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        <title>Die antike Fabel – Eine Einführung</title>
        <author> Ursula Gärtner </author>
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          <persName xml:id="resp.gaertner">Ursula Gärtner</persName>
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          <persName xml:id="resp.lang">Sarah Lang</persName>
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          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/10599-5">Institut für Klassische Philologie,
            Karl-Franzens-Universität Graz</orgName>
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          <link target="https://informationsmodellierung.uni-graz.at"></link>
          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/1137284463">Zentrum für Informationsmodellierung -
            Austrian Centre for Digital Humanities, Karl-Franzens-Universität Graz</orgName>
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          <link target="https://gams.uni-graz.at"></link>
          <orgName>GAMS - Geisteswissenschaftliches Asset Management System</orgName>
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            4.0</licence>
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          <orgName>Zentrum für Informationsmodellierung, Karl-Franzens-Universität Graz</orgName>
          <settlement>Graz</settlement>
          <country>Austria</country>
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        <date when="2020">2020</date>
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        <title ref="http://gams.uni-graz.at/graf">Grazer Repositorium antiker Fabeln (GRaF)</title>
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          <resp from="2017" to="2019">Projektleitung</resp>
          <persName>Ursula Gärtner</persName>
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        <ab>Born Digital-Online-Publikation, zur wissenschaftlichen Anreicherung des
          Fabel-Webportals.</ab>
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        <p>Das Sparkling-Science-Projekt &apos;Grazer Repositorium antiker Fabeln&apos; setzt sich
          zum Ziel, in direkter Einbindung von Partnerschulen, ein wissenschaftlich fundiertes und
          fachdidaktisch aufbereitetes Textportal zu antiken Fabeln zur Verfügung zu stellen.</p>
      </projectDesc>
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        <name type="place">Graz, Austria</name>
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        <language ident="de">German</language>
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    <body>
      <div>

        <p>Fabeln sind seit Beginn der antiken Literatur zu finden. Freilich dauerte es einige
          Jahrhunderte, bis sie sich zu einer eigenen Literaturgattung entwickelten; zuvor dienten
          sie als Argumentationsmittel in einem Text, der verschiedensten Literaturgattungen
          angehören konnte. So beliebt sie auch waren, standen sie doch im Ansehen immer hinter
          anderen Literaturformen zurück. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass sie schlecht
          überliefert sind und – im Vergleich etwa mit Epos, Tragödie, Komödie oder Lyrik – noch
          immer wenig erforscht sind. Ihre Ursprünge sind wohl in Mesopotamien zu suchen; doch kann
          dem hier nicht nachgegangen werden. Es soll vielmehr ein Überblick über Bezeichnungen,
          Definitionen, soziale Verortung und die Entstehung von Sammlungen gegeben werden.<note n="1"> Der Beitrag stützt sich auf die Darstellung in <ref target="#Gärtner2015">Gärtner
              2015</ref>, 13–21. Zur Einführung vgl. <ref target="#Holzberg2012">Holzberg
            2012</ref>; ausführlich: <ref target="#Adrados1999">Adrados 1999</ref>, <ref target="#Adrados2000">Adrados 2000</ref>, <ref target="#Adrados2003">Adrados
              2003</ref>; <ref target="#vanDijk1997">van Dijk 1997</ref>. </note>
        </p>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">1. Bezeichnungen, Definitionen, Anfänge</head>
          <div>
            <head n="1" rend="sub"> 1.1. Bezeichnungen <note n="2"> S. <ref target="#vanDijk1997">van Dijk 1997</ref>, 79–97. </note>
            </head>
            <p>Im Griechischen wurden verschiedene Bezeichnungen verwendet. Die älteste ist <seg xml:lang="grc">αἶνος</seg> (sinnreiche Rede, Rat) im 7. Jh. v.Chr.; es folgte <seg xml:lang="grc">λόγος</seg> (narrative Darstellung) ab dem 6. Jh. und schließlich <seg xml:lang="grc">μῦθος</seg> (fiktionale Erzählung) ab dem 5. Jh. v.Chr.; dies setzte
              sich seit der Kaiserzeit durch. Daneben findet sich noch <seg xml:lang="grc">παράδειγμα</seg> (Beispiel). Diese Begriffe entsprechen den Funktionen, die den
              Fabeln in den antiken Definitionen zugewiesen werden (s.u.).</p>
            <p>Die lateinischen Bezeichnungen lauten <seg xml:lang="la">apologus</seg>, zumeist aber
                <seg xml:lang="la">fabula</seg> bzw. <seg xml:lang="la">fabella</seg> sowie <seg xml:lang="la">exemplum</seg>. <seg xml:lang="la">fabula</seg> konnte allerdings
              neben ‚Gerücht/Gerede‘ jegliche Art der fiktionalen Erzählung bezeichnen (vgl. <seg xml:lang="grc">μῦθος</seg>) und war somit nicht auf unseren Begriff ‚Fabel‘
              eingegrenzt. <seg xml:lang="la">fabula</seg> und <seg xml:lang="la">fabella</seg>
              werden dabei z.B. bei Phaedrus ohne Bedeutungsunterschied verwendet. </p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub"> 1.2. Definitionen <note n="3"> Zur Übersicht s. <ref target="#Perry1952">Perry 1952</ref>, 234–241; <ref target="#vanDijk1997">van Dijk
                  1997</ref>, 38–78. </note>
            </head>

            <p>Bei dem Verständnis der Fabel sind wir häufig von Definitionen geprägt, die
              vielleicht zu stark neuzeitlich bestimmt sind. Wirkungsmächtig war vor allem die
              Definition G.E. Lessings:<note n="4">
                <ref target="#Lessing1759">Lessing 1759</ref> [=1996, 385]. </note>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen
                  Fall zurückführen, diesem besonderen Fall die Wirklichkeit erteilen und eine
                  Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschaulich
                  erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>Es stellt sich vor allem die Frage, inwieweit die Betonung der Moral im engeren Sinne
              für die antike Fabel treffend ist. Uns liegen verschiedene Definitionen aus der Antike
              vor. Aristoteles, von dem die erste erhaltene Fabeldefinition stammt, behandelt im 4.
              Jh. v.Chr. die Fabel unter den Überzeugungsmitteln und zwar als Sonderform des
              fiktiven Vergleichs (Aristot. rhet. 1394a2–8 [=2,20]): </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="grc">εἰσὶ δ&apos; οἱ λόγοι δημηγορικοί, καὶ ἔχουσιν ἀγαθὸν τοῦτο, ὅτι
                  πράγματα μὲν εὑρεῖν ὅμοια γεγενημένα χαλεπόν, λόγους δὲ ῥᾷον· ποιῆσαι γὰρ δεῖ
                  ὥσπερ καὶ παραβολάς, ἄν τις δύνηται τὸ ὅμοιον ὁρᾶν, ὅπερ ῥᾷόν ἐστιν ἐκ φιλοσοφίας.
                  ῥᾴω μὲν οὖν πορίσασθαι τὰ διὰ τῶν λόγων, χρησιμώτερα δὲ πρὸς τὸ βουλεύσασθαι τὰ
                  διὰ τῶν πραγμάτων· ὅμοια γὰρ ὡς ἐπὶ τὸ πολὺ τὰ μέλλοντα τοῖς γεγονόσιν.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Die Fabeln aber sind für Volksreden geeignet und haben diesen
                  Vorteil, dass es schwierig ist, Tatbestände zu finden, die ähnlich geschehen sind,
                  leichter aber Fabeln; erdichten nämlich muss man sie wie Gleichnisse, wenn man das
                  Ähnliche sehen kann, was leichter ist auf Grund einer philosophischen Bildung.
                  Leichter zu bieten ist nun die Argumentation durch Fabeln, nützlicher aber in
                  Hinblick auf die Beratungsrede die durch Tatbestände. Denn ähnlich ist meistens
                  das, was geschehen wird, dem Geschehenen.</q>
              </cit>
            </p>

