gelben Kreuz. Es war schrecklich. Unsere Mama lachte und Tränen standen in ihren blauen Augen. Dann schrie eine andere: „Los, los, alles Betten machen. Ich komme dann nachschauen, es darf keine Falte in den Decken sein. Und dann stellt ihr euch alle neben euren Buchsen hin. Es kommt gleich die Aufseherin, die euch zählen wird. Und das heißt, ihr müsst auf zack sein.“ Nach langem Stehen kam die Aufseherin. Sie war eine große, vollschlanke, blonde, sehr elegante Frau, sehr streng und eisig kalt. Ihre Haare waren kunstvoll zu einem Knoten hochgesteckt, sie hatte wunderschöne Lackstiefel an, ihre Mütze saß zu perfekt, es fehlte nichts an ihr. Sie hatte auch ein schönes Gesicht, ihr Name war Binz. Sie zählte uns, ohne eine Miene zu verziehen und ging aus der Baracke . Wir konnten uns nicht vorstellen, dass eine so schöne Frau kein Herz haben konnte. Anschließend bekamen wir alle eine Registriernummer : ein weißer, länglicher Stoffstreifen mit einem schwarzen Winkel, das hieß arbeitsscheu. (Aber wie konnte ich arbeitsscheu sein, ich war ja noch ein Kind!). Den Streifen mussten wir uns auf die linke Seite nähen. Nun waren wir alle gekennzeichnet: der letzte Abschaum der Menschheit. Vorne bei der Barackentür war ein langer Tisch, an dem eine Blockführerin saß, und hinter ihr war ein Fenster, nicht sehr groß. Die Frau hatte einen grünen Winkel [siehe nächste Textquelle], sie war eine sogenannte kriminelle Gefangene. Sie war eine kleine, zierliche Person, hatte schöne, glatte, zurückfrisierte Haare, ihr Name war Ria. Man sah, dass sie ein guter Mensch sein musste. Sie war noch ziemlich jung, vielleicht dreißig Jahre. Sie nahm uns die alten Kleider ab und gab jeder von uns eine Schüssel. Neben ihr stand eine andere Frau, die war groß und blond mit ganz kurzen Haaren. Sie war Russin und hatte einen roten Winkel . Ihr Name war Schura. Sie schenkte uns schwarzen Tee in die Schüssel und gab uns ein Stück Brot dazu. Unser Blick streifte am Fenster vorbei, draußen auf dem Hauptplatz waren viele Menschen zu sehen, sie standen Appell, gruppenweise. Viele SS-Frauen mit Hunden. [...] Nun waren wir alle registriert und nummeriert. Am nächsten Tag standen wir mit den anderen im Freien Appell . Die Aufseherinnen Rabl und Binz zählten uns. Wir mussten einen Meter Abstand voneinander halten, sodass der Wind überall durchblasen konnte. Nach dem Appell schrien sie: „Alles abtreten!“ Wir waren wieder in unserer Baracke .“ Zur Deportation und Ankunft von Roma und Sinti in Auschwitz-Birkenau Am 16. Dezember 1942 ordnet Heinrich Himmler die Deportation von „Zigeunermischlingen, Rom-Zigeunern und nicht deutschblütigen Angehörigen zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft“ an. Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wird ein eigenes „Zigeunerlager“ eingerichtet. Wie viele Roma aus dem Gebiet des ehemaligen Österreich nach Auschwitz-Birkenau genau deportiert wurden, kann bislang nicht exakt festgestellt werden, es wird von 2.700 bis 2.900 Personen ausgegangen. Gleich den jüdischen Häftlingen in Auschwitz wird den Roma nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau eine Nummer eintätowiert, von der Nummer ein „Z“ für „Zigeuner“. Sie müssen den „Schwarzen Winkel“ tragen, der sie als „Asoziale“ denunziert und kenntlich macht. „Wir waren ja keine Menschen mehr“, beschreibt Karl Stojka seine Erfahrung in Auschwitz-Birkenau. „Wir waren auch keine Tiere. Wir waren eine Nummer.“ Karl Stojka hat im Lager keinen Namen, der ihm eine Identität als Mensch verleiht, er heißt nur noch Z 5742. Häftlingskategorien Die Nationalsozialisten teilten die Häftlinge der Konzentrationslager in Kategorien ein. Anfangs erkannte man die Gruppen an verschiedenfarbigen Streifen und Punkten auf ihrer Kleidung oder an unterschiedlichen Uniformen. Ab 1937/1938 nutzten die Lagerverwaltungen einheitlich farbige Winkel, die die Häftlinge sichtbar auf ihren Jacken und Hosen anbringen mussten. Die farbigen Winkel sind auch auf den Dokumenten der Lagerverwaltung zu finden. Je länger die Konzentrationslager existierten, umso mehr Häftlingskategorien kamen hinzu. Generell unterschied man in den Konzentrationslagern zwischen Schutzhaft und Vorbeugehaft – zwei sehr verharmlosend wirkende Begriffe. Maßgeblich für die Kategorie war die einliefernde Behörde. Als „Schutzhäftlinge“ verbrachte die Gestapo ab Februar 1933 Menschen in Konzentrationslager, von denen aus Sicht der Nationalsozialisten eine vermeintliche Gefahr für „Volk und Staat“ ausging, so der Titel der sogenannten Reichstagsbrandverordnung . Dazu zählten vor allem politische Häftlinge, Homosexuelle, Juden und Zeugen Jehovas. Die Haftdauer war zeitlich unbefristet und es gab kein Gerichtsverfahren. Häftlinge, die von der Kriminalpolizei (Kripo) wegen vermeintlichem oder tatsächlichem sozial abweichenden Verhalten als „kriminell“ oder „asozial“ verhaftet wurden, fielen hingegen in die Kategorie der „Vorbeugehäftlinge“. Hierunter fassten die Nationalsozialisten auch viele inhaftierte Sinti und Roma. Sie ging entweder gegen soziale AußenseiterInnen vor oder die Haft schloss direkt an die Entlassung aus einem Gefängnis an, obwohl die zu verbüßende Haftzeit abgeleistet worden war. Ein erster Vorbeugehafterlass gegen sogenannte „Berufsverbrecher“ erging schon im November 1933. Eine reichsweit einheitliche Regelung der „polizeilichen Vorbeugehaft“ gab es ab Dezember 1937. Gedicht „Auschwitz ist mein Mantel“ von Ceija Stoika auschwitz ist mein mantel du hast angst vor der finsternis? ich sage dir, wo der weg menschenleer ist, brauchst du dich nicht zu fürchten. ich habe keine angst. meine angst ist in auschwitz geblieben und in den lagern. auschwitz ist mein mantel bergen-belsen mein kleid und ravensbrück mein unterhemd. wovor soll ich mich fürchten?


Quellenzitat

Das Zigeunertum im Lichte der Rassengesetze, Reichspost, 10.7.1938/Folge 179, 17. Ceija Stojka, Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien 1988, 40-42. Martin Krist/Albert Lichtblau, Nationalsozialismus in Wien. Opfer-Täter-Gegner, Innsbruck/Wien/Bozen 2017, 228. e-Guide Arolsen Archives, Artikel zu Häftlingskategorien und ihren Abkürzungen Ceija Stojka, auschwitz ist mein mantel. bilder und texte, Wien 2008, 5.