Bernhard

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Kommentar

Thomas Bernhard (1931–1989), österr. Schriftsteller

Textausschnitte

Herbst, Freiheit, S. 9

[...] – Eine Aufnahme der weitläufigen Terrasse bei Tageslicht, tief unten, Aufsicht, scharfe Konturen; die Terrasse übrigens nicht aus Beton, wie bei Bernhard, im Hotel Paris in Palma, kein Beton, wie beim unglücklichen Mann der Anna Härdtl, kein Beton-, sondern ein Ziegelboden, vielfach ausgebessert, verwittert zum Teil, für mich wie geschaffen; dieser an den Park grenzenden Terrasse werde ich nicht widerstanden haben können [...]

Üble Nachrede, S. 95

[...] Hätte ich ihn geschrieben, hätte ich, den Inhalt betreffend, die Nachricht, das Gerücht, in Umlauf gebracht, in meinem neuen Werk auf gerichtsnotorische Weise über Vertreter der sogenannten Wiener Gruppe, über konkrete Poesie und Jazz mich hergemacht und bestimmten Einzelpersonen, auch dem Minister und Kriegstreiber Mock, auf das Übelste nachgeredet zu haben, so daß es bald schon, sehr bald, dem Doktor Haider zu Ohren gekommen wäre, der daraufhin, wie schon bei HOLZ- FÄLLEN vonThomasBernhard,vomVerlagdieDruckfahnen sich besorgt hätte, um nach der Lektüre, aber noch vor dem Erscheinen vom Verleger oder auch von mir die Streichung dieses Namens, die Unterlassung jener Passage zu verlangen, zu erbitten, wie der Doktor Haider es umschrieben hätte – vergeblich freilich, zumindest so weit es mich betroffen hätte [...]

Üble Nachrede, S. 97

[...] Natürlich ist der Tonhof, die Tonhofzeit in Maria Saal, genauer das Ende der Tonhofzeit ein dunkles Kapitel in der Bernhard [...]

Üble Nachrede, S. 104

[...] Kunst? Welche Kunst, wessen Kunst? Herr Doktor Haider, wessen Kunst, welche? Einem rumänischen Kleinkind sein gewaltiges Glied in den Mund zu stecken, genauer, von einem anderen, um ihm die Ehre abzuschneiden, zu behaupten, er habe sein gewaltiges Glied in den Mund eines rumänischen Kleinkindes gesteckt m – du meine Güte, was für ein Schläger! –, das wäre Kunst, das würde Kunst gewesen sein, Kunst, die Sie meinen, Doktor Haider? Kunst, oder Freiheit, oder Freiheit der Kunst? Auf dem Marktplatz sich zu entblößen, genauer, von einem anderen in einem Kunstwerk – Kunstwerk! – solches zu behaupten – Kunst? Die Scheußlichkeit der Beine und der haarlose Hinterkopf, der von nichts als von Perversität rhythmisierte Gang, das, und anderes mehr, vom Lampersberg, in der Kunstfigur des Auersberger, zu behaupten, das wäre Kunst, Doktor Haider? Die widernatürliche Beziehung des Komponisten Lampersberg zum Dichter Bernhard – die Zukunft Österreichs ? Die Zukunft Österreichs hier begraben? Doktor Haider, Koberg am Apparat, die Zukunft Österreichs hier begraben?? Wie?, nicht begraben, im Gegenteil, frei, freigelegt, offengelegt, gefilzt, entfilzt, durchfilzt der rotschwarze Filz, die Entfilzung des Filzes, das wird die Kunst sein, oder die Zukunft, oder beides? Aber Doktor Haider, Beuys hat immer mit grauem Filz, mit Naturfilz gearbeitet, mit Fett und Filz, und die Beschädigung eines Beuyskunstwerkes, etwa ins FETTNÄPF- CHEN zu treten, oder gar zu springen, kann teuer kommen, sehr teuer, Dieter Rot kann ein Lied davon singen [...]

