Urkundenbuch der Steiermark – Historie & Ausblick
Von den Anfängen bis 1192

Das Zahnsche Urkundenbuch

Urkundenbücher bilden insbesondere für die Periode des Hochmittelalters eine der zentralen Grundlagen für die geschichtswissenschaftliche Arbeit, ungeachtet dessen, ob das in ihnen enthaltene Dokumenten-Material nach territorialen oder nach institutionellen (gegebenenfalls auch personellen) Gesichtspunkten zusammengestellt ist. Das seinerzeitige Herzogtum Steiermark hat bereits in den Jahren 1875 von 1903 durch Josef (von) Zahn ein territoriales Urkundenbuch erhalten. Dieses umfasst in drei Bänden den Zeitraum bis zum Jahre 1260. Es handelt sich dabei um eine jener erstaunlichen Leistungen einer Einzelperson, wie sie damals nicht selten gewesen sind, doch war Zahns Arbeit schon zur Zeit ihres Erscheinens Gegenstand heftiger und in mehrfacher Hinsicht auch berechtigter Kritik. Heute ist das Zahnsche Werk völlig veraltet, sowohl in Bezug auf die Vollständigkeit des Materials als auch hinsichtlich der Qualität seiner Textgrundlagen (z.B. Wiedergabe aufgrund einer Abschrift und nicht aufgrund des bis heute erhaltenen Originals) und ebenso im Hinblick auf die kritische Bewertung der darin enthaltenen Dokumente einschließlich ihrer in Zahns Ausgabe oft höchst problematischen chronologischen Einordnung. In diesem Sinne führt das Zahnsche Urkundenbuch seine Benützer heute vielfach in die Irre.

Neubearbeitung und Fortsetzung

Die Neubearbeitung wie die Fortsetzung des Zahnschen Urkundenbuchs sind daher seit langem Anliegen der Forschung, die bisher nur in sehr eingeschränktem Maße erfüllt worden sind. Den Fehlern und Lücken der Zahnschen Ausgabe versuchte ein Ergänzungsheft zu den Bänden 1-3 zu steuern, bearbeitet von Hans Pirchegger und Otto (von) Dungern (erschienen 1949). Die Fortführung des Urkundenbuchs ist derzeit bis zum Jahr 1276 gediehen; und zwar in Form eines 1960-1975 in vier Lieferungen erschienenen vierten Bandes, der die Jahre 1260-1276 umfasst und zunächst von Heinrich Appelt bearbeitet und dann von Gerhard Pferschy vollendet worden ist.

Die Historische Landeskommission für Steiermark hat dem damaligen Ordinarius für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Graz, o. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hausmann, die Neubearbeitung der Zahnschen Bände 1-3 und die Fortsetzung ab Band 5 anvertraut. Damit verbunden war eine Änderung des Konzepts. Anders als in Zahns Werk sollte nun nicht einfach das Territorium des Herzogtums vor 1918 für die Auswahl der aufzunehmenden Urkunden maßgeblich sein, sondern die Steiermark in ihrem jeweiligen Umfang; die starre Bindung an die Grenzen des 19. Jahrhunderts war einer der wesentlichen Angriffspunkte gegenüber Zahn gewesen. Dieser Entschluss bedeutete vor allem die zusätzliche Berücksichtigung des sogenannten Pittener Gebietes zwischen Semmering und Piesting, jedenfalls bis zum Jahre 1254. Ferner sollten die Traditionsnotizen, welche Zahn in eigenwilliger Weise auf die Bände seiner Ausgabe verteilt hatte, aus dem eigentlichen Urkundenbuch herausgezogen und in einem eigenen Band zusammengefasst werden, wie dies auch anderwärts mit guten Gründen so gehandhabt wird und damit als Standard gelten kann. Für den ersten Band gilt zusätzlich die Erweiterung auf sämtliche Urkunden in Bezug auf die Steiermark und ihrer Regenten.

Auswahl und Erschließung der hier zusammengestellten Urkunden

Wer mit mediävistischen Urkundeneditionen zu tun gehabt, weiß um den überaus langwierigen und dornenvollen Weg vom Entschluss zur fertigen Edition. Nicht selten warten die potentiellen Benützer mehrere Jahrzehnte auf die allgemeine Verfügbarkeit der wissenschaftlich bearbeiteten und kommentierten Texte, obwohl der Bearbeiter diese Texte gutenteils schon fertiggestellt hat.
Für die Reihenfolge der wissenschaftlichen Bearbeitung und damit zugleich für die Auswahl der hier in elektronischer Form im Voraus publizierten Urkunden war als Leitlinie maßgeblich, dass bei den Urkunden aus den Archiven von außerhalb der Steiermark gelegenen Institutionen in besonderem Maß mit Ergänzungen und Neuerungen gegenüber dem ersten Band der Zahnschen Ausgabe gerechnet werden konnte.

Die Zusammenstellung der derzeit (Dezember 2007) hier als PDF-Dokumente publizierten 164 Stücke umfasst 28 Urkundengruppen (Empfänger) aus 42 Archiven. Des weiteren bieten die angebotenen Recherchemöglichkeiten eine Erschließung über eine chronologische Ordnung und eine Volltextsuche in den PDF-Dokumenten an.

Ausblick

Um in Hinkunft diese Quellen rascher einer breiten wissenschaftlichen Gemeinde zugänglich zu machen ist, in Kooperation mit dem Institut für Informationsverarbeitung in den Geisteswissenschaften geplant, eine Struktur zur elektronischen Edition historischer Texte und der Ergebnisse deren wissenschaftlicher Erschließung aufzubauen. Dabei werden neben den Faksimiles Originaltexte und vorliegende Übersetzungen mittels eines in den Geisteswissenschaften etablierten Annotationsstandards (TEI) modelliert und so einer wissenschaftlichen Analyse erschlossen. (Semi-)automatisch können in weiterer Folge Personen-, Ortsregister u.a. aus solcher Art editierten historischen Dokumenten generiert werden. Semantisierbare Volltextindices erschließen das Quellenmaterial nicht nur einem wissenschaftlichen Benutzerkreis. Die Vorteile einer solchen Form der Edition liegen auf der Hand: Dieserart aufbereitete Quellen ermöglichen über die "klassische" Druckaufbereitung hinaus in einem "Single-Source-Kontext" vielfältige Weisen der Repräsentation und Analyse. Die Besonderheiten der Editionsgeschichte dieses Urkundenbuchs haben zur Folge, dass nicht alle Entwicklungen auf dem Gebiet mediävistischer Dokumentenedition von Anfang an im wünschbaren Ausmaß berücksichtigt werden konnten.

Graz, im Dezember 2007