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Zu: Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz

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Text von Corinna Tomberger über "Das künstlerische Konzept von Olaf Nicolai im Kontext von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik" Seit dem 24. Oktober 2014 steht am Wiener Ballhausplatz gegenüber von Bundeskanzleramt und Präsidentschaftskanzlei das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz nach einem Entwurf des deutschen Künstlers Olaf Nicolai. Das Denkmal der Stadt Wien befindet sich auf einem Areal von etwa 14 mal 36 Metern, das an zwei Seiten die Umzäunung des Volksgartens begrenzt. Zur Straße hin grenzt die Längsseite des Areals an den Ballhausplatz, die schmale Seite an den benachbarten Heldenplatz. Ein heller Bodenbelag lässt das verwaschene Graublau der Skulptur deutlich hervortreten und hebt die Fläche optisch von ihrer Umgebung ab. Während die Skulptur dichter am Heldenplatz gelegen ist, steht nahe der umzäunten Ecke zum Volksgarten eine schmale, dunkelgraue Begleittafel mit weißem Text. Die 1,65 Meter hohe Betonskulptur mit einer Fläche von etwa 9 mal 10 Metern kann, als überdimensionales, liegendes, dreistufiges „X" beschrieben werden. Serifen an den schmalen Seiten der Form geben die Skulptur als Buchstaben zu erkennen. Das künstlerische Konzept von Olaf Nicolai betrachte ich im Folgenden aus unterschiedlichen, einander ergänzenden Perspektiven. Zunächst gilt meine Aufmerksamkeit dem, was das Denkmal vor Ort im Detail zu sehen gibt, und den Bedeutungen, die sich daraus ableiten lassen. In einem zweiten Schritt nehme ich die Gedächtnistopografie in den Blick, in der das Denkmal lokalisiert ist, und arbeite dessen ästhetische und diskursive Bezüge zur umgebenden Erinnerungskultur heraus. In einem dritten Schritt diskutiere ich die Sichtweise auf die Widmungsgruppe, die das künstlerische Konzept anbietet, im geschichtspolitischen Kontext. Abschließend kontrastiere ich die Umgangsweise mit Standort und Widmungsgruppe mit Denkmälern vergleichbarer Widmung, um die Spezifika des Wiener Denkmals zu verdeutlichen. Das künstlerische Konzept Aus der Entfernung ist am Standort des Denkmals lediglich eine geometrisch geformte, von treppenartigen Absätzen umgebene Plattform auszumachen. Deren beträchtliche Ausmaße, angelehnt an Maßstäbe des traditionellen Denkmals, legen ein Sujet von erheblicher Bedeutung nahe. Allerdings konterkariert die für ein Denkmal geringe Höhe die Vorstellung symbolischer Größe. Die räumliche Dimension weckt, so gesehen, widersprüchliche Assoziationen. Mehr noch, die Plattform kann den Eindruck eines wenn auch ungewöhnlich geformten Sockels hervorrufen, dem die üblicherweise darauf platzierte Figur fehlt. Die widersprüchlichen Assoziationen, die das Erscheinungsbild des Denkmals zunächst hervorruft, können als Kommentar zum gesellschaftlichen Umgang mit der Widmungsgruppe seit 1945 aufgefasst werden. Das ,,lange Zeit bewusst ausgeblendete Thema der österreichischen Zeitgeschichte", dem das Denkmal gewidmet ist, erhält einerseits sichtbare räumliche Präsenz. Andererseits bleibt vorerst unklar, welchem Sujet hier eigentlich Raum gegeben wird: Der vermeintliche Sockel erscheint auf den ersten Blick leer. Dieses scheinbare Fehlen eines gewürdigten Subjekts ist auch als Verweis auf die lange ausgebliebene rechtliche Rehabilitierung der Widmungsgruppe lesbar. Indes