            <p>Die Fabel ist demgemäß also keine selbstständige Gattung, sondern ein
              Argumentationsmittel. Bezeichnend ist ferner, dass sie für Volkreden geeignet scheint
              – ein Aspekt, der auch in späteren Definitionen immer wieder zu finden ist. Sie dient
              also in der Regel der Überzeugung. In dieser Funktion taucht sie auch in
              verschiedensten Literaturgattungen der griechischen Literatur auf wie etwa in Hesiods
              Lehrgedichten, der lyrischen, iambischen, dramatischen und elegischen Dichtung, aber
              auch in der Prosa, z.B. bei Herodot oder Platon.<note n="5"> Vgl. z.B. Hes. erg.
                202–212 (Nachtigall und Habicht); Aischyl. frg. 139 R. (verletzter Adler); Archil.
                frg. 172–181 W. (Adler und Fuchs); frg. 185–187 (Affe und Fuchs); Semon. frg. 8–9 W.
                (Reiher und Bussard); frg. 13 W. (Adler und Mistkäfer ?); Aischyl. Ag. 717–736
                (Junger Löwe); Aristoph. Vesp. 1401–1405 (Aesop und Hund); 1446–1448 u. Pax 129–130
                (Adler und Mistkäfer); Hdt. 1,141 (Tanzende Fische); Xen. mem. 2,7,13–14 (Schaf und
                Hund); Plat. Phaidr. 259b–c (Zikaden); Aristot. pol. 1284a15–17 (Löwe und Hasen);
                zur Übersicht grundlegend: <ref target="#vanDijk1997">van Dijk 1997</ref>; vgl.
                ferner <ref target="#Adrados1999">Adrados 1999</ref>, 367–409; <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 13–24. </note>
            </p>
            <p>Die knappste Definition, die allerdings die wichtigsten Aspekte bündelt, stammt von
              Theon aus dem 1./2. Jh. n.Chr. (prog. 4 (3) [=p. 72,78 Sp.]): </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="grc">μῦθός ἐστι λόγος ψευδὴς εἰκονίζων ἀλήθειαν.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Die Fabel ist eine frei erfundene Erzählung, die die Realität
                  abbildet.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>Hierbei ist umstritten, ob man <seg xml:lang="grc">ἀλήθεια</seg> mit ‚Wahrheit‘ oder
              ‚Realität/Wirklichkeit‘ wiedergeben muss. Letzteres scheint überzeugender,<note n="6">
                So zu Recht <ref target="#vanDijk1997">van Dijk 1997</ref>, 5–6, u. <ref target="#Grethlein2012">Grethlein 2012</ref>, 321, gegen z.B. <ref target="#Perry1965">Perry 1965</ref>, XX, und <ref target="#Adrados1999">Adrados
                  1999</ref>, 23: „a truth“; <ref target="#Butts1987">Butts 1987</ref>, 257 u. 279;
                  <ref target="#Patillon2002">Patillon 2002</ref>, XLIX–LV u. 30. </note> da
              lediglich der nüchterne Anspruch besteht, die Wirklichkeit in ein Bild umzusetzen;
              Wahrheit hingegen legt auch eine Weltdeutung nahe, was der Fabel dann wiederum einen
              im engeren Sinne moralischen Charakter verleiht, der aber sonst in der Antike nicht
              festzustellen ist. Nach Theon ist die Fabel folglich eine fiktionale Erzählung, die
              metaphorischen Charakter hat. </p>
            <p>In den lateinischen Definitionen ist daneben meist das Zielpublikum genannt, so etwa
              bei Quintilian aus dem 1. Jh. n.Chr. (inst. 5,11,19):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="la">illae quoque fabellae quae, etiam si originem non ab Aesopo
                  acceperunt (nam videtur earum primus auctor Hesiodus), nomine tamen Aesopi maxime
                  celebrantur, ducere animos solent praecipue rusticorum et imperitorum, qui et
                  simplicius quae ficta sunt audiunt, et capti voluptate facile iis quibus
                  delectantur consentiunt;</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Auch jene Fabeln, die, wenn sie auch nicht ihren Ursprung bei Aesop
                  nahmen (es scheint nämlich Hesiod ihr erster Gewährsmann zu sein), dennoch unter
                  dem Namen des Aesop besonders verbreitet werden, pflegen vor allem die Herzen der
                  Bauern und Ungebildeten zu lenken, die einfacher aufnehmen, was erfunden ist, und
                  voll Vergnügen leicht denen zustimmen, durch die sie erfreut werden.</q>
              </cit>
            </p>

            <p>Wie bei Aristoteles sind Fabeln für die Masse geeignet; neu ist, dass sie besser
              wirken, weil sie <seg xml:lang="la">ficta</seg> sind und weil sie durch das Vergnügen,
              das sie bereiten, die <seg xml:lang="la">voluptas</seg>, Zustimmung bewirken.
              Erwähnenswert ist noch, dass Quintilian ausführlich auf den Einsatz von Fabeln im
              Unterricht eingeht (inst. 1,9,2), Phaedrus dabei aber nicht erwähnt.</p>
            <p>Knapper, aber vergleichbar lautet die Definition bei Augustinus aus dem 4./5. Jh.
              n.Chr. (soliloq. 2,11,19):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="la">est fabula compositum ad utilitatem delectationemve mendacium.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Die Fabel ist eine zum Nutzen und zum Vergnügen verfasste
                  Erfindung.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>Diese Definitionen erklären die besondere Wirksamkeit der Fabel als
              Überzeugungsmittel durch das Vergnügen, das sie den Zuhörern bereitet. </p>
            <p>Die längste uns erhaltene Definition aus der Antike stammt von Priscian (um 500
              n.Chr.). Sie sei zum Abschluss aufgeführt, da sie eine Sammlung aller Aspekte bringt
              und weil erst hier der Aspekt genannt wird, der heute wohl bei ‚Fabel‘ als Erstes in
              den Sinn kommt, nämlich das Auftreten von Tieren; ferner wird hier auch auf die
              formale Gestaltung und deren Funktion eingegangen (Prisc. rhet. 1 [=III 430–431
              K.]):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="la">fabula est oratio ficta verisimili dispositione imaginem exhibens
                  veritatis. ideo autem hanc primam tradere pueris solent oratores, quia animos
                  eorum adhuc molles ad meliores facile vias instituunt vitae. usi sunt tamen ea
                  vetustissimi quoque auctores, ut Hesiodus Archilochus Horatius, Hesiodus quidem
                  lusciniae, Archilochus autem vulpis, Horatius muris. nominantur autem ab
                  inventoribus fabularum aliae Cypriae, aliae Libyae, aliae Sybariticae, omnes autem
                  communiter Aesopiae, quoniam in conventibus frequenter solebat Aesopus fabulis
                  uti. et pertinet ad vitae utilitatem. et fit verisimilis, si res, quae subiectis
                  accidunt personis apte reddantur, ut puta de pulchritudine aliquis certat, pavo
                  hic supponatur: oportet alicui astutiam tribuere, vulpecula est subicienda:
                  imitatores aliquos hominum volumus ostendere, hic simiis est locus. oportet igitur
                  modo breviter modo latius eas disserere. quomodo autem hoc fiat? si nunc
                  narratione simplici proferantur, nunc etiam sermo inductis fingatur personis.
                  [...] expositio autem fabularum vult circuitionibus carere et iucundior esse. sed
                  oratio, qua utilitas fabulae retegitur, quam epimythion vocant, quod nos
                  affabulationem possumus dicere, a quibusdam prima, sed a plerisque rationabilius
                  postrema ponitur. Sciendum vero, quod oratores inter exempla solent fabulis
                  uti.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Die Fabel ist eine erfundene Aussage, die durch eine
                  wirklichkeitsähnliche Anlage ein Abbild der Wirklichkeit liefert. Daher aber
                  pflegen die Redelehrer, diese als Erste den Knaben vorzulegen, weil sie deren
                  Gemüter, die noch formbar sind, leicht zu besseren Lebenswegen lenken. Dennoch
                  haben auch die ältesten Autoren sie benutzt wie Hesiod, Archilochos und Horaz, und
                  zwar Hesiod die der Nachtigall, Archilochos aber die des Fuchses, Horaz die der
                  Maus. Sie werden aber nach den Erfindern zum Teil zyprische, zum Teil libysche,
                  zum Teil sybaritische, alle aber gemeinsam aesopische genannt, da ja Aesop bei
                  Versammlungen häufig Fabeln zu benutzen pflegte. &lt;Die Fabel&gt; bezieht sich
                  auf den Nutzen für das Leben und wird dann wirklichkeitsähnlich, wenn die Dinge,
                  die den vorgestellten Personen zustoßen, passend wiedergegeben werden: Es
                  wetteifert z.B. jemand um die Schönheit, dann muss hier ein Pfau eingesetzt
                  werden; man muss jemandem Scharfsinn zuteilen, dann muss ein Füchslein verwendet
                  werden; wir wollen die Nachahmer von Menschen zeigen, das ist der Ort für Affen.
                  Man muss also die Fabeln bald kurz, bald ausführlicher darstellen. Wie aber soll
                  dies geschehen? Wenn sie bald in einer einfachen Erzählung vorgebracht werden,
                  bald auch ein Gespräch mit erfundenen Personen fingiert wird. [...] Die Exposition
                  der Fabeln aber will von Abschweifungen frei und recht erfreulich sein. Aber die
                  Aussage, in der der Nutzen der Fabel aufgedeckt wird, die man ‚Epimythion‘ nennt,
                  was wir als ‚affabulatio‘ bezeichnen können, wir von gewissen Autoren an den
                  Anfang, aber von den meisten sinnvoller an das Ende gesetzt. Man muss aber wissen,
                  dass die Redner Fabeln unter den Beispielen benutzten.</q>
              </cit>
            </p>

