DERLA |

VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Maria-Theresien-Straße 21, 6020 Innsbruck
Beschreibung: Die SchülerInnen setzen sich mithilfe eines Kurzfilms mit der Lebensgeschichte von Dorli Neale auseinander. Sie wuchs in der Zwischenkriegszeit in Innsbruck auf. Die Nationalsozialisten verfolgten Dorli aufgrund ihres jüdischen Familienhintergrunds. Das Vermittlungsangebot ermöglicht einen ersten Zugang zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust für den Volksschulbereich.
Ort: Innsbruck (PLZ 6020), Bezirk Innsbruck-Stadt
Zeitbedarf: je nach Einsatz 250 bis 350 Minuten
Alter: 10 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum und öffentlicher Raum


Verbundene Orte:




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Titel des Angebotes



Arbeitsaufträge



Didaktischer Kommentar



Vermittlungshinweise



Vermittlungsziele



Literatur





Schultyp Volksschule – Dorlis Leben. Kindheit, Flucht und Neuanfang



Didaktischer Kommentar

Historisches Lernen ist mittlerweile fixer Bestandteil im Sachunterricht der Volksschulen, um die Kinder bei der Erschließung ihrer Lebenswirklichkeit zu unterstützen. Die vorliegende Einheit orientiert sich an den folgenden Kriterien: Aktuelle Anlässe, wie kriegerische Auseinandersetzungen, die über die Medien transportiert werden, sind bedeutend für die Inhaltsauswahl, um Fragen der Kinder in einem geschützten Rahmen zu behandeln und vorhandene Ängste abzubauen. Zusätzlich unterstützen lokalgeschichtliche Ansätze den Lernprozess, da sie an die räumlichen Erfahrungen der Kinder anknüpfen und die Geschichte in ihrer Lebenswelt thematisieren. Neben der historischen Sachkompetenz zielt das Vermittlungsangebot auf die Schulung der historischen Orientierungskompetenz ab. Das Thema Nationalsozialismus und Holocaust ist im Primarbereich in Deutschland schon seit der Jahrtausendwende Gegenstand der fachdidaktischen Diskussion. In Österreich steckt eine entsprechende Auseinandersetzung noch in den Anfängen. Gestützt auf empirische Studien steht die Behandlung des Themas im Sachunterricht in unserem Nachbarland außer Frage. Kinder der dritten und vierten Klassen besitzen viele Vorstellungen zur nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie sollten im professionellen Rahmen der Schule zur Sprache kommen. Zweifellos bringt die Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Volksschule Schwierigkeiten mit sich. Die teilweise vorhandene Tabuisierung in Familien, Belastungen durch die Thematisierung von Flucht oder persönliche Fluchterfahrungen von Kindern müssen berücksichtigt werden. Adressatengerechte methodische Zugänge sind daher notwendig.



