Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters

Prolog
Ich wil ez aber wâgen
Ich will es wieder einmal wagen
und wil mich selber vrâgen,
und mich selber prüfen,
ob ich iht künne rîmen
ob ich vielleicht Reime anfertigen kann
und wort mit worten lîmen
und ein Wort mit anderen verbinden,
und sinne mit sinnen künden
einen Gedanken mittels anderer Gedanken ausdrücken,
und wort mit worte ergründen
ein Wort durch ein anderes erklären,
und kunst mit künste sprechen
Wissen mit Hilfe anderen Wissens darlegen,
um das lateinische Original schön aufzubrechen,
und listeclîche entrennen
kunstvoll zu zerlegen
und wider ze samen rennen
und erneut zusammenzusetzen
in mînes herzen esse;
in der Schmiede meines Herzens,
und daz mîn zunge sô wesse
wobei meine Sprache so scharf wird
wurde gen herten worten
widerstrebenden Worten,
daz ich si zallen orten
dass ich die an allen Stellen
schriete, buge, durch staeche,
hinausrufe, zurechtbiege und durchdringe,
daz ich ein süezez gespraeche
damit ich aus ihnen eine wohlklingende Rede
dâ von mohte getihten
dichten
und meisterlîche gerihten
und auf meisterliche Art
vil snelle ûf einen tiuschen louf
sehr schnell ins Deutsche übertragen könnte,
al sust, daz süezer worte trouf
genau so, dass der Fluss von schönen Worten
steinhertez herze enslüzze
ein steinhartes Herz aufschließen
daz ich dar în gegüzze
und dass ich dort hinein
die süezen gotes vorhte;
die heilige Gottesfurcht gießen könnte.
und swer sich haete verworhte,
Wer immer bislang daran gescheitert war,
daz der snelle kaeme
der möge rasch herbeikommen
und bilde und lêre naeme
und sich zum Vorbild und zur Lehre nehmen
von zwein degenkinden.
jene zwei Knaben, die –
Als wir geschriben vinden
wie wir in einer Schrift lesen –
diu wurden unde wâren
bereits im Kindesalter
in ir kintlîchen jâren
einem Kloster
zeinem klôster gegeben
übergeben worden waren,
in ein geistlîchez leben.
bestimmt für den geistlichen Stand.
Klostererziehung
diu kindel wâren sünde vrî,
Diese Knäblein waren frei von (jeglicher) Sünde
der heilec geist in wonte bî,
und der heilige Geist stand ihnen bei.
dar zuo sô wart in ouch gegeben
Darüber hinaus wurde ihnen ein Lehrer zugewiesen
ein meister der het reinez leben
mit einem untadeligen Lebenswandel
mit worte, mit werke, mit zühten.
in Worten und Taten und durch Anstand.
nâch himelischen frühten
Damit sie himmlischen Lohn erhalten würden,
wart er den degenkinden
bürdete er den Knaben
daz götlich joch ûf binden,
das göttliche Joch auf,
daz truogen si vil gerne.
und sie trugen es (zunächst) sehr gerne.
di edeln zwô lucerne
Die beiden kostbaren Leuchter
wurden vil schiere enzündet.
wurden recht rasch entzündet.
dar nâch wart in gekündet
Daraufhin wurden ihnen
zuht, kunst und êre
Erziehung, Wissen und Anstand zuteil
nâch des meisters lêre.
durch die Unterweisung des Lehrers.
**Nû merket alle gemeine:
**Nun hört alle gut zu:
die zwêne degen kleine
Die beiden kleinen Knaben
wuchsen in großer Strenge auf.
mit der tugende aste
Der Lehrer schlug heftig
sluoc si der meister sêre.
mit dem Ast der Tugend auf sie ein.
mit geistlîcher lêre
Mit geistlicher Unterweisung
begunde er die degen über laden.
überforderte er die Kinder zunehmend.
des nam er an der sêle schaden.
Dadurch fügte er ihrer Seele Schaden zu.
wan swer den bogen ziehen wil
Denn wer auch immer einen Bogen
ze wîte ûz der krefte zil,
zu weit über die maßvolle Kraft hinaus spannen will,
der brichet in, als ich wol weiz;
der zerbricht ihn, wie ich sicher weiß,
und swer dem brôte tuot ze heiz,
und wer das Brot zu heiß bäckt,
der brennet einen swarzen kol,
dem verkohlt es,
dâ von er selten gizzet wol;
so dass es nicht mehr genießbar ist.
Und wer den wohlgenährten Jagdvogel
mit vollem kropfe getrûwen wil,
bei schon vollem Kropf locken will,
dem mac ez wol entvliegen.
dem fliegt dieser eher davon.
sus begunde den meister triegen
Genau so scheiterte der Lehrer
sîn lêre und ouch sîn meisterschaft,
mit seiner Erziehung und samt seinem großen Wissen,
die er mit überiger kraft
weil er das mit überschießender Kraft
sînen jungelingen bôt,
seinen Schülern zuteil werden ließ,
sô er mit slegen machte rôt
wenn er mit Schlägen
ir rücken und ir wange.
deren Rücken und Wangen rot färbte.
do gedâhten si vil ange,
In dieser Situation überlegten sie ganz sorgenvoll,
wie si mohten entwîchen
wie sie ausbrechen
und von den slegen slîchen,
und den Schlägen entfliehen könnten,
als der edel Jônas,
gerade so wie der ehrenwerte Jonas,
der ouch von gote flühtic was
der ebenfalls vor Gott geflohen war,
ze Tarsis in dem lande
nämlich in Tarsis,
(er wânde sîn unbekande
(wobei er glaubte, er könne
den klâren gotes ougen).
vor den allwissenden Augen Gottes unerkannt bleiben).
