Elise Richter an Hugo Schuchardt (11-9540)

von Elise Richter

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

24. 04. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Dankschreiben Publikationsversand Materielle Sammlung Sachwortforschung Atlas linguistique de la France Dialektologie und Sprachgeographie Spinnen und Weben Fischereigeräte Schuchardt, Hugo (1905) Edmont, Edmond/Gilliéron, Jules (1918)

Zitiervorschlag: Elise Richter an Hugo Schuchardt (11-9540). Unbekannt, 24. 04. 1905. Hrsg. von Bernhard Hurch (2009). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.297, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.297.

Printedition: Hurch, Bernhard (2009): "Wir haben die Zähigkeit des jüdischen Blutes!" Leo Spitzer an Elise Richter. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 72., S. 199-244.


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[XIX Carl Ludwigstrasse 69] Ostermontag 1905

Hochverehrter Herr Hofrat,

Welch grosse freude haben Sie mir mit der übersendung der festschrift gemacht!1 Sie ist so wunderschön ausgefallen, dass Ihre mühe, wie gross sie ja gewesen sein mag, aufs beste belohnt ist. Ich konnte sie nicht genug bewundern; sie hat mir den besten Ostersonntag bereitet. Einen besonderen eindruck machte es mir zu sehen, wie Sie gegenseitig einander beeinflusst haben: eine realiensammlung zu philologischen zwecken war auch ein lieblingswunsch Mussafia's. Ihre art die linguistische studie zur ethnologischen zu erweitern, wird wol jeden mit neuer bewunderung erfüllen.|2|Welch unermessliches Arbeitsfeld eröffnen Sie dem arbeitsfrohen blick!2 Wir haben hier den ganzen Winter an den Gilliéron'schen karten3 studirt und die fülle von anregung, die sie in der von Ihnen angedeuteten weise bieten, recht genossen.

Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen noch ein wort über die schlussseiten sage. Sie haben mich tief ergriffen, denn wir leiden schwer unter den traurigen verhältnissen und niemand sagt das richtige wort. Möchte doch das Ihrige in recht weiten kreisen gehört werden; dann wäre Ihre herrliche festschrift zugleich die schönste Osterbotschaft!4

In aufrichtiger verehrung Ihre
Elise Richter


1 Die Festschrift an Adolf Mussafia,Hugo Schuchardt (1905).

2 Diese Arbeit hat Schuchardt auf eigene Kosten in einer äußerst ungewöhnlichen, dem heutigen A2-Format entsprechenden Größe drucken lassen. Er durchstreift die Romania sachwortgeschichtlich in detailliertester Weise in Hinblick auf das Spinnen und auf die Fischernetze. Zu beiden Bereichen hat er ja (vgl. auch den Briefwechsel mit Caroline Michaëlis de Vasconcellos) ausgiebigst sprachliches Material gesammelt, darüber hinaus aber auch eine eigene ethnographische Sammlung von entsprechenden Gegenständen angelegt, die sich heute im Besitz des Wiener Völkerkundemuseums befindet. Zu beiden Feldern hat sich eben auch Mussafia geäußert. Schuchardt hatte sich ja zeitlebens geweigert, an Festschriften mitzuwirken. Diese Arbeit war für ihn die einzige wirkliche Ehrung eines geschätzten Freundes. Es gibt derer in seinem Oeuvre nur wenige.

3 Bezieht sich auf den ab 1902 erscheinenden Atlas Linguistique de la France, hg. von J. Gilliéron, Paris: Champion.

4 Die Mussafia Festschrift ist in persönlicher Anrede und Du-Form gehalten. Auf den letzten Seiten unternimmt Schuchardt einen auf literarische Vorbilder bauenden völkerversöhnenden Versuch, in der Figur Mussafias und der Synthese ihrer Freundschaft die Verbindung Italiens mit Deutschland zu idealisieren.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 9540)