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VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



neben Grafenweg 1, 6361 Hopfgarten im Brixental
Beschreibung: Du setzt dich mit Hilfe eines Podcast und eines Grundlagentextes mit Sidonie Adlersburg, einem Roma-Mädchen, auseinander. Du lernst ihre Lebensgeschichte kennen, erfährst, wie an sie erinnert wird und überlegst dir, wie die Erinnerung an sie wachgehalten werden kann.
Ort: Hopfgarten im Brixental (PLZ 6361), Bezirk Kitzbühel
Zeitbedarf: je nach Einsatz 100 bis 250 Minuten
Alter: 13–18 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum


Verbundene Orte:




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Das Roma-Mädchen Sidonie Im August 1933 wurde ein Baby kurz nach seiner Geburt vor einem Krankenhaus in Oberösterreich hingelegt. „Ich heiße Sidonie Adlersburg und bin geboren auf der Straße nach Altheim. Bitte um Eltern“, war auf einem Stück Papier notiert. Die Arbeiterfamilie Breirather nahm das Kind auf. Sidi, wie ihr Spitzname lautete, fühlte sich bei ihren Pflegeeltern sehr wohl. Sie fiel im Ort durch ihre dunkle Haut auf, weil ihre leibliche Mutter aus einer Roma-Familie stammte. Roma und Sinti wanderten seit dem 10. Jahrhundert von Indien Richtung Europa. Sie bestehen aus vielen Untergruppen und siedelten sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts im Großraum Wien an, hauptsächlich im Burgenland. In Tirol gab es fast keine sesshaften Roma und Sinti. Regelmäßig hielten sich aber durchreisende Familien in Tiroler Gemeinden auf und boten ihre Dienstleistungen an. Sie handelten mit Pferden, verrichteten Schmiedearbeiten oder unterhielten die einheimische Bevölkerung, die sie als „ Zigeuner “ bezeichnete, mit Musik. Roma und Sinti lehnen den Begriff „Zigeuner“ als abwertend ab. Er wird nicht mehr verwendet. Die Verfolgungsgeschichte der Roma und Sinti begann in Europa mit ihrer Ankunft. Ihr Aussehen und ihre Lebensweise nahm die jeweiligen Mehrheitsbevölkerung als Bedrohung wahr. Häufig galten sie als Landstreicher, ihre Armut wurde auf eine angeborene Faulheit zurückgeführt. Die Gemeinden verhinderten eine Ansiedlung, weil sie befürchteten, dass sie für die Familien eine Armenfürsorge bereitstellen müssen. Schon in der Zwischenkriegszeit, noch lange vor der NS-Machtübernahme, wurden Roma und Sinti durch Fingerabdrücke und Fotografien behördlich erfasst, ohne etwas angestellt zu haben. Nicht ihr Verhalten entschied über die bürokratische Verfolgung, sondern ihre bloße Zugehörigkeit zur Gruppe der Roma und Sinti. NS-Verfolgung der Roma und Sinti Die Nationalsozialisten radikalisierten die Verfolgungsmaßnahmen und stuften Roma und Sinti als „ asoziale “ Elemente ein. Sie galten pauschal als arbeitsscheu und kriminell. Ihr Charakter sei angeboren, eine Umerziehung war im NS-Weltbild daher ausgeschlossen. Sehr schnell kam es zu Zwangssterilisierungen . Im Oktober 1939 ordnete das NS-Regime die Ausweisung der Roma und Sinti nach Polen an. Umherziehende Familien mussten in ihrem aktuellen Aufenthaltsort bleiben. In Tirol entstanden so Lager in Kirchberg, Kirchbichl, Hopfgarten, Hochfilzen, Hall und Landeck. Die Lebensbedingungen dort verschlechterten sich zusehends. Anfang April 1943 erfolgte der Abtransport nach Auschwitz , insgesamt kamen 82 Roma und Sinti aus Tirol dorthin, unter ihnen auch Sidonie Adlersburg. Doch wie kam Sidonie von Oberösterreich nach Tirol? Die leibliche Mutter Sidonies saß ab Oktober 1939 in Hopfgarten fest. Die NS-Behörden machten sie ausfindig und leiteten die Überstellung Sidonies zu ihrer leiblichen Mutter in die Wege. Die Pflegefamilie Breirather wollte Sidonie unbedingt behalten. Der Bürgermeister, der Schulleiter und das Jugendamt gaben Stellungnahmen ab. Vielleicht hätten sie eine Abschiebung verhindern können, doch sie ergriffen keine Partei für Sidonie oder argumentierten im Sinn der NS-Behörden. Die neunjährige Sidonie wurde einen Tag nach ihrer Ankunft in Hopfgarten verhaftet, ins Polizeigefängnis nach Innsbruck gebracht und daraufhin ins KZ Auschwitz deportiert. Den Verlust ihrer Pflegefamilie verkraftete sie nicht, sie aß und schlief kaum, immer wieder rief sie nach ihrer Mutter, ansonsten sprach sie kein Wort. Schon vier Monate nach ihrer Einlieferung starb sie. Ihre leibliche Mutter wurde mit ihrem vierjährigen Sohn, Sidonies jüngerem Bruder, vergast. Nach 1945 mussten Roma und Sinti nicht mehr um ihr Leben bangen, die Verfolgungspraxis blieb aber dieselbe. Im Vergleich zu anderen Überlebenden von Konzentrationslagern blieben sie schlechter gestellt, wenn es um Entschädigungen ging. Der NS-Massenmord an ihnen blieb lange im Verborgenen. Der Schriftsteller Erich Hackl arbeitete die Geschichte Sidonies 1989 in einem bekannten Buch auf: „Abschied von Sidonie“. Karin Brandauer verfilmte sie. In Oberösterreich erinnert heute eine Gedenktafel und ein Mahnmal an Sidonie Adlersburg. Auch ein Kindergarten ist nach ihr benannt. Erst Ende 1993 erkannte Österreich die „ Volksgruppe der Roma“ offiziell an. In Tirol fehlt ein offizielles Gedenkzeichen bis heute.



Literatur

  • Erich Hackl, Abschied von Sidonie. Erzählung, Zürich 1989.
  • Horst Schreiber, Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol. Opfer. Täter. Gegner (Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 8), Innsbruck/Wien/Bozen 2008.
  • Horst Schreiber, Gedächtnislandschaft Tirol. Zeichen der Erinnerung an Widerstand, Verfolgung und Befreiung 1938–1945 (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge 68/Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 24), Innsbruck/Wien/Bozen 2019.
  • Oliver Seifert, Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg. Die „Zigeunerpolitik“ von 1938 bis 1945 (Tiroler Studien zu Geschichte und Politik Band 6), Innsbruck/Wien/Bozen 2005.