Flucht
sus vluhen âne lougen
So flohen tatsächlich
die zwêne klôsterknappen
die zwei Novizen
vor ihrem geistlichen Gewand
in der werlde vreise.
in die gefährliche Welt hinaus.
ein klagelîche reise
Eine beklagenswerte Reise
begunden si dô werben
traten sie da an
und an der sêle verderben
und stürzten ihre Seele ins Verderben
nâch der werlde süeze,
auf der Suche nach den Verlockungen der Welt,
diu ungetriuwe grüeze
die all denjenigen
mit âküstigem blicke
mit sündigem Blick heimtückisch
erzeiget harte dicke
oft winkt,
allen die ir volgent nâch;
die sich ihr anschließen.
sus was den jüngelingen gâch
So drängte es (auch) die Jünglinge
nâch der werlde vröude.
hin zu den Freuden der Welt.
vor gotlîcher beschöude
Vor Gottes Blick
burgen si sich vaste;
verbargen sie sich rasch.
von tugende rîchem aste
Vom Ast der Tugend
wâren si tiefe gevallen;
waren sie tief gefallen.
daz honec mit der gallen
Honig – jedoch mit Galle vermischt –
muosten si dô döuwen
sollten sie da genießen
und üppeclîche sich vröuwen
und sich ausgiebig
an weltlicher Lust erfreuen.
von der himelischen tür
Durch die Himmelspforte
wâren si gesprungen
waren sie entsprungen
und in die strâze gedrungen,
und waren auf die Straße gestürmt,
diu dâ leitet in den tôt.
die in den Tod führt.
diu werlt in vramspüete bôt
Die Welt bot ihnen Glück
gen süntlîchen sachen,
bei (allen) sündigen Unternehmungen.
des muoste ir herze lachen
Daher jubelte ihr Herz
lustlîche gen den sünden.
lüstern den Sünden entgegen.
do begunde sich enzünden
Daraufhin entflammten ihnen
ir muot, ir herze, ir sinne
Gefühl, Herz und Sinn
in Liebe zur Welt,
von tac ze tac ie baz und baz,
von Tag zu Tag immer stärker,
als ich ez an dem buoche las.
wie ich in jenem Buch gelesen habe.
**Nû merket alle gemeine
**Nun seid alle zusammen
mich eine wîle kleine,
kurz aufmerksam,
unz ich vor iuwern ougen
bis ich euren Augen
diu klâren gotes tougen
die Geheimnisse des allwissenden Gottes
nâch sînem lobe entdecke.
zu seinem Lobpreis geoffenbart habe.
dâ mite ich sünder wecke
Ich will damit die Sünder aufrütteln
in tiefe riuwe der sünde
zu tiefer Reue über die Sünde
und klagelîche gekünde
und klagend vor euren Augen
ziuwer angesihte
erstehen lassen
das nahende Gottesgericht,
wie sich daz habe erzeiget
wie sich das angekündigt
und wunderlîche geneiget
und wunderbar gezeigt hat
gen disen jüngelingen,
diesen Jünglingen,
die ze süntlîchen dingen
die zu sündhaften Handlungen
wâren wol bereitet.
gerne bereit waren.
Schwarze Kunst
ein stic het si geleitet
Ihr Weg hatte sie
zeiner stat rîchen,
zu einer wohlhabenden Stadt geführt,
dâ las man offenlîchen
wo man ganz unverhohlen
diu buoch nigromancîe;
die Bücher der Nigromantie las.
daz ist von zouberîe
Diese handeln von Zauberei,
ein kunst, diu wider Jêsu Krist
einer Kunst, die gegen Jesus Christus
von zouber tief getihtet ist
auf der Grundlage von Magie ersonnen ist
mit dem Ziel, die Seele zu verderben.
‚sus was daz zouber veile,‘
„Dort kann man Zauberei erkaufen“,
als in ein phaffe het geseit,
hatte ihnen ein Geistlicher gesagt,
der ûz der stat engegen reit.
der ihnen aus der Stadt entgegenkam.
**Do si des rede vernâmen,
**Als sie seine Worte vernahmen,
mit vröuden balde si kâmen
eilten die voll Begeisterung rasch
in die stat gegangen.
in die Stadt hinein.
si wurden wol enphangen
Sie wurden höflich empfangen
von dem schuolherren.
vom Professor.
dô er si von verren
Schon von Weitem
mit schaechenden ougen sach,
sie mit seinem Blick erspähend,
lachende er in wälsche sprach:
sprach er lachend auf Französisch:
„Seid willkommen, teure Herren,
mînen kinden unde mir!‘
meinen Schülern und mir!“
des dancten si im schône
Sie dankten ihm höflich
mit dem gotes lône
mit Gottes Gruß
ganz wohlerzogen.
dar nâch begunden si in biten
Dann baten sie ihn
durch sîne curtesîe,
um seines Ansehens willen,
daz er nigromancîe
dass er ihnen rasch
si snelle hieze lêren:
die schwarze Magie beibringen ließe.
si wolden gerne kêren
Sie wollten (zu) gerne
muot, sin unde kunst
Herz, Geist und Können
ûf nigromancîe gunst.
auf die Nigromantie ausrichten.
der meister lachende began.
Der Meister begann zu lachen.
er sach die zwêne gesellen an
Er sah die zwei Burschen an
und sprach: ‚nû sît ir doch gewesen
und sagte: „Ihr kommt doch
in gotes schuole und hânt gelesen:
aus der Gottesschule und habt gelesen:
swer lernen wil diu zouberbuoch
Jeder, der die Zauberbücher lernen will,
der muoz den swinden gotes vluoch
muss den heftigen Fluch Gottes
ûf sîne sêle enphâhen.‘
auf seine Seele laden.“
die schuoler snelle jâhen:
Die Schüler antworteten schnell,
ezn solde im niht sîn swaere,
es solle ihn nicht belasten,
ob junge schuolaere
wenn junge Schüler
von vrîheit des herzen
aus freiem Entschluss des Herzens
eteswenne smerzen
vielleicht Schaden
an der sêle enphiengen.
an ihrer Seele nähmen.
