Verschwundenes, Leere darstellen – Erinnern mit künstlerischen Mitteln
Didaktischer Kommentar
Das Vermittlungsangebot „Verschwundenes, Leere darstellen – Erinnern mit
künstlerischen Mitteln“ rückt das eigenständige künstlerische Gestalten der
SchülerInnen in den Mittelpunkt und versteht dieses als aktive Form von
Erinnerungsarbeit. Ausgangs- und Impulspunkt für den gesamten Projektverlauf ist
der Besuch des Mahnmals für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah von
Rachel Whiteread am Judenplatz in Wien. Dieser Besuch dient nicht nur der
informativen Begegnung mit einem historischen (Erinnerungs-)Ort, sondern gezielt
der Sammlung individueller, ästhetischer und emotionaler Eindrücke. Die
SchülerInnen setzen sich dabei insbesondere mit der Materialität, der
Formensprache und der räumlichen Wirkung des Mahnmals sowie dem
Spannungsverhältnis zwischen Leere und Anwesenheit auseinander. In der
darauffolgenden gestalterischen Phase entwickeln die SchülerInnen eigene
künstlerische Arbeiten, in denen sie sich mit den Themen Leere, Verlust und
Erinnerung unter dem Fokus der NS-Erinnerungsarbeit beschäftigen. Sie nutzen
dazu vor allem bildnerische Ausdrucksformen wie Zeichnung und Objektherstellung
durch Abformung und Negativabgüsse. Der Text unter „Mehr Erfahren“ bietet einen
Einblick in das künstlerische Schaffen Whitereads und dient den SchülerInnen als
Inspirationsquelle für eigene künstlerische Arbeiten, deren inhaltliche und
formale Gestaltung sie anschließend begründen. Abbildungen von Kunstwerken
Whitereads können aus urheberrechtlichen Gründen nicht auf DERLA gezeigt werden.
Eine eigenständige Recherche über vertrauenswürdige Online-Quellen (z. B.
Museumsseiten oder Bildarchive) wird daher dafür vorgeschlagen. Um eine
vertiefte Auseinandersetzung zu ermöglichen, wird außerdem empfohlen, bereits im
Vorfeld Grundlagenwissen zur Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere
zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, im
Unterricht zu erarbeiten. Durch die bewusste Verbindung von Ortserfahrung,
künstlerischer Analyse und gestalterischer Eigenarbeit entsteht ein
mehrschichtiger Lernprozess. Dieser fördert nicht nur historisches Lernen und
ästhetische Urteilskraft, sondern ermöglicht den SchülerInnen eine
persönliche(re) Auseinandersetzung mit (ihren) Fragen zur Erinnerungskultur, von
Vergänglichkeit und ihrer eigenen Haltung zur Geschichte.
Arbeitsaufträge
Teil 1: Erinnerung erkunden: Besuch des Mahnmals für die
österreichischen jüdischen Opfer der Shoah
Sucht euch einzeln oder als Gruppe einen Platz rund um das
Mahnmal.
Überlegt, aus welchen Elementen dieses Denkmal besteht. Was seht ihr,
welche gestalterischen, bildlichen und schriftlichen Elemente könnt ihr
erkennen?
3. Fertigt von eurem Standpunkt aus zunächst eine Übersichtszeichnung
des Mahnmals an. Ergänzt diese anschließend um 3 bis 5 Detailzeichnungen
von Elementen, die ihr für besonders wichtig oder interessant
haltet.
Reflektiert eure Wahrnehmung und Empfindungen an diesem Ort und
visualisiert eure Gedanken sowie Assoziationen zum Denkmal. Dokumentiert
diese in Form von schriftlichen Notizen und gestalterischen Elementen
neben oder innerhalb eurer Zeichnung.
Was ist ein Mahnmal? Versucht eine Definition zu finden. Notiert diese
ebenfalls auf eurem Zeichenblatt
Präsentiert eure Ergebnisse im Plenum. Vergleicht untereinander eure
zeichnerischen und gedanklichen Zugänge zum Denkmal. Tauscht euch dabei
auch zu folgenden Aufgaben aus: Bezieht Stellung zur Bedeutung des
Mahnmals für diesen Ort. Recherchiert gegebenenfalls Zeichen der
Erinnerungskultur an eurer Schule und erläutert deren Zusammenhang mit
der NS-Zeit. Ermittelt, ob ehemalige SchülerInnen eurer Schule während
der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben oder ermordet
wurden und stellt evtl. Bezüge zu möglichen Formen künstlerischer
Erinnerung her.
