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VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



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Tempelgasse 5, 1020 Wien
Beschreibung: Die SchülerInnen setzen sich ausgehend von einer Gedenktafel am Standort einer ehemaligen Synagoge, die bei den Novemberpogromen zerstört wurde, mit diesem Radikalisierungsschritt der Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Wiens auseinander. Durch verschiedene schriftliche sowie Audio- und Videoquellen soll diese das gesamte Stadtgebiet von Wien umfassende Gewaltausübung des NS-Terrorstaates und die absolute Rechtlosigkeit von Jüdinnen und Juden dargestellt und deren Auswirkung reflektiert werden.
Ort: 1020 Wien (oder fast jeder andere Bezirk Wiens)
Zeitbedarf: 50–100 Minuten
Alter: 13–19 Jahre
Vermittlungsort: Klassenzimmer bzw. öffentlicher Raum




Textquellen

Textquellen zum Novemberpogrom in Wien

Der Brand der Synagogen Bis zum 10. November 1938 befanden sich in Wien sechs architektonisch eindrucksvolle Synagogen , 18 von Synagogenvereinen gegründete Vereinssynagogen und 78 Bethäuser. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerieten diese Einrichtungen in immer größere Gefahr. Bereits im Oktober 1938 kam es zu Brandanschlägen auf Synagogen und Bethäuser und pogromartigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Wiens. Die Aggression gegen die jüdische Gemeinde in Wien gipfelte schließlich im Novemberpogrom. In Wien wurden in einem Zeitraum von einigen Stunden, vornehmlich von Einheiten der SS vom frühen Morgen bis zu Mittag des 10. November 1938 nahezu alle großen Synagogen und zahlreiche Bethäuser geplündert, beraubt und mittels Verwendung von Handgranaten und brennbaren Flüssigkeiten angezündet und verbrannt. Im gesamten nationalsozialistischen Machtbereich erging der Befehl an die Feuerwehren, die Synagogen brennen zu lassen und nur die Umgebung zu schützen. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte am 10. November in sein Tagebuch: „Wir lassen nur so weit löschen, als das für die umliegenden Gebäude notwendig ist. Sonst abbrennen lassen“. Auch der Israelitische Friedhof beim Zentralfriedhof blieb nicht von gewaltsamen Zerstörungen verschont. So wurde unter anderem die Zeremonienhalle verwüstet. Aus zahlreichen Akten des Volksgerichts Wien geht hervor, dass es vor der Entzündung zunächst in der Früh Plünderungen, Diebstähle, Zerschlagung der Sitzbänke und des Inventars etc. kam und anschließend manchmal auch erst am Nachmittag die eigentlichen Brände entfacht wurden. Rollkommandos der SS, vor allem die SS-Standarten 11 und 89, verhinderten das Löschen der Brände durch die Wiener Feuerwehr. Die Feuerwehr wurde von den Rollkommandos selbst verständigt. Das gesamte Feuerwehrpersonal Wiens war während des Pogroms zum Schutz der Nachbargebäude im Einsatz. Es gelang der Feuerwehr in allen Fällen, die Nachbargebäude zu schützen. Die Feuerwehreinsätze sind im Brandtagebuch der Wiener Feuerwehr penibel dokumentiert und begannen demnach gemäß der ersten Anzeige um 09:15 des 10. November 1938. Ruth Maier erlebt die Novemberpogrome in der Schule Die 18-jährige Gymnasiastin Ruth Maier gerät auf ihrem Schulweg zum Chajesrealgymnasium in das Pogrom. Dieses Gymnasium ist im Schuljahr 1938/39 das einzige, das jüdischen SchülerInnen noch höhere Bildung möglich macht. Sie schreibt danach in ihr Tagebuch: Sie haben uns geschlagen! Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Pogrome sind, weiß, was Menschen tun können. Menschen, die Ebenbilder Gottes. In der Schule sagte der Direktor: „Ja, also, sie zünden Tempel an, verhaften, schlagen (…) vor der Tür steht ein Lastauto (…) Drei Professoren haben sie verhaftet.“ (…) Wie in einem Schlachthaus, wir trauen uns nicht auf die Straße, machten Witze, waren nervös. (…) Mit dem Taxi fahren Dita und ich nach Hause, es sind 100 Schritte. Wir rasten durch die Straße, es war wie im Krieg (…) Leute starrten, kalte Luft, Gestalten und vorn ein Lastwagen mit Juden, ganz aufrecht, wie Schlachtvieh! Diesen Anblick werd‘ und darf ich nie vergessen. Juden, wie Schlachtvieh im Lastauto (…) Leute starren. Reinhold Eckfelds Eintreffen im Ersatzgefängnis Reinhold Eckfeld, ein 17-jähriger Wiener, wird während der Novemberpogrome in den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 von SS -Männern verhaftet. Er kommt nach einer ersten Inhaftierung in einem Polizeikommissariat in das Ersatzgefängnis in der Pramergasse im 9. Bezirk, wo sich die Polizeireithalle befindet. Ersatzgefängnisse werden in Wien für die NS-Machthaber notwendig, da die Rossauer Kaserne für die vielen Inhaftierten jüdischen Männer zu klein ist. Reinhold Eckfeld gelingt es später, zunächst nach Großbritannien zu flüchten. An der Jahreswende 1940/41 schreibt er in Australien einen Bericht über seine letzten Monate in Wien, in dessen Zentrum die Ereignisse der Novemberpogrome stehen: Der Verschlag (des Lastwagens) geht herunter, die beiden SS-Verfügungstruppenmänner springen herunter, um das Ende des Wagens bildet sich schnell ein Halbkreis, der nach dem Tor des Gebäudes zu einen Gang offenlässt, der von Polizei, SS etc. gesäumt ist. Man ruft uns zu: „Schnell, schnell. Raus, raus!