verändert sich die Wahrnehmung der Skulptur beim Näherkommen. Was wie eine leere Plattform erschien, ist bei näherer Betrachtung als skulpturales Schriftzeichen identifizierbar. Mit der Letter X hat Nicolai dem Denkmal eine in sich bedeutsame formale Gestalt verliehen. In der Mathematik fungiert das Schriftzeichen kleingeschrieben als Platzhalter für eine unbekannte Größe. In diesem Sinne wird es auch in sprachlichen Formulierungen wie „x-mal" oder x-fach verwendet. Eine vergleichbare Bedeutung kommt dem Schriftzeichen als Großbuchstabe zu, um nicht näher bestimmte oder anonymisierte Individuen zu bezeichnen, etwa Mister X". Darauf rekurriert die Begleittafel des Denkmals vor Ort, indem sie auf den Einzelnen verweist, bedroht von Anonymisierung und Auslöschung, die ihn zum X' in einer Akte werden lassen". Die Gestaltung des skulpturalen Buchstabens in Serifenschrift, die an Schreibmaschinentypen erinnert, verstärkt diese Assoziationen. Nicolais Skulptur ruft durch ihre formale Gestalt demnach den Topos des Unbekannten auf. Auch diese Bedeutungsebene verweist auf den gesellschaftlichen Umgang mit der Widmungsgruppe: Eine Folge der mangelnden kollektiven Erinnerung an die Verfolgten der NS-Militärjustiz, der lange ausgebliebenen öffentlichen Aufmerksamkeit, ist unzureichendes Wissen über die Widmungsgruppe und deren Geschichten. So gesehen, fungiert das skulpturale X als Platzhalter für eine nicht hinreichend bekannte Widmungsgruppe. Die unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die erst die räumliche Annäherung an das Denkmal erfahrbar macht, können als Sinnbild einer notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sujet verstanden werden: Nur durch eine nähere Beschäftigung der Betrachtenden mit den Verfolgten kann das Denkmal seine Aufgabe erfüllen: „Die Leiden ebenso wie die Leistungen derer [zu würdigen, CT], die auf je eigene Weise dazu beitrugen, NS-Herrschaft und Krieg ein Ende zu setzen." Um das Denkmal zur Gänze zu erschließen, ist jedoch mehr als nur eine Annäherung erforderlich. Erst von den umlaufenden Absätzen aus ist die Inschrift auf der 1,65 Meter hohen Denkmalsoberfläche gut zu überblicken. Da die Inschrift bei einer durchschnittlichen erwachsenen Körpergröße von einem ebenerdigen Standort aus sichtbar ist, lädt sie dazu ein, die Skulptur hinaufzusteigen. Der Text auf der Oberfläche ist dann rasch zu erfassen, weil die Inschrift nur aus zwei unterschiedlichen Worten besteht: , „al“ und „alone“. Während Ersteres 30-mal in verzinkten Stahllettern eingeschrieben ist, kommt Letzteres nur einmal vor. Semantisch ist die Inschrift doppeldeutig. Getrennt übersetzt, kombiniert die Inschrift „alle" bzw. „alles" und „allein“, d.h. Signifikanten für eine Gesamtheit und ein einzelnes Individuum. Verbunden bedeutet „all alone“ hingegen ganz allein". Die vielfache Wiederholung von „all“ betont das Ausmaß des Zustands, „allein“. Der englischsprachige Text legt nahe, dass die Botschaft des Denkmals über das historische Bezugsereignis hinaus Gültigkeit beansprucht. In üblicher Leserichtung liest sich die Inschrift: ,,all all/all all/all all/all all/all all/all all/all all/ alone/all all/all all/all all/all all/all all/all all/all all/all all". Dieses Zitat gibt zwar den Wortlaut, aufgrund der Anordnung aber nur unzureichend die Wirkung auf die Betrachtenden wieder. Da die Inschrift symmetrisch auf der x-förmigen Grundfläche angeordnet ist, läuft sie aus vier Richtungen auf deren Zentrum zu. Die so entstehenden schrägen Textspalten enthalten untereinander in versetzter Anordnung sieben- bzw. achtmal das Wort „all". 