Teil 2: Erinnerung bewahren: Unsichtbares, Fehlendes,
Verschwindendes sichtbar machen
Analysiert gemeinsam mit der Lehrperson ausgewählte Kunstwerke von
Rachel Whiteread. Führt dazu eigenständig eine Online-Recherche zu
Werken der Künstlerin durch. Achtet dabei auf die Qualität und
Seriosität eurer Quellen. Diskutiert im Plenum die folgenden Aufgaben:
Beschreibt die Wirkung von Negativabdrücken und stellt Unterschiede
zwischen Abformung und Originalgegenstand heraus. Erörtert, welche
ästhetischen oder gedanklichen Erfahrungen durch diesen künstlerischen
Prozess ermöglicht werden.
Bringt von zuhause Alltagsgegenstände mit. Diese Gegenstände sollen
bestimmte Kriterien erfüllen: Wählt Gegenstände aus, die stark mit euch
verbunden sind. Sie sollen euch etwas bedeuten und mit euerer
Persönlichkeit, eurem Leben oder eurer bisherigen Geschichte zu tun
haben. Es sollen Gegenstände sein, mit denen ihr schon eine Weile gelebt
habt, die euch begleitet haben oder derzeit begleiten.
Bildet Dreiergruppen und stellt euch gegenseitig eure Gegenstände vor.
Besprecht, welche praktische und welche emotionale Funktion diese
Gegenstände für euch haben.
Zeichnet eure Gegenstände (unterschiedliche Perspektiven und
Ansichten) und schreibt dazu, warum sie für euch von Bedeutung
sind.
Drückt eure Gegenstände einzeln, in der zur Verfügung gestellten
Abformmasse, ab, so dass eine Negativform entsteht. Fertigt dafür
vorbereitend aus der Abformmasse rechteckige Grundplatten in einer
passenden Größe für eure Gegenstände an (etwas größer als der Gegenstand
selbst). Für jeden Gegenstand soll eine eigene kleine Skulptur
entstehen.
Zeichnet im Anschluss die entstanden Negativformen eurer Gegenstände,
also den unsichtbaren Umgebungsraum eurer vertrauten Gegenstände.
Formuliert einen kurzen Text, der euer Erinnerungszeichen begleitet
und seine persönliche Bedeutung für euch erläutert.
Präsentiert eure Ergebnisse im Plenum. Tauscht euch über die
gestalterische Wirkung und die persönliche Bedeutung eurer
Erinnerungszeichen aus. Stellt Bezüge zur Arbeitsweise von Rachel
Whiteread her und vergleicht eure Ansätze.
Reflektiert gemeinsam die Bedeutung des Holocausts als historische
Zäsur sowie die Intention des Mahnmals von Rachel Whiteread. Diskutiert
anschließend argumentativ in der Klasse, ob und inwiefern es ethisch und
künstlerisch vertretbar ist, die Arbeitsweise von Whiteread als
Inspiration für die Gestaltung eines persönlichen Erinnerungszeichens zu
nutzen.
Optionale Zusatzangebote
Denkt gemeinsam darüber nach, welche Arten von Erinnerungszeichen an
Opfer und Verfolgte des Nationalsozialismus ihr sonst noch kennt und
legt eine entsprechende Liste bzw. Sammlung an. Nutzt für eure Recherche
beispielsweise die Filterfunktion der „Karte der Erinnerung“ auf DERLA.
Besprecht, an wen, wie und warum erinnert wird. Kennt ihr insbesondere
Erinnerungszeichen, die an Frauen und Jugendliche erinnern sollen? Wenn
ja, welche?
