Zur Geschichte der Sammlung

Seit der Gründung der Jesuitenuniversität Graz im Jahr 1585 bildeten die Fächer der Physik und Mathematik den naturwissenschaftlichen Bereich der Philosophischen Fakultät. Im Sinne einer universellen Naturlehre beschäftigte man sich mit Mechanik, Optik, Astronomie, Arithmetik und Geometrie. Das hohe Ausbildungsniveau konnte dabei durch einen europaweiten Austausch von Universitätslehrern, unter denen der bei Christophorus Clavius in Rom ausgebildete Paul Habakuk Guldin hervorzuheben ist, gewährleistet werden.

Die in den 1740er Jahren durch Karl Scherffer initiierte Auseinandersetzung mit den Werken Isaak Newtons führte schließlich zu einer maßgeblichen Erneuerung der Physik an der Universität Graz. Ausdruck der zunehmenden naturwissenschaftlichen Bemühungen jener Zeit war zudem die Errichtung des sogenannten „Mathematischen Turmes”, dessen umfassendes Inventar sowohl astronomische und meteorologische Instrumente als auch Experimentier- und Demonstrationsgeräte beinhaltete. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahr 1773 wurden Physik und Mathematik schließlich zu Obligatfächern mit erweiterten Lehrangeboten aufgewertet. Die Lehrbücher des Ex-Jesuiten und ersten Grazer Fachphysikers Leopold Biwald, der unter anderem auch für die Planung eines „Museum rerum naturalium Styriae” verantwortlich zeichnete, wurden österreichweit vorgeschrieben und fanden schließlich Verbreitung in ganz Europa.

Nach der Degradierung der Universität zu einem Lyzeum in den Jahren 1782 bis 1827, die sich als eine zensurbedingte Phase der naturwissenschaftlichen Stagnation erweisen sollte, erfuhren die gekoppelten Fächer der Physik und Mathematik unter Ferdinand Hessler und Julius Wilhelm Gintl wieder eine maßgebliche Verbesserung. Gintl gilt heute als der erste Experimentalphysiker an der Universität Graz. Im Jahr 1850 wurde die Professur für Allgemeine und Experimentelle Physik durch Karl Hummel neu besetzt, bevor schließlich mit der Einrichtung der Medizinischen Fakultät im Jahr 1863 ein jahrzehntewährender naturwissenschaftlicher Innovationsschub in Gang gesetzt wurde, der die Physik an der Universität Graz samt neu erbautem Institutsgebäude zu Weltruf führen sollte. Die Professuren und Extraordinate sowohl für Allgemeine und Experimentelle als auch für Mathematische beziehungsweise Theoretische Physik wurden in den Jahren zwischen 1864 und 1938 unter anderem durch Ernst Mach, August Toepler, Ludwig Boltzmann, Leopold Pfaundler, Hans Benndorf sowie den beiden Nobelpreisträgern Victor Hess und Ernst Schrödinger besetzt. Die Forschungsschwerpunkte des Instituts lagen dabei auf den Gebieten der Elektrizitätsleitung, des Magnetismus, der Erforschung elektromagnetischer Wellen sowie der Luftelektrizität, Radioaktivität, technischer Optik und Hochfrequenztechnik. Noch im Jahr 1938 wurden in Folge der nationalsozialistischen Machtübernahme beide Nobelpreisträger entlassen sowie sämtliche Leitungspositionen der nunmehrigen physikalischen Institute neu besetzt.

Eine erste Inventarisierung des Objektbestandes des physikalischen Instrumentariums der Universität Graz wurde bereits in den Jahren 1851 bis 1867 von Karl Hummel durchgeführt und in den Folgejahren sowohl von August Toepler als auch Ludwig Boltzmann und Leopold Pfaundler mehrfach überarbeitet und fortgeführt. Unter Bezugnahme auf den erhalten gebliebenen Objektbestand am Institut für Physik wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Sonderausstellungen begangen, so etwa in den Jahren 1985, 1992, 1994 und 2006, bis schließlich im Jahr 2011 im Rahmen einer von Dr. Klemens Rumpf und Dr. Petra Granitzer kuratierten Ausstellung der neu gegründeten Universitätsmuseen eine Auswahl von 62 Objekten der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht wurde. Schwerpunktmäßig ist diese Historisch-physikalische Sammlung dabei auf die Geschichte der Physik des 19. und 20. Jahrhunderts ausgerichtet. Im Zuge ihrer digitalen Kuratierung als einem Teilbereich des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung geförderten Projektes „Digitale Transformation der Österreichischen Geisteswissenschaften” (DiTAH) wurden von den Universitätsmuseen in Kooperation mit dem Zentrum für Informationsmodellierung (ZIM) sowohl Texte der aktuellen Dauerausstellung eingearbeitet als auch neue Objektbeschreibungen, historische und biographische Kontextualisierungen sowie Fotografien erstellt und entsprechend aufbereitet. (S.K.)

Literatur

  • Karl Acham, Naturwissenschaft, Medizin und Technik aus Graz. Entdeckungen und Erfindungen aus fünf Jahrhunderten: vom „Mysterium cosmographicum“ bis zur direkten Hirn-Computer-Kommunikation, Wien 2007.
  • Heimo Halbrainer; Susanne Korbel; Gerald Lamprecht, Der "schwierige" Umgang mit dem Nationalsozialismus an österreichischen Universitäten. Die Karl-Franzens-Universität Graz im Vergleich, Graz 2022.
  • Walter Höflechner, Katalog zur Ausstellung Ludwig Boltzmann anläßlich des 100. Todestages. Physik an der Universität Graz, Graz 2006.
  • Alois Kernbauer, "Der Nationalsozialismus im Mikrokosmos. Die Universität Graz 1938. Analyse – Dokumentation – Gedenkbuch", Graz 2019.
  • Alois Kernbauer, Science Trail Graz. Auf den Spuren wissenschaftlicher Leistungen von Weltrang, Persönlichkeiten und deren Wirkungsstätten, Wien/Graz 2020.
  • Klemens Rumpf, Von Naturbeobachtungen zur Nanophysik. Experimente, Wissenschaftler, Motivation und Instrumente physikalischer Forschung und Lehre aus vier Jahrhunderten an der Universität Graz, Graz 2003.