Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (12-11717)

von Adolf Tobler

an Hugo Schuchardt

Berlin

20. 06. 1894

language Deutsch

Schlagwörter: Rezension Reflexion über Forschung Romanische Philologielanguage Dänisch (St. Thomas) Mussafia, Adolf Tobler, Adolf (1886–1912)

Zitiervorschlag: Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (12-11717). Berlin, 20. 06. 1894. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4047, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4047.


|1|

Berlin, d. 20. Juni 1894

Hochgeehrter Herr Kollege,

Herzlichen Dank für die freundlichen Worte, mit denen Sie meine zweiten Verm. Beitr.1 aufgenommen haben. Es würde mich natürlich sehr freuen, wenn Sie sich auch öffentlich über das kleine Buch äußern wollten; bin ich gleich nicht grade Romanistik-müde, wie Mussafia gelegentlich zu sein meint oder vorgiebt, so kann doch auch ich hie & da ein Zeichen davon wohl brauchen, daß ich nicht zu meinem alleinigen Vergnügen arbeite, und Einspruch kundiger Männer ist mir ebenfalls willkommen. Doch dürfen Sie mir glauben, daß ich Ihnen eine „längere Periode der Arbeitsfähigkeit“ in allerletzter Linie um meinetwillen wünsche. Persönliche Angriffe habe ich allerdings seitens der Rohheit und Oberflächlichkeit, deren ich im Vorwort erwähne,2 zu erleiden nicht gehabt; wohl aber der Betrieb der rom. Philologie an den Universitäten über- |2|  haupt.3 Seit einiger Zeit hat sich die Sinnesart der Lehrerschaft an den höheren Schulen im Reiche stark geändert, ist die Achtung der Wissenschaft & dessen, was nicht öde Dressur zur ödesten Schulmeisterei bleibt, bedauerlich zurückgegangen; und da im preuß. Ministerium des Unterrichts für anderes als Zucht von Unteroffizieren (im weitesten Sinn) gleichfalls geringe Begeisterung herrscht, so nimmt sich jene Denkart heraus, in Resolutionen, Petitionen, Festreden u. dgl. ihr Vorhandensein auch öffentlich zu bezeugen. So komme denn hinwieder ich gelegentlich dazu meinen Unwillen in einem zarten Fußtritt zu entladen, zu dessen Empfang sich der eine oder der andere schon bekennen wird. Sie aber dürfen Sich dazu Glück wünschen, daß Sie eines Kommentars zu meinen Worten bedurften.

Ihr freundschaftlich ergebener
A. Tobler.


1 Vgl. Anm. 2 zu Brief 09-11714. Schuchardt hat diese Ausgabe jedoch nicht besprochen, vgl.auch die Postkarte  Nr. 13-11718.

2 Vermischte Beiträge … 2. Reihe, Ausg. 21906, IV: „Das hat sich aber nur zufällig so gemacht und ist keinesfalls die Folge eines Strebens irgendwie einer sich zur Zeit breit machenden Rohheit und Oberflächlichkeit huldigend entgegenzugehen. Die laß ich ruhig gewähren. Es wird ohne mein Zutun die Zeit kommen, da man wieder einmal einsieht, daß es eine wissenschaftliche Kenntnis der Sprache, die nicht eine historische wäre, nicht gibt, daß Teilnahmlosigkeit für geschichtliches Erkennen das untrüglichste Merkmal der Unbildung ist, daß die Erziehung durch Feldwebel unter Umständen zwar schätzenswerte Früchte zeitigt, aber überall denn doch nicht ausreicht“.

3 Vgl. dazu z.B. den Anhang der 2. Reihe der Vermischten Beiträge, „Romanische Philologie an deutschen Universitäten (Rede bei Übernahme des Rektorats gehalten in der Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin am 15. Oktober 1890“, 180-204), eine Rede, die viele auch heute noch bedenkenswerte Gesichtspunkte anspricht, z.B. das Verhältnis von Wissenschaft und Vorbereitung auf den Lehrerberuf.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11717)