            <p>In Summe ergeben die antiken Definitionen: Die Fabel ist ein Argumentationsmittel,
              sie ist fiktiv und bereitet Vergnügen; Wirkung hat sie besonders beim einfachen
              Publikum. Sie hat einen Nutzen für das Leben,<note n="7"> Vgl. z.B. Phaedr. 1 prol.
                3–4: <seg xml:lang="la">duplex libelli dos est: quod risum movet | et quod prudentis
                  vitam consilio monet</seg>. </note> aber ein dezidiert ‚moralischer‘ Akzent ist
              nicht zu finden. Dass Tiere die Hauptakteure sind, wird erst spät thematisiert.</p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">1.3. Anfänge</head>

            <p>Sehr häufig ist zu lesen, dass Vertreter der unteren sozialen Schichten die Fabel
              erfunden hätten, um verhüllt Kritik an sozialen Missständen üben zu können, da das
              einfache Volk einen offenen Protest nicht gewagt habe. So etwa vertreten von Spoerri
              in einem Aufsatz mit bezeichnendem Titel „Der Aufstand der Fabel“.<note n="8">
                <ref target="#Spoerri19423">Spoerri 1942/3</ref>; vgl. <ref target="#Crusius1913">Crusius 1913</ref>; <ref target="#Meuli1954">Meuli 1954</ref>; <ref target="#LaPenna1961">La Penna 1961</ref>; <ref target="#Guaglianone2000">Guaglianone 2000</ref>, 7–8. </note> Dies ist so nicht haltbar.<note n="9">
                Dagegen zu Recht <ref target="#Perry1959">Perry 1959</ref>, 23–25; <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 18–19. </note> Und selbst wenn die
              Fabel so entstanden sein sollte, scheint es sehr fraglich zu behaupten, dass sie über
              alle Jahrhunderte stets diese Funktion erfüllte, und daher von ‚der Aussage der Fabel‘
              schlechthin sprechen.<note n="10"> Z.B. <ref target="#LaPenna1961">La Penna
                1961</ref>; <ref target="#Demandt1991">Demandt 1991</ref>. </note> Eine genaue
              Betrachtung zeigt vielmehr, dass die Fabel in ganz unterschiedlicher Weise eingesetzt
              wurde. </p>
            <p>Wichtig ist, dass schon in der ältesten erhaltenen griechischen Fabel, die wir in dem
              von Hesiod um 700 v.Chr. verfassten Lehrgedicht lesen, das Verhältnis von Schwächerem
              und Stärkerem thematisiert wird (erg. 202–229):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="grc">
                  <l>Νῦν δ&apos; αἶνον βασιλεῦσιν ἐρέω φρονέουσι καὶ αὐτοῖς·</l>
                  <l>ὧδ&apos; ἴρηξ προσέειπεν ἀηδόνα ποικιλόδειρον</l>
                  <l>ὕψι μάλ&apos; ἐν νεφέεσσι φέρων ὀνύχεσσι μεμαρπώς·</l>
                  <l>ἣ δ&apos; ἐλεόν, γναμπτοῖσι πεπαρμένη ἀμφ&apos; ὀνύχεσσι,</l>
                  <seg>205</seg>
                  <l>μύρετο· τὴν ὅ γ&apos; ἐπικρατέως πρὸς μῦθον ἔειπεν·</l>
                  <l>„δαιμονίη, τί λέληκας; ἔχει νύ σε πολλὸν ἀρείων·</l>
                  <l>τῇ δ&apos; εἶς ᾗ σ&apos; ἂν ἐγώ περ ἄγω καὶ ἀοιδὸν ἐοῦσαν·</l>
                  <l>δεῖπνον δ&apos;, αἴ κ&apos; ἐθέλω, ποιήσομαι ἠὲ μεθήσω.</l>
                  <l>ἄφρων δ&apos;, ὅς κ&apos; ἐθέλῃ πρὸς κρείσσονας ἀντιφερίζειν·</l>
                  <seg>210</seg>
                  <l>νίκης τε στέρεται πρός τ&apos; αἴσχεσιν ἄλγεα πάσχει.“</l>
                  <l>ὣς ἔφατ&apos; ὠκυπέτης ἴρηξ, τανυσίπτερος ὄρνις.</l>
                  <l>῏Ω Πέρση, σὺ δ&apos; ἄκουε δίκης μηδ&apos; ὕβριν ὄφελλε·</l>
                  <l>ὕβρις γάρ τε κακὴ δειλῷ βροτῷ, οὐδὲ μὲν ἐσθλὸς</l>
                  <l>ῥηιδίως φερέμεν δύναται, βαρύθει δέ θ&apos; ὑπ&apos; αὐτῆς</l>
                  <seg>215</seg>
                  <l>ἐγκύρσας ἄτῃσιν· ὁδὸς δ&apos; ἑτέρηφι παρελθεῖν</l>
                  <l>κρείσσων ἐς τὰ δίκαια· δίκη δ&apos; ὑπὲρ ὕβριος ἴσχει</l>
                  <l>ἐς τέλος ἐξελθοῦσα· παθὼν δέ τε νήπιος ἔγνω.</l>
                  <l>αὐτίκα γὰρ τρέχει ῞Ορκος ἅμα σκολιῇσι δίκῃσιν·</l>
                  <l>τῆς δὲ Δίκης ῥόθος ἑλκομένης ᾗ κ&apos; ἄνδρες ἄγωσι</l>
                  <seg>220</seg>
                  <l>δωροφάγοι, σκολιῇς δὲ δίκῃς κρίνωσι θέμιστας·</l>
                  <l>ἣ δ&apos; ἕπεται κλαίουσα πόλιν καὶ ἤθεα λαῶν,</l>
                  <l>ἠέρα ἑσσαμένη, κακὸν ἀνθρώποισι φέρουσα,</l>
                  <l>οἵ τέ μιν ἐξελάσωσι καὶ οὐκ ἰθεῖαν ἔνειμαν.</l>
                  <l>οἳ δὲ δίκας ξείνοισι καὶ ἐνδήμοισι διδοῦσιν</l>
                  <seg>225</seg>
                  <l>ἰθείας καὶ μή τι παρεκβαίνουσι δικαίου,</l>
                  <l>τοῖσι τέθηλε πόλις, λαοὶ δ&apos; ἀνθεῦσιν ἐν αὐτῇ·</l>
                  <l>Εἰρήνη δ&apos; ἀνὰ γῆν κουροτρόφος, οὐδέ ποτ&apos; αὐτοῖς</l>
                  <l>ἀργαλέον πόλεμον τεκμαίρεται εὐρύοπα Ζεύς·</l>
                </q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit xml:lang="de">
                <q>Jetzt werde ich eine Fabel den Herren erzählen, so klug sie auch selbst sind: So
                  sprach der Habicht zur Nachtigall mit dem bunten Hals, hoch in den Wolken sie
                  tragend, nachdem er sie mit den Fängen gepackt hatte. Die aber jammerte,
                  durchbohrt von den gekrümmten Krallen auf beiden Seiten, kläglich; zu der sprach
                  der mit überlegener Macht: „Du Seltsame, was schreist du da? Es hält dich nun ein
                  viel Stärkerer. Du aber wirst gehen, wohin auch immer ich dich führe, auch wenn du
                  eine Sängerin bist. Zum Mahl werde ich dich machen, wenn ich will, oder dich
                  freilassen. Töricht ist der, der sich mit Stärkeren messen will. Er verliert den
                  Sieg und erleidet zur Schande noch Schmerzen.“ So sprach der schnellfliegende
                  Habicht, der flügelausbreitende Vogel.
                  