Das Zauberbuch
mit vröuden si dô giengen
Mit Begeisterung gingen sie also
nâch des meistes râte
auf Anraten des Lehrers
zer zouberschuole drâte.
rasch in die Zauberschule.
dô wart in snelle dar getragen
Dort wurde ihnen sogleich
ein buoch, daz was wol beslagen
ein Buch herbeigebracht, das solide beschlagen war
mit übergulten spangen.
mit vergoldeten Spangen.
si begunden drangen
Sie drängten sich um die Wette
nâch dem buoche enwiderstrît.
hin zum Buch. Der Lehrer sprach:
der meister sprach: ‚ez kumet noch zît,
„Es wird noch der Zeitpunkt kommen,
daz iuch geriuwet diser tac,
dass euch dieser Tag reut,
swenne iuch des grimmen tôdes slac
wenn euch der Schlag des grimmigen Todes
wirt trîbende von dem buoche;
vom Buch hinwegtreibt
und swenne die sêle ze suoche
und wenn Satan eure unter
mit jâmerlîchem smerzen
grässlichen Schmerzen leidende Seele aufspürt
von iuwerm herten herzen
und aus eurem verhärteten Herzen
Sathan beginnet vüeren,
herausreißt.
sô wirt iuch êrste rüeren
Da erst wird euch
gar ze spaetiu riuwe.
viel zu späte Reue erfassen,
des ich gote wol getrûwe.‘
wie ich durch Gott wohl weiß.“
der rede wurdens unvrô.
Über diese Rede wurden sie unwillig.
si sprâchen: ‚meister, disiu drô
Sie sprachen: „Meister, diese Drohung
gezaeme wol alten wîben,
passt wohl besser zu alten Weibern!
ir sult si lân belîben
Lasst das bleiben
durch hübschheit iuwer zühte,
um Eures guten Benehmens willen,
wan iuwer künste vrühte
denn die Früchte Eures Wissens,
wellen wir versuochen.‘
die wollen wir kosten!“
der meister hiez nâch buochen
Der Meister befahl sogleich
sînen schuoler balde gân.
seinem Assistenten, die Bücher zu holen.
daz beslagen buoch wart ûf getân
Das beschlagene Buch wurde
vor in beiden an der stat.
unverzüglich vor ihnen aufgeschlagen.
si vunden an dem êrsten blat
Sie fanden auf der ersten Seite
geschriben wol mit minie
schön mit roter Tinte
unz ûf die dritten linie:
bis zur dritten Zeile geschrieben:
‚hie hebet sich ane der sêle tôt,
‚Hier beginnt das Verderben der Seele,
der mit êweclîcher nôt
die mit unendlicher Qual
vil grimme wirt gebunden
gar grausam gefesselt wird
und lasterlîchen vunden
und sich dann sündenbeladen wiederfindet
in des tiuvels kêwen
zwischen den Zähnen des Teufels
von êwen unz hin z’êwen.‘
für immer und ewig.‘
**Dô si die schrift erhôrten
**Als sie den Text vernommen hatten,
diu mit sô scherpfen worten
der mit derart harten Worten
ir herze het beswaeret,
ihnen das Herz schwer machte,
der vröude gar enbaeret
verging ihnen die Freude ganz
von des tôdes schricke
vor lauter Todesangst.
mit wîtsweifem blicke
Mit suchendem Blick
sâhen si ein ander an.
sahen sie einander an.
der meister vrâgen began,
Der Meister fragte,
ob er in vürbaz solde lesen?
ob er weiter vorlesen solle.
sie sprâchen: ‚herre, ja lât uns wesen
Sie sagten: „Ja, Herr, lasst uns
iemer iuwer knehte,
von nun an Eure Gehilfen sein,
daz ir uns lêret rehte
damit ihr uns richtig
die kunst und ouch den hôhen list,
die Fertigkeit und auch das hohe Wissen beibringt,
der an dem buoche geschriben ist.‘
von denen in dem Buch geschrieben steht.“
**Der meister sprach: ‚nû leset dar
**Der Meister sagte: „Nun denn, lest
und nemet wizzeclîchen war,
und begreift,
was ditz und daz bediute
was das und jenes bedeutet
und wie man wîse liute
und wie man kluge Leute
mit zouber müge verkêren.
durch Zauberei verwandeln kann.
dar nâch wil ich iuch lêren
Anschließend werde ich euch lehren,
wîp unde man betriegen,
Frauen und Männer zu betrügen,
gote und der werlte liegen,
Gott und die Welt zu belügen,
dem tiuvel ruofen und beswern.
den Teufel zu rufen und zu beschwören.
da mite sô müget ir wol genern
Damit könnt ihr dem Leib
den lîp nâch des herzen gir.‘
nach Herzenslust dienen.“
si sprâchen: ‚herre, des biten wir
Sie antworteten: „Herr, (genau) darum bitten wir Euch
angesichts Eurer verlockenden Fertigkeiten!
seht niht ane unser jugende,
Achtet nicht darauf,
ob diu sî ein teil ze kranc!
ob wir vielleicht noch ein wenig zu jung sind!
lest uns, des müezet ir hôhen danc
Lest uns weiter vor, dafür gebührt Euch von uns
von uns und von der werlte hân.
und der Welt großer Dank.
uns entriege sin und herzen wân,
Wenn uns nicht Verstand und Herz täuschen,
ezn sol iuch niht geriuwen.
werdet Ihr das nicht zu bereuen haben.
des wir gote wol getrûwen.‘
Diesbezüglich vertrauen wir ganz auf Gott.“
**Der meister las in an der stat.
**Der Meister las ihnen sogleich weiter vor.
mit vröuden kêrte er umbe daz blat.
Mit Vergnügen blätterte er um.
sus lâsen si und schriben an
So lasen und schrieben sie den Fluch
des lîbes vluoch, der sêle ban.
