Queere Geschichte(n) in der NS-Zeit – Sichtbarkeit erkämpfen
Didaktischer Kommentar
Das folgende Vermittlungsangebot ermöglicht SchülerInnen die Auseinandersetzung
mit queeren Personen im Nationalsozialismus, einer Opfergruppe die auch nach
1945 und bis in die 1970er Jahre diskriminiert wurde und in der öffentlichen
Erinnerung eine marginale Position einnimmt. Die SchülerInnen setzen sich
inhaltlich sowie grafisch-gestalterisch mit Biografien von queeren Personen
auseinander und präsentieren ihre Arbeiten als künstlerische Intervention im
öffentlichen Raum.
Arbeitsaufträge
Teil 1: Recherche und Vorüberlegungen
Betrachtet das „Erinnerungszeichen Heinz-Heger-Park“ und lest den
Informationstext unter „Mehr Erfahren“.
Bearbeitet zuerst in Kleingruppen und anschließend in der Klasse die
folgenden Arbeitsaufträge: Recherchiert die auf dem Erinnerungszeichen
enthaltenen Informationen. Erörtert mögliche Gründe dafür, warum es in
Wien bislang nur zwei Erinnerungszeichen für während des
Nationalsozialismus als homosexuell verfolgte Personen gibt. Untersucht,
ob während des Nationalsozialismus ausschließlich Personen verfolgt
wurden, die sich selbst als homosexuell identifiziert haben, oder ob
auch andere Betroffene unter diesen Verfolgungen litten. Positioniert
euch zu der Frage, ob auch jene Personen in das öffentliche Gedenken
aufgenommen werden sollen, die nicht homosexuell waren, aber aufgrund
einer entsprechenden Zuschreibung verfolgt wurden. Begründet eure
Position.
Beschäftigt euch zu zweit jeweils mit einer Person aus dem Buch „Als
homosexuell verfolgt: Wiener Biografien aus der NS-Zeit“ von Andreas
Brunner und macht euch Notizen. Stellt der Klasse die Person und ihre
Geschichte vor.
Besprecht in der Klasse, welche grafischen Entscheidungen die
GestalterInnen des Buchs getroffen haben.
Teil 2: Künstlerische Umsetzung
Gestaltet zu der Person, mit der ihr euch beschäftigt habt, ein digitales
Plakat, welches am Projektende gedruckt und im Heinz-Heger-Park ausgestellt
werden kann. Bedenkt dabei im Vorfeld Folgendes: Wer wird das Plakat sehen? Wie
könnt ihr die Person und ihre Geschichte am besten darstellen? Welche
Informationen sind dafür wichtig? Welche grafische Gestaltung passt zum Inhalt
des Plakats?
Teil 3: Künstlerische Intervention: Erweiterung des Gedenkens
im Heinz-Heger-Park
Schaut euch im Heinz-Heger-Park genau um und sucht passende Stellen
aus, an denen ihr eure Plakate vorübergehend aufstellen könnt. Wenn ihr
die Ausstellung länger zeigen möchtet, müsst ihr dafür eine Genehmigung
bei der MA 22 und MA 46 einholen – oder ihr entscheidet euch dafür, die
Plakate in der Schule auszustellen.
Macht auf eure künstlerische Intervention aufmerksam.
Kommt in der Gruppe zusammen und stellt eure Plakate vor.
Vermittlungshinweise
Vorbereitung:
Eine allgemeine thematische Einführung zu queeren Opfern des
Nationalsozialismus ist empfehlenswert. Optionale Quellen:
Dokumentarfilm „Verbotene
Liebe: Queere Opfer der NS-Diktatur “
QWIEN – Zentrum für queere
Geschichte (Angebote: Unterrichtsmaterialien, queere
Stadtführungen)
Website „Queer Identities “ (von Historiker*in Kai* Brust)
Website „TO BE SEEN “ des NS-Dokumentationszentrums München
Teil 1 des Angebotes: Recherche und Vorüberlegungen
Ort: Klassenraum
Dauer: ca. 90 Minuten
Das Buch „Als homosexuell verfolgt: Wiener Biografien aus der NS-Zeit“
von Andreas Brunner kann beispielsweise in den Büchereien der Stadt Wien
entlehnt oder für die Schulbibliothek angeschafft werden. Online sind
kaum Biografien zu queeren Opfern aus der NS-Terrorzeit zugänglich, dies
verdeutlicht einmal mehr die fehlende Sichtbarkeit der Opfergruppe.
