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Zu: Denkmal für ermordete Kinder der NS-Euthanasieanstalt Am Spiegelgrund

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Textquellen zu Alois Kaufmann, Überlebender der NS-„Euthanasie“
Text von Alois Kaufmann (ohne Titel) Kaum hörbar ist dein Atem. Ruhig und entspannt liegst du neben mir. Nichts, aber schon gar nichts stört deine Träume. Ich dagegen starre zur dunklen Decke. Und tausend Gedanken halten mich wach. Erinnerungen, die erst weit weg von mir sich in anderen Perspektiven, wie hinter dickem Panzerglas abspielen. Dann zerbricht das Glas, und die Erinnerungen überfluten meine Seele, erdrücken mein Herz, und ich schreie. Doch du hörst nichts, absolut nichts. Tief ist dein Schlaf. Deine Träume entfernen dich von der Realität. Nur einmal zucken deine Mundwinkel. Ich drehe mich links, drehe mich rechts. Alles vergebens, der erwünschte Schlaf kommt nicht. Erlöst mich nicht, aus den Armen einer Zeit, die mich hinabzieht in Abgründe, die nur ich erschaue. Nicht deine Augen, nein, nur meine Augen erschauen die Hölle meiner Tage, die sich Kindheit nannte. Irgendwo schlägt eine Kirchenuhr. Es ist drei Uhr morgens. Die Vögel beginnen zu singen. Und ich schlafe nicht. Der Wind rauscht in den Bäumen vor den Fenstern. Und eine Stimme flüstert mir zu: „Weißt du noch, damals…“. Aussage Alois Kaufmanns über eine seiner Begegnungen mit Heinrich Gross, dem Leiter der Kinder-„Euthanasieanstalt“ Nachdem er sich die Karteikarten mit der Erzieherin besprochen hat, das hat ca. 10, 15 Minuten gedauert, hat er Zuckerln rausgenommen aus der Tasche und Zuckerln waren für uns nichts, das haben wir nicht gekannt, das war sozusagen eine „Himmelsga¬be“, wenn ich das so übertrieben sagen darf und hat 2, 3 Kindern diese Zuckerl geben. „Danke, Herr Doktor“, die haben aber nicht gewusst, warum sie diese Zuckerl kriegen. Nach ca. 3, 4 Tagen sind die Kinder, die die Zuckerl bekommen haben, bei uns weggekommen. Einfach weggekommen. Und irgendwer hat sich getraut zu fragen, was mit den Kindern ... Die Erzieherin hat ganz kalt und kühl und lächelnd gesagt „Zum Aufpäppeln “. Später haben wir gewusst, die sind in den 15er-Pavillon gekommen, auf den Mord-Pavillon, das war der Pavillon, wo ... drinnen war. Alois Kaufmann erinnert sich an Heinrich Gross Ich schämte mich und erzählte niemandem etwas von meinen grausamen Erlebnissen – wie wir zum Beispiel auf dem Spiegelgrund in Abständen von zwei bis drei Wochen, bei sogenannten Visiten unter der Leitung von Dr. Heinrich Gross, selektiert wurden. Meistens waren es zwei bis vier Knaben, die aus unserem Pavillon weggebracht wurden. Es gingen Gerüchte um, dass diese Kinder zu Versuchszwecken zu Tode gebracht wurden. Dementsprechend meine Angst. Der Spiegelgrund trat in den Schatten des Vergessens – auch bei mir, das Leben nach dem Krieg war hart und voller Entbehrungen. Dr. Heinrich Gross war ein guter Arzt, ein wahrer „Kinderfreund“. So stellte er sich nach dem Krieg den österreichischen Gerichten dar. Bei einer „Club 2“-Sendung über die Wirkung von Elektroschocks bei geistig Behinderten, erkannte ich Dr. Heinrich Gross. Entsetzt sprang ich von meinem Sessel und rief voller Wut zu meiner Frau: Da ist das Schwein! Folgen für die TäterInnen der NS-„Euthanasie“ Nach 1945 erfolgt die gerichtliche Verfolgung der Euthanasiemorde gleich wie die Ahndung anderer NS-Verbrechen. Ein Großteil der TäterInnen, die behinderte und „missliebige“, den NS-Normen nicht entsprechende Menschen in Wien töten, zur Ermordung ausliefern oder zwangssterilisieren, werden nach 1945 nicht zur Rechenschaft gezogen. […] Die meisten TäterInnen können nach 1945 weiter in ihren