über den Körper und die Verbannung der Seele herbei.
Sündiges Leben
dô si die kunst enphiengen,
Als sie das Wissen erlangt hatten,
wie snelle si dô viengen
wie schnell sie sich da orientierten
nâch des buoches urkünde!
an den Anweisungen des Buches!
die kunst der tiefen sünde
Die Kunst der tiefen Sünde
die begunden si dô üeben:
begannen sie da auszuüben,
got und die werlt betrüeben
Gott und die Welt zu kränken
mit manger hande sünde.
mit allen Arten von Sünde.
Mit Hilfe der Zauberei erfanden
begunden si dô vinden,
sie noch weitere Sünden
sich selber vaste binden
und gaben sich ganz
ûf unkiusche minne,
der Hurerei hin,
dâ mite si kiusche sinne
mit der sie mancher Frau
manegem wîbe nâmen.
die keusche Gesinnung nahmen.
aller sünde sâmen
Die Saat sämtlicher Sünden
begunden si dô saejen,
säten sie aus,
snîden unde maejen,
schnitten und mähten,
nutzen unde niezen
nützten und genossen sie
und in den sünden vliezen
und schwammen in den Sünden
sam der visch in dem wâge.
wie ein Fisch im Wasser.
si heten selten vrâge,
Niemals fragten sie,
wie ez der sêle ergienge
wie es der Seele ergehen würde
und wer si denne enphienge,
und wer sie dann in Empfang nehmen würde,
sô si mit kraft der grimme tôt
wenn sie der grimmige Tod machtvoll
mit sô klagelîcher nôt
und in elendiger Verfassung
von dem lîbe drunge
aus dem Körper hinausstoßen
und herteclîche betwunge
und grausam
zuo deme gotes gerihte.
vor das göttliche Gericht zerren würde.
daz heten si vernihte:
Das hielten sie für unnötig.
swer in dâ von begunde sagen,
Wer ihnen davon erzählen wollte,
der muoste swîgen und gedagen.
der musste stillschweigen.
an der selben stunde
Im selben Augenblick
dem swarzen hellehunde
galt dem schwarzen Höllenhund
begunden si dô ruofen,
ihr Rufen,
ihr Flüstern und Schreien
mit maneger hande unfuore.
unter mancherlei Schandtaten.
Und mit weiterer Unzucht
begunden si dô alten
verbrachten sie ihre Jahre
mit sünden manecvalten
unter mannigfacher Sünde,
von tac ze tac ie baz ie baz.
von Tag zu Tag immer schlimmer.
gîtekeit ir herze besaz,
Habgier nahm ihr Herz in Besitz,
vrâzheit unde trunkenheit
Völlerei und Trunkenheit
was ir tagelîchez kleit,
umgaben sie täglich,
hôchvart was ir spiegelglas;
Hochmut bildete ihren Spiegel.
si wurden müede nie noch laz
Sie wurden niemals müde oder ließen
von unkiuschen sünden.
im Verüben von Unkeuschheit nach.
Gottes Fluch
nû wil ich êrste gründen
Nun will ich aber
den vil swaeren gotes zorn,
den überaus großen Zorn Gottes beschreiben,
den si heten beide erkorn
den sie beide auf sich luden
zum Unglück der Seele.
der wart ir eime ze teile
Der traf den einen von ihnen
mit deme herten vluoche,
mit unerbittlichem Fluch,
wan ûf dem zouberbuoche
als ihn über dem Zauberbuch
begreif in der vil grimme tôt,
äußerst grimmig der Tod ereilte
der vaste mit klagelîcher nôt
und heftig auf elendige Weise
den lîp begunde toeten
den Leib tötete
und die sêle noeten
und die Seele
zuo deme helleviure.
angesichts der Höllenglut in Not brachte.
wilde und ungehiure
Wild und schrecklich
wurden sîn ougenblicke.
wurde da sein Blick.
des grimmen tôdes schricke
Der Schrecken des grausamen Todes
stiezen im daz herze enzwein.
riss ihm das Herz entzwei.
sîn lîp, sîn sêle, lide und bein
Sein Leib, seine Seele, die Glieder und Knochen
begunden sich dô smiegen
begannen sich plötzlich zu verbiegen,
und in ein ander biegen
ineinander zu verschlingen
und herteclîchen krachen.
und schrecklich zu krachen.
von sus getânen sachen
Von diesen Ereignissen
weste niht sîn trût geselle,
hatte sein treuer Gefährte keine Ahnung,
daz in daz viur der helle
(wusste nicht) dass ihn (seinen Freund) das Höllenfeuer
sô snelle wolde verslinden,
so unversehens verschlingen wollte,
iedoch von zwein kinden
aber von zwei Jünglingen
wart ez im snelle kunt getân.
wurde ihm das rasch mitgeteilt.
do begunde er loufen unde gân
Da eilte er dorthin,
da er den gesellen ligen vant.
wo er seinen Kameraden liegen sah.
sîn hende er klagelîchen want,
Jammernd rang er seine Hände
er sprach: ‚vil trût geselle,
und sprach: „Mein lieber Gefährte,
mich wundert sêre, waz welle
ich möchte wissen, wie es
dîn siechtuom und dîn starkez ligen?‘
zu deiner Krankheit und Fallsucht gekommen ist!“
der sieche sprach: ‚mir ist verzigen
Der Kranke sagte: „Mir ist
dirre werlde vröude.
die Freude an dieser Welt vergangen.
der gotlîchen beschöude
Das Antlitz Gottes
werde ich niemals schauen dürfen.