6 Im Mittelpunkt der X-Form steht das Wort „alone"; analog zu seiner Wortbedeutung befindet es sich solitär in der mittleren Zeile. Diese Anordnung läuft den üblichen Lesegewohnheiten zuwider. Auch wenn die Inschrift theoretisch von links nach rechts lesbar wäre, wandert der betrachtende Blick jeweils von den äußeren Enden zum Mittelpunkt. Das symmetrische Satzbild lässt schnell erkennen, dass die Inschrift mit Ausnahme der Mittelzeile ausschließlich aus Wortwiederholungen besteht. Die Aufmerksamkeit wird dadurch auf die solitäre Mittelzeile gelenkt. Das Wort „alone" bildet somit aus formaler wie auch rezeptionsästhetischer Perspektive das Zentrum der Arbeit. Ein weiteres gestalterisches Element verstärkt diese Betonung der Mittelzeile. Pfeilförmige Aussparungen an den schmalen Seiten sind auf den Mittelpunkt der skulpturalen Letter „X“ gerichtet und somit auf den Buchstaben „o“ im Wort „alone". Die imaginären Pfeile heben die Scharnierfunktion hervor, die dieser Buchstabe für das Satzbild innehat. Er verbindet die linken und rechten Textspalten. Das Individualität markierende Wort „alone“ fungiert somit als zentrale Verbindung zwischen den zahlreichen Wiederholungen jenes Wortes, das eine Gesamtheit repräsentieren kann: „all". So gesehen, betont die Inschrift die grundlegende Bedeutung des Individuums für die Gesamtheit: Ohne das Individuum ist keine Gesamtheit möglich. Diese Gegenüberstellung wird durch die weitere Bedeutungsebene ganz allein" zusätzlich verstärkt. Zugleich evoziert die Inschrift eine Dialektik von Übereinstimmung und Abweichung. Während die Zeilen identisch mit den Buchstaben „al“ beginnen, weicht bei den Zeilenabschlüssen die Mittelzeile von den übrigen Zeilen ab. Formal stehen „alone" und „all", Signifikanten für Individuum und Gesamtheit, somit im Spannungsfeld von Übereinstimmung und Abweichung. Im historischen Kontext von Nationalsozialismus und NS-Militärjustiz kommt dieser Gegenüberstellung ein eminent politischer Charakter zu. In diesem Sinne will Nicolai seine Arbeit ausdrücklich verstanden wissen: „Das Zusammenspiel von Sockel und Inschrift inszeniert die Situation des Einzelnen in und gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnis- sen. [...] Die Skulptur erweist denjenigen Respekt, die eine eigene Entscheidung treffen, sich der Fremdbestimmung widersetzen und sich durch ihr eigenständiges Handeln gegen das geltende System stellen." Demnach steht „all" für das nationalsozialistische System oder auch für jene, die an seiner Aufrechterhaltung beteiligt waren, während „alone" das nonkonforme Individuum repräsentiert. Olaf Nicolai hat diese Inschrift dem Werk eines anderen Künstlers entlehnt, dem Gedicht „all / alone" (1964) von Ian Hamilton Finlay. Die Arbeit des schottischen Künstlers ist der Konkreten Poesie zuzurechnen, einem Genre, in dem Wörter nicht allein qua Semantik Bedeutung erzeugen, sondern auch durch ihre visuelle Gestaltung. Nicolai greift Finlays lyrischen Text in Wortlaut wie formaler Gestalt auf und wandelt ihn ab. Aufgrund unterschiedlicher Zeichenabstände kommt das Satzbild bei Finlay einem Schrägkreuz nahe, bei Nicolai hingegen einer X-Form. Nicolais veränderte Form geht mit vervielfachten Wortwiederholungen gegen- über dem Gedicht einher. Da