                  Perses, höre auf das Recht und mehre nicht die Gewalttat. Die Gewalttat ist
                  schlecht für den ohnmächtigen Menschen, aber auch der Edle kann sie nicht leicht
                  ertragen; belastet wird er von ihr, wenn er auf Unheil trifft. Der Weg ist besser
                  anderswo zu gehen zum Rechten. Das Recht siegt über die Gewalttat und gelangt zum
                  Ziel. Wenn er Leid erfährt, merkt es auch der Törichte. Der Eid folgt sofort
                  krummen Prozessen. Wird Dike gezerrt, entsteht Geschrei, wenn gabenverzehrende
                  Männer sie wegziehen und Urteilssprüche mit gekrümmtem Recht fällen. Die aber
                  folgt, die Stadt und die Plätze der Bewohner beweinend, in Nebel gehüllt, und
                  bringt Unheil den Menschen, die sie vertrieben und nicht gerade verteilten. Die
                  aber gerades Recht den Fremden und Einheimischen geben und nicht vom Rechten sich
                  entfernen, denen gedeiht die Stadt und die Bewohner blühen in ihr.
                  Jugendbeschirmender Friede herrscht im Land, und niemals bestimmt ihnen
                  schrecklichen Krieg der weithinschauende Zeus.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>Der Kontext, in dem Hesiod diese Fabel erzählt, ist ein Streit mit seinem Bruder
              Perses; Hesiods Ziel ist es, den Streit beizulegen und Gerechtigkeit durchzusetzen.
              Liest man die Fabel nur für sich, entsteht der Eindruck, dass hier Kritik an den
              Mächtigen geübt wird, die ihre Position in Willkür gegenüber den Schwächeren
              ausnutzen. Durch den direkten Kontext jedoch, in den die Fabel eingebunden ist, wird
              deutlich, dass hier nicht auf einen aktuellen sozialen Missstand hingewiesen oder gar
              die Stellung der Könige angezweifelt wird. Vielmehr werden diese aufgefordert, sich
              anders als der Habicht zu verhalten, d.h. ihre Macht gerade nicht zu missbrauchen. Die
              älteste uns erhaltene Fabel hat also zwar einen sozialkritischen Zusammenhang,
              entspringt aber nicht dem ‚Aufstand der Unterdrückten‘, sondern dient als
              abschreckendes Negativbeispiel für Machthaber.</p>
            <p>Bekannte Fabeln, die bei sozial-politischen Spannungen erzählt werden, gehören auch
              sonst in den Mund der Mächtigen, die zur Mäßigung raten: </p>
            <p>Bei Herodot erzählt z.B. der Perserkönig Kyros selbst die Fabel von den tanzenden
              Fischen, um den Ioniern ihre Lage zu verdeutlichen (Hdt. 1,141,1–3): </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="grc">῎Ιωνες δὲ καὶ Αἰολέες, ὡς οἱ Λυδοὶ τάχιστα κατεστράφατο ὑπὸ
                  Περσέων, ἔπεμπον ἀγγέλους ἐς Σάρδις παρὰ Κῦρον, ἐθέλοντες ἐπὶ τοῖσι αὐτοῖσι εἶναι
                  τοῖσι καὶ Κροίσῳ ἦσαν κατήκοοι. ὁ δὲ ἀκούσας αὐτῶν τὰ προΐσχοντο ἔλεξέ σφι λόγον,
                  ἄνδρα φὰς αὐλητὴν ἰδόντα ἰχθῦς ἐν τῇ θαλάσσῃ αὐλέειν, δοκέοντά σφεας ἐξελεύσεσθαι
                  ἐς γῆν· ὡς δὲ ψευσθῆναι τῆς ἐλπίδος, λαβεῖν ἀμφίβληστρον καὶ περιβαλεῖν τε πλῆθος
                  πολλὸν τῶν ἰχθύων καὶ ἐξειρύσαι, ἰδόντα δὲ παλλομένους εἰπεῖν ἄρα αὐτὸν πρὸς τοὺς
                  ἰχθῦς· „Παύεσθέ μοι ὀρχεόμενοι, ἐπεὶ οὐδ&apos; ἐμέο αὐλέοντος ἠθέλετε ἐκβαίνειν
                  ὀρχεόμενοι.“ Κῦρος μὲν τοῦτον τὸν λόγον τοῖσι ῎Ιωσι καὶ τοῖσι Αἰολεῦσι τῶνδε
                  εἵνεκα ἔλεξε, ὅτι δὴ οἱ ῎Ιωνες πρότερον αὐτοῦ Κύρου δεηθέντος δι&apos; ἀγγέλων
                  ἀπίστασθαί σφεας ἀπὸ Κροίσου οὐκ ἐπείθοντο, τότε δὲ κατεργασμένων τῶν πρηγμάτων
                  ἦσαν ἕτοιμοι πείθεσθαι Κύρῳ.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="la">Sobald die Lyder von den Persern unterworfen waren, sandten Ionier
                  und Aiolier Boten nach Sardes zu Kyros, da sie unter denselben Bedingungen
                  untertan sein wollten, unter denen sie auch dem Kroisos untertan waren. Der aber
                  hörte an, was sie vortrugen, und erzählte ihnen eine Fabel und sagte, dass ein     
             Mann, ein Flötenspieler, als er Fische im Meer sah, auf der Flöte spielte, da er
                  meinte, dass sie heraus ans Land kämen. Wie er sich in dieser Hoffnung getäuscht
                  sah, habe er ein Netz genommen und eine große Menge von Fischen umgarnt und
                  herausgezogen; er habe gesehen, wie sie zappelten, und also zu den Fischen
                  gesprochen: „Hört mir auf zu tanzen, weil ihr auch nicht, als ich die Flöte
                  spielte, herauskommen und tanzen wolltet.“ Kyros nun erzählte diese Fabel den
                  Ioniern und Aioliern deshalb, weil die Ionier zuvor, als er, Kyros, sie durch
                  Boten bat, von Kroisos abzufallen, nicht folgten, jetzt aber, nachdem dessen
                  Angelegenheiten erledigt waren, bereit waren, Kyros zu folgen.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>Festzuhalten ist, dass hier eine Fabel als Argument eingeführt wird und dass dies
              wieder aus dem Mund der Machthaber gesprochen wird, um Unterlegene zu überzeugen.</p>
            <p>Daraus entwickelte sich auch ein bestimmter Typ Fabel bzw. Erzählung mit eingelegter
              Fabel, in der eine herausgehobene Persönlichkeit einer Gruppe, z.B. dem Volk, durch
              die Fabel einen Rat gibt. Hierzu noch einige Beispiele:</p>
            <p>Aristoteles führt im Zusammenhang der Funktion der Fabel als Argumentationsmittel
              folgende Fabel samt Kontext auf (Aristot. rhet. 1393b10–1394a1 [=2,20]):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="grc">
                  <q>Στησίχορος μὲν γὰρ ἑλομένων στρατηγὸν αὐτοκράτορα τῶν Ἱμεραίων
                    Φάλαριν καὶ μελλόντων φυλακὴν διδόναι τοῦ σώματος, τἆλλα διαλεχθεὶς εἶπεν αὐτοῖς
                    λόγον ὡς ἵππος κατεῖχε λειμῶνα μόνος, ἐλθόντος δ’ ἐλάφου καὶ διαφθείροντος τὴν
                    νομὴν βουλόμενος τιμωρήσασθαι τὸν ἔλαφον ἠρώτα τινὰ ἄνθρωπον εἰ δύναιτ’ ἂν μετ’
                    αὐτοῦ τιμωρήσασθαι τὸν ἔλαφον, ὁ δ’ ἔφησεν, ἐὰν λάβῃ χαλινὸν καὶ αὐτὸς ἀναβῇ ἐπ’
                    αὐτὸν ἔχων ἀκόντια· συνομολογήσας δὲ καὶ ἀναβάντος ἀντὶ τοῦ τιμωρήσασθαι αὐτὸς
                    ἐδούλευσε τῷ ἀνθρώπῳ.</q>
                  <q>„οὕτω δὲ καὶ ὑμεῖς“ , ἔφη, „ὁρᾶτε μὴ βουλόμενοι τοὺς πολεμίους τιμωρήσασθαι τὸ
                    αὐτὸ πάθητε τῷ ἵππῳ· τὸν μὲν γὰρ χαλινὸν ἔχετε ἤδη, ἑλόμενοι στρατηγὸν
                    αὐτοκράτορα· ἑὰν δὲ φυλακὴν δῶτε καὶ ἀναβῆναι ἐάσητε, δουλεύσετε ἤδη Φαλάριδι.“
                    Αἴσωπος δὲ ἐν Σάμῳ δημηγορῶν κρινομένου δημαγωγοῦ περὶ θανάτου ἔφη ἀλώπεκα
                    […]</q>
                  <q>„ἀτὰρ καὶ ὑμᾶς, ἄνδρες Σάμιοι, οὗτος μὲν οὐδὲν ἔτι βλάψει (πλούσιος γάρ ἐστιν),
                    ἐὰν δὲ τοῦτον ἀποκτείνητε, ἕτεροι ἥξουσι πένητες, οἳ ὑμᾶς ἀναλώσουσι τὰ λοιπὰ
                    κλέπτοντες.“</q>
                </q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Als die Bewohner von Himera den Phalaris zum uneingeschränkten
                  Heerführer wählten und ihm schon eine Leibwache geben wollten, widersprach
                  Stesichoros ihnen darin und erzählte eine Fabel, dass ein Pferd eine Wiese besaß
                  für sich allein; als aber ein Hirsch kam und die Weide zerstörte, wollte es an dem
                  Hirsch Rache nehmen und fragte einen Menschen, ob er mit ihm zusammen an dem
                  Hirsch Rache nehmen könne. Der aber stimmte zu für den Fall, dass es einen Zügel
                  annehme und er selbst es mit einem Wurfspieß besteige. Als das Pferd zugestimmt
                  hatte und er aufgestiegen war, diente es selbst nun dem Menschen statt Rache zu
                  nehmen. „So seht also auch ihr zu,“ sagte er, „dass ihr nicht an euren Feinden
                  Rache nehmen wollte und dann das Gleiche erleidet wie das Pferd. Denn den Zügel
                  habt ihr schon, da ihr ihn zum unumschränkten Herrscher gewählt habt. Wenn ihr ihm          
        aber eine Leibwache gebt und ihn aufsteigen lasst, werdet ihr bereits dem Phalaris
                  als Knechte dienen.“ Aesop aber erzählte, als er in Samos vor der Versammlung
                  sprach, da ein Demagoge auf den Tod angeklagt war, dass der Fuchs […]. „Ja, auch
                  euch, ihr Männer von Samos, wird dieser keinen Schaden mehr zufügen (denn er ist
                  bereits reich), wenn ihr diesen aber tötet, werden andere Arme kommen, die euch
                  vernichten, da sie den Rest stehlen.“</q>
              </cit>
            </p>
            <p>In der Aesop-Fabel überquert ein Fuchs einen Fluss, bleibt dann stecken und wird von
              Läusen befallen. Als ein Igel anbietet, die Läuse zu entfernen, antwortet der Fuchs,
              diese Läuse seien jetzt satt; wenn sie entfernt würden, kämen neue durstige. In beiden
              Fällen werden also Menschen, die unter der Willkür Mächtigerer leiden, von einem
              Außenstehenden gewarnt. Die Fabel dient demnach nicht zur Anklage aus der Sicht der
              Unterworfenen, vielmehr lassen sich diese dadurch beruhigen. </p>