Üble Nachrede, S. 110

[...] (Herr Staatsanwalt? Staatsanwalt Sittenthaler? Bitte, ich – Hallo? Bin ich das, bin ich auf Sendung? Ja, bitte, ich, mein Name tut nichts zur Sache, ich möchte etwas bekanntgeben, und zwar hat ein gewisser Bernhard in einem Programmheft des Bochumer Schauspielhauses behauptet, daß die katholische Kirche mit ihrem widerwärtigen Lieben Gott Afrika vergiftet habe, und daß sie jetzt gerade dabei sei, Lateinamerika zu vergiften mit ihrem widerwärtigen Lieben – Bitte? Aber nein, nicht Achternbusch, Bernhard ist der Name, wie der berühmte Dichter, genau so, ein gewisser Bernhard hat das geschrieben, und weiter behauptet, die katholische Kirche sei die Weltvergifterin, die Weltzerstörerin, die Weltvernichterin; die Kirche eine Weltvergifterin, Herr Staatsanwalt, das ist doch die Höhe – Bitte? Das ist die Wahrheit, sagen Sie? Die Wahrheit, und nichts als sie? Sie als Staatsanwalt? Das ist nicht nur die Höhe, das ist der Gipfel! Der Gipfel der Impertinenz, eine Impertinenz sondergleichen! Ein feiner Staatsanwalt [...]

Üble Nachrede, S. 112

[...] (Nein, wie taktvoll umschrieben; Was war denn dort, wurde den Insassen täglich einer abgewichst? Wurden gewaltige Glieder in die Münder deutscher Kleinkinder manövriert, wurde den Wachmannschaften übel nachgeredet?) Er stelle nun die Frage, ob, bezogen auf die heutige Gesetzeslage, eine Beschlagnahme solcher Kunstwerke, in denen zu Haß, Mord, ja sogar Völkermord aufgerufen wird, nur deshalb verpönt wäre, weil eine solche Maßnahme dem Grundsatz der Freiheit der Kunst widerspräche? (Die Dummheit, hätte ich, hätte ich denn, geschrieben, die Dummheit und ihre Lehre sind offenbar frei, da hilft kein Staatsanwalt, keine Anrufung; von Beleidigung und übler Nachrede über Spott und Verachtung zu Mord und Schändung, ja Völkermord; Von der Gentzgasse über deutschen Boden 1945 weiter nach Auschwitz, hätte ich, in einem Exkurs über die verschlungenen Pfade der Freiheit der Kunst, angemerkt, Bernhard Ehrenburg Harlan – Ein Vergleich, hätte ich geschrieben, das ist die Wahrheit [...]

Üble Nachrede, S. 119

[...] In einem weiteren als Bekanntgabe ausgewiesenen Schriftsatz hätte ich geschrieben, genauer: aus den mir zugespielten Gerichtsakten abgeschrieben, führt der Privatankläger und Bühnenkomponist Lampersberg – Darsteller Rechtsanwalt Morant, Spielleitung Doktor Haider – aus: Schon im Jahr 1977 sei anläßlich eines Bernhard-Symposions in Triest Professor Sigurd Paul Scheichl, Innsbruck, zum Schluß gekommen, man finde in den Werken des B [...]

Üble Nachrede, S. 122

[...] Dem Bruder Schlafe hätte ich den Namen Thomas Bernhard zum Mund hinaus geschossen; wie wenn nicht auch er schon – nein, er nicht, der nicht einmal das, oder vielleicht doch, wie wenn er nicht seinen Katheter in den gewaltigen Hintern des Joseph Vilsmaier gesteckt hätte, jo leck du mich am Orrsch! Aber von den Vorarlbergern ist noch nie viel zu halten gewesen, so wenig wie von den Niederösterreichern oder Oberösterreichern [...]