Im Buch wird mit Quellen der NationalsozialistInnen
(TäterInnenquellen) gearbeitet, daher kommen in allen Texten
queerfeindliche Aussagen vor. Dies im Vorhinein mit den SchülerInnen zu
besprechen, ist empfehlenswert, ebenso content
notes zu verwenden und die SchülerInnen entscheiden zu lassen,
mit welcher Biografie sie sich auseinandersetzen wollen. Falls
SchülerInnen sich nicht wohl mit der biografischen Arbeit fühlen, können
sie auch ein Plakat gestalten, welches allgemein in die Thematik oder
das Projekt einführt.
Bei der Besprechung der gestalterischen Entscheidungen des Buches „Als
homosexuell verfolgt: Wiener Biografien aus der NS-Zeit“ ist es wichtig,
den Umgang mit Symboliken der queeren Community zu besprechen, wie zum
Beispiel das rosa Dreieck, die Farben des Regenbogens, die Auswahl der
Fotografien etc. Von Interesse ist es auch, wie im Buch mit Zitaten aus
Gerichtsprozessen und Polizeiakten umgegangen wird.
Die folgenden Biografien sind für die Bearbeitung durch die SchülerInnen
zu empfehlen:
Bernhard Weinberger (content note: Antisemitismus)
Dorothea Neff und Lilli Wolf
Alexander Bella Pree (content note:
Inter*feindlichkeit; Hinweis: Bella Pree ist eine inter* Person, die
sich als Frau identifiziert und den Namen Bella verwendet hat. Im Buch
wird sie mit dem dead
name benannt und er/ihm Pronomen für sie benutzt. Inter*
Personen sind in der Erinnerung an den Nationalsozialismus kaum
vorhanden. Daher ist die Bearbeitung der Biografie von Bella Pree
empfehlenswert. Ein sprachsensibler Umgang mit der Quelle ist notwendig,
um die im Buch enthaltene Diskriminierung nicht zu reproduzieren. Im
Abschnitt Bilder gibt es ein Plakat zu Bella Pree als Beispiel für eine
gestalterische Ausarbeitung einer Biografie. Dieses Plakat kann
besprochen und mit den Arbeiten der SchülerInnen ausgestellt
werden.)
Leopoldine B. und Annemarie Z. (content note: Antisemitismus)
Franz Doms
Heinrich Schrefel (content note: Antisemitismus)
Berthold Windisch
Erika Kellner / Erica Anderson (content note: Antisemitismus)
Alfred Fritschka
Han(n)s Adolf Beer
Anton Steinbrunner
Franz Maurer (content note: Trans*feindlichkeit, Ableismus)
Engelbert Sedlatschek
Josef Weisseneder
Leopold Ruf (content note: Beschreibungen von Misshandlung,
Suizid)
Alfred Grünewald
Gustav Halbritter (content note: Ableismus)
Dr. Karl Ernst Reichel
Friedrich Guzmann*Rosa Goldmann (content note: Trans*feindlichkeit,
Hinweis: Der Text geht nicht sensibel mit dem gender von Friedrich
Guzmann*Rosa Goldmann um und verwendet er/ihm Pronomen. Empfehlenswert
ist eine genderneutrale Nennung von Friedrich Guzmann*Rosa Goldmann, da
aus den Quellen nicht hervorgeht, wie die Person deren eigenes gender
beschrieben hätte.)
Robert Blaschek und Rudolf Hrdlička
Erika H. und Frieda/Friedel K. (content note: Suizidversuch)
Teil 2 des Angebotes: Künstlerische Umsetzung
Ort: Klassenraum
Dauer: 90-180 Minuten
Falls die SchülerInnen noch nie digital grafisch gestaltet haben, ist
eine entsprechende Einführung zu empfehlen. Die kostenlose Software
Canva bietet sich beispielsweise zur grafischen Gestaltung an.