Arbeitsaufträge

Einstimmen

  1. Wir alle haben Vorstellungen zum Thema Heimat. Fordern Sie die SchülerInnen auf, in Gedanken von ihrer Heimat zu träumen. Wie sieht dieser Traum aus? Was bedeutet Heimat für sie? Die Kinder sollen ihren Traum in einem Bild festhalten.
  2. Fordern Sie die SchülerInnen auf, ihre Ergebnisse in der Klasse vorzustellen. Machen Sie die Kinder darauf aufmerksam, dass Menschen immer wieder aus unterschiedlichen Gründen aus ihrer Heimat fliehen müssen – auch heute noch. Geben Sie den Kindern genügend Raum für ihre Gefühle und Ängste. Stellen Sie den Kindern frei, insbesondere jenen mit Fluchterfahrungen, ob sie ihren Traum bzw. ihre Erlebnisse mit den anderen teilen wollen.
Lernen
  1. Informieren Sie die Kinder über die Zeit des Nationalsozialismus. Damals mussten Menschen auch aus Tirol fliehen. Die Nationalsozialisten kamen in Tirol 1938 an die Macht. Sie glaubten, dass nicht alle Menschen gleich viel wert seien. Sie verachteten jüdische Menschen, die viele Jahrzehnte zuvor nach Tirol gekommen waren und manchmal eine andere Religion ausübten. So gaben sie ihnen die Schuld an damaligen Problemen. Geben Sie den Kindern kurz Raum, ihr Wissen darzulegen und Fragen zu stellen.
  2. Schauen Sie den ersten Teil des Films über Dorli Neale im Menüpunkt ‚Videos und Audios‘ gemeinsam mit der Klasse an. Er zeigt, wie Dorli in Innsbruck aufwuchs und beschreibt ihre Kindheit und Familie. Sammeln Sie für die Bereiche Freizeit, Hobbies und Familie Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zur Gegenwart.
  3. Schauen Sie den zweiten Teil des Films über Dorli Neale im Menüpunkt ‚Videos und Audios‘ gemeinsam mit der Klasse an. Er zeigt, wie sich Dorlis Leben in Innsbruck durch den Nationalsozialismus veränderte. Geben Sie den Kindern die Möglichkeit, Verständnisfragen zu stellen.
  4. Um sich der Frage nach der Verantwortung an den NS-Verbrechen anzunähern, wird die Gesellschaft in Gruppen mit unterschiedlich großen Handlungsspielräumen aufgeteilt. Dem Bild Adolf Hitlers als Alleinverantwortlicher wird bewusst entgegengewirkt. Teilen Sie die Filmszenen zum Geschäftsboykott, die Sie im Menüpunkt ‚Bildquellen‘ finden, an Kleingruppen aus. Stellen Sie die dargestellten Gruppen in der folgenden Reihenfolge vor: ZuseherInnen, Verfolgte, HelferInnen der Verfolgten, HelferInnen der TäterInnen. Fordern Sie die SchülerInnen auf, die Gedankenblasen für die Kategorie ZuseherInnen und HelferInnen der TäterInnen zu füllen.
  5. Besprechen Sie die Ergebnisse im Plenum. Sprechen Sie über die unterschiedlichen Handlungsspielräume der Gruppen. Erklären Sie, dass sich die Menschen für eine Gruppe entscheiden konnten, wenn sie über genügend Handlungsspielraum verfügten. Erwähnen Sie, dass sich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit der Zeit ändern konnte. Fragen Sie, ob Menschen aus dieser Zeit bekannt sind.
Forschen
  1. Die Kinder sollen ihre Großeltern bzw. Eltern zur familiären Situation in der NS-Zeit befragen. Besprechen Sie vorab einen möglichen Fragenkatalog, der die Interessen der Kinder in den Vordergrund stellt.
  2. Sammeln Sie die Ergebnisse der Befragung in der Klasse und sprechen Sie mit ihren SchülerInnen darüber.
Erinnern
  1. Schauen Sie den dritten Teil des Films über Dorli Neale im Menüpunkt ‚Videos und Audios‘ gemeinsam mit der Klasse an. Er zeigt, wie sich Dorlis Leben in London und ihr Verhältnis zu Innsbruck nach 1945 gestaltete. Mit drei Gegenständen aus ihrer Kindheit erinnerte sich Dorli an ihre Zeit in Innsbruck. Stellen Sie Vermutungen an, warum Dorli genau diese Gegenstände aufbewahrt hat. Fragen Sie die Kinder, welche persönlichen Gegenstände ihnen wichtig sind. Welche drei Gegenstände aus ihrer Kindheit würden sie aufbewahren?
  2. Erinnern ist nicht nur für jeden einzelnen Menschen wichtig, sondern auch für die Gesellschaft. Daher gibt es eine öffentliche Erinnerungskultur. Notieren Sie mit den SchülerInnen Denkmäler, die sie kennen. Diskutieren Sie mit ihnen die Frage, warum es wichtig ist, an Menschengeschichten wie jene von Dorli zu erinnern.
  3. Sammeln Sie mit den SchülerInnen Möglichkeiten, auf welche Arten erinnert werden kann (Denkmäler, Gedenktafeln, Bücher, Filme, Kunstprojekte, Benennungen, …). Planen Sie mit der Klasse ein Projekt, um an Dorlis Geschichte zu erinnern und setzen sie es um. Vorschläge: Gestaltung eines Schulhomepagebeitrags, Schulveranstaltung, Verfassen eines Artikels für die Lokalzeitung, Erzählungen in der Familie oder im Freundeskreis, …
Reflektieren
  • Fordern Sie die Kinder auf, sich 10 Minuten Zeit zu nehmen, um die folgenden Satzanfänge schriftlich weiterzuführen: „Mir ist klar geworden, …“ und „Mich beschäftigen die Fragen, …“. Geben Sie den Kindern die Möglichkeit, ihre Ausführungen zum Abschluss in der Klasse vorzulesen.