Besucht das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka
und die „Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten Jüdischen Kinder,
Frauen und Männer aus Österreich“ (Shoah-Namensmauer) in Wien. Nutzt die
Einträge auf DERLA als Informationsquelle. Vergleicht diese beiden
Erinnerungsorte mit dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer
der Shoah von Rachel Whiteread am Wiener Judenplatz. Nutzt dafür
geeignete Vergleichskriterien wie z. B.: Gestaltung und Formensprache
(z. B. figürlich, abstrakt, Materialwahl und -wirkung);
Zugänglichkeit und Standort im öffentlichen Raum Art des Gedenkens
(individuelles Gedenken vs. kollektives Gedenken); Thematischer
Fokus (z. B. Opfergruppen, historische Ereignisse); Emotionale
Wirkung und Atmosphäre
Untersucht, welche Aspekte des Erinnerns jeweils dargestellt oder
bewusst ausgelassen werden. Bewertet, inwiefern die gestalterischen
Mittel zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beitragen.
Vermittlungshinweise
Teil 1 des Angebotes
Schwerpunkt: Erkundung | Rezeption
Inhaltliche Orientierung: Herausarbeiten der Verkörperung von
Verschwundenem, Leere, Fehlendem, „nicht mehr Zugänglichem“ im Werk
Rachel Whitereads
ca. 100 Minuten einplanen
örtlich gebunden an das Erinnerungszeichen
Arbeitsweise: einzeln oder mit anderen (Gruppen- oder
PartnerInnenarbeit)
die notierten Fragen usw. unbedingt im Plenum besprechen bzw.
bearbeiten
Material: Zeichenpapier (verschiedene Formate und Qualitäten), Stifte
(verschiedene Arten und Farben), Radiergummis, Zeichenkohle, evtl.
Fixierspray, feste Unterlagen zum Zeichnen und Schreiben
Teil 2 des Angebotes
Schwerpunkt: Reflexion | Auseinandersetzung mit dem künstlerischen
Werk von Rachel Whiteread und mit der Skulptur als verkörperte
Erinnerung
Inhaltliche Orientierung: vergessene oder vergängliche Gegenstände in
etwas Dauerhaftes verwandeln; thematischer Zusammenhang zu Tod,
Vergänglichkeit, herstellen; Gips als Material der Mumifizierung,
Totenmasken
ca. 100 Minuten einplanen
auch mit zeitlichem Abstand zum ersten Teil des Vermittlungsangebotes
möglich
ortsungebunden (beispielsweise in der folgenden
Unterrichtsstunde)
Arbeitsweise: zuerst in Gruppen, anschließend kann auch unabhängig
voneinander gearbeitet werden.
die abschließende Frage unbedingt im Plenum besprechen bzw.
bearbeiten.
Material: Zeichenpapier, Stifte (z. B. Bleistifte, Kugelschreiber,
Buntstifte, Filzstifte - für die Zeichnungen der Gegenstände),
Radiergummis, Zeichenkohle, evtl. Fixierspray, Abformmasse (z.B.
„Keramiplast“ lufttrocknende Modelliermasse von Gerstaecker), Unterlagen
zum Bearbeiten der Abformmasse, Messers bzw. Tonabschneider zum
Portionieren und der Modelliermasse, Tücher um Reinigen der abgeformten
Gegenstände
Vermittlungsziele
Die SchülerInnen beschäftigen sich mit Erinnerungszeichen wie dem Mahnmal
für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah und verstehen, warum
solche Zeichen wichtig für unsere Geschichte und Gesellschaft sind.
Die SchülerInnen verstehen, wie persönliche Eindrücke Teil eines
gemeinsamen Erinnerns werden können, und setzen dies in ihrer eigenen
künstlerischen Arbeit um.
Die SchülerInnen setzen sich damit auseinander, wie persönliche
Erinnerungen und gesellschaftliche Geschichten sichtbar gemacht und
festgehalten werden können.
Das Angebot möchte eine Sensibilisierung für Themen wie Antisemitismus,
Verlust von Kultur und Identität sowie die Notwendigkeit einer aktiven
Erinnerungskultur fördern.
Die SchülerInnen erproben die Verbindung von künstlerischem Schaffen und
historischem Lernen.
Das Angebot möchte Perspektivität erfahrbar machen und lädt die
SchülerInnen ein, verschiedene Zugänge und Sichtweisen auf Geschichte und
Erinnerung zu diskutieren.
Literatur
Mayer, Stefan, Leerstellen. Räumliche Qualitäten von Lücken, in: Kunst +
Unterricht 421/422 (2018), 11-14.
Karina Pauls, Erlebte Räume - im Alltag und in der Kunst: Rachel Whiteread
und Gregor Schneider, Oberhausen 2009.