Als Beispiel Plakat kann das Plakat zu Bella Pree dienen, welches
unter Bildquellen zu finden ist. Anhand des Plakates kann über
gestalterische Entscheidungen, die Verwendung von Text und Symboliken
wie der Inter*Pride Flag gesprochen werden. Die SchülerInnen sollten
ermutigt werden, sich nicht zu stark am Aufbau des Beispielplakates zu
orientieren, sondern eigene gestalterische Ideen zu entwickeln.
Falls das digitale grafische Arbeiten nicht möglich ist, können die
Plakate auch mit analogen Mitteln gestaltet werden.
Bitte beachten: SchülerInnen können unsicher sein, wie sie
gendersensibel über Personen schreiben und benötigen hier Unterstützung.
Ebenso ist es wichtig mit den SchülerInnen über die Bezeichnungen und
Sprache von TäterInnen zu sprechen und wie sensibel mit dieser
umgegangen werden kann.
Teil 3 des Angebotes: Künstlerische Intervention: Erweiterung
des Gedenkens im Heinz-Heger-Park
Exkursion zum Heinz-Heger-Park
Dauer: 90 Minuten vor Ort
Zusätzlich zu den individuellen Plakaten der SchülerInnen kann
optional ein Plakat gestaltet werden, welches die BetrachterInnen über
das Projekt informiert.
Da die temporäre Ausstellung im öffentlichen Raum wie eine
künstlerische Intervention zu verstehen ist, können zur Vorbereitung mit
den SchülerInnnen andere künstlerische Interventionen im öffentlichen
Raum besprochen werden, wie zum Beispiel die „Schandwache“ am Lueger
Denkmal (Dr.-Karl-Lueger-Platz, 1010 Wien).
Die Anbringen von Plakaten im öffentlichen Raum ist
genehmigungspflichtig (MA 22, MA 46).
Empfehlenswert ist es, die Plakate auch in der Schule auszustellen.
Somit wird die Erinnerung an queere Opfer des Nationalsozialismus auch
für andere SchülerInnen und Lehrpersonen zugänglich.
Die SchülerInnen sollten währende der Präsentation ihrer Plakate
Wertschätzung erfahren, beispielsweise durch Feedback oder
Applaus.
Falls Zeit für eine längere oder eine zusätzliche Exkursion ist,
bietet sich beispielsweise ein Stadtspaziergang zu den ehemaligen
Wohnorten der verfolgten Personen an. Die Adressen finden sich im Buch
„Als homosexuell verfolgt: Wiener Biografien aus der NS-Zeit“ von
Andreas Brunner.
Vermittlungsziele
Die SchülerInnen lernen über die Verfolgung von queeren Personen im
Nationalsozialismus.
Die SchülerInnen entwickeln ein bzw. vertiefen ihr Bewusstsein für die
fortlaufende Diskriminierung von Queers.
Die SchülerInnen entwickeln ein Bewusstsein zu inter*, trans* und
gendernonkonformen Identitäten.
Die SchülerInnen können argumentieren, warum die Erinnerung an queere
Verfolgte und deren geschichtliche und gesellschaftliche Anerkennung wichtig
ist.
Die SchülerInnen können historisch informiert ästhetische Entscheidungen
treffen.
Die SchülerInnen sind sich bewusst, dass ihr Eingreifen in den
öffentlichen Raum ein wichtiger Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung der
heterogenen Verfolgtengruppe queerer Personen ist.
Literatur
Anna Hájková, Menschen ohne Geschichte sind Staub: Homophobie und
Holocaust. Göttingen 2021.
Ansgar Schnurr/Sabine Dengel/Julia Hagenberg/Linda Kelch (Hg.),
Mehrdeutigkeit gestalten: Ambiguität und die Bildung demokratischer
Haltungen in Kunst und Pädagogik, Bielefeld 2021.