            <p>Vergleichbares lässt sich im römischen Bereich über die berühmte Fabel des Agrippa
              vom Magen und den Gliedern sagen. Erzählt wird sie von Livius im 2. Buch im
              Zusammenhang mit dem Auszug der <seg xml:lang="la">plebs</seg>. Leitthema des 2. Buchs
              ist die <seg xml:lang="la">libertas</seg>, die das römische Volk nach Vertreibung der
              Könige erreichte, aber auch die zunehmende <seg xml:lang="la">iniuria plebis</seg>,
              das Unrecht, das das Volk von Seiten der Patrizier zu erdulden hatte. Livius erzählt,
              Agrippa habe dem Volk lediglich durch folgende Fabel zur Rückkehr bewegt
              (2,32,8–12):</p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="la">is intromissus in castra prisco illo dicendi et horrido modo nihil
                  aliud quam hoc narrasse fertur: tempore quo in homine non ut nunc omnia in unum
                  consentiant, sed singulis membris suum cuique consilium, suus sermo fuerit,
                  indignatas reliquas partes sua cura, suo labore ac ministerio ventri omnia quaeri,
                  ventrem in medio quietum nihil aliud quam datis voluptatibus frui; conspirasse
                  inde ne manus ad os cibum ferrent, nec os acciperet datum, nec dentes, quae
                  acciperent, conficerent. hac ira, dum ventrem fame domare vellent, ipsa una membra
                  totumque corpus ad extremam tabem venisse. inde apparuisse ventris quoque haud
                  segne ministerium esse, nec magis ali quam alere eum, reddentem in omnes corporis
                  partes hunc quo vivimus vigemusque, divisum pariter in venas maturum confecto cibo
                  sanguinem. comparando hinc quam intestina corporis seditio similis esset irae
                  plebis in patres, flexisse mentes hominum.</q>
              </cit>
            </p>
            <p>
              <cit>
                <q xml:lang="de">Als der ins Lager eingelassen worden war, soll er auf jene alte und
                  ungehobelte Art nichts anderes als dies erzählt haben: In einer Zeit, als im
                  Menschen nicht wie jetzt alles miteinander übereinstimmte, sondern jedes
                  Körperteil seinen eigenen Willen und seine eigene Sprache hatte, hätten sich die
                  restlichen Teile darüber empört, dass durch ihre Sorge, Mühe und Leistung alles
                  für den Magen herbeigeschafft werde, dass der Magen aber in der Mitte ruhig nichts
                  andere tue als die dargebotenen Vergnügungen zu genießen; sie hätten sich deshalb
                  verschworen, dass die Hände keine Speise zum Mund brächten, der Mund das
                  Angebotene nicht annehme, die Zähne nicht zerkleinerten, was sie annähmen. Während
                  sie den Magen durch Hunger zähmen wollten, seien die einzelnen Glieder selbst und               
   der ganze Körper durch diesen Zorn an der Rand der Entkräftung gelangt. Daher sei
                  deutlich geworden, dass auch die Leistung des Bauchs nicht träge sei und dass er
                  nicht mehr ernährt werde als ernähre, da er dieses Blut, durch das wir leben und
                  stark sind, durch die Verarbeitung der Speise gereift gleichmäßig verteilt auf die
                  Adern in alle Körperteile brächte. Indem er durch den Vergleich zeigte, wie
                  ähnlich der Aufstand im Inneren des Körpers dem Zorn des Volks gegen die Väter
                  sei, habe er die Sinne der Menschen umgestimmt.</q>
              </cit>
            </p>