“ Ich lasse erst einige andere herausspringen und springe dann selbst nach. „Laufschritt, Laufschritt“, brüllt man uns entgegen. Wir laufen nun zuerst durch einen erleuchteten Hausflur von ungefähr 15 Meter Länge, gesäumt von Uniformträgern, werden weiter getrieben über einen Hof, 30 Meter lang. Man schlägt von beiden Seiten auf uns ein, einer nach dem anderen von diesen Biestern, die links und rechts stehen, versetzen uns Schläge, Tritte, versuchen, uns zum Fallen zu bringen und dann zu treten. Man hört das unterdrückte Schreien der Geschlagenen, das Klappern der Schuhe auf den Steinen des Hofes und hinten im Hausflur die dumpfen Schläge, die auf die Leidensgenossen niederfahren. Ich erhalte Schläge auf die Arme, die ich schützend vor meinen Kopf und meine Brille halte, und Schläge in den Rücken, ich sehe nichts und weiß nicht, woher sie kommen, ich spüre sie nur etwas gedämpft durch den Wintermantel, den ich trage, ich werde durch sie hin- und hergestoßen und stolpere und laufe nur immer vorwärts. Wie ich in der Mitte des Hofes bin, erhalte ich plötzlich einen starken Schlag mitten auf die Nase, und das Blut rinnt sofort hinunter. Reinhold Eckfeld über die Polizeireithalle in der Pramergasse Wir stehen an der Wand des Saales, an der Längsseite, schief gegenüber dem großen Tore, durch das wir hereinkamen. An meinen Leidensgefährten sowie an mir sind deutlich die Spuren dieses Tages zu sehen. Ermattet stehen wir da, gebückt, mit dem Ausdruck der Müdigkeit, des Hungers und des verfolgten, gehetzten und gejagten Tieres in den Augen. Es liegt die Angst in diesem Blick, die ganze Ungewissheit des Schicksals, die die Juden Deutschlands nicht ruhig werden lässt, nicht schlafen lässt, nicht froh werden lässt, die jede Hoffnung im Keime erstickt, das Lächeln erstarrt und den Rücken krümmt, den Gashahn öffnet, den Strick um die Kehle zwängt und das Fenster zum Sprung in die Tiefe öffnet. (…) Die Beulen auf Stirnen, um Augen sind rot, blutig, die Lippen sind gequetscht, das Blut schmeckt eklig im Munde. Da, links von dir, da hält sich einer an der Wand fest, bleich und zu Tode ermattet, da schwankt er und sinkt auf den sandigen Boden und liegt. Man bückt sich zu ihm nieder, stützt ihn auf, damit er sich gegen die Wand lehnen kann. Sein Gesicht ist gelb und fahl. Kalter Schweiß steht auf seinem Gesicht, sein Mund steht offen, als ob die Muskeln der Wangen das Kinn nicht mehr halten könnten, und er keucht. Er schließt die Augen, die Hände in den Sand vergraben, um sich zu stützen. Er rutscht, und man lässt ihn liegen, da er sich so vielleicht doch wohler fühlt. (…) Man versucht, die SS, die durchgeht, auf den am Boden liegenden Mann in unserer Gruppe aufmerksam zu machen, um ihm ein Glas Wasser bringen zu lassen. Man versucht es ein-, zweimal, es wird jedoch keines gebracht. So bleibt er liegen. (…) In einer Gruppe in der Mitte des Saales bekommt einer einen Herzanfall, er brüllt, er heult, er winselt, seine Stimme wird schrill, überschlägt sich, verstummt. Ist er jetzt gestorben? – Ein Kreis von SS und Polizei bildet sich um den Mann herum, um zu warten, bis er sich ausgeschrien hat. – Da kommt sie wieder, die Stimme, laut, schluchzend, gurgelnd, winselnd und wiederum lauuuuut! Alles ist stumm, man hört ihr zu, sie geht durch Mark und Bein, sie steigt und fällt. – Endlich, endlich hört sie auf. Ist der Anfall vorbei, hat man ihn weggebracht? Warten, stehen, warten. Reinhold Eckfeld wird gemeinsam mit allen unter 18- und über 60-Jährigen in den Morgenstunden des 11. Novembers 1938 entlassen und entgeht dadurch der Deportation ins KZ Dachau .


Quellenzitat

Wien Geschichte Wiki, Novemberpogrom Ruth Maier, „Das Leben könnte gut sein.“ Tagebücher 1933 bis 1942. Hrsg v. Jan Erik Vold, München 2008, 147. Martin Krist (Hg.), Reinhold Eckfelds Bericht. Vom Novemberpogrom bis zur Flucht aus Wien. Niedergeschrieben in den australischen Internierungslagern Hay und Tatura 1940/41. Wien 2024, 29. Martin Krist (Hg.), Reinhold Eckfelds Bericht. Vom Novemberpogrom bis zur Flucht aus Wien. Niedergeschrieben in den australischen Internierungslagern Hay und Tatura 1940/41. Wien 2024, 33ff.