Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (03-03595)

von Louis Gauchat

an Hugo Schuchardt

Bern

07. 05. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Haspel Etymologie Bulletin du Glossaire des patois de la Suisse romande Spindel Spinnen und Weben Garnwindelanguage Ido Mussafia, Adolf

Zitiervorschlag: Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (03-03595). Bern, 07. 05. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4728, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4728.


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Bern, 7 Mai 05

Sehr geehrter Herr Kollege

Sie haben Ihren Kampf gegen diejenigen welche in ihren etym. Untersuchungen das Sachliche vernachlässigen, nie so siegreich geführt, wie in Ihrer letzten Schrift.1 Ich traute meinen Augen kaum, als ich Ihren Brief an Mussafia auspackte. So vornehm ist noch keine phil. Arbeit ausgestattet worden. Aber hier gehört die Ausstattung zum Werk. Die vielen Illustrationen legen sofort nahe, dass es vielmehr Abarten von einem so einfachen Ding wie die Haspel und Garnwinden gibt, als man sich träumen lässt. Das mahnt künftige Forscher zur Vorsicht. Ich hoffe Ihnen bald zu zeigen, dass Ihre Worte bei der Redaktion des Glossaire auf günstigen Boden fallen. Wir werden lieber die etym. Grübelei, die ja später immer nachgeholt werden kann, vernachlässigen, als alles Faktische. Alte Instrumente werden immer seltener werden. Und von Herzen unterschreibe ich Ihren Satz, dass alle Genealogie sich in Kulturgeschichte umwandeln muss. Mein einziger Kummer ist die Frage, ob unser Können auf der Höhe unseres Wollens sein wird. Mangelnde Zeit und drängende subventionirende Behörden sind böse Widersacher sachlicher Unterschungen.

Es thut mir leid, Ihnen zu Ihrer Arbeit kein Material geliefert zu haben. Handspindeln sind hier nicht vorhanden, aber über sonstige Spindeln und Winden haben wir schönes Material, teilweise mit Croquis. Verfügen Sie ja doch über uns, wenn Sie wieder in den Fall kommen. Bei uns wird der Haspel meist dévidoir oder bourgerete2 genannt, die Winde écoursoires ge[nannt]. Aber es kommen viele Verwechslungen vor, die durch das Verschwinden des Spinnens und Webens befördert werden.

Mit herzl. Dank Ihr ganz ergebener
L. Gauchat


1 Vgl. Anm. 1 zu Lfd. Nr. 02-03594.

2 Vgl. GPSR II, 1934-54 , 657-658 (mit Abb. von Spinngerät); écoursoires hat keinen Eintrag.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 03595)