            <p>Die Begebenheit ist sicher nicht historisch. Der Vergleich des Staats mit einem
              Organismus war in dieser Zeit wohl nicht bekannt. Man findet ihn seit Platon,
              Aristoteles und dann verbreitet in der Stoa. Wann die Fabel Eingang in den
              historischen Kontext erhielt, ist unklar; für Livius’ Leser sollte sie ‚alt‘ (<seg xml:lang="la">prisco </seg>[...]<seg xml:lang="la"> modo</seg>) wirken.<note n="11">
                Zum Hintergrund vgl. <ref target="#Ogilvie1965">Ogilvie 1965</ref>, 312–314. </note>
              Die zunächst leicht verständliche Passage erweist sich bei näherer Betrachtung als
              recht komplex.<note n="12"> Bei genauer Betrachtung scheint die Fabel nämlich nicht
                gänzlich zur historischen Situation zu passen. Hier hätte eine Fabel wie Aisop. 130
                P. keine Schwierigkeiten gemacht: <seg xml:lang="grc">Κοιλία καὶ πόδες. Κοιλία καὶ
                  πόδες περὶ δυνάμεως ἤριζον. παρ&apos; ἕκαστα δὲ τῶν ποδῶν λεγόντων ὅτι τοσοῦτον
                  προέχουσι τῇ ισχύι ὡς καὶ αὐτὴν τὴν γαστέρα βαστάζειν, ἐκείνη ἀπεκρίνατο
                  „ἀλλ&apos;, ὦ οὗτοι, ἐὰν μὴ ἐγὼ τροφὴν προσλάβωμαι, οὐδὲ ὑμεῖς βαστάζειν δύνασθε.“
                  Οὕτω καὶ ἐπὶ τῶν στρατευμάτων μηδέν ἐστι τὸ πολὺ πλῆθος, ἐὰν μὴ οἱ στρατηγοὶ
                  ἄριστα φρονῶσιν.</seg> (Der Magen und die Füße. Der Magen und die Füße stritten
                über die Macht. Weil die Füße jedes Mal sagten, dass sie an Stärke so weit überlegen
                seien, dass sie auch den Magen trügen, antwortete jener: „Aber, ihr da, wenn ich die
                Nahrung nicht aufnehme, könnt ihr nichts tragen.“ So ist auch in Feldzügen die große
                Masse nichts wert, wenn nicht die Feldherren außerordentlich klug sind.) – Durch
                eine solche Fabel würde die privilegierte Stellung der Patrizier gerechtfertigt. In
                der Agrippa-Fabel hingegen wird der Vorwurf, der Magen sei faul, widerlegt und
                gerade kein hierarchisches Verhältnis begründet. Der historische Kontext zeigt
                jedoch, dass das Verhältnis im römischen Staat selbstverständlich hierarchisch war,
                wie ja auch in Folge Zugeständnisse an die <seg xml:lang="la">plebs </seg>gemacht
                wurden wie etwa das Volkstribunat. So wird zunächst aus plebeierfreundlicher Sicht
                Ausgewogenheit im Staat suggeriert, gleichzeitig wird aber aus patrizierfreundlicher
                Sicht der eigentliche Missstand verschleiert. Vgl. <ref target="#Müller2004">Müller
                  2004</ref>. </note> In unserem Zusammenhang ist jedoch wieder festzuhalten, dass
              bei sozialen Spannungen nicht das Unrecht leidende Volk zur Fabel greift, sondern ein
              Vertreter der Herrschenden, um das Volk zu besänftigen. </p>

            <p>Die Einengung des Ursprungs und der Aussage der Fabel auf einen sozialkritischen,
              d.h. herrschaftskritischen Kontext kann eine Rückprojektion sein, die man z.T. auch
              einer (vielleicht missverstandenen) Passage bei Phae<lb break="no"></lb>drus zu verdanken
              hat (3 prol. 33–37).<note n="13">
                <seg xml:lang="la">nunc fabularum cur sit inventum genus, | brevi docebo. servitus
                  obnoxia, | quia quae volebat non audebat dicere, | affectus proprios in fabellas
                  transtulit | calumniamque fictis elusit iocis.</seg> Vgl. z.B. <ref target="#Schnur1985">Schnur 1985</ref> , 16–17, zu 3 prol.: „Nur scheinbar
                postuliert Phaedrus [...] einen soziologischen Ursprung der Fabel. [...] Phaedrus
                ist also keineswegs der Fürsprecher der Entrechteten; ihm <hi rend="italic">persönlich</hi> hat der mißtrauische Machthaber Unrecht getan. [...] Übrigens lag
                die Opposition in der frühen Kaiserzeit keineswegs beim ‚Volk‘ - in Rom ein
                verschwommener Begriff - sondern allenfalls bei der senatorischen Aristokratie.“
              </note>
            </p>

            <p>In der lateinischen Literatur finden sich Fabeln auch von Beginn an, allerdings
              ebenfalls nur als Argumentationsmittel innerhalb anderer Gattungen.<note n="14"> Enn.
                sat. frg. 21–58 V. (Haubenlerche [=Gell. 2,29,3–16]); Lucil. frg. 1074–1081 K. (Löwe
                und Fuchs); Plaut. Aul. 229–235 (Esel und Stier); Hor. sat. 2,3,314–320 (Frosch und
                Rind); 2,6,79–117 (Stadt- und Landmaus); epist. 1,7,29–33 (Fuchs mit Blähbauch);
                1,10,34–41 (Pferd und Mensch); Pomp. Trog. (=Iust.) 43,4,4 (Gebärende Hündin); Liv.
                2,32,5–12 (Magen und Glieder); Fronto epist. p. 152 v.d.H. (Weinstock und
                Steineiche); Apul. met. 4,27 (Amor und Psyche); hinzukommen Anspielungen auf
                bestimmte Fabeln bzw. Fabelmotive: z.B. Catull. 22,21; Hor. sat. 2,1,64; 2,3,186;
                2,3,299; 2,5,55–56; carm. 1,16,13–16; epist. 1,1,73–75; 1,3,18–20; 1,20,14–16; Sen.
                dial. 8,1,3; zur Übersicht s. <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>,
                36–37. </note> Allerdings lassen die Autoren häufig eine gewisse Distanz spüren,
              da die Fabel zumeist als kindlich bzw. bäurisch betrachtet wird; Horaz oder Livius
              lassen ihre berühmten Fabeln von anderen Sprechern erzählen und distanzieren sich
              somit: Livius charakterisiert die Ausdrucksweise der Fabel beim Auftritt des Menenius
              Agrippa (2,32,8) als <seg xml:lang="la">prisco illo dicendi et horrido modo</seg>; und
              bei Horaz wird die berühmte Fabel von der Land- und der Stadtmaus als
              Altweibergeschichten des Schwätzers Cervius bezeichnet (sat. 2,6,77–79);die Fabel von
              Frosch und Rind lässt er den nervenden Damasipp sprechen (sat. 2,3,314–320); die Fabel
              vom Fuchs mit Blähbauch bezieht er selbstironisch auf sich (epist. 1,7,29–33). Auch
              Apuleius lässt eine alte Frau die Fabel von Amor und Psyche erzählen (met. 4,27).
              Aufgrund dieser Einschätzung ist das Aufkommen der Fabel in der lateinischen Literatur
              insgesamt vielleicht eher gering. Charakteristisch ist jedoch, dass die Fabeln in der
              Verssatire, die als römische Erfindung galt und die eine Nähe zu den Phaedrusfabeln
              zeigt, häufig vertreten sind.</p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">1.4. Modernes Fabelschema</head>
            <p>Für die Interpretation hat es sich als hilfreich erwiesen, das folgende moderne
              Fabelschema heranzuziehen, wobei entweder ein Promythion oder ein Epimythion
              steht:</p>
            <p>
              <list>
                <item>Promythion</item>
                <list>
                  <item>Exposition</item>
                  <list>
                    <item>Handlung</item>
                    <list>
                      <item>Actio</item>
                      <item>Reactio</item>
                    </list>
                  </list>
                  <item>Ergebnis/Schluss</item>
                </list>
                <item>Epimythion</item>             
 </list>
            </p>
          </div>
        </div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">2. Entwicklung der Fabel</head>
          <p>
            <ref target="#Einleitung:Aesop">Aesop</ref> ist ein eigener Beitrag gewidmet. In diesem
            Zusammenhang sei daher nur weniges angemerkt. </p>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">2.1. <ref target="#Einleitung:Aesop">Aesop</ref>
            </head>