Sathanas der sol den sic
Satan wird den Sieg
ûf mîner sêle gewinnen,
über meine Seele davontragen,
des enmac ich niht entrinnen.‘
da gibt es für mich kein Entrinnen.“
Todesfurcht
**Des antwurte er im drâte
**Darauf antwortete der andere ihm schnell
mît der wîsheit râte,
mit klugem Verstand:
er sprach: ‚vil lieber buole,
„Mein lieber Freund,
ûz dirre zouberschuole
aus dieser Zauberschule
soltû dich balde heizen tragen.
sollst du dich schnell fortschaffen lassen.
wir ensuln an gote sus niht verzagen:
Wir dürfen an Gott nicht auf solche Weise verzagen.
dû weist wol daz geschriben ist,
Du weißt genau, dass geschrieben steht,
daz unser herre Jêsus Krist
dass unser Herr Jesus Christus
durch den sünder ist geborn
für den Sünder geboren ist
unde im selber hât erkorn
und sich selber einen
einen marterlîchen tôt,
qualvollen Tod erwählt hat,
daz er êweclîcher nôt
damit er den Sünder
den sünder mohte entbinden;
aus ewigem Verderben erlösen konnte,
und swer genâde vinden
und dass jemand, der Gnade finden will
wolde umbe sîne missetât,
für seine Verfehlung,
daz der mit der schrifte rât
gemäß der Empfehlung der (Heiligen) Schrift
mit rehter riuwe kaeme
voll aufrichtiger Treue vor Gott
vür got und von im naeme
treten soll und von ihm
antlâz aller sünde
Befreiung von allen Sünden erlangen
und gnaedeclîchen vünde
und mildes Erbarmen finden könne
die süezen gotes hulde.‘
vor Gottes Gnade.“
der sieche sprach: ‚mîner schulde
Der Kranke rief: „Für meine Schuld
enmac ich gnâde vinden,
kann ich keine Gnade finden,
wan mich wil verslinden
denn mich wird der Teufel
der tiuvel in sîn wamme.
in seinen Bauch verschlingen!
der heizen helle vlamme
Dem glühenden Höllenfeuer
enmac ich niht entrinnen,
kann ich nicht entkommen,
ich muoz dar inne brinnen
ich muss darin brennen
êweclîche âne ende.‘
auf immer und ewig.“
sus warf sich gen der wende
Mit diesen Worten drehte sich der Kranke
der sieche in grôzen sorgen.
in schwerer Trostlosigkeit zur Wand.
sus begunde er worgen
Da begann er zu röcheln
in des tôdes schricke.
im Todeskampf.
mit schiuzlîchem blicke
Mit Furcht erregendem Blick
sach er den gesellen wider an,
sah er den Gefährten an
er sprach: ‚der swaere gotes ban
und sagte: „Der schwere Gottesbann
hât mich nû gebunden
hält mich nun gefesselt
zuo den hellehunden.‘
bei den Höllenhunden.“
**Des antwurte der gesunde
**Darauf antwortete ihm der Gesunde
mit wîsheit, als er kunde,
mit aller Weisheit, zu der er fähig war:
er sprach: ‚vil trût geselle,
„Lieber Kamerad,
zuo der bittern helle
für die finstere Hölle
bistû weizgot niht geborn.
bist Du bei Gott nicht geboren!
got bî im selber hât gesworn,
Gott hat selber versprochen,
daz er des sünders tôt niht wil.
dass er nicht den Tod des Sünders wünscht.
kein mensch gesündet nie sô vil,
Kein Mensch sündigt je so viel,
er vünde wol gotes hulde,
dass er nicht Gottes Gnade erlangen kann,
ob er umbe sîne schulde
wenn er wegen seiner Schuld
enphienge rehte riuwe.
aufrichtige Reue empfindet.
got ist sô wol getriuwe,
Gott ist so treu,
daz er sîn bloede hantgetât
dass er seine unvernünftige Schöpfung
in rehter riuwe niht enlât;
im Falle tiefer Reue nicht verlässt;
daz weistû selber baz denne ich.‘
das weißt du selber besser als ich!“
der sieche sprach: ‚dû toubest mich
Der Kranke sagte: „Du nervst mich
mit überiger sprâche!
mit deiner überflüssigen Rede!
got muoz sîn swinde râche
Gott wird seine Rache
an mir hiute erzeigen:
heute gewaltig an mir erweisen.
mîn leben muoz sich neigen
Mein Leben geht unweigerlich
in daz abgründe,
auf den Abgrund zu,
wan mîner swaeren sünde
denn meine schweren Sünden
enwil got niht vergezzen.
will Gott mir nicht verzeihen.
Für mich ist ein Platz
in deme helleviure
im Höllenfeuer angemessen,
wilde unde ungehiure.‘
schrecklich und grauenhaft.“
Rettungsversuch
**Dô schrei der gesunde lûte
**Da schrie der Gesunde
seinen besten Freund laut an,
ûz leidem herzen grimme
aus tief verwundetem Herzen
mit klagelîcher stimme,
schrecklich wehklagend:
er sprach: ‚vil lieber vriunt mîn,
„Mein liebster Freund,
verzage niht an dem schepfer dîn!
verzweifle nicht an deinem Schöpfer!
er mac und wil dir helfen baz.
Er kann und will dir gerne helfen!
und wirt dîn ouge in riuwe naz,
Und wird dein Auge vor Reue nass,
sô bistû an der sêle genesen.
dann ist deine Seele gerettet!
dû hâst dicke und oft gelesen
Du hast oft und oft gelesen
von sheiliggeistes lêre:
über die Anweisung des Heiligen Geistes:
geselle mîn, nû kêre
Mein Kamerad, wende dich jetzt
dich gen gote, daz ist mîn rât!
an Gott, das rate ich dir!
gedenke daz er gesprochen hât:
Denke daran, dass er gesagt hat:
‚Qua hora ingemuerit‘ –
‚Qua hora ingemuerit‘ –
daz sprichet entiusche: an swelher zît
das meint auf Deutsch: In dem Moment,
der sünder sich lât riuwen
in dem der Sünder seine Sünde
sîn sünde mit ganzen triuwen
vollkommen aufrichtig
und von herzen grunde
und aus ganzem Herzen bereut
ûz riuwevarwem munde
und aus reuigem Mund
einen siuften sent ze gote,
ein Seufzen zu Gott emporschickt,
der siufte wirt ein hôher bote,
so wird der Seufzer ein wertvoller Bote,
dem got niht enmac verzîhen,
dem Gott nichts abschlagen kann,
ern müeze dem sünder lîhen,
so dass er dem Sünder gewähren wird,
swes er in dem siuften gert.
