
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:t="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Textkritik</title>
        <author>Ursula Gärtner</author>
        <respStmt>
          <persName xml:id="resp.gaertner">Ursula Gärtner</persName>
          <resp from="2017-10" to="2019-10">Herausgeberin</resp>
        </respStmt>
        <respStmt>
          <persName xml:id="resp.lang">Sarah Lang</persName>
          <resp from="2017-10" to="2019-10">Encoding</resp>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Grazer Repositorium antiker Fabeln (GRaF)</publisher>
        <pubPlace>
          <orgName>Zentrum für Informationsmodellierung, Karl-Franzens-Universität Graz</orgName>
          <settlement>Graz</settlement>
          <country>Austria</country>
        </pubPlace>
        <date when="2020">2020</date>
        <availability>
          <p>Licensed with a <ref target="http://creativecommons.org">Creative Commons
              Attribution</ref>licence</p>
        </availability>
      </publicationStmt>
      <seriesStmt>
        <title ref="http://gams.uni-graz.at/graf">Grazer Repositorium antiker Fabeln (GRaF)</title>
        <respStmt>
          <resp from="2017" to="2019">Projektleitung</resp>
          <persName>Ursula Gärtner</persName>
        </respStmt>
      </seriesStmt>
      <sourceDesc>
        <ab>Born Digital-Online-Publikation, zur wissenschaftlichen Anreicherung des
          Fabel-Webportals.</ab>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <projectDesc>
        <p>Das Sparkling-Science-Projekt &apos;Grazer Repositorium antiker Fabeln&apos; setzt sich
          zum Ziel, in direkter Einbindung von Partnerschulen, ein wissenschaftlich fundiertes und
          fachdidaktisch aufbereitetes Textportal zu antiken Fabeln zur Verfügung zu stellen.</p>
      </projectDesc>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <name type="place">Graz, Austria</name>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="de">German</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">1. Einleitung</head>

          <p>Liest man heute die Texte antiker Autoren z.B. in einer Schulausgabe, muss man sich
            bewusst sein, dass der genaue Wortlaut nicht unbedingt dem entspricht, den der antike
            Autor einst verfasste. Grund dafür ist die Jahrhunderte lange Überlieferung der Texte.
            Das Originalmanuskript ist i.d.R. verloren. Die Texte wurden in Antike und Mittelalter
            immer wieder per Hand abgeschrieben; hierdurch gerieten Fehler in den Text – von
            kleineren Abschreibfehlern bis hin zu inhaltlichen Veränderungen –, die die Aussage des
            Textes z.T. verändern können. Schon ein Buchstabe kann den Sinn verschieben, wenn etwa
            in einem philosophischen Text bei der Frage, was den Menschen lenkt, <hi rend="italic">voluptas</hi> statt <hi rend="italic">voluntas</hi> gelesen wird: Es ist ein großer
            Unterschied, ob es die Lust oder der Wille ist. Ist eine Stelle in einem Text in
            verschiedenen Handschriften unterschiedlich überliefert, spricht man von Lesarten bzw.
            Varianten.</p>

          <p>Wissenschaftliche Ausgaben geben daher zu allen Stellen die unterschiedlich
            überlieferten Lesarten bzw. Varianten an, damit man selbst entscheiden kann, wie der
            Originaltext wohl gelautet haben könnte. Die Beschäftigung mit der Erstellung eines
            möglichen Originalwortlauts nennt man Textkritik.<note n="1"> Vgl. <ref target="#Mass1960">Mass 1960</ref>; <ref target="#Weißenberger1998">Weißenberger
                1998</ref>.</note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">2. Überlieferung</head>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">2.1. Allgemein</head>