            <p>Es ist der Name Aesop, den man gemeinhin mit Fabeln verbindet. Bereits bei Herodot im             
 5. Jh. v.Chr. ist zu lesen, dieser ‚Fabeldichter‘ (<seg xml:lang="grc">λογοποιός</seg>)
              habe Anfang des 6. Jh.s als Sklave auf Samos gelebt (2,134). Da historische Daten
              nicht vorlagen, entwickelte sich um diese Figur ein eigener Roman; wir können daher
              kaum bestimmen, wie viel und ob sich überhaupt etwas historisch verankern lässt. In
              der antiken Literatur wird die Fabel als libysch, ägyptisch, karisch, kyprisch,
              lydisch, phrygisch, kilikisch oder sybaritisch bezeichnet; Holzberg hat daher nicht
              ohne Grund vermutet, „daß die Äsop-Legende in einer uns nicht mehr faßbaren Weise die
              ‚Invasion‘ der orientalischen Fabel in Griechenland widerspiegelt und wir
              dementsprechend in Äsop nicht eine historische Gestalt zu sehen hätten, sondern eine
              Art von mythischer Personifikation: den Typ des hellenisierten orientalischen
                Geschichtenerzählers.“<note n="15">
                <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 18. </note> In der Antike hat man
              freilich kaum an der historischen Gestalt gezweifelt und in ihm in der Regel den
              Urheber der Gattung bzw. des Materials gesehen.<note n="16"> Zu den Testimonien s.
                  <ref target="#Perry1952">Perry 1952</ref>, 211–241. Zweifel an Aesops
                Urheberschaft findet man recht spät; vgl. z.B. Theon prog. 3 p. 73,14–18 Sp.; Quint.
                inst. 5,11,19–21; Babr. 2 prol. 1–6. </note> Die Sammlung der Prosafabeln, die wir
              heute als ‚Aesopfabeln‘ kennen, stammt allerdings aus späterer Zeit (s.u.). </p>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">2.2. Fabelsammlungen</head>
            <div>
              <head n="1" rend="subsub">2.2.1. Prosasammlungen</head>
              <div>
                <head n="1" rend="subsubsub">2.2.1.1. Griechisch</head>

                <p>Solange Fabeln nur in anderen Literaturgattungen als Argumentationsmittel
                  verwendet wurden, kann man von ihnen nicht als eigene Literaturgattung sprechen.
                  Das ändert sich erst, als Fabelsammlungen entstehen. Angeblich hat Demetrios von
                  Phaleron im 4. Jh. v.Chr. eine erste solche Sammlung veranlasst (Diog. Laert.
                  5,80). Da von ihr nichts erhalten ist, bleibt Inhalt und Umfang Spekulation. Es
                  ist davon auszugehen, dass spätestens hier den Fabeln Pro- oder Epimythien
                  beigegeben wurden, um die Aussage allgemein zu formulieren;<note n="17"> Zur
                    Entstehung der Epimythien und ihrem sekundären Charakter s. <ref target="#Perry1940">Perry 1940</ref>. </note> denkt man an ihre Verwendung als
                  Argumentationsmittel, liegt die Vermutung nahe, dass die Sammlungen für Redner und
                  Schriftsteller gedacht waren, um als Fundstelle für passende Fabeln je nach
                  Zusammenhang zu dienen. Die Pro- und Epimythien ermöglichten dann eine
                  entsprechende Zuordnung. Die Darstellung musste nicht mehr als eine relativ
                  schmucklose Inhaltsangabe sein. Wir haben Reste einer solchen Sammlung aus dem 1.
                  Jh. n.Chr. (Pap. Ryl. 493). Nach und nach wurden die Fabeln in den
                  Rhetorikunterricht eingebunden, wie sich den <hi rend="italic">Progymnasmata</hi>,   
               den Lehrbüchern für die Vorübungen im Rhetorikunterricht, entnehmen lässt.
                  Aufgaben waren neben Lesen und Schreiben etwa Nacherzählung, Erweiterung, Kürzung,
                  Versifikation, Übersetzung u.Ä.<note n="18"> Zu nennen sind hier die Anweisungen
                    z.B. bei Theon (1./2. Jh. n.Chr.), Hermogenes (2./3. Jh. n.Chr.), Aphthonios
                    (4./5. Jh. n.Chr.) und Nikolaos (5. Jh. n.Chr.). </note>
                </p>

                <p>Die Prosafabeln, die heute meist unter Aesops Namen veröffentlicht werden,
                  stammen aus einer alphabetischen Sammlung, die als zweiter Teil mit dem Aesoproman
                  überliefert ist, und zwar in drei unterschiedlichen Rezensionen; die älteste ist
                  die so genannte <ref target="#Einleitung:Aesop">
                    <hi rend="italic">Collectio
                      Augustana</hi>
                  </ref>,<note n="19"> Benannt nach der Handschrift cod. Monac.
                    gr. 564, die ihren Namen nach dem ursprünglichen Aufbewahrungsort Augsburg
                    trägt. </note> weshalb die Sammlung häufig generell so bezeichnet wird. Die
                  Datierungsversuche gehen allerdings weit auseinander, vom 2. bis 10. Jh.; relativ
                  wahrscheinlich ist das 2. bis 3. Jh. n.Chr. Man muss freilich noch bedenken, dass
                  aus den wohl byzantinischen Sammlungen, der <hi rend="italic">Collectio
                    Vindobonensis</hi> und der <hi rend="italic">Collectio Accursiana</hi> des
                  Maximos Planudes, jüngere Fabeln in die Augustana-Sammlung eingedrungen sind bzw.
                  Fabeln, die in der <hi rend="italic">Collectio Augustana </hi>verloren gingen, in
                  den späteren erhalten sind.<note n="20"> Allerdings ist die Datierung dieser
                    beiden Sammlungen umstritten; sie reicht vom 3. bis ins 14. Jh. n.Chr.; zur
                    Übersicht über die älteren Datierungsversuche s. <ref target="#Jedrkiewicz1989">Jedrkiewicz 1989</ref>, 22–23. </note> Erschwert wird die Arbeit mit diesen
                  Fabeln dadurch, dass die verschiedenen modernen Ausgaben sehr unterschiedliches
                  Material bieten, d.h. unterschiedliche Fabeln und/oder unterschiedliche
                  Fabelversionen aufnahmen und diese auch noch unterschiedlich zählen.<note n="21">
                    Vgl. <ref target="#Perry1952">Perry 1952</ref>; <ref target="#Hausrath197056">Hausrath 1970/56</ref>; <ref target="#Chambry1925">Chambry 1925</ref>; <ref target="#Chambry1927">Chambry 1927</ref>. </note>
                </p>
                <p>In der uns vorliegenden Form zeigen die Fabeln der <hi rend="italic">Collectio
                    Augustana </hi>eine einheitliche narrative Struktur und Aussage; vielleicht
                  liegt daher nicht eine Sammlung im ursprünglichen Sinn vor, sondern wir haben es
                  mit einem literarischen Konzept eines einzelnen Autors zu tun.<note n="22"> Vgl.
                      <ref target="#Nøjgaard1964">Nøjgaard 1964</ref>; <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 94–105. Holzberg vermutete nicht zu Unrecht, dass der
                    Autor durch die schlichte, einheitliche und formelhafte Erzählstruktur den
                    Eindruck der ‚Authentizität‘ erreichen wollte (bes. 98). Vgl. ferner <ref target="#Zafiropoulos2001">Zafiropoulos 2001</ref> zur ethischen Aussage der
                    Fabeln. </note> Ferner muss es sich nicht bei allen Fabeln um altes Material
                  handeln; etwa die Hälfte der Stoffe ist sonst nicht belegt; vielleicht sind sie
                  Erfindungen eines einzelnen Verfassers.<note n="23"> Vgl. <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 100–105. </note> Über die Quellen
                  der Sammlung wurde viel spekuliert; verlässliche Ergebnisse liegen nicht vor.<note n="24">
                    <ref target="#Hausrath">Hausrath</ref> (passim) dachte an Rhetorikübungen aus
                    der Kaiserzeit; häufig wurde auf kynischen Hintergrund verwiesen, z.B. <ref target="#Adrados1987">Adrados 1987</ref>; <ref target="#Adrados1999">Adrados
                      1999</ref>, 604–646; beharrlich wiederholt und einflussreich war seine
                    Vermutung (passim), dass man wie in der Handschriftenüberlieferung ein
                    Abhängigkeitsverhältnis erstellen könne; er ging davon aus, dass spätere Autoren
                    der vorliegenden Fabel streng folgten, manchmal kontaminierten und nur in
                    Ausnahmefällen Eigenes vorstellen. Nach seinem Stemma (z.B. <ref target="#Adrados2000">Adrados 2000</ref>, 725–726) bildet die Fabelsammlung
                    des Demetrios die Grundlage; dieser folgte im 3. Jh. v.Chr. eine stark kynisch
                    geprägte Sammlung in Iamben; dieser wiederum folgten im 2. Jh. v.Chr. in Prosa
                    gewandelten verschiedene Fassungen, auf die sich z.B. Phaedrus u.a. stütze; die
                    diesen ebenfalls folgende <hi rend="italic">Augustana</hi> stamme erst aus dem
                    4.-5. Jh. n.Chr. </note>
                </p>
                <p>Als letzte sei noch die Sammlung angeführt, die den Namen des Syntipas trägt:
                  Wahrscheinlich übersetzte Michael Andreopoulos im 11. Jh. n.Chr. 62 Fabeln aus dem
                  Syrischen ins Griechische, von denen 15 sonst im Griechischen nicht belegt sind.
                </p>
              </div>
              <div>
                <head n="1" rend="subsubsub">2.2.1.2. Lateinisch</head>