Berufen als PflegerInnen und ÄrztInnen bleiben und ihre Karrieren fast ununterbrochen fortsetzen, so auch der Rassenhygieniker und Rechtsmediziner Dr. Anton Rolleder, Richter am Wiener Erbgesundheitsgericht. Er ist für hunderte Zwangssterilisierungen verantwortlich. Von Mai 1945 bis Jänner 1947 befindet er sich in Untersuchungshaft in einem Pavillon „Am Steinhof“. Rolleder beschwert sich mehrmals über die Haftbedingungen und deren Folgen für seine Gesundheit. So erreicht er auch seine Enthaftung. Sein Volksgerichtsverfahren wird im August 1948 eingestellt. Am 20. Jänner 1962 verleiht ihm der österreichische Bundespräsident Dr. Adolf Schärf für seine „erbbiologischen Verdienste“ das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Da ihm auch seine Jahre als Richter am Erbgesundheitsgericht angerechnet werden, kann Anton Rolleder seine volle Pension genießen. Er stirbt 1972 im Alter von 92 Jahren. Ein weiterer bekannter Fall ist der Leiter der „Kinderfachabteilung“ „Am Spiegelgrund“, Dr. Heinrich Gross. Er kann seine Karriere nach 1945 als hochdekorierter Wissenschaftler und als einer der bestbezahlten österreichischen Gerichtsgutachter fortsetzen. Die strafrechtliche Verfolgung des Heinrich Gross Ende 1997 haben die Zuständigen in der österreichischen Justiz ihren bisherigen Rechtsstandpunkt geändert; nach Gesprächen im Justizministerium stellte die Staatsanwaltschaft Wien den Antrag, Vorerhebungen wegen Mordes (nach § 211 RStG bzw. § 75 österreichisches Strafgesetzbuch) gegen Heinrich Gross einzuleiten. Die von einer jungen engagierten Untersuchungsrichterin geführte Voruntersuchung erbrachte erdrückende Beweise, insbesondere den Nachweis von Giftspuren in den noch vorhandenen Präparaten der Opfer, so dass 1999 eine Anklage wegen Mordes in neun Fällen erhoben wurde. Wie befürchtet, wurde die im März 2000 eröffnete Hauptverhandlung wegen angeblicher Nichtverhandlungsfähigkeit des Angeklagten unterbrochen, der Tod von Gross Ende 2005 beendete dieses unrühmliche Kapitel österreichischer Justizgeschichte endgültig. Auch wenn es zu keinem Urteil kam, so zeigte sich doch auch an diesem Prozess die enorme symbolische und politische Bedeutung einer strafrechtlichen Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Berücksichtigt man den Rückhalt, über den Gross offenbar noch Mitte und Ende der neunziger Jahre unter seinen ärztlichen Kollegen, in der Politik und in Kreisen der Justiz (der er jahrzehntelang als psychiatrischer Gutachter zu Diensten gewesen war) verfügte, so muss wohl bereits die Tatsache als Erfolg verbucht werden, dass er überhaupt angeklagt wurde. Für das Selbstbewusstsein der überlebenden Opfer war es jedenfalls von entscheidender Bedeutung, ihren ehemaligen Peiniger vor Gericht zu sehen.
Quellenzitat
Alois Kaufmann, Totenwagen. Kindheit am Spiegelgrund. Bearbeitet von Mechthild Podzeit-Lütjen. Mit einer historischen Nachbetrachtung von Peter Malina. Wien 2007, 7. Interview von Martin Krist mit Alois Kaufmann aus dem Jahr 2015 Alois Kaufmann, Totenwagen. Kindheit am Spiegelgrund. Bearbeitet von Mechthild Podzeit-Lütjen. Mit einer historischen Nachbetrachtung von Peter Malina. Wien 2007, 97. Alois Kaufmann, Totenwagen. Kindheit am Spiegelgrund. Bearbeitet von Mechthild Podzeit-Lütjen. Mit einer historischen Nachbetrachtung von Peter Malina. Wien 2007, 95. Martin Krist/Albert Lichtblau, Nationalsozialismus in Wien. Opfer-Täter-Gegner, Innsbruck/Wien/Bozen 2017, 206f. Wolfgang Neugebauer/Herwig Czech/Peter Schwarz: Die Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen und der Beitrag des DÖW, in: Bewahren – Erforschen – Vermitteln. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 2008, 119f.