worum er seufzend bittet.
sus wart der schâcher ouch gewert
Aus diesem Grund wurde sogar dem Schächer
an dem kriuze, dâ er hienc
Gnade gewährt, als er am Kreuz
bî gotes zeswen und enphienc
zur Rechten Gottes hing und
riuwe von herzen grunde:
aus tiefstem Herzen Reue verspürte:
dô wart im an der stunde
Da wurde ihm nämlich sofort
daz paradîs entslozzen.
das Paradies aufgeschlossen.
des hât manec sêle genozzen.‘
So manche Seele durfte das erfahren.“
**Der sieche sprach: ‚geselle mîn,
**Der Kranke sprach: „Mein Freund,
tuo mir hiute dîn triuwe schîn
tu mir heute den Gefallen
und swîc von solhen sachen.
und schweig von solchen Geschichten!
und hoere mîn herze krachen
Höre das Krachen meines Herzens
gen des tôdes vorhte,
aus Todesfurcht,
wan ich hân verworhte
denn ich habe
gotes gnâde und hulde.
Gottes Gnade und Erbarmen verwirkt.
mîner swaeren schulde
Von meiner schweren Schuld
enmac mir werden niemer buoz.
kann ich nie mehr befreit werden.
gotes segen und sîn gruoz
Gottes Segen und seine Zuwendung
hât sich vor mir verborgen.‘
haben sich von mir abgewandt.“
des antwurte im mit sorgen
Darauf antwortete ihm voll Sorge
sîn vriunt der gesunde,
sein gesunder Freund
er sprach ûz wîsem munde:
auf weise Art:
‚vil herzenlieber vriunt mîn,
„Mein herzliebster Freund,
êre got und trôste die sêle dîn
preise Gott und tröste deine Seele
mit eime siuften swaere:
mit einem tiefen Seufzer!
der wirt sô trôstbaere
Der wird für Gott
gote und dîner sêle,
und deine Seele ein so großer Trost sein,
daz dich sant Gabriêle
dass dich der heilige Gabriel
vor aller himelischer schar
im gesamten Kreis der himmlischen Schar
von allen sünden machet bar
von allen Sünden lossprechen
und vrî von missewende.
und von allen Schandtaten befreien wird.
sich, vriunt, sô wirt dîn ende
Sieh, Freund, dann wird dein Ende
guot, süeze und reine;
gut, friedlich und erlöst sein.
so gewinnet dîn sêle gemeine
Auf diese Weise erlangt deine Seele die glückselige
vröude mit der magede kint.
Gemeinschaft mit dem Sohn der Jungfrau.
vriunt, sich ûf und wis niht blint!
Freund, blicke nach oben und sei nicht blind!
dû maht noch weizgot wol genesen.
Du kannst, weiß Gott, noch ganz gerettet werden!
gedenke daz dû hâst gelesen,
Erinnere dich, dass du gelesen hast,
daz nie kein riuwe ze spaete wart
dass Reue noch nie zu spät kam,
wan nâch der lesten hinevart:
außer nach der letzten Reise.
so gewinne an siuften hulde
Daher erlange Erbarmen durch dein Flehen
gen got umbe alle schulde,
zu Gott wegen aller Sünden,
die der lîchname hât getân.
die dein Leib verübt hat.
wir vinden ouch geschriben stân,
Wir wissen auch, dass geschrieben steht,
daz got sich wil erbarmen
Gott will sich erbarmen
über den sünder armen
über den armen Sünder
in dem lesten âtemzuge.
(sogar noch) im letzten Atemzug.
daz ist allez wâr und niht ein luge.‘
Das ist ganz wahr und nicht gelogen!“
**Dô schrei der sieche sêre
**Da widersprach der Kranke lauthals
gen sînes vriundes lêre
der Belehrung durch den Freund,
von siechem herzen grimme.
voll Wut aus dem kranken Herzen.
mit zornlîcher stimme
Mit zorniger Stimme
sprach er: ‚vil lieber vriunt mîn:
rief er: „Mein lieber Freund.
der erbarmherzic schepfer dîn
der barmherzige Schöpfer soll
der helfe dir, ich bin verzaget
dir helfen – ich bin verzweifelt
an im und an der reinen maget,
an ihm und an der reinen Jungfrau,
diu in in ganzer kiusche gebar.
die ihn in völliger Keuschheit gebar.
dort kumet ein tiuvellîchiu schar,
Dort kommt eine Schar von Teufeln,
mit der sô muoz îch varen hin.
mit der muss ich nun dahinfahren.
sît ich an gote verzaget bin,
Weil ich an Gott verzweifelt bin,
der muoz sich hiute rechen
muss er sich heute an mir rächen
an mir und ûf mich sprechen
und über mich
eine urteile alsô grimme,
ein so furchtbares Urteil sprechen,
diu mit des vluoches stimme
das mit der Verkündigung der Verfluchung
gemenget ist sô vaste,
derart eng verbunden ist,
daz von des vluoches laste
dass durch die Last der Verdammnis
mîn herze sich muoz zerren
mein Herz zerreißen
und daz sich ûf muoz sperren
und die Hölle aufspringen wird
diu helle gen der sêle mîn.‘
für meine Seele.“
des antwurte im der vriunt sîn
Darauf antwortete ihm sein Freund
mit eime siuften swaere,
mit einem tiefen Seufzer:
er sprach: ‚vil bezzer maere
„Ich will dir eine viel bessere Botschaft
wil ich dir, lieber vriunt, sagen –,‘
verkünden, lieber Freund, ...“
der sieche sprach: ‚dû solt gedagen
Der Kranke sagte: „Du sollst schweigen
und solt versperren dînen munt,
und deinen Mund halten,
wan an dirre veigen stunt
denn in dieser verfluchten Stunde
bin ich an Jêsu Krist verzaget;
bin ich an Jesus Christus verzweifelt.
