Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (036-01073)

von Ferdinand Blumentritt

an Hugo Schuchardt

Leitmeritz

10. 06. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Zensus Networkinglanguage Spanisch (Philippinen)language Spanischbasierte Kreolsprache (Philippinen)language Cebuano Meyer, A. B. Juanmartí, Jacinto Bea, Ramon Wendt, Reinhard (1998) Bernad, Miguel A. (2004) Jagor, Andreas Fedor (1873) Cavada y Mendez de Vigo, Augustin (1876) Schuchardt, Hugo (1884) Scheidnagel, Manuel (1880)

Zitiervorschlag: Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (036-01073). Leitmeritz, 10. 06. 1883. Hrsg. von Veronika Mattes (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.425, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.425.

Printedition: Mattes, Veronika (2010): "Sa Profesor Schuchardt munting alay ni F. Blumentritt": Die Briefe Ferdinand Blumentritts an Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 74., S. 63-237.


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Leitmeritz den 10.Juni 1883

Hochverehrter Freund!

Ich danke vielmals für Ihre lieben Zeilen und beeile mich Ihre Anfragen zu erledigen:

Isla del Corregidor1 ist ein kleines Inselchen am Eingange der Bai von Manila, welches man um die Madrider Stellenjäger zu befriedigen, zu einer Provinz oder Comandancia (Distrito) gemacht hat. Auf der Insel sind zwei Leuchtthürme u. der Signalthurm, von wo aus die den Eingang der Bai passierenden Schiffe nach Manila angezeigt werden. Es liegt daselbst ein Detachement Carabineros und Gendarmen mit ihren Familien, sämmtlich Tagalen, außerdem ein Heer von Offizieren, Douanebeamten u. einige Sanitätspersonen, da im Falle auswärtiger Epidemien dort die fremden Schiffe Quarantäne halten müssen. Dass dort alle Leute Spanisch sprechen, bezweifle ich lebhaft, es dürfte der mit der Zählung betraute Beamte sich |2| erst nicht der Mühe unterzogen haben, die Sprachkenntnisse der Bewohner festzustellen.

Cotta-bató2 (wörtlich "das steinerne Fort")

Die Provinz Cottabató besteht aus dem gleichnamigen Fortx, der Flottenstation: Polloc und der Jesuitenmission Tamontaca3. Das Spanisch in Jagor4 (recte A.B. Meyer, der die Daten einschickten [sic]), ist eine Fiction, das dort stationierte Regiment F Infanterie recrutiert sich aus den Visayern, desgleichen die Flottenmannschaft mit Ausnahme der Officiere u. Sargentos, welche Spanier sind, die Sträflinge sind meist Visayer, dann auch Vicol5 u. Tagalen6. Die wenigen Soldaten der Detachements Artillerie und Marine-Infanterie sind Spanier peninsulares. Außerdem in den beiden Garnisonen Chinos.

1870 Polloc: 501

Cottabató: 485

Tamontaca: 813

|3| davon:

Peninsulares 48 varones, 2 hembras

Indios: 1380 " 149 "

Chinos: 220 " -- "

A esta población se pueden aumentar 600 Moros7 de ambos sexos, que hay en el distrito, unos en estado de bautizarse, y otros como servidumbre de los Chinos radicados en Cottabató[.]

Unter der Oberhoheit Spaniens, oder ganz unabhängig ca. 200 000 Almas, meist Moros (Mindanaos, Jelanos), dann einzelne der heidnischen Stämme, deren Sprache bei Tamontaca Manobo8 genannt wird, davon mehr im nächsten Absatz.

(Cavada Mendez de Vigo II. 232)9

El Zamboango10 ist eine Cosa de España ugraz . so wunderbar wie Scheidnagels11 Rasseneitheilung der Indier.

Mandaya.12 Alle die heidnischen Stämme Mindanao's, deren Gebiet ich in richtiger Vorahnung auf meiner Karte mit gelblicher Couleur tingieren ließ, sind Angehörige eines u. desselben mit den Dayaks13 von Borneo vielleicht verwandten Stammes, deren Sprache, ob sie |4| nun hier als Tribus der Mandayas, Manobos, Bagobos14, etc. auftreten, nur geringfügige Abweichungen (nach dem ebenzurückgekehrten Dr. Schadenberg15) aufzuweisen hat.16 "Manobo" heisst in ihren Dialecten "mensch". In Zamboanga heissen sie Subanos. Ihre Sitten sind je nach der Localität bei ihrer Clanzersplitterung nicht mehr einheitlich, in anthropologischer Hinsicht differieren sie je nach der größeren oder geringeren Mischung mit Negrito17-Blut.

