Henry Roseman Lang an Hugo Schuchardt (04-06223)

von Henry Roseman Lang

an Hugo Schuchardt

München

21. 09. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Weiterleitung von Korrespondenz Sprachkontaktforschung/Kontaktlinguistik Sprachen in Nordamerika American Dialect Society Publikationsvorhabenlanguage Deutsch außerhalb Europaslanguage Englischbasierte Kreolsprache (South Carolina)language Portugiesisch außerhalb Europaslanguage Katalanisch außerhalb Europaslanguage Tschechisch Gröber, Gustav Karsten, Gustaf

Zitiervorschlag: Henry Roseman Lang an Hugo Schuchardt (04-06223). München, 21. 09. 1889. Hrsg. von Silvio Moreira de Sousa (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2009, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2009.


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München, 21. Sept. 1889

Sehr geehrte Herr:

Soeben ist mir von Herrn Prof. Gröber1 Ihr brief zugeschickt worden, worin Sie meine aufmerksamkeit auf die mischsprachen der V. S. lenken wollen. Von deutsch + zwar dialectisch deutsch redenden negern habe ich während eines 15 jährigen aufenthalts in der V. S. nie gehört, kann mir auch nicht denken wo sich ein solchen fall ergeben könnte, da neger und deutsche streng gesondert leben. Sporadisch traf ich allerdings schon fälle; einer waschfrau in Cincinnati und deren tochter, die als dienstboten die sprache ihrer deutschen herschaft gelernt hatten, und einen neger-barkeeper in Charleston, S. C., der mit seinem frühern herrn lange in Cöln gelebt hatte. Ich werde mich aber sogleich nach dem sachverhalt erkundigen und Ihnen darüber mitteilung machen. Von indiano-deutschem habe ich auch noch nie gehört, halte das vorkommen |2|desselben aber für sehr wahrscheinlich, namentlich in den nordwestl. Staaten wie Sie richtig bemerken, also Minnesota und wol [sic] auch Wisconsin. Mit vergnügen werde ich m. bestestun, um Ihnen allfällige proben davon zu verschaffen. Vielleicht wäre Herr Prof. Dr. Gustav Karsten,2 Früher in Genf, jetzt an der University of Indiana, in Bloomington, Indiana, in der allergünstigsten lage um Ihnen in der sache behilflisch zu sein. Ich habe an einen collegen von mir in Columbia, S.C., geschrieben, um Ihnen womöglich proben vom Gullah, einen in Süd-Carolina gesprochenen negerdialect, und von neger-spanischen in andern teilen zu verschaffen. Zu allgemeinen bedaure ich sagen zu müssen dass unter den sogen. collegen in Amerika wenig gemeingeist zu bemerken ist, und solchen dingen wenig interesse entgegengebracht wird. Meistens erregt jedewede bemühung um dialectischen mitleiden u. kopfschütteln. Es dürfte Ihnen von wert sein zu vernehmen dass eine kleine anzahl von neuphilologen in den V. S. letzten märz eine |3|American Dialect Society3 gegründet haben, vorläufig allerdings mehr zum studium engl. erscheinungen; andere sprachen sollen später herbeigezogen werden. Der sekretär unseres vereins ist jetzt Prof. Karsten in Bloomington.

Was nun das Tchechische betrifft, so gibt es wie Ihnen ja schon bekannt ist, grose [sic] geschlossene ansiedlungen in den V. S. Die gröste [sic] ist wol [sic] in Chicago, wo sich das tchechische element auf etwa 60000 seelen belaufen soll, und bekanntlich durch seine sozialistische haltung die ruhigen bürger der stadt in stäten [sic] unruhe versetzt. Eine tschechische ansiedlung gibt es auch in New Bedford, meistens fabrikarbeiter, die ihren kindern gerne entschuldigungen für abwesenheit etc. in deutsch + Tschechisch in die schule mitgeben. Ich könnte Ihnen dgl. leicht verschaffen. Diese Tschechischen kolonien sind aber noch viel zu jung um schon einfluss des englischen auf ihre sprache erlitten zu haben. Auf jedenfall kann man noch von keiner einwirkung reden wie sie im pennsyl. deutsch stattgefunden hat.

Die portugiesische kolonie4 existiert schon seit etwa |4|50 jahren; es zeigt aber ihre sprache bis jetzt blos [sic] ansätze zu einem event. anglo-lusitanischen, ansätze die sich auf dem wortschatz, kaum auf die formenlehre beziehen. Portug. gottesdienst + schule haben einer stärkeren beeinflussung durch das engl. entgegengewirkt und tun es noch. Ihrem in aussicht gestellten beitrag z. katalanischen in Florida sehe ich mit spannung entgegen. Ich lebte volle 4 jahre in Charleston, S.C., wo ich mich so viel als möglich nach span. kolonien erkundigte, erfuhr aber nie etwas vom bestehen der kanarischen + philipp. elemente deren Sie erwähnen. Das studium der romanischen, resp. anglo-rom. dialecte, die sich bei uns entwickeln, hat mir seit mehreren jahren als schönes ziel vorgeschwebt, und wenn ich wenig erreiche, so wird es weder aus mangel an interesse noch an arbeitslust, sondern aus mangel an der nötigen kraft sein; denn bei uns ist man in solchen sachen isolirt.

Mit vorzüglicher hochachtung

Ihr ergebener

Henry R. Lang

Adresse während des winters:

bei Frau Dr. M. Laas,

Junkerstrasse,

Strassburg.


1 Gustav Gröber (1844-1911).

2 Gustav Karsten (1859-1908) war Professor für romanischen Sprachen auf der Universität von Indiana und Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Journal of English and Germanic Philology .

3 Die American Dialect Society wurde 1889 gegründet.

4 Gesprochen wird vermutlich über die portugiesische Kolonie in New Bedford, MA.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06223)