Wissen, Kommunikation (1750-1850)
Die neue von den gesellschaftlichen Eliten propagierte Vorstellung, dass es Aufgabe des Menschen sei, so der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), „den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit mit Hilfe der Vernunft“ zu suchen, verlieh der Bildung, im 18. Jahrhundert verstanden als Ausbildung zu gesellschaftlich Nützlichen, einen bis dahin ungekannten Stellenwert.
Die Reform des Bildungssystems, die von den Elementarschulen (z.B. Einführung der allgemeinen Schulpflicht unter Maria Theresia; Verstaatlichung der Lehrerausbildung nach Auflösung des Jesuitenordens 1773) bis zu den Universitäten reichte, sollte dazu beitragen, den Anspruch, das menschliche Handeln am Vernünftigen auszurichten, Wirklichkeit werden zu lassen. Während in Frankreich mit der Einführung der écoles normales superieures die Universität als Bildungsinstitution an Bedeutung verlor, datiert im deutschsprachigen Raum die Entstehung der Universität modernen Zuschnitts, die durch den unauflöslichen Zusammenhang von Forschung und Lehre gekennzeichnet ist, in diese Zeit. Sie ist noch in den bildungspolitischen Diskussionen unserer Gegenwart unauflöslich mit dem Namen des preußischen Bildungsministers Wilhelm von Humboldt (1767-1835) verknüpft.
Eng verbunden mit dem bildungspolitischen Elan der Zeit steht die gesteigerte Fähigkeit und Möglichkeit zur Nutzung einer immer differenzierteren und expandierenden Medienlandschaft. Unaufhaltsam war der Bedeutungszuwachs der Printmedien für gesellschaftliche Kommunikationsprozesse. In der Revolution von 1848/49 näherten sich die Zeitungen erstmals in der Neueren Geschichte dem Charakter einer vierten Gewalt an, d. h. sie wurden im politischen Prozess zu einer gleichgewichtig neben den drei staatlichen Gewalten (Legislative, Exekutive, Judikative) stehenden Größe. Die von dem Philosophen Jürgen Habermas (geb. 1929) in den 1960er Jahren entwickelte Vorstellung von einem grundsätzlichen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ wird in der geschichtswissenschaftlichen Forschung inzwischen aber zunehmend kritischer hinterfragt (Wissen, Kommunikation, Medien).
In unauflöslicher Wechselwirkung mit der Veränderung gesellschaftlicher Wissensbestände stehen die Transformationsprozesse des Verhältnisses von Staat und Kirche. Besonders in den katholischen Ländern Europas, in denen die Kirche einen erheblich größeren Autonomiespielraum hatte als in den protestantischen, ist die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts durch staatskirchliche Tendenzen gekennzeichnet, d. i. durch das Bemühen die Kirche der weltlichen Gewalt zum Nutzen des Gemeinwesens einzuordnen. Kaiser Joseph II. (1765-1790) legte dabei einen besonders intensiven, allerdings letztlich vergeblichen Reformeifer an den Tag (Josefinismus). Dennoch ist die geringe Widerständigkeit gegen die umfassende Enteignung kirchlichen Eigentums wie sie zuerst im revolutionären Frankreich, dann auch in den von der französischen Expansion betroffenen Ländern statthatte (Säkularisation), ebenso nur vor diesem Hintergrund zu verstehen wie auch die nach dem Ende des napoleonischen Zeitalters (1814/15) stattfindende Umgestaltung des Verhältnisses von Staat und Kirche. Eine konsequente Trennung von Staat und Kirche, sei es von der katholischen oder der protestantischen, wurde in dieser Zeit allerdings nur in Frankreich vollzogen. In den anderen europäischen Ländern blieb diese Frage bis in die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auf der politischen Agendenliste (Religion und Konfession – institutionell normative Dimension).
Dass all diese Entwicklungen den Stellenwert, den die Religion für die Gesellschaft insgemein und jeden Einzelnen im besonderen besaß, veränderten, unterliegt keinem Zweifel. Ob aber die von den einflussreichen Religionssoziologen des beginnenden 20. Jahrhunderts – Max Weber (1864-1920) und Ernst Troeltsch (1865-1923) – gegebene Deutung zutrifft, dass ein umfassender Säkularisierungsprozess stattgefunden habe, wird inzwischen von der Forschung kontrovers diskutiert (Glauben – gesellschaftlich/individuelle Dimension).
GHM, MR