Basilan18 nur 411 Bewohner, von den 68320 Hectaren der Insel, sind den Spaniern nur 9.31 unter[.]

1870 unter den 411 nur 112 Moros de Basilan, 10 Mestizen u. 53 Chinos. Die 174 männl. Indier nahezu ohne Ausnahme Soldaten u. Matrosen. Aus allen Theilen des Archipels, vor allem aus den Visayern.

Adressen: (Jesuiten:)

Polloc: P. Federico Vila

Cottabató: P. Jacinto Juanmarti19

Tamontaca: P. Ramon Bea.

Mit herzl. Grüssen Ihr ganz ergebener
F. Blumentritt

x inclusive der [...] Sa Fé, Tirican, Joviran Colina

F die Garnisonen sind nicht ständig, die Regimenter wechseln.


1 Schuchardt nahm in seiner Frage nach Corregidor vermutlich Bezug auf die Daten aus Blumentritts Brief vom 23. Mai 1883 (Brief Nr. 1066). Aufgrund ihrer Lage spielte die Insel Corregidor seit jeher in der Geschichte der Philippinen eine strategisch herausragende Rolle.

2 Cotabato (aus Maguindanao kuta = Festung, wato =Stein): Stadt in Mindanao, Philippinen, im 17. Jahrhundert Teil des Sultanats von Maguindanao, im 19. Jahrhundert von Spaniern besetzt, die 1860 einen zentralen Distrikt Cotabato und Polloc (Hafen) etablierten.

3 Eine der ersten christlichen Siedlungen in Mindanao, Jesuitenstation von 1861-1899. Die Missionsstation ist bekannt als „Experiment“, in dem Menschen indigener Bevölkerungsgruppen zusammenleben und zivilisiert werden sollten. Mehr dazu in Wendt (1998) und Bernad (2004).

4 Jagor (1873).

5 Bicol: Provinz im Süden Luzons.

6 Bevölkerung in und um Manila.

7 Span. Mauren, Bezeichnung für die islamische Bevölkerung (Minderheit) der Philippinen, v.a. im Süden (Mindanao) beheimatet.

8 Indigene Bevölkerungsgruppen Mindanaos.

9 Cavada Mendez de Vigo (1876).

10 Zamboanga: Halbinsel Mindanaos. Mit El Zamboango ist Scheidnagels unrichtige Bezeichnung der Sprache gemeint. In Zamboanga wird hauptsächlich Cebuano gesprochen, außerdem eine spanisch basierte Kreolsprache Chavacano. Schuchardt (1883b): „Scheidnagel S. 44 sagt, in Zamboanga spreche man das Zamboango; was hat er sich dabei gedacht?“ (Schuchardt 1883b: 124).

11 Scheidnagel (1880).

12 Indigene Bevölkerung Davaos (südl. Mindanao).

13 Indigene Bevölkerung Borneos.

14 Indigene Bevölkerungsgruppen Mindanaos.

15 Alexander Schadenberg (1852-1896), deutscher Chemiker, Forschungsreisender und Ethnograph auf den Philippinen (ab 1876 in Manila, ab 1881 in Vigan/Ilocos Norte ansässig).

16 Diese Information gibt Schuchardt in (1883b) in einer Fußnote als „private Mitteilung“ Blumentritts wieder (s. Schuchardt 1883b: 124).

17 Sammelbezeichnung für (dunkelhäutige) indigene Ethnien auf den Philippinen.

18 Südliche Insel der Philippinen, gehört zum Sulu-Archipel.

19 Jesuitenmissionar in Tamontaca bei Cotabato, Mindanao, 1873-1897. Jacinto Juanmarti beschäftigte sich intensiv mit dem Maguindanao und gab Grammatiken und Wörterbücher heraus, 1885 einen Katechismus in Maguindano und Spanisch, 1887 eine Spanisch-Fibel in der Maguindanao-Sprache. Mehr dazu in Wendt (1998).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01073)