Vermittlungshinweise

Das Vermittlungsangebot eignet sich für SchülerInnen ab 10 Jahren und gliedert sich in mehrere Teile, die je nach Zeitbedarf unabhängig voneinander eingesetzt werden können. Die Arbeitsaufträge sollten von der Lehrperson weitergegeben werden und sich an den Fragen der Kinder orientieren. Kinder mit Fluchterfahrungen müssen mit besonderer Sensibilität durch die Unterrichtseinheit begleitet werden. Es empfiehlt sich, vorab die Eltern über die geplanten Schritte zu informieren. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte von Dorli Neale, die aus Innsbruck vor den Nationalsozialisten flüchten musste. Die SchülerInnen erfahren mehr über den historischen Hintergrund und machen sich Gedanken über die öffentliche Erinnerungskultur. Der Fokus liegt nicht auf den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Auswirkungen von Rassismus und Diskriminierung auf das Alltagsleben Dorlis werden aufgezeigt. Einstimmen: Die SchülerInnen stimmen sich mit ihren Vorstellungen zum Thema Flucht auf die Unterrichtseinheit ein. Lernen: Die SchülerInnen schauen den ersten Teil des Films, der sich mit der Kindheit Dorlis in Innsbruck vor 1938 beschäftigt. Durch den Vergleich mit der Lebenssituation der SchülerInnen in der Gegenwart wird eine Beziehung zu Dorli hergestellt. Der zweite Teil des Films thematisiert die NS-Zeit und die Flucht Dorlis. Im Zentrum der Arbeitsaufgaben stehen Handlungsspielräume von Gruppen in der nationalsozialistischen Gesellschaft. Forschen: Die SchülerInnen befragen ihre Eltern bzw. Großeltern über die familiäre Situation in der NS-Zeit. Ihre Interessen sollen im Mittelpunkt stehen. Erinnern: Ausgehend vom dritten Teil des Films beschäftigen sich die SchülerInnen mit Fragen zur Erinnerung. Sie überlegen sich Projekte, wie die Geschichte Dorlis wachgehalten werden kann und setzen eine Idee um. Reflektieren: Zum Abschluss denken die SchülerInnen darüber nach, welche Erkenntnisse ihnen diese Unterrichtseinheit vermittelt hat, was sie beschäftigt und was sie gelernt haben.



Vermittlungsziele

  • Die SchülerInnen lernen die Lebens- und Fluchtgeschichte von Dorli Neale kennen.
  • Die SchülerInnen beschäftigen sich mit Gruppen der Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus.
  • Die SchülerInnen machen sich Gedanken über Handlungsspielräume in der NS-Zeit.
  • Die SchülerInnen überlegen, warum eine öffentliche Erinnerungskultur für die Gesellschaft wichtig ist.


  • Literatur

  • Andrea Becher, Erinnerungskultur gestalten. Zugänge zur Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus, in: Grundschulunterricht Sachunterricht (2015) 3, 13–21.
  • Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Hg.), Umgang mit Antisemitismus in der Grundschule. Alltag von Jüdinnen und Juden in Berlin, Auseinandersetzung mit antisemitischen Vorurteilen, Thematisierung des Holocaust, Berlin 2020.
  • Dietmar von Reeken, Historisches Lernen im Sachunterricht. Eine Einführung mit Tipps für den Unterricht (Dimensionen des Sachunterrichts 2), 6. erw. u. akt. Aufl., Baltmannsweiler 2020.