Hugo Schuchardt an Carolina Michaëlis de Vasconcelos (35-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Carolina Michaëlis de Vasconcelos

Graz

29. 10. 1898

language Deutsch

Schlagwörter: Spindel Sachwortforschung Verleih von Publikationen Publikationsvorhaben Bittschreiben Fachsprachenlanguage Asturischlanguage Portugiesischlanguage Spanischlanguage Galicisch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Carolina Michaëlis de Vasconcelos (35-s.n.). Graz, 29. 10. 1898. Hrsg. von Bernhard Hurch (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.289, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.289.


|1|

Graz, Elisabethstr. 6. 29 Okt 98.

Verehrte Frau,

Noch habe ich Ihr Fischbuch nicht erledigt, und komme schon wieder mit einer Belästigung. Entschuldigen möge mich dabei dass es sich um eine Angelegenheit handelt in der mir eine doutora eher helfen kann als ein doutor. Sie betrifft nämlich die Spindel, und zwar deren oberen Theil, welcher sich in verschiedener Weise zu dem Zwecke gestaltet, den Faden festzuhalten und besser drehen zu lassen. Eigene An1|2| schauung habe ich hiervon nicht, bin daher nicht ganz sicher ob immer das Fadenende oben durch eine lockere Masche festgehalten wird und erst wenn die Spindel zu Boden gesunken ist, der Faden auf diese aufgewickelt wird, oder ob der Faden aber an der Spindel dahingleitet und fortwährend aufgewunden wird. Die Vorrichtungen hierfür sind wesentlich zweierlei: die Einkerbung und das Häkchen. Die erstere kann einseitig sein:2 oder umlaufend3 wobei das obere Ende die Gestalt eines Knopfes annimmt4. Das Häkchen sah ich auf einer süditalienischen Spindel so angebracht5 Beide Dinge kommen nun auch vereint vor und zwar wie es scheint, in der Regel dann an einem metallenen Hohlkegel der der Spindel aufgesetzt wird etwa in der Art eines Löschhütchens; dabei ist nun aber bemerkenswerth dass die Kerbe keine einfache in sich zurücklaufende sondern eine spiralförmige ist. Diese Spindel-|3|schraubenkerbe heisst auf spanischhueca, auf asturischmuezca (das span. muesca ist "Kerbe" im Allg.) und güezca, auf galizischoca, osca und maizo – wie auf portugiesisch, weiss ich nicht, da ja mossa "Kerbe" und rosca "Schraubenwindung" allgemeine Ausdrücke sind.6 Würden Sie mich nun, in Ihrer unerschöpflichen Güte, über die Dinge und Wörter, soweit Portugal ins Spiel kommt, unterrichten? Ich gebrauche den Plural, da es auch dort wohl mehrerlei davon gibt. Vielleicht liessen sich die verschiedenen Formen durch ein paar Bleistiftstriche anschaulich machen (wobei freilich meine obigen Zeichenversuche nicht als Vorbilder dienen dürften). Welches sprachgeschichtliche Interesse mich zu dieser Anfrage veranlasst, das wäre sehr weitläufig auseinanderzusetzen; ich erspare das Ihnen und mir, Sie werden es vorziehen das |4| später einmal gedruckt vor sich zu haben.

Ich hoffe dass es Ihnen und den Ihrigen gut geht. Sie haben ja wohl nun Sprösslinge die schon selbständig wirken. Im gleichen Sinne wie die Mutter?

Mit dem Ausdruck verehrungsvoller Sympathie

Ihr ganz ergebener
Hugo Schuchardt

7

1 Anfügung CMdV am Seitenende mit Bleistift: (maiorica).

2 Zeichnung s. Scan

3 Zeichnung s. Scan

4 Zeichnung s. Scan

5 Zeichnung s. Scan

6 Anfügung CMdV am oberen Seitenrand: oscar || mossa allg. Kerbe mosiegar | kat. hosca osca auf mall. mossegar.

7 Dieses Seite ist mit Anmerkungen so vollgekritzelt, daß es unmöglich ist, sie einzeln abzuschreiben. Aus diesem Grund sei sie zur Gänze reproduziert.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Universität Coimbra, Portugal (Lehrstuhl für Germanistik). (Sig. s.n.)