Hugo Schuchardt an Reinhold Köhler (037-S.77-80)

von Hugo Schuchardt

an Reinhold Köhler

Gotha

10. 10. 1869

language Deutsch

Schlagwörter: Großherzogliche Bibliothek Weimarlanguage Piemontesische Dialektelanguage Lombardische Dialektelanguage Friaulischlanguage Rätoromanische Sprachenlanguage Venezianischlanguage Französischlanguage Toskanische Dialektelanguage Kalabresische Dialektelanguage Sizilianische Dialektelanguage Dalmatischlanguage Italienischlanguage Italienische Dialekte Diez, Friedrich D´Ancona, Alessandro Morandi, Luigi Rom Italien Weimar Schmeller, Johann Andreas (1827–1837) Fanfani, Pietro (1863)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Reinhold Köhler (037-S.77-80). Gotha, 10. 10. 1869. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6686, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6686.


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Gotha 10/10 69.

[S. 77-80]

Lieber Freund! Bestens dankend sende ich die Scheine zurück. Ich habe die Grossherz. Bibliothek nun hübsch geplündert.

Buseron steht in der Frommanschen Ausgabe des Schmeller1 (aus Hans Sachs belegt). (sollte übrigens nicht busereinen ebenda damit zusammenhängen?)

Buggiarone ist römische Form für buggerone. Über dieses und die verwandten Wörter wohl am Ausführlichsten P. Fanfani Vocabloario dell’uso toscano Firenze 1863, das ich Ihnen überhaupt empfehle, da es sehr viel zur Kenntnis der Sitten beiträgt. Ich brauche es zwar sehr viel, doch steht es Ihnen gern für einige Tage zu Diensten. Daraus: buggerone Sodomit (so Ende des 16ten Jhhs.Busini Lettere 35); buggeramente Sodomiterei (ebenfalls bei Basini 125). Gewöhnlich aber wird buggerone übertragen gebraucht, z.B. anima buggerone verfluchter Kerl oder ähnlich; buggerata Aufschneiderei, Lüge, Versehen, Bagatelle u.s.w.; buggerare – stimmt ziemlich mit unserem scheissen, bescheissen überein z.B. l’ho buggerato oder va a farti buggerare oder als Ausruf buggerarti! buggerato! Als Nebenform führt Fanfani buscherare, buggiancare an.

In Rom: buggiarà und euphemistisch buzzarà, buscherà, bischerà mit den verschiedenartigsten Ableitungen (sehr gewöhnlich me ne buschero, ich sch…. darauf!) Budellà mit Anlehnung an budello, Darm, ist hier wie in Toskana gebräuchlich |2| Neap. busciarone, buzzarone, piemont.bousaron, lombard.buzeron, u. s. w. = paedico. Ferner friaul.buzarone, buzarâ u.s.w. (auch budelâ) in entsprechenden Bedeutungen. Ebenso churwälsch (Graub. Oberland) busarar, zu Grunde richten temma busaruma schreckliche Furcht busez Kerl u.s.w. Venezianischbuzarar u.s.w. Verzeihen Sie dass ich Ihnen diese Angaben in einer etwas ungeordneten Weise mittheile, wie sie mir gerade beifallen. Das Wort ist durch ganz Italien, wie das Laster selbst, verbreitet, doch in vielen Wörterbüchern wird es überhaupt oder mit der ursprünglichen Bedeutung fehlen. Ich bin fest überzeugt, dass buggerone mag es nun mit buco, bugio Loch, zusammenhängen oder nicht, dasselbe Wort ist wie fr.bougre, dessen Bedeutung paedico fest steht, sodass die Bulgaren, von denen Diez dieses herleitet, von grosser Schmach gerettet würden.

Die Dialekt-Komödie ist sehr interessant, mir besonders wegen der Römischen, Peruginischen und Matriccianischen. Ich habe zu Rom einmal 20 bis 30 Bände alter Komödien durchgesehen, ohne für mich irgend Interessantes gefunden zu haben. Bergamaskisch, venezianisch, napoletanisch sind häufig in solchen vertreten; mir liegt besonders an mittel- und süditalienischen Mundarten (mit Ausschluss des Toskanischen, Napolitanischen, Kalabresischen, Sizilianischen), z.B. Perugino, Norcino, Spoletano, Anconitano, Abruzzese. Wenn Sie mehr von solchen Komödien haben, so sind Sie vielleicht einmal so gütig, sie darauf hin durchzublättern (für den Moment würden mir auch friaulische, |3| istrische und dalmatische Interlokutoren sehr willkommen sein. Sprechen Sie doch einmal mit Ancona darüber, ob diese ganze Komödienlitteratur des 16ten und folgenden Jahrhunderts sehr selten ist und wie man sich Bestimmtes aus ihr am Ersten verschaffen kann. Die Lustspiele des bekannten Andrea Calmo2 habe ich in den Hauptbibliotheken Italiens gar nicht oder ganz vereinzelt gefunden (besässen Sie zufälligerweise die Egloghe pastorali und il Travaglia von ihm?) Ich führe Einiges an, nach welchem ich suche:

Opera nuova, nella quale si contiene il Maridazzo della Brunettina, sorella di Zan Tabari Canaja de Val Pelosa Verona – ristamp. Brescia 1582 ( römisch )

La Colombina Milano 1737 (norcinisch)

Consonancie di echo Venezia 1540 ( römisch )

Mascarate et Capricci dilettevoli u. s. w. di P. Veraldo Venezia 1626 (römisch, norcinisch)

Grüssen Sie d’Ancona bestens von mir. Ich habe seinen Brief empfangen3 und danke ihm für die Anerbietungen; ich halte die dargereichte Hand fest.4 Mein romanesker Brief war ernst gemeint (# sowohl was wirkliche Raumvermischung als was besonders geistigen Austausch und Verpflanzung von Lehrkräften betrifft); seine florentiner Orthographie würde ich ja wohl verstanden haben, wie ich die des Zannoni verstehe.5Luigi Morandi6 hat mir Belli’sche Sonette und Loreto Mattei’s Gedichte in der Mundart von Rieti geschickt.7 Wünschen Sie d’Ancona von meinem Vater und mir glückliche Reise.

Vielleicht komme ich in diesen Tagen noch nach Weimar, freilich um meine Mutter zu begleiten.

Verzeihen Sie die Eilfertigkeit dieses Briefs!

Ihr

Hugo Schuchardt


1 Johann Andreas Schmeller, Bayerisches Wörterbuch, nach Hans Sachs, IV, 3, 91 (im Sinne von „Beischläfer“).

2 Andrea Calmo (1510-1571), aus Venedig stammender Komödiendichter, der seine Protagonisten mal Italienisch, mal italienische Dialekte sprechen lässt.

3 Vgl. HSA 07-00082 (Weimar, 9.10.1869).

4 Vermutlich ist das P.S. von 07-00082 gemeint: „Partirò di quà entro la settimana prossima: se avete qualche commissione per l’Italia, datemela con sollecitudine“.

5 Alessandro D’Ancona stammte aus Pisa, Antonio Zannoni (1833-1910) aus Ceretolo bei Bologna.

6 Luigi Morandi (1844-1922), ital. Literaturhistoriker; vgl. HSA 07466-07469.

7 Giuseppe Gioachino Belli, I Sonetti romaneschi; Loreto Moretti, Sonetti in vernacolo reatino.

Faksimiles: Die Verwendung dieses Exemplars im „Hugo Schuchardt Archiv” wurde von der Archivdatenbank des Goethe- und Schiller-Archivs gestattet. (Sig. S.77)