            <p>Beschreibstoff war in der Antike i.d.R. Papyrus. Dieser wurde aus den Stängeln der
              Papyruspflanze gewonnen. Aus ihm wurden Buchrollen gefertigt (ca. 25–30 cm breit, bis
              zu 8 m lang). In diesen Rollen schrieb man in einzelnen Spalten (Kolumnen) parallel
              zum Längsrand. Meist wurden die Texte ohne Worttrennung geschrieben (<hi rend="italic">scriptura continua</hi>). Solche Papyri sind heute fast nur in Fragmenten erhalten.
              Bücher waren sehr teuer. Leisten konnten sie sich nur reiche Angehörige der
              Oberschicht für ihre Privatbibliotheken. Gesammelt wurden sie in Rom ab dem 1. Jh.
              v.Chr. auch in öffentlichen Bibliotheken. Spätestens seit dem 1. Jh. v.Chr. gab es in
              Rom ein gut entwickeltes Verlags- und Buchwesen. Verleger ließen die Bücher von
              professionellen Abschreibern kopieren. Buchhändler sorgten für den Verkauf. Der Preis
              hing von Material und Ausstattung, aber auch von der Sorgfalt der Abschrift ab.</p>

            <p>Etwa ab dem 4. Jh. n.Chr. setzte sich Pergament als Beschreibstoff durch, aus dem man
              Bücher in der Form, wie wir sie heute kennen, erstellte (<hi rend="italic">codex</hi>). Vorteil war, dass man die Blätter beidseitig beschriften und im Buch
              hin- und herblättern konnte. Diese Umstellung brachte es mit sich, dass man eine
              Auswahl der antiken Texte traf, welche auf den neuen Stoff umgeschrieben werden
              sollten. Werke, die damals nicht kopiert wurden, sind daher heute, abgesehen von
              möglichen Papyrus-Fragmenten, zumeist verloren. Zentrum für das Abschreiben von
              antiken Texten wurden im Mittelalter die Klöster mit ihren Bibliotheken.</p>
            <p>Mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. und dem neuen wissenschaftlichen
              Interesse an den antiken Texten seit dem Humanismus entstanden auch die ersten
              Ausgaben und Kommentare, die sich mit textkritischen Fragen beschäftigten.</p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">2.2. <ref target="#Einleitung:Phaedrus">Phaedrus</ref>
            </head>

            <p>Die Phaedrusfabeln sind ausgesprochen schlecht überliefert. Auf folgende Quellen kann
              man zurückgreifen:<note n="2"> Vgl. <ref target="#Gärtner2017">Gärtner
                2017</ref>.</note>
            </p>
            <p>Codex Pithoeanus (=P): Der Codex stammt aus dem 9. Jh., war lange in Privatbesitz und
              ist nun wieder in der Pierpont Morgan Library zugänglich.</p>
            <p>Codex Remensis (=R): Der Codex stammt ebenfalls aus dem 9. Jh. und ist mit P
              verwandt. Leider verbrannte er 1774, doch war er zuvor von Herausgebern eingesehen
              worden, die Lesarten bezeugten.</p>
            <p>
              <list>
                <item>
                  <hi rend="italic">Ri</hi>: Zeugnis des Nicolaus Rigaltius (1577-1654)</item>
                <item>
                  <hi rend="italic">Ro</hi>: Zeugnis des Dionysius Roche (1665) zu 4,14; 4,17; 4,20;
                  5,3</item>
                <item>
                  <hi rend="italic">Gu</hi>: Zeugnis des Marquardus Gudius (um 1665)</item>
                <item>
                  <hi rend="italic">Vi</hi>: Zeugnis des Iacob Claudius Vincentius (18. Jh.)</item>
              </list>
            </p>
            <p>Scheda Danielis (=D): Die Handschrift stammt auch aus dem 9. Jh., ist aber wohl von P
              und R unabhängig und beinhaltet nur die Fabeln 1,11–13 und 17–21.</p>
            <p>Appendix Perrotina: Der Humanist Niccolò Perotti erstellte in der zweiten Hälfte des
              15. Jh.s eine Sammlung, die 158 Fabeln umfasste; hierin lassen sich 64 Phaedrusfabeln
              finden, von denen 32 aus den Büchern 2–5 bekannt, 32 jedoch unbekannt waren. Da sie
              sich den Büchern nicht mehr zuordnen lassen, werden sie in den modernen Ausgaben als
              Appendix angehängt. </p>
            <p>Originalhandschrift (=N): Die Handschrift ist heute kaum mehr zu entziffern.</p> 
           <p>Codex Vaticanus (=V): Die Handschrift aus dem 15. Jh. enthält nur die Seiten 100–147
              der Perotti-Sammlung.</p>
            <p>J. Ph. D’Orville (=Dorv.): J. Ph. D’Orville erstellte im Jahr 1727 eine Abschrift von
              N.</p>