Kalte Herberge, S. 269

[...] – Diese vielen ekelhaften Menschen, Menschen, nun, diese vielen ekelhaften Erscheinungen im damit vollgestopften Autobus 74 A , die Landstraßer Hauptstraße hinauf oder hinunter, welche Qual, ihnen mehrmals täglich ausgesetzt zu sein, ihnen und ihren mitgeführten, mit sich getragenen Schicksalen, Lebensgestaltungen, Alltagsbewältigungen, Kinderwagen, Krücken; Inländer, Ausländer, Wiener, Asiaten, gleichviel, nein, gleichviel nicht, die Wiener, die Hiesigen, sind allemal scheußlicher, Paare vor allem, alte und ältere, verstunkene Wiener Ehepaare, wie sie hereinzittern in den Autobus, wie sie hinauszittern aus dem Autobus, dem Autobus 74 A , fürsorglich um einander bemüht und eben deshalb einander abgrundtief gram, wie ich sie hasse! –Nein, Thomas Bernhard kann da überhaupt nicht mitreden, der ist nie mit dem Autobus 74 A gefahren, damals hat es überhaupt noch keinen 74 A gegeben, damals hat es nur – nur!, nur ist gut – die Straßenbahnlinien J und T nach Erdberg oder St [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 307

[...] Bernhard [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 331

[...] Harald Reinl, Grün ist die Heide, Der Schatz am Silbersee, dieser, schon wieder Harald Reinl, und Bernhard Minetti, natürlich, noch naturgemäßer, am naturgemäßesten überhaupt: Bernhard Minetti als Marquese Don Sebastiano, und natürlich haben Sie auch nicht, so Minetti, meineidesstattliche Erklärung, Ihren Filmpartner, den einfältigen, aber aufrechten Schafhirten Pedro unter zweitausend vorbeidefilierenden Gebirgsjägern ausgesucht, sondern zufällig in St [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 333

[...] Plötzlich greift ein Wolf die Herde an: Ein Filmwolf aus dem Leipziger Zoo, gezähmt und für die Szene abgerichtet von Bernhard Grzimek, naturgemäß Bernhard, schon wieder Bernhard, Grzimek, eine Weltverblüffung auch er; der Hirte Pedro jedoch, dargestellt von Franz Eichberger, auf dessen Erstauftritt das deutsche Filmpublikum gespannt sein darf, der Hirte Pedro jagt den Wolf und erwürgt ihn [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 334

[...] Kornmühle, Dorfbrunnen, Schenke, in den Machtbereich des verhaßten und hoch verschuldeten Marquis Don Sebastiano, Bernhard Minetti in der Rolle seines Lebens, auf der Höhe seiner Kunst; jawohl, Bernhard hin, „Minetti“ her, es wird nie einen besseren Minetti gegeben haben als den Minetti in der Rolle des Don Sebastiano in TIEFLAND, allein dieser etwas röntgenäugige stiere Blick, diese wie aus Holz geschnitzten, holzkasperhaften Gesichtszüge – Minetti eben, Bernhard; hinab in den Machtbereich von Leni Riefenstahl, das blaue Licht leuchte ihr, TIEFLAND, Obsession, im Auftrag des Führers und aus von Reichsleiter Bormann verwalteten Mitteln, hier soll es damals passiert sein: Dorfplatz von Roccabruna, Außen, Tag; Bauern, Knechte und Mägde; Kinder; Kinder von südländischem Aussehen, wie auch die Mägde, Knechte und Bauern, Spanier eben [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 335

[...] aus Villach, genauer, wie ein Jahr später, 1941, im Verzeichnis der neuerlich gemäß Vertrag mit der Riefenstahl-Film für die Aufnahmen in Krün bei Mittenwald verpflichteten Zigeuner berichtigt, aus Seebach bei Villach; aus Villach sogar, aus Seebach, da hört sich doch alles auf! Aus Seebach, aus der Vorstadt, aus Villach, wo einige Jahre später, einige Kilometer entfernt, in einer anderen Vorstadt ich das Licht der Welt erblickt hatte, während es für Rosa Herzenberger möglicherweise schon wieder gelöscht war, aus Villach, jetzt spielt es aber Granada! – Und doch, anders besehen, anders beleuchtet, so frü- her Nachruhm: keine zehn Jahre alt, Herzenberger Rosa aus Villach und Blach Josefine aus dem Drautal, und jünger noch die anderen, Eberle Josefa und Reiminius Angela, und die etlichen Mädchen Winter, so klein und schon mit Leni Riefenstahl und Bernhard Minetti am Filmset – ROCCABRUNA, Dorfplatz, Außen, Tag; Totale [...]


Zitiervorschlag:
Bernhard. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.herbst.26, 2019-02.