daz sî dir offenlîche gesaget.‘
Das sei dir unverhohlen gesagt.“
Eine letzte Bitte
**Dô sluoc sich ze herzen
**Da schlug sich
mit klagelîchen smerzen
sein gesunder Freund
sîn vriunt der gesunde.
wehklagend an die Brust.
von leides herzen grunde
Aus tiefstem Herzeleid
schrei er vil lûte unde sprach:
rief er lautstark:
‚so wê mir hiute und iemer ach,
„Weh mir, heute und immer,
daz ich dîn ie ze vriunde gewan!
dass ich jemals dein Freund wurde!
ich sihe wol, daz dich niemen kan
Ich sehe wohl, dass dich niemand
gewîsen noch gelêren;
leiten oder belehren kann.
got müeze dîn herze kêren
Gott soll dein Herz zur Umkehr bringen
nâch sînem lobe, des wünsche ich dir!
mit seiner Macht, das wünsche ich dir!
vil lieber vriunt, nû neige mir
Mein lieber Freund, nun leihe mir dein Ohr
dîn ôre und were mich einer bete;
und erlaube mir eine Bitte.
gedenke daz ich nie getete
Denk daran, dass ich niemals
willeclîchen wider dich!‘
absichtlich gegen dich gehandelt habe!“
der sieche sprach: ‚bit unde sprich,
Der Kranke sagte: „So sprich deine Bitte aus,
ê daz ich verscheide!‘
bevor ich sterbe!“
dô sprach mit herzenleide
Da sagte sein gesunder Freund
sîn vriunt der gesunde
aus gequältem Herzen
ûz vriuntlîchem munde:
in freundschaftlicher Verbundenheit:
‚ich bite dich, vriunt, ob dû maht,
„Ich bitte dich, mein Freund, wenn es dir möglich ist,
daz dû mir an der drîzegen naht,
dass du mir in der dreißigsten Nacht
ûf jenem berge werdes schîn.
dort auf jenem Berg erscheinst.
sich, vriunt, daz ist diu bete mîn.‘
Sieh, mein Freund, das ist meine Bitte!“
sus zeigete er im vil balde
Dabei zeigte er schnell
gen eime vinstern walde
in Richtung eines finsteren Waldes
einen berc wilde unde hôch.
auf einen wilden und hohen Berg.
der sieche den âtem swâre zôch,
Der Kranke atmete keuchend.
er sprach: ‚daz tuon ich, ob ich mac.‘
Er antwortete: „Das mache ich, wenn ich kann.“
dô kom des grimmen tôdes slac
Da kam der schreckliche Schlag des Todes
und zarrete im daz herze enzwein.
und riss ihm das Herz entzwei.
Starke Glieder und harte Knochen
begunden sich dô biegen
begannen sich da zu verbiegen
und in ein ander smiegen
und ineinander zu pressen
und krachen harte vaste.
und sehr laut zu krachen.
von des tôdes laste
Unter dem Druck des Todes
begunde er sich vaste zerren,
streckte er sich gewaltig,
hende unde vüeze sperren
begann Arme und Beine zu spreizen
und wider ze samen zücken
und wieder zusammenzureißen
und in ein ander smücken
und ineinander zu schlingen,
und balde wîte strecken,
bald wieder weit von sich zu strecken,
krümben unde recken
zu verkrümmen und zu recken
und in sich selber krimmen.
und zusammenzukrampfen.
Der Kranke
begunde der sieche vaste.
schäumte und heulte sehr.
von sînes herzen gaste
Durch den Gast in seinem Herzen
wart er vil sêre geletzet,
wurde er sehr arg gequält
der vröuden bar gesetzet.
und aller Freude beraubt.
noch wil ich sagen vürbaz,
Ich will euch aber noch mehr sagen,
als ich ez an dem buoche las:
was ich in dem Buch las:
sîn zene begunde er wetzen,
Er begann mit den Zähnen zu knirschen,
vaste ûf ein ander setzen
fest aufeinander zu pressen
und durch die zungen bîzen.
und sich durch die Zunge zu beißen.
sîn varwe sach man glîzen
Seine Hautfarbe sah man
in des tôdes gilwe.
leichenblass schimmern.
eins wolkens trüebiu hilwe
Eine undurchsichtige Dampfwolke
huop sich vor dem siechen.
erhob sich von dem Kranken.
switzen unde riechen
Das Höllenfeuer brachte den Verzagten
wart der verzagete hellebrant.
zum Schwitzen und Stinken.
des wart vil snelle ein hôhez pfant
Dadurch wurde blitzschnell ein wertvolles Pfand
gezücket von dem herzen sîn:
aus seinem Herzen geraubt,
ich meine die sêle, diu vuor dâ hin
und zwar die Seele, die dahinfuhr
mit der tiuvellîchen schar,
mit der Teufelsschar,
diu nâch ir was komen dar.
die gekommen war, sie zu holen.
Aufrichtige Reue
Waz sol ich nû mêre sagen?
Was soll ich noch weiter sagen?
der lîchname wart ze velde getragen
Der Leichnam wurde zu Grabe getragen,
ungesprenget und âne segen,
ohne Weihwasser und ohne Segen,
wan er verzaget was tôt gelegen
weil er gestorben war
in kristenlîchem glouben;
ohne Vertrauen in den christlichen Glauben.
des muoste man in berouben
Deshalb musste man ihm
kristenlîcher gemeine.
die christliche Gemeinschaft vorenthalten.
sus beleip sît alterseine
Sein gesunder Freund blieb aber
sîn vriunt der gesunde.
ganz allein zurück.
