Matthias de Vries an Hugo Schuchardt (13-12559)

von Matthias de Vries

an Hugo Schuchardt

Leiden

17. 09. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachprobe Universität Leiden Sprachen in Polynesien Empfehlungen Kontaktvermittlung Handschriftenerwerb Ethnologie, Anthropologie, Volkskundelanguage Malaiischlanguage Portugiesischbasierte Kreolsprachenlanguage Portugiesischbasierte Kreolsprache (Java)language Javanischlanguage Sanskritlanguage Maduresisch (ISO 639-3: mad)language Chinesisch (Mandarin)language Makassarischlanguage Buginesischlanguage Sundanesischlanguage Portugiesisch (Java) Java Caland, W. (1918) Juynboll, (1912) Holwerda, A. E. J. (1909) Brooks, E. Bruce (2004) Bartelds, (1930) Juynboll, (1912) Veth, Pieter Johannes (1875)

Zitiervorschlag: Matthias de Vries an Hugo Schuchardt (13-12559). Leiden, 17. 09. 1885. Hrsg. von Jörg Ahlgrimm-Siess und Johannes Mücke (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1091, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1091.

Printedition: Ahlgrimm-Siess, Jörg; Mücke, Johannes (2012): „Ich bin auf der Jagd nach einigen in Holland gedruckten Schriften...“ Der Briefwechsel zwischen Matthias de Vries und Hugo Schuchardt.. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 78., S. 7-61.


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Leiden, 17 Sept. 1885.

Hochverehrter Herr College,

Die eigenthümliche Schrift, von der Sie mir einige Proben mitgetheilt haben, ist mirin holländischen Handschriften vom Ende des 17ten und Anfange des 18ten Jahrh.mehrmals vorgekommen. Ich zweifle nicht daran, dass die Ihnen in die Hände gekommeneHandschrift von einem Holländer um die genannte Zeit geschrieben sei, zumal da damalsdas Portugiesische auf der Insel Java noch so sehr bekannt war, dass man selbst nochPortugiesisch predigte. Wie aber das Kreolische sich mit demMalaiischenzusammen befindet, ist mir nicht deutlich. Ist die Handschrift, |2|wie das Malaiische muthmassen lässt, auf Java geschrieben, wiekam dann der Schreiber an das Kreolische? Hatte er vielleicht früher West-Indienbesucht? Das sind aber Fragen, die Sie selbst bei der Durchforschung der Handschriftam besten beantworten können. Die Schrift jedenfalls ist keine ausserordentliche, nureine alterthümliche aus dem oben genannten Zeitraume.

Möchten Sie in Betreff der Malaiischen, Javanischen oder Polynesischen Sprachenirgend einige Aufschlüsse erwünschen, so steht Ihnen hier in Leiden die schönsteGelegenheit offen. Unsere philologische Facultät hat eine besondere Section für dieSprachen, Literatur und Völkerkunde der Ost-Indischen Inseln. Sie zählt die folgendenProfessoren:

1. Dr. H. Kern,1 Sanskrit.

2. Dr. J. Pijnappel2 Malaiisch.

3. Dr. A. C. Vreede3 Javanisch und Madurisch.

4. Dr. G. Schlegel,4 Chinesisch.

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5. Dr. G. A. Wilken5 Land- und Völkerkunde desIndischen Archipels.

Dazu kommt noch Herr Dr. G. J. Grashuis,6 Lector der Sundaischen Sprache, und in derJuridischen Facultät, Herr Prof. Dr. P. A. Van der Lith,7 der Juspublicum Coloniarum Neerlandicarum, Jusadministratum Col. N., und JusMoslemorum liest.

Ich füge noch den Namen hinzu von Herrn Dr. B. F. Matthes,8 einem ganz ausgezeichneten Kenner derMakassarischen undBoeginesischenSprachen, dem Verfasser eines eben jetzt vollendeten Mak. Wörterbuchs.Dieser aber wohnt im Haag.

In der jetzt vorhandenen Angelegenheit werden Sie sich wohl am besten an Herrn Prof.Wilken wenden, einen in Ost-indischen Sachen ganz bewanderten Gelehrten, der zehnJahre als Beamter auf Java gewohnt hat, das Land und die Sitten genau kennt, und ganztüchtig Malaiisch und Javanisch versteht. Er hat gerade gestern (mit einer sehrlehrreichen Rede über „die Frucht der Ethnologie für die vergleichendeRechtswissenschaft“) seine Professur |4|angetreten, alsNachfolger von dem in Ruhestand versetzten Prof. Veth, dem Verfasser des berühmtenHauptwerks über Java.9

In der Hoffnung, dass meine Mittheilungen Ihnen - entweder jetzt oderspäter - einigermassen zu statten kommen dürften, zeichne ich hochachtungsvoll undmit freundschaftlichem Grusse,

Ihr ergebener

M deVries

Ich bemerke noch, dass Herr Prof. Kern nicht nur als einer der bestenSanskritaner, sondern auch als tüchtiger Kenner der Polynesischen Sprachen bekanntist.


1 Johan Hendrik Caspar Kern(1833-1917) wurde auf Java geboren und kamim Alter von sechs Jahren in die Niederlande, der Heimat seiner Eltern. DerSprachwissenschaftler und Orientalist war unter anderem auch Schüler des deutschenPhilologen AlbrechtWeber und Assistent von Otto von Böhtlingk(Caland1918). Die Briefe Kerns an Schuchardt sind nochunveröffentlicht und befinden sich im Nachlass Hugo Schuchardts in derUniversitätsbibliothek der Karl-Franzens-Universität Graz (Briefnummern05507-05519).

2 JanPijnappel (1822-1901) war Professor für Malaiische Sprache,Geschichte und Völkerkunde an der Universität Leiden(Juynboll 1912b).

3 AlbertCornelis Vreede (1840-1908) war Professor für Javanisch und Madurisch an der Universität Leiden(Holwerda 1909).

4 Gustaaf Schlegel (1840-1903) arbeitete für die niederländischeKolonialregierung in Batavia als Dolmetscher. Zur Ausbildung zukünftigerKolonialbeamter wurde für ihn in Leiden einLehrstuhl für chinesische Sprache eingerichtet (Brooks2004).

5 Ein Brief Georg Alexander Wilkens(1847-1891) an Schuchardt ist noch unveröffentlicht und befindetsich im Nachlass Schuchardts (Briefnummer 12795).

6 Gemeint ist vermutlich Gerhardus Jan Grashuis(1835-1920).

7 Der Rechtsgelehrte Pieter Antonie van derLith (1844-1901) verfasste zahlreiche Arbeiten zum Rechtssystem inden indischen und ostindischen Kolonien der Niederlande (Bartelds1930).

8 Benjamin Frederick Matthes(1818-1909) war Philologe und Theologe an der Leidener Universität(Juynboll 1912a).

9 Veth, PieterJohannes (1875). Java, geographisch,ethnologisch, historisch. 3 Bde. Haarlem: Erven F.Bohn.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12559)