Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (20-11725)

von Adolf Tobler

an Hugo Schuchardt

Berlin

02. 05. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Dankschreiben Publikationsversand Spinnen und Weben Spinnrad Haspel Fischfanglanguage Ido Mussafia, Adolf Funck-Brentano, Frantz Paris, Gaston Schuchardt, Hugo (1905)

Zitiervorschlag: Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (20-11725). Berlin, 02. 05. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4055, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4055.


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Berlin d. 2. Mai 1905.

Hochgeehrter Herr Kollege,

Haben Sie verbindlichen Dank für die gütige Zusendung Ihres inhaltsreichen und anmutigen Schreibens an Mussafia1, das ich gestern mit viel Freude und mit stetem Staunen über die Fülle und Mannigfaltigkeit Ihres Wissens gelesen habe, allerdings auch mit einiger Beschwerde; denn für sehr kurzsichtige Leute, wie mich, ist ein Format, wie das von Ihnen gewählte, dessengleichen unter meinen Büchern sich nicht findet, einigermaßen unbequem. Dabei sind mir denn auch allerlei Erinnerungen aus der Kindheit, die mir Gott sei Dank auf dem Lande verstrich, wieder lebendig geworden: unser Mädchen brauchte nicht den ganzen Tag an der Chouscht (d.h. Kunst, d.h. Küchenherd Schweiz. Idiot. III 367) zu stehen; sie kam, wenn die übrige Arbeit getan war, in die Wohnstube und spann, und unter ihren Händen habe ich zuerst das merkwürdige Gerät in Bewegung gesehn, an dessen Ausgestaltung wohl viele Geschlechter zusammengewirkt haben, und das Spinnrad heißt. Und meine Mutter habe ich öfter am Haspel |2| tätig gefunden, der auch schwer zu begreifen ist, wenigstens so weit es den Zeiger angeht, der wie ein Uhrzeiger herumgeht, kein Mensch begreift warum, & von Zeit zu Zeit eine Art Schlagwerk in Bewegung setzt. O, es gibt der schwer verständlichen Dinge, auch der Dinge, an die man nicht rühren soll, die schwere Menge! – Dann habe ich  wieder der unvergeßlichen Tage und Wochen gedacht, wo ich in der Bretagne im  Pouliguen der Gast GParis‘ und seiner ersten Frau, manchmal auch ihrer Eltern (Talbot) war2 & zur Zeit der Ebbe mit dem bei Ihnen vielfach abgebildeten Netze Krabben fischen ging. Es war herrlich, man spazierte bis an die Knie im Wasser, ringsum Kinder und junge Leute; die Beute war reich und mannigfach bei jedem Heben des Netzes und schmeckte trefflich. Wie dort das Netz hieß, kann ich Ihnen freilich nicht sagen; denn mit dem liebenswürdigen alten Funck-Brentano3, der mich damit umgehn lehrte – GParis selbst ging nie ins kalte Wasser – sprach ich nur deutsch. – Sie sehn, daß abgesehn von den vielen Dingen, die meinem nach und nach etwas müde gewordenen Geiste zuzufügen Ihre einzige, freundliche Absicht war, ich Ihnen noch für Verschiedenes |3| zu danken habe, was mir wohltuend zwischen den Zeilen auftauchte, und dessen viel zu viel ist, als daß ich zu Ihnen davon sprechen dürfte. Vor allem danke ich Ihnen aber dafür, daß Sie auch bei dieser Gelegenheit meiner freundlich gedacht und mich an den Früchten Ihrer Arbeit haben teilnehmen lassen.

Ihr freundschaftlich & hochachtungsvoll ergebener
Adolf Tobler.


1 Hugo Schuchardt an Adolf Mussafia, Graz im Frühjahr 1905. Es handelt sich um die Festschrift zu Mussafias 70. Geburtstag, die im Plauderton einige, von Mussafias eigenen Arbeiten ausgehende wortgeschichtliche Überlegungen Schuchardts enthält, z.B. zu romanischen Termini des Spinnens (Spindel, Kunkel, Haspel, Garnwinde), hier 8-27. Insbesondere dem / der Haspel widmet Schuchardt einige Seiten, die auch zahlreiche Abbildungen enthalten. Ab S. 30 geht es um Netz- und Keschernamen mit fischereikundlichen Erörterungen, wobei auch hier entsprechende Abbildungen beigegeben sind.

2 Marie geb. Talbot, Veuve Delaroche-Vernet (zweite Frau von Gaston Paris). Die Ehe währte nur kurz (1885-90), da Marie überraschend an einer Lungenentzündung starb. – Le Pouliguen liegt im Dépt. Loire-Atlantique.

3 Franz Funck-Brentano (1862-1947) war ein in Luxemburg geborener französischer Schriftsteller und Bibliothekar (Konservator der Bibliothèque de l’Arsenal). Schuchardt korrespondierte 1898-1900 mit ihm (HSA, Bibl. Nr. 03199-03203).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11725)