Hugo Schuchardt an Hans Georg Conon von der Gabelentz (04-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Hans Georg Conon von der Gabelentz

Graz

13. 10. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: language Tetum Da Silva, Sebastião M. A. (1885) Schuchardt, Hugo (1889) Wallace, Alfred Russel (1869)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Hans Georg Conon von der Gabelentz (04-s.n.). Graz, 13. 10. 1886. Hrsg. von Bernhard Hurch und Katrin Purgay (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2975, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2975.


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Graz 13 Okt. 1886

Verehrter Herr Kollege

Ich bin damit beschäftigt mir aus dem Tétum–Catechismus1, den ich Ihnen zeigte,2 eine Grammatik und ein Vocabular zusammenzustellen, zunächst zu eigener Uebung und Verwerthung; doch nicht ohne den Gedanken der Veröffentlichung gänzlich auszuschliessen.3 Eine solche würde aber, besonders was das Phonetische anlangt, immerhin einige comparative Betrachtungen verlangen. Nur befürchte ich, abgesehen von der allgemeinen |2| Unsicherheit des Neulings, dass mir irgend welche wesentlichen Quellen für dieses Studium entgehen könnten. Ich habe nicht finden können, dass über die Idiome von Timor, sowie über die der nächstliegenden Inseln (das Tétum scheint sich, soweit mir die Wörterverzeichnisse Wallace’s4 eine Vermuthung gestatten, phonetisch und lexikalisch zunächst an die Sprachen Ceram’s dann an die Amboinas anzuschliessen; vgl. z.B. áate, schlecht, bóote gross, lórum Tag, ki‘ec klein, úma Haus, mái kommen) etwas, ausser Mittheilung von ein paar Wörtern, veröffentlicht worden ist. Darf ich behufs eventueller Korrektur dieser Ansicht, meine Zuflucht zu Ihrem Wissen und Ihrer Güte nehmen?

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Ich erlaube mir, Ihnen eine Probe des Tétum zu schicken (in dem Katechismus ist mir Vieles noch unklar da mir ein entsprechender portugiesischer oder lateinischer Text, falls ein solcher überhaupt existiert, nicht vorliegt):5

J. Christosáe1)hȏuci6Nazareth
J. Chrging ausvonN.
S. João Baptistasaráni2)niaiha3)móta
S. J. B.taufteihnimFluss
Jordão,hôto4)sá‘ebafóhoidahálo7
J.,dannging ausaufBergein,machen
jejumlórumhátenúlo,calán8
FastenTagevier xzehnundNächte
hátenúlo,diabointentaniadála9
vier x zehnTeufelversuchteihnMal
tôlo,hôtotúmhȏuci10fóhoné‘eha-
drei,dannstieg herabvonBergdiesem,be-
nȏurim11nialia fúan5)baéma12bárac
fahl (?)seineGebote(Dativ)Menschenvielen (?)
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liufíhirniaescolantesanúlo
sehr?seineSchülerzehn
récimrúa,13náranapostolo,
+zwei,NamenApostel
mátanihaéma14labéle
gabAuge(Dat.)Menschennichtkönnen
haré,tílumihaéma15labéle
sehen,gabOhr(Dat.)Menschennichtkönnen
rôna
hören

.......

Anmerkungen: Der Genetiv von dem hier keine Beispiele vorkommen, steht fast immer voran. z.B. sira nia náran

ihr (= sie (Plur) sein) Name

Santa Cruz nio sinal, des h. Kr. Zeichen16

1) sá‘e ist sehr häufig; scheint aber doch Lehnwort, näml. port. sair.

2) saráni eig. Nazarener, Christ dann auch Taufe, taufen.

3) iha scheint eigentlich local |5| zu sein; aber wird – wie unten – vielfach zum Ausdruck des Dativs verwandt. Ebenso verhält es sich mit 17 welches vielleicht „gehen“ = port. va (3.P.S.) ist, dann „nach“, „auf“, „zu“ ist, und endlich auch mit mái, 1) kommen 2) nach, für. Daher werden iha, bá18, mái fort promiscue als Dativpräpositionen gebraucht, z.B. nach „geben“. z.B.19

perdãihaemaniasála
gebenVerzeihung(Dat)Menschen-ihrenSünden

und auf derselben Seite:

fó perdã ba ema nia sála

Na‘iMarômacseiniadi‘acmáiita
HerrGottwird (muss)gebenseinenSegen(Dat.)uns.

4) hôto „dann“; eigentlich „alles“ z.B. liu hôto hôto über Alles (lieben)

5) lia heisst „Satz“, „Artikel“; das Adjektiv fúan ist mir noch nicht ganz klar

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6) Das Relativum bleibt unausgedrückt; nur nach né‘e dieser steht bé welches z.B.

saráni, catác, ema né‘e bé símu ona Sacramento Saráni = Christen heissen diejenigen Menschen welche das Sakrament der Taufe empfangen haben.20

in der Frage z.B. J. Chr. máte iha lórum né‘e bé? J. Chr. starb an welchem Tag?

Verzeihen Sie dass ich Sie mit meinen Schülerarbeiten langweile.

Mit besten Grüssen

Ihr ganz ergebener

Hugo Schuchardt


1 Tétum-Catechismus = da Silva (1885). Schuchardt muß ein Exemplar dieses sehr seltenen Buches besessen haben, das resultiert u.a. aus der detaillierten Einlassung auf den folgenden Briefseiten. Dieses ist in Graz aber leider verloren gegangen. Vgl. auch die folgenden Fußnoten und die dazugehörigen Teile der Einleitung.

2 Die Formulierung läßt darauf schließen, daß Gabelentz Schuchardt in Graz besucht, und dieser ihm bei der Gelegenheit den genannten Katechismus gezeigt hat. Doch gibt es zu diesem Besuch keine weiteren Belege. Ringmacher hält es außerdem für wahrscheinlicher, daß das Treffen in Deutschland stattfand (pers. Mitt.).

3 Schuchardt erwähnt das Tetum in seinen Veröffentlichungen nur kurz (Schuchardt 1889). In der Einleitung oben wurde eine längere Darstellung zum Thema gegeben.

4 Alfred Russel Wallace, 1823-1913, britischer Naturforscher. Hier Wallace (1869: 476-501).

5 Die Vorlage zum folgenden Text findet sich in da Silva (1885: 8-9).

6 Im Original: 'houci'.

7 Im Original: 'halo'.

8 Im Original: 'cálan'.

9 Im Original: 'dala'.

10 Im Original: 'houci'.

11 Im Original: 'hanourim'.

12 Im Original: 'ema'.

13 Im Original: 'rua'.

14 Im Original: 'ema'.

15 Im Original: 'ema'.

16 Da Silva (1885: 4).

17 Im Original: 'ba'.

18 Im Original: 'ba'.

19 Die folgenden beiden Beispiele aus da Silva (1885), S. 18, bzw. danach S. 29.

20 Da Silva (1885: 1).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Thüringer Staatsarchiv in Altenburg, Familienarchiv Gabelentz. (Sig. s.n.)