            <p>Der jüngste Fund einer Humanistenhandschrift (=Vat. lat. 5190) mit 23 Phaedrusfabeln
              brachte leider keine neuen Fabeln an Licht, bietet aber abweichende Lesarten.<note n="3"> Vgl. <ref target="#Mordeglia2014">Mordeglia 2014</ref>; <ref target="#Zago2015.">Zago 2015.</ref>
              </note>
            </p>
            <p>Die Erstausgabe der Phaedrusfabeln erfolgte durch Petri Pithou im Jahr 1596.</p>
            <p>Umstritten ist bisweilen das Verhältnis der Handschriften untereinander und besonders
              die Frage, welche Bedeutung den Prosafassungen wie Romulus &gt;und dem sogenannten Ademar
              zukommt, einer Fabelsammlung, die nach dem Presbyter Ademar von Chabannais, der die
              Sammlung um 1025 schrieb (=Cod. Vossianus lat. 8° 15 Leiden), benannt ist und in der
              sich 30 Fabeln als Prosaauflösungen der Phaedrustexte zu erkennen geben.</p>
          </div>
        </div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">3. Vorgehensweise</head>

          <p>Idealfall der Textkritik ist es, aus den unterschiedlichen Überlieferungen den
            ursprünglichen Wortlaut des Textes wieder herzustellen (<hi rend="italic">constitutio
              textus</hi>). Folgende Schritte sind hierbei nötig:</p>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">3.1. Sammlung der vorhandenen Textzeugen (<hi rend="italic">recensio</hi>)</head>

            <p> Hierzu müssen sämtliche Handschriften gesichtet werden (Hauptüberlieferung); aber
              auch Zitate bei anderen antiken Autoren u.Ä. können wichtig sein (Nebenüberlieferung).
              Häufig lässt sich durch Fehler (<hi rend="italic">errores significativi</hi>), die
              verschiedene Handschriften gemeinsam haben (<hi rend="italic">errores
              coniunctivi</hi>) oder nicht (<hi rend="italic">errores separativi</hi>), ein
              Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Handschriften erstellen, das man wie eine Art
              Stammbaum (<hi rend="italic">stemma</hi>) abbilden kann. Haben z.B. zwei Handschriften
              den gleichen Fehler, so hat die jüngere diesen von der älteren abgeschrieben oder
              beide gehen auf die gleiche Quelle zurück, die diesen Fehler schon hatte. Hierdurch
              fällt es leichter, den Wert einer Handschrift zu bestimmen; ferner kann man
              feststellen, ob zwei Handschriften ‚verwandt‘ oder voneinander unabhängig sind. Ältere
              Handschriften müssen dabei nicht immer einen besseren Text haben, da jüngere
              Handschriften u.U. von einer anderen, besseren und älteren Handschrift abgeschrieben sind
                (<hi rend="italic">recentiores non deteriores</hi>). Die Aufgabe der Sichtung
              übernehmen die Herausgeber textkritischer Editionen, die in einem Vorwort die
              Überlieferung des jeweiligen Textes beschreiben sowie eine Übersicht über die
              Handschriften und ihr Verhältnis zueinander geben. Zu dem Text selbst wird jeweils am
              unteren Seitenrand in einem ‚textkritischen Apparat‘ zu jeder Stelle, zu der es
              unterschiedliche Lesarten gibt, diese mitsamt den Handschriften, in denen diese zu lesen sind,
              angegeben. Hierbei unterscheidet man Variante und Konjektur: Variante ist eine in
              einer Handschrift bezeugte Lesart, Konjektur ist ein Verbesserungsvorschlag eines
              modernen Herausgebers, der meint, keine der überlieferten Lesarten könne die originale
              Fassung sein, und daher einen eigenen Vorschlag macht. Der Benutzer kann nun selbst
              entscheiden, welche Variante oder Konjektur er für den originalen Text hält. Dazu muss
              er die beiden nächsten Schritte vollziehen.</p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">3.2. Untersuchung der Lesarten (<hi rend="italic">examinatio</hi>)</head>
            <p>Zu jeder einzelnen Stelle sollte man auf Grund der Angaben im textkritischen Apparat
              die folgenden drei Schritte durchführen:</p>
            <div>
              <head rend="subsub">3.2.1. Feststellung, welche Handschrift was bezeugt, wie viele
                Handschriften eine Lesart bezeugen und wie alt die Handschrift jeweils ist.</head>
              <p>Diese Feststellung der äußeren Kriterien ist noch nicht aussagekräftig, da auch eine
              einzige Handschrift gegen alle anderen die richtige Lesart bieten kann und die jüngere
              Handschrift nicht schlechter sein muss als eine ältere (s.o.).</p>
            </div>
            <div>
              <head rend="subsub">3.2.2. Beurteilung des Wertes der Lesart</head>
              <p>Jede Lesart muss danach beurteilt werden, ob sie sprachlich (z.B. nach Grammatik,
              Lexik, Metrik) möglich ist, ob der Stil zum Autor passt und ob der Inhalt überzeugen
              kann. Während sprachliche Kriterien hier relativ eindeutige Ergebnisse liefern, ist
              bei Stil und Inhalt eine Begründung leicht subjektiv.</p>
            </div>
            <div>
              <head rend="subsub">3.2.3. Gegenprüfung/Erstellung des denkbar besten Textes (<hi rend="italic">emendatio</hi>)</head>

