Oskar Kraus (1872–1942)

Nach dem Besuch des k.k. Deutschen Staatsgymnasiums am Graben in Prag studierte Kraus ab 1890 Rechtswissenschaften und Philosophie. Seine philosophischen Lehrer sind Anton Marty und Friedrich Jodl. Durch Marty wird er in die Philosophie Franz Brentanos eingeführt, die sein weiteres (intellektuelles) Leben bestimmen wird. 1893 traf Kraus erstmals Brentano selbst. 1895 promovierte er zum Dr. jur. Ab 1896 arbeitete er in der Finanzprokuratur, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. 1902 habilitierte sich Kraus an der philosophischen Fakultät unter Nachsicht des philosophischen Doktorgrades mit der Schrift Zur Theorie des Wertes. Eine Bentham-Studie. Kraus war auch Mitglied des Louvre-Zirkels, der sich um seinen Lehrer Marty gebildet hatte. 1907 legte er die Advokatenprüfung ab. Auf Anraten Brentanos konvertierte Kraus vom Judentum zum Protestantismus. 1909 erhielt er den Titel eines ao. Professors, 1911 schied er aus der Finanzprokuratur aus und wurde zum wirklichen Extraordinarius ernannt. Nach Martys Tod 1916 wurde Kraus sein Nachfolger damit Ordinarius für Philosophie an der Prager deutschen Universität. 1916 besuchte er gemeinsam mit Kastil Brentano in Zürich. Ab 1922 begannen die Arbeiten an Brentanos Nachlass, wobei Kraus unter anderem Brentanos Psychologie vom empirischen Standpunkt in drei Bänden neu herausgab. 1931 gründete Kraus mit finanzieller Hilfe des Präsidenten Masaryk die Prager Brentano Gesellschaft. 1934 war er Vizepräsident des in Prag abgehaltenen 8. Internationalen Philosophenkongresses. Beim Einmarsch der deutschen Truppen in Prag im März 1939 wurde Kraus verhaftet, kam aber nach 6 Wochen Gefängnis frei und konnte nach Großbritannien fliehen. 1941 hielt er an der Universität Edinburgh die Gifford-Lectures New Meditations on Mind, God, and His Creation. Im September 1942 starb er in Oxford an Krebs.