diese Veränderung keine abweichende semantische Bedeutung hervorbringt, liegt es nahe, dass Nicolai damit vor allem auf eine spezifische Textgestalt abzielte. Die Unterschiede zwischen Gedicht und Inschrift weisen auf den Stellenwert der X-Form für Nicolais Entwurf hin." Anders als es der Künstler nahelegt, ergibt sich diese Form keineswegs unmittelbar aus der literarischen Vorlage. Tatsächlich interpretiert Nicolai Finlays Gedicht im Kontext der Aufgabenstellung des Denkmals neu. Zwar ist das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesamtheit in Finlays literarischer Vorlage angelegt. Die Einbettung in eine X-Form, die den Verfolgten der NS-Militärjustiz gewidmet ist, begünstigt jedoch eine politische Lesart des Textes und reichert diese mit Assoziationen von Eigensinn und Verweigerung innerhalb eines totalitären Systems an. Die X-Form wird in diesem Zusammenhang als Repräsentantin jenes nonkonformen Individuums lesbar, welches das Wort „alone" in ihrem Zentrum aufruft. So gesehen, handelt es sich bei Nicolais Entwurf nicht allein um ein ,,Zusammenspiel von Sockel und Inschrift", sondern darüber hinaus um ein abstraktes Persönlichkeitsdenkmal. Allerdings ist es nicht einer spezifischen Persönlichkeit gewidmet, sondern einem spezifischen Typus: Die X-Form repräsentiert prototypisch jenes Individuum, das sich gesellschaftlichen Machtansprüchen widersetzt oder entzieht. Neben der formalen Gestaltung setzte Nicolai auch Farbe ein, um diese Bedeutung zu verstärken. Ursprünglich hatte er für die Betonskulptur einen tiefen Blauton vorgesehen, der auf Blue Jeans als Zeichen von Dissidenz anspielen sollte, eine Bedeutung, die insbesondere für die DDR galt. Der Künstler rekurrierte damit auf eine Symbolik, die sich historisch nach dem Nationalsozialismus herausbildete und für ein sozialistisches Gesellschaftssystem in Konkurrenz zum kapitalistischen Westen Gültigkeit besaß. Allerdings erwies sich der intensive Farbton als technisch nicht realisierbar. Letztlich kam eine unauffällige Färbung zur Ausführung, die Nicolai als „verwaschenes Jeansblau" beschreibt. Die mangelnde historisch-politische Passung dieser Referenz mag Grund dafür sein, dass die Blaufärbung des Denkmals in die erläuternde Begleittafel vor Ort keinen Eingang gefunden hat. Da die Färbung optisch kaum wahrnehmbar ist, kann diese Anspielung letztlich nur mithilfe zusätzlicher Informationen über das Denkmal erschlossen werden. Zusammenfassend lässt sich Nicolais Konzept als Skulptur beschreiben, die abhängig von der Entfernung der Betrachtenden unterschiedliche Wahrnehmungsebenen ermöglicht. Aus größerer Entfernung regt ein Sockel - scheinbar ohne Figur - dazu an, die lange fehlende gesellschaftliche Anerkennung und rechtliche Rehabilitierung der Widmungsgruppe zu reflektieren. Die X-Form, die beim Näherkommen erkennbar wird, verweist auf das mangelnde Wissen über die Verfolgten. Die Inschrift auf der Denkmalsoberfläche schließlich macht die Skulptur als abstraktes Persönlichkeitsdenkmal für das nonkonforme Individuum lesbar.
Quellenzitat
Corinna Tomberger, Ein Denkmal für den unbekannten Deserteur. Das künstlerische Konzept von Olaf Nicolai im Kontext von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, in: Juliane Alton/Thomas Geldmacher/Magnus Koch/ Hannes Metzler (Hg.), „Verliehen für die Flucht vor den Fahnen". Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien, Göttingen 2016, 48-53.