              <p>Den besten Beweis für die Richtigkeit einer Lesart erhält man, wenn man die Lesarten,
              die man nicht für original hält, als Fehler von der originalen Lesart ableiten kann.
              Häufig ist die schwierigere Lesart die richtige, da man beim Abschreiben Dinge eher
              vereinfacht (<hi rend="italic">lectio difficilior</hi>). Typische Fehler sind
              z.B.:</p>
              <p>
                <list>
                  <item>1. Verwechslung wegen (Laut-, Schriftbild-)Ähnlichkeit</item>
                  <item>2. Auslassungen (Buchstaben, Wörter, Zeilen)</item>
                  <item>3. Hinzufügungen (Buchstaben, Wörter, Zeilen, Randbemerkungen)</item>
                  <item>4. Umstellungen (Buchstaben, Wörter, Zeilen)</item>
                  <item>5. Falsche Auflösungen von Abkürzungen</item>
                  <item>6. Gedankliche Irrtümer</item>
                  <item>7. Bewusste ‚Verbesserungen‘</item>
                </list>
              </p>
              <p>Einigkeit lässt sich nur schwer erzielen. Deutlich wird dadurch, wie wichtig
              Überlegungen zur Textgestalt auch heute noch für das Verständnis der antiken Texte
              sind.</p>
            </div>
          </div>
        </div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">Literatur:</head>
          <bibl n="Gärtner 2017" xml:id="Gärtner2017"> Gärtner, U.: Phaedrus 1975-2014, Lustrum 57,
            2015 [=2017], 7–97; hier: 26–32</bibl>
          <bibl n="Maas 1956" xml:id="Maas1956"> Maas, P.: Textkritik, Leipzig <hi rend="superscript">4</hi>1960</bibl>
          <bibl n="Mordeglia 2014" xml:id="Mordeglia2014"> Mordeglia, C.: Aldo Manuzio il Giovane e
            un nuovo manoscritto umanistico di Fedro. Indagini preliminari, in: Lupus in fabula.
            Fedro e la favola latina tra antichità e medioevo. Studi offerti a Bertini, F., a cura
            di C. Mordeglia, Bologna 2014, 131–161</bibl>
          <bibl n="Weißenberger 1998" xml:id="Weißenberger1998"> Weißenberger, M.: Vom Autograph zur
            modernen Edition, in: Einführung in das Studium der Latinistik, hrsg. v. P. Riemer, M.
            Weißenberger, B. Zimmermann, München 1998, 53–82</bibl>
          <bibl n="Zago 2015" xml:id="Zago2015"> Zago, G.: Per la storia e la costituzione del testo
            delle Favole di Fedro. Un nuovo manoscritto, il Vat. lat. 5190, e un nuovo testimone
            indiretto, gli Hecatomythia di Lorenzo Astemio, MD 74, 2015, 53–118</bibl>      
  </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
