Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (409-231)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

07. 12. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Hamburg Revue internationale des études basqueslanguage Hindustanilanguage Deutschlanguage Berberischlanguage Meroitischlanguage Nubische Sprachen Urquijo Ybarra, Julio de Trombetti, Alfredo Urtel, Hermann Gavel, Henri Stempf, Victor Müller, Friedrich Straßburg

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (409-231). Graz, 07. 12. 1921. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6101, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6101.


|1|

Graz, 7.12.’21

Lieber Freund!

Vielen Dank für Ihren gestern eingetroffenen Brief, der mir eine sehr willkommene Botschaft brachte. Während der Abdruck einiger Kleinigkeiten von mir (sogar von 1920) noch nicht bewirkt ist, sehe ich die doch gewiß mühevolle Drucksetzung und Korrektur meines nicht ganz kurzen Aufsatzes in wenigen Wochen vollendet! Auch ich hatte mich, da Urquijo meine Arbeit zum 1. Jänner 1922 haben wollte, möglichst geeilt und so ist vielleicht in einem oder dem andern Punkte die äußere Sorgfalt zu kurz gekommen. |2| Eine Weglassung zweier Wörtchen habe ich festgestellt; von den übrigen Fragezeichen am Rande habe ich nicht ausmachen können worauf sie sich beziehen (etche-an von etche-a, ezpeleta als appell., verschiedene Betonung von uretan, gan-a gizon-a-k bei Trombetti ??). Nun qui vivra, verra. Ich hoffe daß in diesen Tagen mir die Endkorrektur zukommen wird.

Für Ihre Bemerkungen dazu bin ich sehr dankbar. Besonders interessant ist mir publiertze, peuplier, in dem ich ein franz.-bask. Mischwort sehe (ein hybrides W.):

publier = peuplier

...*lertze = lertzun

Schade daß das nicht mehr (in einer Anmerkung) hinzuzufügen ist.

Was Urtel anlangt, so kann man ihn, im objektiven Sinn, als brief-|3|faul bezeichnen. Er hat mir z.B. den Empfang von Gavels Buch nicht angezeigt, auch sonst bei mancher Gelegenheit geschwiegen. Aber wenn auch selten so schreibt er doch immer sehr lieb und hübsch. Man muß wissen daß er ungemein in Anspruch genommen ist. Gerade vor einem Jahr hat er sich an der Hamburger Universität habilitiert, und hält neben seinen 12 wöchentlichen Schulstunden Vorlesungen über neufranzösische Literatur, Übungen im Altfranzösischen, Studentenprüfungen und schreibt – dicatur sub rosa – an einem Buch über Maupassant. Dazu muß er öfter Familienmutter spielen, da seine Frau gern Aufenthalte in ihrer Heimat macht (sie ist Schwedin; ich lernte das Ehepaar auf dem Grazer Philologentag von 1909 kennen). Also……! Wozu aber die RB 1922, wenn sie nur das Werk von Gavel enthält (das ganze in einem Heft?), an Urtel schicken, wenn |4| er es schon besitzt? Ich würde dann ihm einen andern empfehlen dem er abtreten sollte.

Vinsons Schrift zu besprechen liegt mir ganz fern. Belustigt hat es mich daß er das Hindustani heranzieht (S. 21), wo das Deutsche den gleichen Dienst getan hätte. Hierzulande wird bei Gebrauch des Titels immer der Plural gesetzt: wünschen (der) Herr Hofrat? haben (die) gnädige Frau schon gesehen? Im Norden ist das Bedientenstil statt: wünschen Sie…. haben Sie…. Wenn er S. 37 von einer Phantasie spricht die vielleicht mitgeholfen habe „à provoquer la théorie passive proposée il y a une vingtaine d’années par M. Stempf“ so bemerke ich daß es heißen muß une trentaine und daß diese Theorie schon vorher, 1887 von Fr. Müller, 1888 von mir aufgestellt worden ist…

Wegen unseres Neudrucks von Leizarraga, bitte ich sich an die Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Co (Nachfolger von |5| Kurt Trübner in Straßburg) Berlin 10 zu wenden.

In bezug auf Ihre beiden Fragen am Schluß sage ich folgendes

1. Die Sprache der Inschriften und die der Orts- und Personennamen stehen nicht in wirklichem Widerspruch zueinander; aber man kann auch nicht als erwiesen ansehen daß sie beide identisch sind. Der inschriftliche Wortschatz ist sehr beschränkt und wenn sich nun auch dieselben Namen wie die sonst überlieferten hier wiederfänden oder wiederfinden (wie es mit Astigi der Fall ist), so würde eben weil es sich um Eigennamen handelt, nichts bewiesen sein. Die Wahrscheinlichkeit bleibt daß die Inschriften in einer dem Aquitanischen nahe stehenden Sprache abgefaßt sind. Ein paar Inschriften in ein paar Zeilen jede könnten uns sehr vorwärts bringen; |6| deshalb lechze ich so nach der neuentdeckten Inschrift – aber ich vermute jetzt fast, daß es sich um irgend eine, ungewollte, Täuschung handelt. Vielleicht finde ich noch Gelegenheit, auf diese Frage in populärer Form zurückkommen. Einstweilen erinnere ich daran daß die libyschen Inschriften sich durch das Berberische, die meroitischen durch das Nubische wenig aufklären lassen.

2. Die „iberischen“ Inschriften (ich bediene mich der Gänsefüßchen nur um niemanden vor den Kopf zu stoßen) sind besonders – doch kann man eigentlich, bei ihrer beschränkten Zahl, diesen Ausdruck nicht gebrauchen, im Osten der Halbinsel gefunden worden. Wenn Sie zu einem bestimmten Zweck nähere Angaben nötig haben, will ich zusehen ob ich Ihnen solche liefern kann.

Ich danke noch bestens für „Perkain“, der Hoffnung auf weitere Mitteilungen erweckt.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

H.

Von diesem Korrespondenzstück ist derzeit keine digitale Reproduktion verfügbar.