                <p>Ähnliche Schwierigkeiten bereitet die Sammlung lateinischer Prosafabeln, die oft
                  als <hi rend="italic">Aesopus Latinus</hi> oder <hi rend="italic">Romulus</hi>
                  bezeichnet wird und die in vier Handschriftenklassen überliefert ist.<note n="25">
                    Noch immer am besten zugänglich bei <ref target="#Thiele1910">Thiele 1910</ref>.
                  </note> Wahrscheinlich entstand diese Sammlung im 4. Jh. n.Chr. Zum Zwecke der
                  Authentizität erhielt sie einen Widmungsbrief des Aesopus an einen Rufus, in zwei
                  der vier Handschriftenklassen ein zusätzliches Schreiben eines Romulus an seinen
                  Sohn Tiberinus. An den Motiven ist zu erkennen, dass sie aus den Pro- und Epilogen
                  bei Phaedrus abgeleitet wurden. Bei etwa der Hälfte der Fabeln handelt es sich um
                  Prosabearbeitungen von Phaedrusfabeln. Auf die verwirrende Überlieferungslage soll
                  hier nicht ausführlich eingegangen werden.<note n="26"> Den besten Überblick
                    bietet <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 4 u. 105–116; vgl. <ref target="#Bertini1988">Bertini 1988</ref>; <ref target="#Adrados1999">Adrados
                      1999</ref>, 126–128; <ref target="#Adrados2000">Adrados 2000</ref>, 516–558. -
                    Hier in Kürze: Die Urfassung, die wohl 5 Bücher enthielt, ist verloren. Im
                    Wolfenbütteler Codex, der ursprünglich in Weißenburg geschrieben wurde (cod.
                    Gud. lat. 148 [=r. W. Th.; =Wiss. Guaglianone]) fehlt der <hi rend="italic">Romulus</hi>-Brief; in den 57 Fabeln finden sich deutliche Beziehungen zu
                    einer großen Zahl an Phaedrusfabeln. Die Sammlung mit <hi rend="italic">Romulus</hi>-Brief umfasst in 4 Büchern 98 Fabeln und ist in 2 Recensiones
                    überliefert, der <hi rend="italic">recensio Gallicana</hi> (=r. g. Th.) und der
                      <hi rend="italic">recensio vetus</hi> (=r. v. Th.); hier stehen weitere
                    Fabeln, die auf Phaedrus verweisen, aber auch andere, für die sich keine
                    Entsprechung bei Phaedrus findet. In einem Leidener Codex schließlich (cod. Voss
                    lat. 8° no. 15 [=Ph. sol. Th.; Ad. Guaglianone]) - nach dem Schreiber meist
                    „Ademar“ genannt - lesen wir 67 Fabeln, von denen ein großer Teil recht eng den
                    Phaedrustext in Prosa zu setzen oder Romulus oder beiden zu folgen scheint; ob
                    Ademar daneben Eigenes erfunden hat oder ob wir Phaedrusfabeln verloren haben,
                    ist schwer zu beurteilen. Den Versuchen, aus dem Prosatext durch Versifizierung
                    die Phaedrusfabel wiederherzustellen, steht man heute eher kritisch gegenüber.
                  </note> Es muss zudem darauf verwiesen werden, dass die Texte z.T. entstellt sind,
                  was eine Interpretation schwierig macht.</p>
              </div>
            </div>
            <div>
              <head n="1" rend="subsub">2.2.2. Gedichtsammlungen</head>
              <div>
                <head n="1" rend="subsubsub">2.2.2.1. <ref target="#Einleitung:Phaedrus">Phaedrus</ref>
                </head>
                <p>Der erste, der eine Sammlung von Fabeln in Gedichtform, und zwar in iambischen
                Senaren, vorlegte und somit nachweislich eine eigene Literaturgattung vor Augen
                hatte, war Phaedrus, dem ein eigener Beitrag gewidmet ist.</p>
              </div>
              <div>
                <head n="1" rend="subsubsub">2.2.2.2. <ref target="#Einleitung:Babrios">Babrios</ref>
                </head>

                <p>Die erste griechische Sammlung von Fabeln in Hinkiamben läuft unter dem Namen
                    <ref target="#Einleitung:Babrios">Babrios</ref>, dem ebenfalls ein eigener
                  Abschnitt gewidmet ist. </p>
              </div>
              <div>
                <head n="1" rend="subsubsub">2.2.2.3. <ref target="#Einleitung:Avian">Avian</ref>
                </head>
                <p>Ein Dichter namens <ref target="#Einleitung:Avian">Avian</ref> hat wohl um 400
                  n.Chr. 42 lateinische Fabeln in Distichen verfasst.<note n="27"> Vgl. <ref target="#Küppers1977">Küppers 1977</ref>; <ref target="#Gaide1980">Gaide
                      1980</ref>, 7–65; <ref target="#Adrados2000">Adrados 2000</ref>, 254–274; <ref target="#Scanzo2001">Scanzo 2001</ref>; zur Einführung s. <ref target="#Holzberg2012">Holzberg 2012</ref>, 69–79.</note>
 Ihm ist ebenso ein eigener Abschnitt gewidmet.</p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
        <div>
          <head n="1" rend="chapter">Literatur:</head>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">Primärliteratur:</head>
            <bibl>Aesop: Aesopica. A series of texts relating to Aesop or ascribed to him or closely
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              edited, in part translated from oriental languages, with a commentary and historical
              essay by B. E. Perry, Urbana/Chicago 1952</bibl>
            <bibl>Aristoteles: Aristotelis ars rhetorica. Recognovit brevique adnotatione critica
              instruxit W.D. Ross, Oxford 1959</bibl>
            <bibl>Augustinus: Œuvres de Saint Augustin. 1<hi rend="superscript">er</hi> série.
              Opuscules. V. Dialogues philosophiques. II. Dieu et l’âme. Texte de l’edition
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              Terentii. De praeexercitamentis rhetoricis libri [...], ex recensione H. Keil, Leipzig
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            <bibl>Quintilian: M. Fabi Quintiliani institutionis oratoriae libri duodecim. Vol. I.
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              1970</bibl>
            <bibl>Romulus: Thiele, G.: Der Lateinische Äsop des Romulus und die Prosa-Fassungen des
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            <div>
              <head n="1" rend="subsub">Zum Vergleich wurde bei Aesop herangezogen:</head>
              <bibl n="Chambry 1925" xml:id="Chambry1925"> Aesopi Fabulae. Recensuit A. Chambry,
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              <bibl n="Chambry 1927" xml:id="Chambry1927"> Ésope. Fables. Texte établi et traduit
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            </div>
          </div>
          <div>
            <head n="1" rend="sub">Sekundärliteratur:</head>
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            <bibl n="Adrados 2000" xml:id="Adrados2000"> Adrados, F.R.: History of the Graeco-Latin
              Fable. II. The fable during the Roman Empire and in the Middle Ages. Transl. by L.A.
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            <bibl n="Adrados 2003" xml:id="Adrados2003"> Adrados, F.R.: History of the Graeco-Latin
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            <bibl n="Zafiropoulos 2001" xml:id="Zafiropoulos2001"> Zafiropoulos, Chr.A.: Ethics in
              Aesop’s Fables. The Augustana Collection, Leiden/Boston/Köln 2001 (Mnemosyne
              216)</bibl>
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</TEI>