ûz leides herzen grunde
Aus tiefstem Herzeleid
suochte er die wâren riuwe.
entschied er sich für die aufrichtige Reue.
mit kristenlîcher triuwe
Mit christlichem Vertrauen
kom er zeinem priester guot,
kam er zu einem vortrefflichen Priester
er sprach: ‚hêrre, mînes herzen muot
und sagte: „Herr, mein seelischer Zustand
hât mich her ziu gewîset.
hat mich zu Euch hergeführt.
sît iuch got hât geprîset
Denn Gott hat Euch mit so tiefer religiöser
mit sô geistlîchen siten,
Gesinnung ausgezeichnet,
dar zuo sô hât iuch niht vermiten
außerdem fehlt es Euch nicht an
kunst, zuht und êre,
Wissen, guter Ausbildung und Ansehen,
dâ von sô wil ich lêre
daher will ich mich heute
hiute von iu enphâhen
von Euch belehren lassen
und wil vil snelle gâhen
und will schleunigst
von mînen starken sünden.
meine schweren Sünden loswerden.
mîn unreht wil ich künden
Meine Schuld will ich bekennen
mit rehter riuwe wider mich.‘
in aufrichtiger Reue vor mir selbst.“
der priester sprach: ‚sô wil ich dich
Der Priester sprach: „So will ich dich
vil gerne hoeren an gotes stat.‘
gerne als Stellvertreter Gottes anhören.“
der sünder in dô sitzen bat
Der Sünder bat ihn, sich zu setzen,
und kniete vil wirdeclîche vür in
kniete sehr ehrfurchtsvoll vor ihm nieder
und sprach: ‚vil lieber herre mîn,
und sagte: „Mein sehr verehrter Herr,
erschrecket niht von mîner sage
erschreckt nicht über das, was ich sage,
und merket rehte mîns herzen klage!
und achtet gebührend auf die Klage meines Herzens!
des bite ich durch den hôhen got,
Darum bitte ich in des großen Gottes Namen,
der grôze schande und herten spot
der große Schande und arge Dummheit
durch mich armen hât erliten.‘
von mir Armen erdulden musste.“
der priester sprach mit guoten siten:
Der Priester sagte, wie es üblich ist:
‚vürhte dir niht, vil liebez kint!
„Fürchte dich nicht, mein lieber Sohn!
swie swaere und grôz dîn sünde sint,
Wie schwerwiegend und groß deine Sünden auch sind,
der müeze got hiute vergezzen.‘
die wird dir Gott heute verzeihen.“
Erlösung
dô begunde er mezzen
Da stieß jener
manegen siuften lange.
manchen tiefen Seufzer aus:
vil naz wart im sîn wange
Ganz nass wurden ihm seine Wangen
von manegen zähern grôzen
von vielen großen Tränen,
die er begunde stôzen
die er aus Reue
mit riuwe von sînen ougen.
aus seinen Augen presste.
dô seite er âne lougen
Dann bekannte er ohne Leugnen
grôz unde kleine,
alle großen und kleinen Sünden,
swaz er von kindes beine
die er von Kindesbeinen an
begangen hete mit sünden.
verübt hatte.
daz begunde er allez künden
All das gestand er
mit rehter riuwe des herzen.
in aufrichtiger Reue des Herzens.
nâch klagelîchen smerzen
Unter jämmerlichen Schmerzen
wart er mit ganzer bîhte sich
begann er sich aufgrund der vollständigen Beichte
jungen harte wizzeclich
ganz zielstrebig zu verjüngen,
rehte sam der adelaere,
gerade so wie der Adler:
sô im sîn lîp ze swaere
Wenn diesem sein Leib
von überigem alter ist,
im hohen Alter zu schwer wird,
sô wirt er gar in kurzer vrist
dann wird er in kürzester Zeit
wider junc, als ich iu sage:
wieder jung, wie ich euch sage.
er vliuget hôhe an einem tage
Er fliegt eines Tages hoch hinauf
ob eines sêwes stamme
zum Ursprung eines Sees
ûf in der wolken flamme;
bis in eine glühende Wolke.
dâ brennet er sîn gevider
Dort verbrennt er sein Gefieder
und vallet denne her nider
und stürzt dann
gar besenget in den sê.
vollständig versengt in den See herab.
sus wirt er wider junc als ê
Auf diese Weise wird er wieder jung wie früher
unde wirt im sîn gevider
und sein Gefieder
wahsende schiere wider,
wächst im schnell wieder nach,
harte schoene unde glanz,
sehr schön und glänzend,
wol gevüeget unde ganz
genau passend und vollständig,
edel und dicht;
sîn snabel wol gelenket,
sein Schnabel ist perfekt gekrümmt,
sîn ougen klâr und sinewel,
seine Augen sind leuchtend und rund,
sîn vlüge ringe und harte snel,
seine Flügel leicht und sehr schnell,
seine Krallen lang und dabei schlank,
sîn herze küene und vaste starc, –
sein Herz ist mutig und sehr stark –
daz vinden wir von im geschriben.
so steht es über ihn geschrieben.
sus hete den sünder ouch getriben
Auf dieselbe Weise hatte auch den Sünder
sîns herzen bîhte ûf hôhe enbor
seine aufrichtige Beichte hoch emporgehoben
unz an daz himelische tor,
bis an das Tor des Paradieses,
dâ er in heizer riuwe
wo er in glühender Reue
nâch kristenlîcher triuwe
gemäß christlicher Zuversicht
sîns herzen übervlüzzecheit
alles Schädliche seines Herzens
gar verbrante unde besneit;
völlig verbrannte und stutzte.
dar nâch sô viel er in den sê,
Danach fiel er in den See,
ich meine die zäher, die ich ê
nämlich in den seiner Tränen, von denen ich vorhin
ûf sînem wange ligen sprach.
gesagt habe, dass sie seine Wangen benetzten.